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Kapitelinhalt jl.gso2.016. Kapitel:

   01] Wir wollen nun einen weiteren Versuch machen und wollen uns auch diese menschlichen Wesen hier ein wenig näher vertraut machen, um daraus zu entnehmen, wessen Geistes Kinder sie sind, und auf welcher Stufe innerer Geistesverwandtschaft wir mit ihnen stehen. - Seht die Formen dieser Menschen ein wenig näher an, und ihr werdet gar bald daraus ersehen, daß eben diese Menschen ihrer Form nach mit euch eine sehr bedeutende Ähnlichkeit haben. Solche Beobachtung gibt uns einen bedeutenden Wink, daß sie dem geistigen Vermögen nach euch so ziemlich ähnlich sein müssen, weil ihre äußeren Formen solches, wenn schon etwas oberflächlich, kundgeben.
   02] Wie aber ihre innere geistige Beschaffenheit, als da ist ihre Liebe und ihre Begierde wie auch ihr Verständnis, näher und klarer beschaulich aussieht, das wollen wir aus ihren Gesprächen abnehmen; denn wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über. Und der Herr hat in eines jeden Menschen Herz den Trieb gelegt, demzufolge er nie mit dem so ganz zufrieden ist, was er hat, sondern fortwährend nach etwas Höherem trachtet. Dieser Trieb hat, wie alles, zwei Seiten, eine Licht- und eine Schattenseite. In der Schattenseite ist der Mensch blind, und das Höhere, das er verlangt, ist niedriger, als was er hat. Aber in der Lichtseite dieses Triebes verabscheut der Mensch alles Gegebene und will durchaus nur das Allerhöchste, nämlich nichts mehr und nichts weniger als den Herrn Selbst!
   03] Und so denn werden wir auch sogleich vernehmen, wie diese Menschen hier durchaus nicht zufrieden sind mit dem, was ihrer ist. Die unbeschreibliche Pracht ihrer Wohnung, dieses Gartens wie auch dieser ganzen Welt, um deren Besitz eure Erdenkönige tausend Jahre Krieg führen würden, sehen diese Menschen mit keinen anderen Augen an, als mit welchen ihr da anseht auf eurer Ende eine allergemeinste Land-Wohnhütte. Sie haben daher fortwährend größeres Verlangen nach etwas Erhabenerem, großartigerem und bei weitem Wichtigerem. Wir aber wollen sie doch selbst ein wenig behorchen, um daraus zu entnehmen, was für Triebe in ihrem Geiste walten.
   04] Seht, da vor uns befindet sich ein ehrwürdiger Greis, der soeben bei der Gelegenheit, da das Opferholz auf dem Altare von selbst ist brennend geworden, eine Rede an die Bewohner dieses Palastes halten wird; denn eine solche Erscheinung gilt den Bewohnern dieser Welt als ein heimliches Wahrzeichen, aus welchem sie entnehmen, daß der Herr ihren Wünschen nachkommen will. - Und so hört denn! Er spricht:
   05] Ihr alle, die ihr dieses mein Stammhaus bewohnet, seid Zeugen, daß auf unser Rufen eine heilige Flamme über den Altar gekommen ist, um zu verzehren das wohlduftende Opfer. Gar viele, die auf dieser Welt leben, beachten solches nicht und halten es nur für Trug und Täuschung der Sinne. Wir Bewohner unseres Hauses aber sind der alten Offenbarung getreu, in welcher gesagt wird, daß Gott, unser Herr, ein einiger Gott ist, der da gemacht hat diese Welt für uns zur Bewohnung und hat uns den freien Willen gegeben, entweder selig zu verbleiben auf dieser Welt im Geiste fürder und fürder oder sich zu erheben von dieser Welt in irgendeine andere, allda Er ewig zu Hause ist unter Seinen Kindern.
   06] Wer aus euch demnach die große Lust und Sehnsucht hat, den Weg dahin anzutreten, der mag sich nun an den Herrn wenden, da Er Sein Ohr zu uns gewendet hat, damit der Herr ihn umwandle und ihn setze auf die Welt, da Er selbst unter Seinen Kindern zu Hause ist.
   07] Ihr wißt, daß der Herr, unser einiger Gott, zweierlei Wesen gestaltet hat, die sich selbst frei bestimmen können. Die erste Art sind wir Geschöpfe, begabt mit freiem Willen und einem verständigen Gemüte, auf daß wir selbsttätig sein möchten zu unserer Freude und zu unserer großen Wohlfahrt. Aber diesen Seinen Geschöpfen hat der Herr nur diese Welt leiblich wie geistig zur Wohnung eingeräumt für bleibend.
   08] Dieses angenehme Los zu erreichen ist überaus leicht, denn wer da glaubt, daß der Herr ist ein einiger Gott Himmels und aller Welt, die wir betreten mit unseren Füßen, und gibt aus diesem Gedanken heraus dem Herrn der Herrlichkeit die Ehre durch Opfer und Anbetung auf die Art, wie desgleichen üblich ist auf dieser ganzen Welt, insoweit wir sie kennen, der hat sich, wie ihr alle wißt, dieses angenehmen Loses würdig gemacht. Die Umwandlung wird geschehen, wie uns allen bekannt ist, auf die höchst angenehme und wohltuende Art, auf welche überaus sich zu freuen ein jeder Bewohner dieser Welt das vollste Recht hat.
   09] Wenn wir aber die zweite Art der Geschöpfe betrachten, deren freilich wohl viel weniger sein dürften, so finden wir an ihnen laut der Offenbarung, daß sie nicht nur Geschöpfe wie wir, sondern wahrhaftige Kinder des einigen Gottes sind. Diese Kinder sind in aller Machtvollkommenheit Gottes, und ihre Seligkeit ist gleich der Seligkeit Gottes; denn sie haben alles, was Gott hat, sie tun alles, was Gott tut, und Gott tut, was sie tun!
   10] Ihnen ist Gott nicht mehr ein Gott also, wie Er uns ist ein ewig unzugänglicher, den nie ein Auge schauen kann, das da ist ein Auge dieser Welt; sondern ihnen ist Er ein wahrhaftiger Vater, der allzeit unter ihnen ist, sie führt und leitet und spricht mit ihnen wie ich mit euch und sorget für sie, baut für sie und kocht für sie, daß sie ewig keine Sorge haben dürfen, und sie sind in ihrer Vollendung dann vollkommene Herren wie ihr allmächtiger Vater über die ganze Unendlichkeit und freuen sich ihrer unendlichen Machtvollkommenheit, die ihnen ist aus ihrem Vater!
   11] Solch ein Los ist freilich wohl ganz etwas anderes als das unsrige; ja es ist gegen das unsrige unter gar keinem Verhältnisse mehr aussprechlich.
   12] Sind wir Geschöpfe dieser Welt aber für ewig ausgeschlossen, dieses unaussprechliche Los auch zu erlangen? Was spricht darüber die Offenbarung, die wir dereinst in der Urzeit der Zeiten von einem mächtigen Geiste bekommen haben für alle Zeiten dieser Welt?
   13] Also lautet sie mit kurzen Worten: Einen Altar erbaut euch in eurer Wohnung, und dieser Altar sei allzeit belegt mit wohlduftendem Holze übers Kreuz und über die Quere. So jemand den einen Gott erkannt hat in seinem Glauben, der frage sein Herz, ab es entzündbar ist, so wird die Flamme des Herzens das Holz am Altare ergreifen und es verzehren unter hellen Flammen. In diesen Flammen wird der im Herzen Entzündete lesen die großen, heiligen, aber überschweren Bedingungen, durch welche er zu einem Kinde Gottes werden kann.
   14] Nun sage ich euch: Welcher aus euch, meinen Hausgenossen und Kindern, die Bedingungen in der Flamme lesen mag, der trete herbei und lese! Hat jemand die überschweren Bedingungen genehm gefunden, der lege - nach der Offenbarung - seine Hand an den Altar, und Gott der Allmächtige wird seinen Geist nehmen, ihn führen auf jene Welt, da Er wohnt, und wird den Geist zu einem neuen Menschen gestalten, der zwar nur auf eine kurze Zeit einen sterblichen, schmerzhaften Leib wird herumschleppen müssen und wird sich müssen in diesem Leibe bis zum Tode demütigen. Und wenn er schon wird durch und durch gedemütiget sein, dann noch wird er sich müssen schmerzhaft töten lassen, um aus dem Tode erst dann zu erstehen zu einem wahren Kinde Gottes! -
   15] Nun seht, es tritt ein Mann aus der Mitte der ganzen bedeutenden Menge und liest aus der Flamme folgende Bedingung: »Unzufriedener mit deinem seligen Lose! Was willst du? Wohin willst du? - Du kennst bis jetzt keine Leiden, und nie hat ein Schmerz dein Wesen berührt. Der Tod ist dir fremd, und noch nie hat eine schwere Bürde deinen Nacken berührt. Bleibst du auf dieser Welt nach der ewigen Ordnung Gottes, so kannst du ewig nie fallen, verdorben werden und zugrunde gehen. Was dein Herz wünscht und fühlt, hast du und wirst es allzeit haben.
   16] Bist du aber mit dem nicht zufrieden und willst dahin ziehen, da die Kinder Gottes gezeugt werden, so wisse, daß dich Gott, dein Herr, mächtig durch allerlei große Leiden, Schmerzen und Trübsale wird bis auf den letzten Lebenstropfen durchprüfen lassen, bevor du durch den Tod umwandelt wirst zu einem Kinde! Wehe dir aber, wenn du die Prüfung nicht bestanden hast; da wirst du für die Eitelkeit dieser deiner Bestrebung ewig im Zornfeuer der Gottheit büßen müssen, und es wird mit dir nimmer besser, sondern stets ärger und qualvoller dein ewiger Zustand!
   17] Du wirst aber auf dieser Welt, da die Kinder Gottes gezeugt werden, mit der vollkommensten Blindheit geschlagen sein, und nichts wird dir von allem dem, was du nun hier erfährst zum Behufe deiner ferneren Führung im Bewußtsein übrigbleiben; denn du wirst da genötigt sein, ein ganz neues, mühevolles und beschwerliches Leben zu beginnen. Nichts wird dir somit bleiben als allein für deine größte Gefahr die Begierde des Lebens dieser Welt.
   18] Du wirst dich nach allen ähnlichen Vollkommenheiten und Herrlichkeiten sehnen, große Anlagen und Fähigkeiten des Geistes wirst du klar gewahren müssen; aber in deinem schweren, mühseligen Leibe wirst du keine ausführen können. Und wenn du aber dennoch alldort Mittel finden wirst, so manches, wenn schon unvollkommenst, ins weltliche Werk zu setzen, darnach dein Geist seinem übriggebliebenen Triebe nach sich sehnen wird, so wirst du dich dadurch schon versündigen vor Gott; und wirst du davon nicht abstehen, so wird eine ewige Verdammnis ins ewige Zornfeuer Gottes dein Los sein!
   19] Hier ist dein von Gott aus, was du hast; dort auf jener Welt wirst du dir nicht einen Grashalm zueignen dürfen. Reichtum und große Pracht gehört hier zur Tugend, dort aber wird sie dir zum tödlichen Laster gerechnet werden. Hier darfst du wollen, und der Erdboden gehorcht deinem Winke; dort aber wirst du dir die Nahrung im schmerzlichen Schweiße des Angesichtes mühsamst selbst suchen und bereiten müssen.«
   20] Das sind die Bedingungen, die zu erfüllen deiner harren so du dich zu einem Kinde Gottes aufschwingen willst. Es ist nicht unmöglich, daß du Gnade und Erbarmung bei Gott finden wirst, so du Ihn wirst lieben über alles und wirst sein wollen der Nichtigste und Geringste und wirst ertragen alle Leiden und Schmerzen mit großer Geduld und völligster Hingebung in den Willen Gottes; aber es ist viel leichter möglich, daß du fällst, als daß du erstehest. - Daher besinne dich und lege dann deine Hand auf den Altar, auf daß dir werde nach deinem Wollen!
   21] Nun seht, also verhält es sich mit der Sache. Wir wollen uns aber damit noch nicht begnügen, sondern diese Verhandlung noch ein wenig beobachten. Euch wird daraus gar bald in euch selbst ein gewaltiges Licht aufgehen, und ihr werdet das Wo, Woher und Wohin sehr klar zu begreifen anfangen. - -

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