Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

138. Kapitel: Martins Begründung für die Ablehnung des Weisheitspreises der Sonnentöchter und deren weisheitstiefe Entgegnung.

   01] Auf dieses Selbstgespräch wendet sich Martin wieder zu den dreien und spricht: »O ihr über alle Begriffe herrlichsten Töchter der großen Sonne! Ihr habt mir wohl in allem eine völlig rechte Erwiderung gegeben auf das, was ich zu euch geredet habe. Aber eines ist dabei, das denn doch ein ganz erheblicher Rechenfehler von eurer Seite ist.
   02] Seht und hört! Ihr habt wohl recht, so euer Licht euch sagt: Der große, urewige Geist ist in Seiner Liebe und Weisheit in allem vollkommen unteilbar. Wo ein Leib ist, da muß auch ein Kopf sein, was so viel sagen will als: Wem da zuteil ward ein Preis der Liebe, der darf, um vollkommen zu sein, den Preis der Weisheit nicht außer acht lassen. Aber ihr seht es ja doch sicher mit euren hellsten und himmlisch- schönsten Augen, daß mein Haupt schon mit einem dem euren ganz gleichsehenden Preise geschmückt ist. Und da ihr in alle meine sonstigen Erlebnisse so tief eingeweiht seid, so werdet ihr ja auch wissen, daß ich diesen Schmuck unmittelbar vom Herrn Selbst erhalten habe!
   03] Da ihr allerliebsten Kinder das unmöglich in Abrede stellen könnt, so muß mir der Herr dennoch einen geteilten Preis gegeben haben, also: den der Liebe für sich ganz allein, der aber in sich dennoch schon den nötigen und verhältnismäßig gerechten Grad der Weisheit faßt! So aber dieser Preis als eine vollkommene Gabe des großen Gottes demnach keine halbe, also geteilte, sondern eine vollkommen bestgemessen ganze Gabe ist, sehe ich trotz eurer sehr weise gestellten Entgegnung wahrlich nicht ein, wozu mir euer lediger Weisheitspreis dienen soll!
   04] So ich schon einen Kopf habe, wie es euch doch sicher meine Gestalt zeigt, wozu soll mir nun noch ein zweiter Kopf dienen? Sollte ich wirklich noch eines Kopfes bedürfen, so will ich ihn nach dem Willen meines Herrn ja von euch, ihr liebenswürdigsten Töchter der Sonne, gerne annehmen. Ist es aber nicht nötig, zwei Köpfe zu haben, sondern bloß einen vollkommenen, werdet ihr wohl auch einsehen, daß ich euren Preis durchaus nicht annehmen kann? O redet, redet; ich höre!«
   05] Sagen die drei: »O du Herrlicher, du Hoher, wohl wissen wir, daß dir in deinem Preise mehr gegeben ist, als wir ewig je zu fassen imstande sind. So wissen wir auch, daß dein Preis kein halber, sondern ein völlig ganzer ist. Aber siehe, wir wissen auch aus zahllosen, stets auf dieselbe Art wiederkehrenden Erfahrungen, daß der große Gott auch jedem Wesen nach seiner Art ein vollkommenes, ganzes Leben gibt!
   06] Wir wissen, daß da kein Mensch ohne Kopf zur Welt geboren wird. Er hat Augen zum Sehen, Ohren zum Hören, eine Nase für den Geruch, einen Gaumen zum Schmecken und allerlei Nerven für allerlei Empfindungen und Gefühle. Einem neugeborenen Kinde fehlt nichts von dem, und all das entstammt doch sicher wie der Liebe so auch der höchsten Weisheit des allerhöchsten Geistes. Denn da ist das eine wie das andere mit einem Blicke klar ersichtlich.
   07] Wie aber kommt es denn, daß ein neugeborenes Kind - als ein Werk der Liebe und Weisheit des großen Gottes - zur Weisheit doch allzeit bei weitem später gelangt als zur Liebe, die da ist das eigentliche Leben? Du selbst lebst schon gar lange und hast Liebe in aller Überfülle. Aber so du dich fragst, ob deine allfällige Weisheit auch so alt ist wie dein Leben, da wirst du in dir selbst offenbar die widersprechendste Antwort finden!
   08] Siehe, wir wissen es von unseren obersten Weisen, daß der große Gott auf deiner Erde zu einem gewissen weisen Juden geredet hat: 'Niemand kann in das Reich Gottes eingehen, so er nicht neugeboren wird im Geiste!' Sage uns: Wie kann der große Gott von einem schon lange lebenden Weisen des Geistes Wiedergeburt verlangen, so Er schon einem Kinde im Mutterleibe alles gegeben hat, was zur vollsten Besitznahme des ewigen Gottesreiches vonnöten ist?!
   09] Überall zeigt es sich, daß die Reife jeder Entstehung erst viel später folgt. Kannst du uns wohl aus deiner Erdgeschichte nachweisen, daß da je ein ganz ausgebildeter Mensch dem Mutterschoße entstammt ist? Oder weißt du nun schon bestimmt, warum dich der große Geist erst jetzt, nachdem du schon so manche Verwandlungen erlitten, in der Mitte dieser zwei urerzweisen Geister hierher in diese große Welt des Lichtes beschieden hat? O rede, du Herrlicher, und unterrichte uns, denn wir möchten von dir ja überaus viel Tiefes erfassen!«


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