Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

106. Kapitel: Martin in der Klemme durch weitere Fragen Chanchahs.

   01] Spricht Chanchah: »O liebster Freund, weißt du, ich habe dich wohl überaus lieb, kann dich aber um nicht viel weiteres fragen, da ich mir vorgenommen habe, dich fürderhin nicht so leicht wieder mit irgendeiner vielleicht zu wenig klug berechneten Frage zu belästigen. Aber dessenungeachtet mußt du mir hier folgende Bemerkung doch einmal wieder zugute halten:
   02] Siehe, ich merke aus deiner Rede wie aus deiner Miene nur zu gut, daß du allzeit ganz absonderlich verlegen wirst, so oft ich mit dir in was immer für einer Beziehung von deinem himmlischen Freunde und Bruder mich zu besprechen anfange. Woher wohl mag solche Verlegenheit rühren?
   03] Bist du etwa darum eifersüchtig, weil mein Herz jenen weit über dich hinaus bevorzugt? Oder bist du sein wahrer Freund und Bruder nicht so sehr, als du es vorgibst? Ärgert es dich etwa heimlich in deinem Herzen, so jener bis jetzt für mich noch namenlose Herrliche dich in jeglicher Art geistiger Vollendung unberechenbar weit übertrifft? Oder ist dir etwa seine männlich göttliche Schönheit im Wege? Magst du etwa seine Augen und seinen Mund nicht, die freilich den deinigen samt deinen Augen ebenso übertreffen, wie seine ganze erhabenste Wesenheit die deinige, obschon du bei weitem glänzender aussiehst als er?
   04] Siehe, lieber Freund, diese Fragen sind für mich von besonders wichtiger Art. Ich sehne mich nach ihrer Beantwortung ebenso mächtig wie ein Wanderer in einer heißen Sandwüste nach einem Labetrunke frischen Wassers, so ihn ein brennender Durst quält. Daher, so du Liebe in deinem Herzen zu mir empfindest, zaudere ja nicht, mir diese wichtigen Fragepunkte treuherzig zu beantworten. Wirst du das nicht tun, so wird sich die Chanchah von dir wenden und dich nimmer nach etwas fragen!«
   05] Bischof Martin macht über diese Fragepunkte schon wieder ein verdutztes Gesicht. Äußerlich macht er zwar eine Miene, als ob er nachdächte, wie er der holden Chanchah auf die höflichste Art ihre Fragen beantworten möchte. Innerlich aber wartet er ängstlich, ob Ich ihm nicht bald irgendeine, natürlich über alles vortreffliche Antwort ins Herz legen würde. Ich aber lasse den guten Martin auch diesmal aus wohlweisen Gründen ein wenig zappeln, wie ihr zu sagen pflegt.
   06] Da auf diese Art Martin die holde Chanchah schon eine ziemliche Weile mit lauter vielversprechenden Gesichtern auf die erwünschte Beantwortung warten läßt, wird diese schon etwas unwillig. Sie fängt ihn zuerst mit ihren großen Augen vom Kopfe bis zum Fuße bedeutend zu messen an, was den Martin noch mehr geniert und ihn um eine rechte Antwort noch verlegener macht.
   07] Die holde Chanchah läßt den guten Martin noch eine kleine Weile nachdenken, weil sie aus seinen weise scheinenden Mienen noch immer irgendeine Antwort erwartet. Aber da von der erwarteten Antwort trotz aller gewisserart vorbereitenden, weise scheinenden Gesichterschneidereien nichts zum Vorscheine kommt, bricht ihr endlich die Geduld. Sie spricht:
   08] »Lieber Freund und Bruder, ich sehe, daß du mir entweder keine Antwort geben kannst, geben willst oder höchstwahrscheinlich gar nicht geben darfst! Kannst du mir keine Antwort geben, so bist du zu entschuldigen. Denn es wäre höchst unbillig, von jemandem mehr zu verlangen, als er geben kann. Du wirst mich wohl verstehen, was ich damit sagen will, vorausgesetzt, daß dir so viel Verständnis innewohnt!
   09] Darfst du mir keine Antwort geben, bist du auch zu entschuldigen. Denn da ist auch klar, daß sich hier jemand befindet, der dir aus einer ihm innewohnenden Machtvollkommenheit genau vorschreibt, was du reden und nicht reden darfst. In diesem Falle wäre es dann auch von mir eine Tollheit, von dir über das Gesetz etwas zu verlangen; ich als eine Chinesin weiß wie nicht leichtlich jemand anderer, Gesetze zu respektieren.
   10] Willst du mir aber keine Antwort geben, obschon du vielleicht solches tun dürftest und könntest, so bist du ein eifersüchtiger und sogar böswilliger Mensch. Und dein glänzend Gewand ist gleich dem Fell einer sanften Gazelle, innerhalb dessen sich aber dennoch eine reißende Hyäne birgt. In diesem Falle bist du durchaus nicht zu entschuldigen und verdienst nichts anderes als die vollste Verachtung meines Herzens.
   11] Da du mir auf meine früheren wichtigen Fragen durchaus keine Antwort gegeben hast, beantworte mir doch wenigstens einen oder den andern dieser drei Fragepunkte, damit ich mich als ein Neuling in dieser Welt und zunächst in deinem Hause zu benehmen weiß! Aber ich bitte dich aus dem tiefsten Grunde meines Herzens: rede hier die Wahrheit und bleibe hier in keinem Falle die Antwort schuldig!
   12] Martin wird hier noch zehnmal verlegener als bei den früheren Fragen. Denn sagt er: »Ich kann es nicht!« - so lügt er. Sagt er aber: »Ich will es nicht!« - so lügt er auch und zieht sich noch obendarauf die Verachtung seiner vielgeliebten Chanchah zu. Sagt er aber: »Ich darf es nicht!« - so setzt er sich augenscheinlich der weiteren Frage aus, wer ihm solches verboten habe und warum. Beide Fragen muß er dann notwendig beantworten, so er nicht beschämt vor der Chanchah notgedrungen Reißaus nehmen will.
   13] Als unser Martin durch diese drei letzten Fragen der Chanchah in größte Verlegenheit gerät, komme Ich soeben von der Gesellschaft zur Chanchah zurück und übernehme Selbst die Beantwortung der obigen drei Fragen, und dadurch die Entschuldigung des über alles verlegen gewordenen treuherzigen Martin.


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