Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

137. Kapitel: Bischof Martin im Examenskampf mit den drei Sonnentöchtern. Zwischen Weisheit und Liebe.

   01] Während Martin so mit sich phantasiert, fangen die drei Anführerinnen zu lächeln an. Sie haben dem Martin genau aus den Augen und Mundwinkeln gelesen, was er nun mit sich gefaselt hatte, und sagen daher zu ihm: »Freund, nun wissen wir schon, warum du nichts redest. Siehe, du bist schwach, - ja sehr schwach bist du noch, und deine angeborene Schwachheit lähmt dir die Weisheit und die Zunge! Kommen wir dir denn gar so reizend und rührend schön vor? O sage uns doch wenigstens das laut!«
   02] Martin will schon auf die erste der drei hinstürzen, dennoch ermannt er sich und spricht: »Ja, ihr Herrlichsten, eure Form ist endlos vollkommen schön. Aber ihr seid zu weise dabei, und das deckt eure Schönheit und macht, daß ich sie mit genauester Not noch halbwegs ertragen kann. Denn ich bin kein Freund von zu großer Weisheit. Wollt ihr mich aber zu eurem Freunde, da müßt ihr aus der Liebe und nicht aus der Weisheit mit mir reden!
   03] Ihr brachtet mir wohl einen Preis entgegen, um ihn mir darzureichen, so ihr mich als einen vollkommen Weisen erkennen würdet. Ich aber sage euch, daß ihr euch da an mir sehr verrechnet habt, trotz eurer großen Weisheit. Denn seht, solche Preise nehme ich durchaus nicht an! Ich kenne nur einen Preis, und dieser ist für mich allein die Liebe, welche ist Gott der Herr, den ihr als den urewigen Geist kennt, von dem alle Dinge gemacht sind. Dieser ist allein mein Preis, den ich schon lange für ewig angenommen habe. Aber diesen euren Weisheitspreis kann ich durchaus nicht brauchen. Daher reichet ihn irgendwem andern, den ihr dafür als würdig erachtet, mich aber verschont damit!«
   04] Sagen darauf die drei: »O höre, du herrlicher Freund Wir haben mit dir bis jetzt noch durchaus keine Weisheitsprobe angestellt. Solche wäre auch eitel, da wir ja sehen, was für ein Geist in dir lebt. Es wäre doch sicher höchst unweise von uns, wenn wir mit einem andern Geiste in dir reden wollten, als den wir in dir gefunden haben! Du nanntest uns wohl den Preis, den du, ihn mit Recht über alles schätzend, schon hast. Aber da sind wir solchen Lichtes und sagen:
   05] Der urewige, allschaffende Geist ist nicht teilbar. Wohl ist sicher die Liebe Sein Grundwesen; aber diese Liebe ist nicht nur Liebe, sondern ist in sich selbst auch die urewige Weisheit. So du aber diese Liebe preisest, kannst du wohl die Weisheit, das Licht alles Lichtes, von ihr scheiden? Freund, kommt es dir hier nicht etwa so vor, als ob nun nur du, dich selbst übereilend, dich verrechnet hättest? Wie kannst du den Leib allein wollen und verwerfen den Kopf? O rede, erläutere uns das!«
   06] Martin ist nun ganz verblüfft und spricht bei sich: »No, das geht nun gut! Die haben mich schon! Aber jetzt nur wieder ernst, nur ernst! Wenn sie nur nicht so entsetzlich liebenswürdig wären, da könnte man noch ernster mit ihnen umgehen: aber bei solcher Liebenswürdigkeit braucht es fürwahr einen übergroßen Ernst, um mit ihnen nur viertelwegs ernst scheinend reden zu können.
   07] Sie warten mit einer anmutigsten Begierde und lieblichsten Ungeduld auf eine Antwort. Aber, was soll ich ihnen sagen? Wie wenden und drehen die Zunge, daß ich ihnen die Wahrheit sage, aber dennoch nicht beleidige ihr an zu himmlische Harmonien gewöhntes Ohr?! Stille. Nur stille, mir fällt schon wieder etwas recht Triftiges bei! Das werde ich ihnen sagen, natürlich auf eine möglich humanste Art; da werden sie doch sicher stutzen! Also nur Mut in des Herrn Namen!«


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