Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

136. Kapitel: Der verzückte, sprachlose Bischof Martin und die drei schönen Sonnenjungfrauen.

   01] Hier treten sogleich drei Jungfrauen von übergroßer Schönheit vor Martin hin, breiten ihre Arme aus und sagen: »O du herrlicher Führer dieser deiner schönsten Genossenschaft, was Hehres bringst du uns aus deiner Höhe der Höhen? O rede, du lang Ersehnter!«
   02] Martin beißt sich heimlich in die Zunge und kneipt sich in die Lenden, um auf diese anziehende Anrede doch nicht zu schnell aus seinem angenommenen Ernste in die größte Gegenfreundlichkeit zu geraten. Er sagt auf diese Anrede gar nichts. Die drei wiederholen daher noch zärtlicher ihre erste Anrede. Martin beißt sich fast die Zunge ab und redet noch nichts.
   03] Die drei Jungfrauen verwundern sich heimlich über diese seltene Stummheit unseres Martin und sagen dann: »O du Hoher, siehst du Makel an uns, darum du uns keines Wortes würdigen willst? Gefallen wir dir denn nicht? Und doch sahen wir, wie du den verstellten Drachen küssen wolltest in deinem Hause auf der Höhe der Höhen!
   04] Auch haben unsere Scharfseher dich schon im Merkur gesehen, wie du dort vor einer Schönen nahezu ganz zerschmolzen bist. Noch früher sahen sie dich bei der bewußten Lämmerherde, wo du sehr redselig warst. Und sie sahen dich auch im sterblichen Leibe auf der Erde wandeln und waren Zeugen von deinen nicht selten sonderbarsten Handlungen. Da wohl warst du sehr beredt; aber uns Töchter der Sonne würdigst du keiner Antwort! O sage doch, warum du noch immer schweigst?
   05] Wohl wissen wir, daß Schweigen zur rechten Zeit ein guter Teil der Weisheit ist; aber dein gegenwärtiges Schweigen scheint kein derartiges zu sein! Rede wenigstens, warum du nun schweigst: unsere Herzen erglühen darnach und bitten dich!«
   06] Martin vergeht schon nahezu vor Liebe zu diesen drei großen Schönheiten und denkt nun, was er auf solch ein Verlangen erwidern soll. Das hat er schon gemerkt, daß er ihnen von A bis Z bekannt ist und sie alle seine Schliche überaus gut kennen müssen. Daher sagt er bei sich ganz heimlich:
   07] »O du über alle menschlichen und englischen Begriffe verzweifelte Geschichte! Das wird eine bis jetzt noch nicht dagewesene verlegenhaft rarste Begebenheit werden! Ich soll reden mit ihnen? Da möchte ich denn doch wissen, wie!
   08] Fürs erste wird ihre ohnehin schon unbegreiflich reizende Schönheit stets mehr die höchsten Reize entfaltend, daß man schon darob vollkommen stumm werden muß. Fürs zweite kennen sie mich ja beinahe schon besser, als ich mich selbst je gekannt habe!
   09] Wie und was soll ich sonach hier reden? O Herr, nur jetzt verlaß mich nicht! Und du, mein guter Ernst, verlaß mich auch nicht, sonst bin ich rein verloren!
   10] O sapprament - ah, diese unendliche Schönheit! Ach, diese Augen, so feurig wie die Sonne selbst, diese Haare gleich dem blanksten Golde! Dieser Nacken - welche Weiche, welche Rundung, welche unaussprechliche Zartheit!
   11] Oh - oh - dieser Busen! Ah, ah, nein - das halt' ich keine Minute mehr aus! Auf der Erde gibt es nichts, mit dem man diese unbegreifliche Zartheit von der größten Ferne hin vergleichen könnte!
   12] Was ist die Zartheit eines reinsten Tautropfens dagegen, was der reinste Schliff eines Diamanten, was ein zartestes Lämmerwölkchen, das die untergehende Sonne umschwebt, getragen vom zartwehenden Abendhauche? Was auf der Erde wohl kennt solch eine Weiße! Der reinste von der Mittagssonne beleuchtete Schnee wäre kaum nur eine schmutzige Stiefelwichse dagegen zu nennen!
   13] Nein, daran könnte man sich eine ganze Ewigkeit nimmer satt sehen! Und der Arm, die Hand, der Fuß! - Martin, kehre deine Augen weg von diesen zu großen, reizendsten und zartesten Schönheiten, sonst bist du pfutsch, rein pfutsch und matsch!«


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