Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

139. Kapitel: Martin in der Weisheitsklemme. Des Petrus ermutigender Zuspruch. Martins gute Erwiderung auf die Fragen der Sonnentöchter.

   01] Auf diese Entgegnung ist Martin erst ganz verlegen und weiß keine Silbe mehr zu erwidern. Bei sich nur murmelt er ganz leise: »So, so, jetzt ist's recht! Jetzt liegt die Sau vollkommen in ihrer Pfütze! Was soll ich nun sagen? Die haben recht in allen Punkten, und ich bin dagegen ein Esel und Ochse in allen Punkten, - notabene mit dem Weisheitshut auf dem Haupte! O das taugt recht nett zusammen! Die kommen mir mit einem zweiten Hute entgegen! Es geht immer besser! - Brüder, liebe Brüder, reißt ihr mich nicht aus diesem Sumpfe, so gehe ich euch auf jeden Fall durch!«
   02] Spricht Petrus: »Bruder, habe nur Geduld und ertrage diese weise Prüfung, dann wird es schon bald besser werden! Denke nur wieder nach, es wird sich schon wieder irgendeine Antwort finden lassen. Nur sei stets ernst und laß nicht viel handeln, sondern behaupte gründlich, was du aufstellst. Rede wie ein Lehrer, dann wirst du mit diesem Vorposten schon überorts kommen! Mit dem Nachtrabe wird es freilich etwas hitziger aussehen, aber da werden wir dir schon helfen, so es sehr not tun wird. Daher sei nur mutig und verzage nicht; es wird alles gut gehen!«
   03] Spricht Martin: »Brüder, wie ich verspüre, wird bei mir nicht viel Rares mehr nachkommen, denn ich habe meinen Weisheitskasten bereits ausgeleert! Daß der Liebe die Weisheit notwendig folgen muß, ist mir nun über alle Maßen klar. Es wurde von diesen drei Wunderwesen so richtig geordnet dargestellt, daß sich dagegen nicht das geringste einwenden läßt. Ich kann daher nichts anderes tun, als ihnen völlig recht geben. Oder weißt du etwas Besseres?«
   04] Spricht Petrus: »Ja, das ist schon richtig: was recht ist, das ist recht auf Erden wie im Himmel. Dessenungeachtet mußt du dich nicht gar zu leicht schon nach dem Verlauf von einigen weisen Reden gefangengeben, denn auch deine Sätze lassen sich verteidigen! Daher, wie gesagt, denke nur ein wenig nach, und es wird sich dir bald eine sehr gute Antwort vorstellen!«
   05] Martin denkt nun kreuz und quer nach, was er da sagen solle. Er findet nach einem etwas längeren Nachdenken doch im Ernste einen Satz, der sich allerdings hören läßt und spricht dann: »O ihr überherrlichen Töchter der großen Sonne! Eure Rede ist wohl sehr weise und ist bestens geordnet. Aber es geht ihr dennoch etwas ab, das euch zwar äußerst gering vorkommen dürfte, für mich aber durchaus nichts Geringes ist.
   06] Da ihr durch eure Weisen wißt, was der große Geist Gottes auf meiner kleinen Erde gelehrt hat, und auch wißt, wie dort die Natur aller Kreatur beschaffen ist, so nimmt eines mich sehr wunder: daß ihr nicht auch wißt, was der Herr Jesus, der da ist euer urewiger großer Geist, noch bei andern Gelegenheiten zu uns, Seinen Kindern, geredet hat!
   07] Seht, einst brachten Mütter ihre Kindlein hin zu Ihm. Und da dadurch ein Drängen entstand, stellten sich die schon sehr weise sich dünkenden Jünger den Müttern entgegen und wehrten ihnen, sich dem Herrn zu nahen. Da aber der Herr das bald merkte, sprach Er zu den Jüngern: 'Laßt die Kleinen, und wehrt ihnen nicht, zu Mir zu kommen; denn solcher ist das Himmelreich! Wahrlich sage Ich euch, so ihr nicht werdet wie diese Kleinen hier, werdet ihr nicht eingehen in Mein Reich!'
   08] Damit aber setzt der Herr denjenigen, die schon weise waren, die Kindschaft, die noch keine Weisheit besitzt, als Bedingung zur Erreichung des Himmelreiches. Da weiß ich dann nicht, wie ihr die Weisheit für so etwas Großes haltet und überzeugt zu sein scheint, daß man erst nach Empfang eures Weisheitspreises fürs Himmelreich befähigt werden würde! Ich meine, die Lehre Gottes wird doch etwa über die eurige erhaben und durchaus wahr sein?
   09] Wohl sagte der Herr zum weisen Nikodemus, daß er zuvor wiedergeboren sein müsse, so er in das Gottesreich eingehen wolle. Aber der Herr meinte damit nicht eure Weisheit, die der Jude ohnehin schon besaß, sondern die unschuldige Kindheit, die da pur Liebe ist! Also verstehe aber auch ich des Herrn Wort, halte mich bloß an die Liebe und überlasse alle Weisheit allein dem Herrn. Seht, darum bin ich auch bei Ihm, - während ich Gott weiß wo wäre, so der Herr meine Weisheit ansehen möchte, die so gut wie ewig keine ist!
   10] Ich bin auch mehr als überwiesen, daß ein jeder sündigt, der sich vor Gott der Weisheit rühmen möchte. So aber des Einfältigen Herz nur voll ist der Liebe zu Gott, hat er schon auch den höchsten Lebenspreis in sich, der ihm die Gotteskindschaft erwirkt. Hat er aber diesen Preis, wozu soll ihm dann der eurige dienen? Daher sei euch von mir nun zum letzten Male gesagt: Ich bedarf eures Weisheitspreises nicht, da ich schon lange habe, was ich brauche!
   11] Seht aber auch ihr, daß euch mein Preis zuteil wird! Da werdet ihr alle glücklicher zu preisen sein, als ihr es nun seid in eurem ledigen Weisheitsglanze, aus dem trotz eurer unnennbaren Schönheit wenig Liebe herausschaut! Redet nun, ob ihr noch was zu reden habt; aber auf eine Antwort rechnet ja nicht mehr von mir! Denn nur eines tut not, und das ist die Liebe; alles andere gibt der Herr, wann ich es brauche!«


voriges Kapitel Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers nächstes Kapitel