Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

107. Kapitel: Jesu Belehrung der fragelustigen neuen Himmelsbürgerin. Gleichnis vom zugebundenen Sack. Martins Beruhigung.

   01] Als Ich zur Chanchah von ihren Landsleuten zurückkehre, will sie sogleich zu Mir. Sie beklagt sich über das Benehmen des Bischof Martin, und wie sie sich nun nimmer auskenne, wie sie mit ihm daran wäre.
   02] Da sage Ich zu Ihr: »Höre, Meine liebe Chanchah, du setzt aber auch Meinem Bruder auf Brand und Leben zu! Bedenkst du nicht, welche geheimen Weisungen ihm sehr leicht zu deinem ewigen Besten die äußere Zunge binden könnten? Daher mußt du in Zukunft mit ihm, einem meiner edelsten Freunde, schon ein wenig schonender umgehen, sonst bringst du ihn ja in die größte Verlegenheit und machst seinem Herzen viel Kummer.
   03] Siehe, was deine ersten allfälligen sechs Fragen betrifft, so ist in diesem Freunde und Bruder wirklich nichts von alledem anzutreffen, was du von ihm vermutet hast. Außer daß er aus einem sehr weisen Grunde notwendig ein wenig verlegen wird, sooft du mit ihm dich von Mir besprechen willst. Aber seine Verlegenheit hat einen ganz andern Grund als den, den du je vermuten möchtest. Somit kann er dir auch keine Antwort geben auf deine Fragen, da in ihnen der wahre Grund seiner Verlegenheit durchaus nicht zugrunde liegt.
   04] Was aber deine drei letzten Fragen betrifft, so kann er sie dir darum nicht beantworten, weil du den eigentlichen Grund seiner Verlegenheit in deinen ersten Fragen nicht gefordert hast und auch nicht fordern konntest, da du ihn doch selbst nicht kennen konntest. Hätte er dir daher was immer für eine bejahende oder verneinende Antwort gegeben, so hätte er dir eine Unwahrheit sagen müssen. Das aber ist hier im Himmelreiche eine barste Unmöglichkeit, denn hier kann niemand eine Unwahrheit reden, so er sie auch reden wollte. Daher blieb Freund Martin, der dich sehr liebt, denn auch stumm und wollte sich von dir eher alles antun lassen, als dich, seine geliebte Chanchah nur mit einem Wörtchen zu belügen! War das nicht sehr löblich von ihm?«
   05] Spricht die Chanchah, auch etwas verlegen: »Ach, du herrlichster Freund, wenn es so mit unserem Hausherrn sich verhält, dann freilich reut es mich unendlich, so ich die Ursache manches sicher nicht unbedeutenden Schmerzes seines Herzens war. Oh, wenn ich das nur wieder gutmachen könnte!
   06] Ja, ja, es schmerzt mich ganz außerordentlich! Freilich kann ich wohl auch nicht für all das. Denn du, mein herrlichster, mächtigster Freund, siehst es ja auch, daß ich ein Fremdling bin und nicht weiß, was und wie man hier fragen darf. Da du mir aber nun den Wink gegeben hast, wie man hier fragen soll, werde ich mich in Zukunft schon darnach richten. Aber nur das sage mir, warum man denn hier eigentlich auf eine plump und unklug gestellte Frage, in der kein rechter Antwortgrund liegt, durchaus keine Antwort bekommen kann?«
   07] Rede Ich: »Meine liebste Chanchah, siehe, das ist ganz einfach: Du gäbest Mir einen Sack, fest zugebunden, mit der Bitte: "Freund, löse mir den Sack auf, und gib mir daraus tausend der schönsten Edelsteine!" Ich fragte dich aber dann: "Weißt du wohl ganz gewiß, daß sich in diesem Sacke tausend Edelsteine befinden?" Du sprächest dann: "Nein, das weiß ich nicht bestimmt, sondern vermute es nur!"
   08] Siehe, so Ich aber daneben ganz bestimmt wüßte, daß in dem Sack nicht nur keine Edelsteine, sondern ein verhärteter Unflut sich befindet, löste aber dennoch nach deinem Willen den Sack und gäbe dir seinen schmählichen Inhalt anstatt der tausend schönsten Edelsteine: - was wohl würdest du von Mir halten, so du es dann dennoch erführest, daß Ich - obschon wohlwissend, was der Sack enthalte - dich habe deiner Unwissenheit halber beschämen wollen? Würdest du dann nicht sagen: "Freund, so du wußtest, was der Sack enthielt, warum löstest du ihn denn und sagtest mir nicht zuvor die Wahrheit?"
   09] Siehe, der gleiche Fall ist hier mit einer unsicheren Frage. Diese ist auch ein Sack, fest zugebunden, den dir Martin auflösen soll und herausgeben, was du verlangst. So aber das nicht darinnen ist, was du möchtest - sage, was soll er da tun? Soll er den Sack lösen oder nicht? Soll er die beschämen, die er so innigst liebt, die sein ganzes Herz nun in vollste Beschäftigung versetzt? Was meinst du, holdeste Chanchah?«
   10] Spricht Chanchah: »Ach ja, ach ja, mein geliebtester Freund, wenn du redest, da freilich kommt mir alles ganz überaus klar vor, und ich sehe die hohe Wahrheit von all dem ein, was du sagst. Aber nicht so ist es, wenn Freund Martin redet! Je länger und je mehr er spricht, desto dunkler und unbegreiflicher wird mir dann alles, wovon immer er spricht. So bin ich dann ja genötigt, stets weiter und tiefer in ihn zu dringen durch allerlei Fragen, von denen er mir aber auch noch nicht eine bestimmt beantwortet hat.
   11] Würde er mir eine Frage so ganz bestimmt beantwortet haben, hätte ich ihn dann sicher um nichts Weiteres gefragt. Oder hätte er es mir, wie du nun, wenigstens gezeigt, wie man hier fragen muß, um eine Antwort zu erhalten, ob man hier überhaupt fragen muß, um eine Antwort zu erhalten, oder ob man hier überhaupt fragen darf! Aber siehe, mein herrlichster Freund, von alldem war beim Martin keine Rede. Daher also magst du und Martin mich auch für entschuldigt hatten, so ich mich mit meinen, dem guten Freund Martin sicher lästig gewordenen Fragen zu weit verirrt hatte.
   12] Ach Freund, es ist hier aber auch sonderbar zu sein! Wo man das Auge nur immer hinwendet, sieht man nichts als Wunder über Wunder. Ach und Wunder, von denen die Erde keine Ahnung hat! Wer sollte aber bei solchen Erscheinungen, die er nicht versteht, nicht die Eingeweihteren fragen, was das eine oder das andere bedeutet? Wer ist der, der solches tut? So hier der Himmel, wo ist Lama, der ihn gegründet hat? Sage mir, du mein über alles geliebter Freund, sind das nicht ganz natürliche und durch die wunderlichsten Umstände dieses Seins überaus zu entschuldigende Fragen«!


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