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Kapitelinhalt jl.gso2.017. Kapitel:

   01] Unser Bewerber um die Kindschaft hat nun alles gelesen, was in der Flamme geschrieben stand, und richtet seine Blicke wieder an den Ältesten. Seine Frage ist sehr leicht zu erraten; ihr habt sie schon in euch. Daher braucht ihr sie nur herauszuholen, und wir werden sogleich unseren Bewerber um die Kindschaft also reden hören, wie ihr es in euch zuvor empfunden habt.
   02] Die Bedingungen sind schwer, und unser Kindschaftsbewerber erschauert vor ihnen; daher fragt er denn auch den Ältesten und spricht: Ich habe gelesen die Forderungen Gottes in der Flamme Seines Eifers. Ich sehe daraus den Vorteil dieses Lebens und den großen Nachteil eines höheren, darum meine ich, es wird klüger sein zu bleiben, was man ist auf dieser unteren Stufe, als sich aufzuschwingen zu dem nahe Unerreichbaren.
   03] Es mag freilich wohl für unsereinen etwas Undenkliches sein, sich als ein Gott in einem Kinde Gottes zu fühlen; ja etwas unbegreiflich Erhabenes muß es sein, mit einem Blicke in die unendlichen Tiefen der göttlichen Macht und Weisheit zu dringen. Ja etwas ganz unaussprechlich Seliges muß es sein, mit dem ewigen allmächtigen Schöpfer aller Ewigkeit und Unendlichkeit in einern stets sichtbaren allerliebfreundlichsten Verhältnisse zu stehen und in Gott dem Herrn ein Mitherr zu sein aller Unendlichkeit. Aber die Bedingungen, solche Größe zu erreichen, sind zu schauderhaft schwer und sind also gestellt, daß da sicher unter gar vielen Tausenden kaum einer den hohen Zweck seiner Unternehmung erreichen dürfte.
   04] Daher habe ich mich wohl besonnen und werde vollkommen Verzicht leisten auf diese Unternehmung. Wer aber an meiner Statt solches wagen will, dem werde ich nicht in den Weg treten; aber ich werde ihm kundgeben, was ich gelesen habe in der Flamme.
   05] Der ehemalige Bewerber um die Kindschaft hat seine Fragrede beendet und der Älteste holt soeben die Antwort aus uns, das heißt, er wird das besprechen, was in uns schon gesprochen ist.
   06] Ihr könnt solches freilich wohl noch nicht klar vernehmen in euch; aber in der Ordnung des Herrn ist es schon einmal also eingerichtet, daß die Rede eines Menschen ein Produkt alles dessen ist, was da verborgen liegt in der Tiefe seines Lebens. Und wenn ein Mensch spricht, so wird er dazu gewisserart genötigt durch die innere Anregung, welche aus allem dem Entsprechenden hervorgeht, das da verborgen liegt in der Tiefe seines Lebens.
   07] Da wir solches nun aus uns geholt haben, so wollen wir denn nun auch vernehmen, was der Älteste spricht. Höret, solche Laute entströmen seinem Munde, und solches ist ihr Sinn:
   08] Mein Sohn! Du hast die große Wahrheit in der Flamme des göttlichen Eifers gelesen. Wahr ist alles bis auf ein Häkchen, und kein Zeichen kam umsonst in der wallenden Flamme zum Vorschein; aber ein Zeichen, das da in der Mitte der Flamme über der inwendigen Glut verborgen lag, hast du nicht gesehen.
   09] Siehe, wenn du dieses Zeichen zu all dem Gelesenen hinzufügest, so wird dir alles in einem andern Lichte gezeigt werden.
   10] Siehe, dies aber war das Zeichen, das du übersehen hattest: In der Mitte der Glut, von allen Seiten mit der lebendigen Flamme umfaßt, stak ein Herz, und das Herz flammte, und dieses Flammen aus diesem Herzen bildete eben diejenigen Zeichen, die du gelesen hast. Liesest du diese Zeichen für sich, da sind sie schauerlich, überschauerlich; liesest du sie aber aus diesem Herzen, so sind sie gefüllt voll der seligsten Hoffnungen. Für sich allein sind sie ein Gericht, aus dem nirgends mehr ein freier Ausweg in ein besseres Leben zu erschauen ist; aus dem Herzen aber sind sie eine Erbarmung Gottes, in welcher niemand ewig je verlorengehen kann, wer sich einmal in dem Herzen befindet.
   11] Siehe, mein Sohn, es kommt alles darauf an, ob du Gott lieben kannst oder nicht. Kannst du Gott lieben in aller Demut deines Herzens, so bist du in diesem Herzen; kannst du aber Gott nicht lieben, dann bist du nicht im Herzen, sondern im Gerichte. Und da ist es dann wohl besser, du bleibest hier im kleinen Gerichte selig, als daß du dich begeben möchtest zur Erstrebung der Kindschaft Gottes, aber dadurch dann gelangen in das große Gericht, von dem nach den Zeichen in der Flamme schwerlich je ein Ausweg zu finden sein wird.
   12] Das sind die Verhältnisse in der Fülle der Wahrheit. Fürwahr, wir wissen es aus dem Munde der Engel Gottes, daß eben Gott keiner Welt so viel Gnade, Erbarmung und Liebe erzeiget und bezeugt hat, als eben derjenigen, allda Er für Sich zeugt und erzieht Seine Kinder. Denn Er Selbst hat alldort die Ordnung also eingerichtet, daß Er ihnen gleich ward zu einem Menschen und trug für Seine Kinder alle möglichen Beschwerden und wollte für sie aus unendlich großer Vaterliebe sogar Seinem Menschlich-Leiblichen nach getötet werden auf eine kurze Zeit durch die Hände Seiner eigenen Kinder!
   13] Siehe, mein Sohn, solches alles ist uns wohlbekannt und ist richtig. Aber richtig ist es auch, daß der Herr unser Gott allda am meisten verlangen wird von Seinen Geschöpfen, zu handeln in Seiner Ordnung, allda Er für sie auch am allermeisten aus Seiner göttlichen Fülle gearbeitet hat. Nun weißt du alles, was da not tut, um einzugehen in das Reich der Kindschaft Gottes.
   14] Daher magst du nun tun, was dir gut dünkt. Willst du die Bedingungen eingehen, so mußt du sie im Herzen eingehen, und du wirst nicht verloren sein. Denn solches wissen wir auch, daß der Herr eher eine ganze Schöpfung zerstören würde, ehe Er ein Kind als vollkommen verloren gäbe!
   15] Wenn du demnach im Herzen bist, so wird der Herr sorgen für dich als ein allerwahrhaftigster Vater. Willst du aber ohne das Herz die Bedingungen auf dich nehmen, so wirst du nicht bestehen unter der Last der großen Prüfungen Gottes; denn für die, welche in Seinem Herzen sind, hat Er kein Gesetz gegeben, denn allein das, daß sie Ihn lieben stets mehr und mehr.
   16] Welche aber außerhalb des Herzens sind, diese sind von Gesetzen über Gesetzen umlagert, welche schwer zu halten sind; und die Übertretung eines einzigen zieht schon im Augenblicke der Übertretung ein tödliches Gericht nach sich, in welchem es dann fortwährend schwerer und schwerer wird, die andere große Masse von Gesetzen zu halten. - Aus diesem kannst du nun mit voller Gewißheit beurteilen, was da erforderlich ist zur Erlangung der Kindschaft Gottes. Darnach handle denn auch; denn du bist frei!
   17] Nun wollen wir denn wieder unseren Bewerber betrachten. Seht, er bedenkt sich die Sache ganz ernstlich und spricht abermals zum Ältesten: Höre, du Vater dieses Hauses! Mir ist nun ein Gedanke gekommen, und der Gedanke lautet also: Wenn ich hier den ernstlichen Entschluß fasse, nicht ein Kind des Herrn zu werden, sondern nur ein unterster Diener der geringsten Seiner Kinder, bloß aus dem Grunde, um auf diese Weise ganz geheim liebend dem allmächtigen Herrn einmal in eine ihn sehende Nähe zu gelangen, so meine ich, solches dürfte denn doch nicht gefehlt sein. Wird aber der Herr in der andern Welt dieses meines Grundsatzes eingedenk sein und mich in solche Verhältnisse stellen, in welchen ich diesen meinen Grundzweck erreichen könnte? Wenn das der Fall ist, so will ich meine Hand auf den Altar legen.
   18] Der Alte spricht: Des kannst du vollends versichert sein; denn aus welchen Grunde da jemand zur Kindschaft des Herrn gelangen will, aus eben diesem Grunde wird der Herr ihn auch das werden lassen in jener Welt, durch was er erreichen kann, was da liegt im Grunde seines Lebens. Willst du der Geringste sein, da wird dich der Herr tragen auf Seinen Händen. Wer aber der Größte sein will, der wird den Herrn nicht zum Führer haben, sondern der Herr wird hinter ihm einhergehen und wird belauschen seine Schritte und Tritte, und wenn der Großseinwollende gelangen wird zu einem Abgrunde und er wird nicht frei umkehren, so wird ihn der Herr weder rufen, noch ziehen zurück vom Abgrunde, sondern ihm überlassen, entweder frei umzukehren oder sich frei hinabzustürzen in den ewigen Abgrund.
   19] Du aber hast dir den demütigsten Grund gefaßt; dieser Grund wird dein Leben und die Erbarmung vom Herrn unwiderruflich erwirken, - und so denn kannst du getrost deine Hand auf den Altar legen!
   20] Seht nun, der Bewerber spricht: Herr, Du Ällmächtiger in Deiner Liebe, Gnade und Erbarmung! Aus keinem andern Grunde, denn aus der reinen Liebe nur will ich zu Dir! Daher verlaß mich nicht in der Zeit meiner Schwäche, und sei du allein alle meine Kraft und Stärke! In welcher Gestalt immer ich in der neuen Welt auftreten werde, sei Deine Liebe mir das alleinige, ewige, mächtige Vorbild meines Lebens, nach welchem ich trachten will aus all meiner von Dir verliehenen eigenen Lebenskraft. Verhülle mir ganz, was ich hier war und hier hatte, damit ich desto leichter erstrebe alle Niedrigkeit in meiner großen Liebe zu Dir; aber den Grund laß allzeit auftauchen in mir, auf daß ich stets kräftiger werde in der Liebe zu Dir! Und so denn übergebe ich mich, o Herr, Deiner unendlichen Liebe, Erbarmung und Gnade!
   21] Seht, hier legt der Bewerber seine Hand auf den Altar. Die mächtige Flamme ergreift ihn und im Augenblicke ist er nicht mehr unter den Bewohnern dieses Hauses.
   22] Wo ist er denn nun hin? Seht, in diesem Augenblicke ist er schon in die Seele einer leiblichen Mutter gelegt, die da empfangen hatte, und wird ausgeboren zu einem männlichen Kinde. Solches nimmt euch wohl ein wenig wunder; ich aber sage euch: Ist es denn weniger wunderbar, daß die Geister eurer Sonne sichtbar vor euren Augen ausgeboren werden von den Pflanzen eures Erdkörpers, wie in den nachfolgenden Tiergattungen mannigfachster Art? Solches seht ihr doch täglich und wundert euch wenig darüber, und doch ist dieser Prozeß viel verwickelter, größer und langwieriger, denn dieser der Übersiedlung eines Geistes. Denn bei der Übertragung der Sonnengeister handelt es sich um die Entwicklung eures Leibes und eurer Seele, welches alles wie ein tausendmal tausendfach Zusammengesetztes erscheint; hier aber, d.h. von dieser Sonnenwelt, die eine Zentralsonnenwelt ist, handelt es sich um die fertige Übersiedlung eines Geistes, welcher in dem neuen Leibe seines Grundes zufolge nichts anderes zu tun hat, als in seiner Liebe eins zu werden mit der lebendigen Seele in der Liebe zum Herrn.
   23] Und diese Einung ist die erlangte Kindschaft des Herrn, aus welcher hervorgeht ein neues Geschöpf, erstaunlich allen Himmeln; denn es ist ein Geschöpf aus der Ehe der Himmel und ein Geschöpf der Erlösung des Herrn, und dieses Geschöpf ist groß vor dem Herrn, und ist ein Kind des ewigen heiligen Vaters! - Seht, das ist das nun enthüllte große Geheimnis der Menschwerdung auf der Erde. Daher seid auch ihr. Aber nicht alle Menschen der Erde haben von da her ihren geistigen Ursprung, denn es gibt noch gar viele solche Geistersonnen im endlosen Schöpfungsraume. - Wir wollen uns aber noch zuvor in dieser näher umsehen, ehe wir in eine andre übergehen werden. -

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