Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

183. Kapitel: Empfangsgruß des Sonnenmenschen an Jesus und dessen Rede an die Sonnenweisen. Demut, das Mittel zur Erlösung vom Geschöpflichen. Die sanfte Last der neuen Lebensregeln Jesu.

   01] Nun komme Ich hervor, noch immer umgeben von Chanchah, Gella und den drei Sonnentöchtern, die sich unterdessen recht viel über diese Erde mit den zwei Erstgenannten besprochen haben. Und als Ich hervortrete, fällt der Weise und all sein Volk innen und außerhalb dieses Wohnhauses aufs Angesicht und alle preisen Mich laut:
   02] (Die Sonnengemeinde:) »Heil und Ehre Dir, Du Unerforschlicher, Du Ewiger, Du Unendlicher! Nimm hiermit unsern allertiefsten Dank für diese unbegreiflich höchste Gnade, daß Du auch uns Würmchen dieses Staubes Sonne einmal Deiner sichtbaren Gegenwart gewürdigt hast!
   03] Es ist wohl höchst ungebührlich, so sich in unseren Herzen ein Deiner unwürdiger Wunsch regt: daß es unsere unaussprechlich höchste Seligkeit wäre, wenn Du von nun an uns nimmer verlassen, sondern ewig verbleiben möchtest bei uns! Was aber können wir tun, als diesem sehnenden Begehren unseres Herzens vor Dir, Du Heiligster, Luft zu machen?
   04] O Du, dessen Füße zu heilig sind, als daß dieser Boden würdig wäre, von ihnen betreten zu werden, wirst uns ja ein solch unsinniges Verlangen gnädigst vergeben! Wenn Du, o Heiligster, uns noch für wert achtest, einige Worte des Lebens an uns zu richten, so bitten wir Dich alle aus tiefstem Herzen, Du möchtest uns diese Gnade erweisen! Aber über alles hochgepriesen sei Dein allein heiligster Wille!«
   05] Nach dieser sehr demütigen Anrede sage Ich: »Steht auf, Meine lieben Kinder! Vernehmt Mich, den ewigen Vater der Unendlichkeit, euren Vater und den Vater der Myriaden eurer Brüder und Schwestern, die aus Mir hervorgingen, zu bewohnen die Unendlichkeit und überall zu zeugen, daß Ich ihr Vater bin von Ewigkeit!«
   06] Spricht der Weise: »O Herr, Herr, Herr, - zu unwürdig sind unsere Augen, um die endlose Heiligkeit Deines Angesichtes zu schauen! Daher laß uns in dieser Stellung, die ich für die geziemendste halte, in der sich Würmer wie wir vor dem ewigen, allmächtigsten Schöpfer zu verhalten haben!«
   07] Rede Ich: »Liebe Kindlein, Demut ist wohl die erste und größte Tugend eines jeden menschlichen Herzens, aber sie darf ebensowenig übertrieben werden wie eine andere Regel des Lebens.
   08] Daß Ich der Schöpfer und ihr die Geschöpfe seid, ist eine Sache, die auf beiden Seiten eine Notwendigkeit ist und sich selbst für Mich unmöglich anders darstellen läßt. Denn will Ich Geschöpfe haben, so muß Ich sie so erschaffen, wie Ich sie haben will. Und es wird unmöglich ein Geschöpf eher gefragt werden können, ob und unter welchen Bedingungen es erschaffen sein möchte, sondern es hängt da ganz allein von Mir ab, wie Ich das Geschöpf haben will!
   09] Da sonach das Geschöpf eine Notwendigkeit Meines Willens ist, Mein Wille aber - als der Grund des Werdens und Bestehens des Geschöpfes  dem Geschöpfe gegenüber ebenfalls eine Notwendigkeit ist, so haben sich auf diesem Standpunkte Schöpfer und Geschöpf gegenseitig nicht viel zugute zu halten. Denn wie Ich als Schöpfer dem Geschöpf eine Notwendigkeit bin, ebenso ist auch das Geschöpf als Stützpunkt Meines Willens diesem eine Notwendigkeit.
   10] Ganz anders aber ist es, wenn der Schöpfer aus Seinen Geschöpfen freie, Ihm ähnliche, selbständig mächtige Wesen hervorbringen will. Da freilich tritt das Geschöpf in eine ganz andere Lebenssphäre! Der Schöpfer gibt da dem Geschöpf durch das freie, lebendige, vollkräftige Wort eine eigene Kraft, die das Geschöpf dann durch fleißige tatsächliche Pflege in sich zur Vollreife zu bringen hat, um dadurch ein freies, ganz aus sich mächtiges Wesen zu werden.
   11] In diesem Falle tritt erst die wahre Demut ein, weil sie das alleinige Mittel ist, durch welches das Geschöpf sich der schöpferischen Nötigung vollends entwindet. Es vermag sodann als ein aus sich selbst lebendiges und mächtiges Wesen Mir, dem Schöpfer, gegenüber sich also aufzustellen, als so Ich Selbst Mir gegenüber als ein zweites Ich auftreten könnte. Aber diese notwendige Demut darf dennoch keine übertriebene sein, sondern gerade nur so, wie Ich als Meister alles Lebens sie anordne; sonst kann sie das nicht bezwecken, wozu sie gegeben ist.
   12] Steht daher nun alle auf und wendet eure Augen auf Mich! Ich werde euch erst so und alsdann die rechten Worte des Lebens können zukommen lassen! Und so erhebt euch denn!«
   13] Nach diesen Worten aus Meinem Munde erheben sich alle hier Anwesenden zugleich mit dem Weisen, der bei dieser Gelegenheit folgende Worte spricht:
   14] »Brüder und Schwestern, wir haben uns erhoben vor dem Herrn, und vor Seinem allerheiligsten Antlitz standen wir auf. Bedenkt wohl, wer Der ist, vor dem wir nun stehen! Bedenkt und fasst es tiefst in euren Herzen!
   15] Er ist der Herr, der allerheiligste, urewige Gottgeist, der allmächtige Schöpfer aller unendlichen Himmel, aller Engel, aller Welten, aller Menschen und aller anderen Wesen! Er, der Heiligste, der Erhabenste hat zu uns geredet, daß wir uns vor Ihm erheben sollen, und wir taten in höchster Ehrfurcht, was Er von uns verlangte.
   16] Er verhieß uns aber noch weitere Worte des Lebens. Wir haben die gerechteste Ursache, uns darüber im höchsten Grade im voraus zu freuen! Denn wir wissen ja, daß von Dem, der das ewige Urleben Selbst ist, unmöglich andere Worte als nur die des Lebens zu uns gelangen können.
   17] So freut euch endlos mit mir; denn der Herr - Er, das Leben Selbst - wird Worte des Lebens, Worte der Freiheit, ja allmächtige Worte zur völligen Umgestaltung unseres geschöpflich gerichteten Wesens an uns alle richten! Daher öffnet weit eure Ohren und Herzen, auf daß solche hier nie gehörten heiligsten Worte nicht an irgendeinem Ohre ungehört und unbeachtet vorübergleiten möchten!
   18] O Herr, Du Heiligster, unsere Herzen sind bereitet! So es Dein heiligster Wille wäre, laß uns bitten um die verheißenen Worte voll Lebens und göttlicher Macht und Kraft! Dein heiligster Wille werde allein ewig gepriesen!«
   19] Rede Ich: »Mein geliebter Uhron - wahrlich, wahrlich, dein Herz machte Meinem Herzen eine große Freude! Erwarte daher auch samt deinen Völkern, daß auch Ich nicht verabsäumen werde, euren Herzen eine große Freude zu machen. Diese wird euch verbleiben auf ewig, und niemand wird sie euch nehmen können!
   20] Dessen seid gewiß, so ihr Meiner Lehre und der Lehre dieser Meiner Kinder und Boten nachkommen werdet. Das wird euch aber um so leichter ankommen, da ihr in der Weisheit Meiner Gerechtigkeit schon ohnehin allen andern Völkern um sehr vieles voran seid!
   21] Meine Lehre aber ist ohnehin überaus leicht zu beachten. Denn Ich als Schöpfer weiß es wohl am besten, was euch allen nottut, und was ihr für eure Freiwerdung auch eurer natürlichen Beschaffenheit nach am leichtesten beachten könnt. Daher fürchtet euch nicht vor der neuen Bürde, die Ich nun auf eure Schultern legen werde! Ich sage euch, sie wird sehr leicht mild und sanft ausfallen!
   22] So aber lautet kurz das Lehrwort, das Ich nun an euch richte: Liebt Mich, euren Herrn, Gott und Vater, aus allen Kräften eures Lebens, und liebt desgleichen auch euch untereinander!
   23] Ein jeder von euch suche in Meinem Namen dem andern Dienste zu erweisen. Keiner dünke sich mehr zu sein, als da ist sein Bruder und seine Schwester! So werdet ihr gar leicht Meine geliebten Kinder werden und verbleiben auf ewig.
   24] Bewahrt dabei aber auch eure alte Sittenreinheit! Ferne sei von euch des Fleisches wollüstige Unzucht, in die ihr seit einer kurzen Zeit durch Berückung eines bösen Geistes gekommen seid! Zeugt euch nach der alten, ordentlichen, geistigen Art, die euch gegeben ist in euren Willen und nicht in euer Fleisch!
   25] Wohl könntet ihr euch auch fleischlich zeugen durch den natürlichen Beischlaf und könntet dadurch Kinder des Fleisches und Kinder der Welt ins Leben rufen. Aber was würde euch solches nützen? Ihr würdet euch dadurch nur Diebe, Räuber und Mörder züchten, die in kurzer Zeit mächtiger würden denn ihr und würden euch dann machen zu Sklaven ihrer bösen Begierden. Daher meidet sorgfältig euer Fleisch vor solchem Übel und berührt vorzugsweise eure Töchter nicht, durch die ihr Teufel in eure reine Welt zeugen würdet, so wird euch allen die Erreichung Meiner Kindschaft gar leicht werden!
   26] Möchtet ihr aber fortfahren, wie bis jetzt zu geilen in eurem und eurer Töchter Fleische, würde euch die geistige Zeugungskraft bald genommen werden. Statt diesem eurem leichten, ätherischen Leibe würdet ihr einen plumpen, schweren, häßlichen und mit allerlei Krankheiten behafteten Leib überkommen, in dem sich der unsterbliche Geist nur sehr schwer und mühsam bewegen würde. Dazu käme dann noch der Tod über euch, den ihr bisher noch nie gefühlt und geschmeckt habet.
   27] Also bleibt in eurer alten Sittenreinheit und zeugt euch fortan geistige! Denn was der allein lebendige Geist zeugt, das bleibt dann auch fortan Leben, das keinen Tod kennt. Was aber das tote Fleisch zeugt, das bleibt tot und kann nur schwer ins Leben übergehen, da des Fleisches Wurzel der Tod ist.
   28] Wie aber auf einen dürren Stock schwerlich ein lebendiger Zweig eingepfropft werden kann zum Leben, so auch ein lebendiger Geist ins tote Fleisch zur Gewinnung des Lebens!
   30] Ebenso würde auch euer Wille geschwächt werden, daß ihr nimmer könntet mit desselben alleiniger Kraft eure Gärten und Äcker bestellen. Ihr müßtet euch dann nur mit jenen Pflanzen begnügen, die Samen haben und sich durch denselben fortpflanzen. Da könntet ihr dann nicht wie jetzt fortwährend reife Eßwaren dem Boden eurer Erde entlocken, sondern müßtet ängstlich und oft sehr ungeduldig die Zeit abwarten, in der die eine oder andere Frucht zur Reife kommen möchte.
   30] Ebenso ginge es euch mit der Erbauung eurer Wohnhäuser! Das Material dazu würde dann sehr hartnäckig, schwer und gebrechlich sein. Ihr könntet es dann nimmer durch die Kraft eures Willens geschmeidig, leicht und für alle Zeiten dauerhaft machen.
   31] So habt ihr auch eine große Freude daran, daß ihr mit den Geistern eurer abgeschiedenen Brüder sichtlich in Verbindungen treten könnt und könnt sie sehen, sprechen und sogar liebkosen. All dieses würde euch alsbald zur Unmöglichkeit werden, so ihr in eurer Berückung fortleben würdet.
   32] Wenn ihr aber nun so fortlebt, wie Ich euch nun kurz belehrt habe, werdet ihr nicht nur eure Vollkommenheiten behalten, sondern werdet noch neue hinzubekommen, deren Vorteile so groß sein werden, daß ihr sie jetzt gar nicht zu fassen imstande wäret.
   33] Ich habe euch nun alles gesagt, was ihr zu tun habt für die Zukunft. Nun aber liegt es an euch, ob ihr das alles wohl annehmen und darnach handeln wollt.
   34] Fragt alle euer Herz und sagt es Mir dann frei heraus! Denn Ich lasse euch die vollste Freiheit und will nicht einmal in eure Gedanken schauen, auf daß ihr völlig frei selbst bestimmen könnt, was und wie ihr es wollt!


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