Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

105. Kapitel: Das himmlische Gesetz der Liebe und seine beseligende Wirkung.

   01] Spricht Bischof Martin: »O meine geliebte Chanchah, ich meine, da wirst du ganz recht haben. Nur muß ich dir hier offen bekennen, daß wir Bürger der Himmel eigentlich gar keine Gesetze haben, sondern völlig gesetzlos ein allerfreiestes Leben in Gott, unserm Herrn, dahinleben. In Gott, dem Herrn, dahinleben aber heißt - in aller Liebe leben ewig. Die Liebe macht alles frei und kennt außer sich selbst kein Gesetz. Daher haben wir hier auch kein Gesetz als allein das der Liebe, welches Gesetz aber kein Gesetz ist, sondern nur die ewige vollkommenste Freiheit aller Wesen. Verstehst du das?«
   02] Spricht die Chanchah: »Ja, ich verstehe es und bin nun überfroh, daß ich solche gute Lehre verstehe. Wenn die Liebe - auch wo sie ganz geheimgehalten werden muß - ein liebendes Herz schon so über alle Maßen glücklich macht: wie glücklich müssen da erst jene sein, die unter dem alleinigen Szepter der Liebe stehen und kein anderes kennen. Ja, ja, die Liebe, die Liebe - wo die Gesetz ist, da freilich müssen alle Menschen unter solch einem Gesetze in aller Seligkeiten höchster sich befinden!
   03] Was nützt einem Menschen aller Glanz der Sonne, so ihm ihre Wärme fehlt? Wozu alles Gold und Edelsteine, wenn in ihren Besitzern kalte steinerne Herzen eisknisternd pulsen? O Freund, du hast mir nun etwas Heiliges gesagt. Ich beginne schon zu merken, was dein mir über alles teurer Freund damit hat andeuten wollen, als er zu mir sagte: "Deine Liebe zu mir wird dir alles verraten!" Ja, ja, diese Liebe hat mir nun schon viel verraten und mein Herz sagt es mir, sie wird mir noch viel mehr verraten!
   04] Ich liebe euch aber auch mit aller Glut der Mittagssonne, und ganz besonders jenen, der mir noch seinen Namen schuldig ist. Du mußt mir schon vergeben, daß ich jenen, deinen Freund und Bruder, viel lieber habe als dich. Ich weiß zwar nicht warum, da er im Grunde nicht schöner ist denn du und dein Bruder Borem und hat nicht einmal ein schöneres Kleid. Aber es liegt in seinem großen blauen Auge so etwas unbeschreiblich Anziehendes, und sein Mund hat so einen sonderbar götterartigen Zug und Ausdruck, daß man gerade in die größte Versuchung geführt wird, seine so endlos liebevolle Gestalt für das getreue Ebenbild Lamas zu halten!
   05] Ja, ich sage dir, wenn ich so mein Herz frage in aller seiner Liebesglut zu diesem einen, so sagt es mir: "O Chanchah, für mich ist das der große, heilige Lama! Wer sonst wohl könnte so himmlisch reden, wer sonst mit einem Worte einen Feigenbaum samt vollreifen Früchten erschaffen und ihn dann der Ihn über alles, alles, alles liebenden Chanchah zum lebendigsten Zeichen Seiner Liebe schenken? Wer sonst wohl auch könnte gar so liebe, herrliche Augen und einen gar so überhimmlisch schönen Mund haben - als allein mein geliebtester Herzens-Lama!'
   06] Weißt du, liebster Freund, so redet freilich nur mein Herz und nicht auch mein Verstand. Obschon mein Verstand wohl auch sehr gerne der schönsten Stimme des Herzens folgen möchte, so er sich nicht fürchten dürfte, eine Sünde zu begehen. Denn der Verstand ist da, wo das Herz den größten Anteil nimmt, eben kein zu strenger Richter und vergöttert gerne dasselbe, was des Herzens ist.
   07] Ebenso ist es auch bei mir nun: mein Herz vergöttert jenen Herrlichsten, und der Verstand für sich täte nur zu gerne dasselbe, wenn er der einzige Verstand wäre und nicht noch eine Menge anderer Verstande um sich hätte.
   08] Aber ich werde mir bald aus den andern Verstanden nichts mehr machen, sondern allein dem Verstande des Herzens folgen. Vielleicht werde ich da eher zum rechten Ziele gelangen denn so! Wenn es hier ohnehin kein anderes Gesetz als das der Liebe nur gibt, werde ich mit dem trocknen Verstande bald im reinen sein. Was sagst du, liebster Freund, zu dem allem?«
   09] Spricht Bischof Martin: »Allerliebste Chanchah, da läßt sich vorderhand sehr wenig darauf sagen. Folge du nur deinem Herzen, da wirst du keinen zu krummen Weg einschlagen. Mit der Weile wird dann schon auch deinem Verstande ein rechtes Licht werden. Mehr kann ich dir nun wahrlich auf all deine schönsten Worte nicht sagen.«


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