Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

84. Kapitel: Beginn des 3. Aktes des geistigen Dramas. Der Gnadenkelch mit dem siedenden Wasser. Der höllische Wall.

   01] Spricht Bischof Martin: »Bin schon dabei und schaue mit größter Gespanntheit auf die Szene, die noch ganz unverändert vor meinen Blicken weilt. Der Kelch ist nun schon sehr groß; er dürfte nun nach irdischem Maße schon mehrere Klafter im Umfange haben. Und soviel ich's nun mehr hellen Blickes beobachten kann, kommt es mir vor, als wachse er noch immer.
   02] Die beiden stehen am Rande dieses nun über alle menschlichen Begriffe großen Kelches. Auch der Alte mit seiner Tochter betrachtet diesen Kelch mit größter Aufmerksamkeit. Die andern Alten aber lugen von einer kleinen Ferne auf diesen Kelch ungefähr so, wie auf der Welt die Ochsen auf ein neues Tor oder gar in ein spanisches Dorf.
   03] Die Fische im Kelch sind nun schon sehr groß und schwimmen äußerst munter in dem großen goldenen Becken herum. Die Köpfe bei einigen sehen schon sehr menschlich aus; alles andere ist aber wohl noch sehr stark Fisch. Ich meine, diese Fische werden zuerst eine geistige Art von Meerfräuleins und endlich gar zu wirklichen, wohlausgebildeten weiblichen Wesen?
   04] Aber was entdecke ich nun? Bruder, das ganze früher so höchst imposant aussehende Meer ist nun ganz verschwunden. Statt am Meeresufer befindet sich dieser stets noch im Wachsen begriffene Kelch in der Mitte einer ungeheuer großen Ebene. Diese Ebene dürfte wohl einen Umfang von 100 Meilen haben. Der äußerste Rand scheint jedoch mit einem übergroßen, starken und hohen Walle umgeben zu sein; ich merke es genau, wo die Ebene aufhört und wo der Ringwall seinen Anfang nimmt!
   05] Was mir aber dabei höchst sonderbar vorkommt, ist, daß dieser Wall hie und da bald höher und bald wieder niederer wird. Auch bemerke ich nun hie und da, wo sich der Wall sehr stark erhöht, daß man unter ihm ganz bequem durchsehen kann. Wahrlich, eine höchst merkwürdige Erscheinung von einem Walle! Was etwa doch der zu bedeuten hat?
   06] Aber da sieh nun, ungefähr 10 000 gute Schritte vom Kelch, der sich noch ganz in seiner früheren Ordnung befindet, wie es mir vorkommt gerade an jener Stelle, an der früher das Kloster stand und nach seiner Zerstörung eine recht abscheuliche Pfütze zum Vorscheine kam - hat sich nun ein furchtbar großes, vollkommen rundes Loch gebildet. Aus dem steigt nun ein starker Rauch empor, verliert sich aber alsbald, wie er nur einige Klafter über des großen Loches Rand gestiegen ist. Wahrlich, höchst sonderbare Vorkehrungen für den dritten Akt dieses Dramas!
   07] Aber Bruder, schau nur auch einmal den Kelch an! Ah, das ist doch über alles! Nun beginnt auch das Wasser in dem Kelche zu sieden und dampft ganz gewaltig. Die armen Fische strecken nun ihre Köpfe über den Rand des Kelches hervor und schreien ganz entsetzlich. Sie haben nun schon fast alle, wie ich's bemerke, vollkommene Menschenköpfe; einige nur noch sehen den Seelöwen und Seekälbern eben nicht sehr unähnlich.
   08] Ah, ah, das Wasser im Kelche siedet immer ärger und dampft schon ganz entsetzlich. Und die Fische, die armen Fische, die schreien nun schon über alle Maßen vor Schmerz! Nein, wenn diese Absiederei noch eine Weile dauert, so wird's da eine Menge heiß abgesottener Fische geben, die ich auf der Welt recht gerne gegessen habe!
   09] Ah, da sieh, da sieh, nun bekommen die Fische schon sogar Arme und ganz wohlgestaltete Hände! Mit diesen wollen sie sich nun über den Kelchrand erheben, um der großen Qual zu entgehen. Aber die Arme scheinen noch keine Kraft zu besitzen, denn jeder Fisch läßt den Rand bald wieder aus und fällt dann in das siedende Wasser jählings zurück.
   10] Ich möchte eigentlich so recht vom Grunde aus erfahren, von wo aus das Wasser in diesem Riesenkelche so sehr erhitzt wird? Das siedet ja stets ärger und ärger noch, und die Fische werden von den Siedwogen so durcheinandergesprudelt wie lockerer Sand über einer heftig aufsprudelnden Quelle. Auweh, auweh; o jemine, jemine - wie doch die armen Fische nun - ah, ah, ah; das ist denn doch alles, was man sehen und sagen kann! Da sieh, wie sie nun herumgetrieben werden von den immer heftiger werdenden Siedwogen, wie sie sich krümmen und bäumen und welch Jammergeschrei dem Kelche entsteigt!
   11] Die zwei Boten aber stehen so stumpf da und scheinen eher ein Behagen an dieser Szene zu haben, als daß ihren Gesichtern irgendein Mitleid zu entnehmen wäre. Nein, ich sage dir, liebster Bruder, was zu stark ist, das ist auch zu viel! Warum müssen denn diese Armen nun gar so entsetzlich gemartert werden, um die reine Menschengestalt wiederzuerlangen? Ich war ja doch auch ein Sünder non plus ultra, aber zu so einer Absiederei ist es mit mir dennoch nicht gekommen; Gott sei Dank, ich bin dennoch ein Mensch, wennschon gegenwärtig noch in meiner Bauernkleidung steckend!«
   12] Spricht Borem: »Bruder, das Wort Erscheinlichkeit vergiß nicht! Du siehst doch diese Damen noch alle hier ganz wohlerhalten in Reih und Glied stehen; wie kannst du dann ängstlich werden wegen dem, was nun in ihrem Innern vorgeht! Es ist die innere Welt des Menschen freilich wohl die eigentliche wahre Welt. Aber darum bleibt der Mensch dennoch Mensch und wird als solcher nur stets edler und edler, je mehr sein Inneres bewegt und in große Tätigkeit gebracht wird.
   13] Du meinst freilich, daß du ohne solch eine Absiederei dennoch die Menschengestalt beibehieltest. Ich aber versichere dir, daß du hundertmal ärger abgesotten worden bist im Gnadenkelche des Herrn als alle diese Damen! Wußtest du wohl darum? Wenn du vollendet sein und zu sehen bekommen wirst die Tätigkeit des irdischen Menschen in seinen leiblichen Lebensverhältnissen - was wirst du dann sagen, so dir der innere Herd des Lebens erschaulich wird? Wo du zahllose Feuerströme durch die ebenso zahllosen Kanäle wirst auf das furchtbarste durcheinanderwüten und -toben sehen? Also nur hübsch gescheit, mein lieber Bruder!«
   14] Spricht Bischof Martin: »Ja, ja, so ist es; nun bin ich schon wieder beisammen! Jetzt nur zugesotten, und wenn's nötig, auch ein bißchen gebraten dazu. Denn wer in der Liebe und Gnade des Herrn siedet und bratet, dem geht es sicher nicht gar zu schlecht! Denn so ich auch abgesotten worden bin und verspürte von solcher Absiederei wenig oder nichts, so wird's denen wohl noch erträglicher gehen, als wie ihre Gebärden es zeigen? In Gottes Namen, wie es der Herr macht, so ist es schon am allerbesten!
   15] Aber nun sehe ich auch die Alten zu den zweien treten und bitten, daß sie auch in den siedenden Kelch zu ihren Töchtern möchten getan werden! Und richtig, die beiden gestatten es ihnen. Auch die zwei ersten, d. i. der Alte mit seiner Tochter, springen nun in dieses heiße Bad. Nun ist alles darinnen! O Entsetzen, Entsetzen! Jetzt arbeitet das glutheiße Wasser unter dieser Gesellschaft!
   16] Nein, dieses Schreien, dieses Weheklagen, dieses verzweifelte Händeringen, dieses Rufen um Hilfe und Linderung des unerträglich großen Schmerzes! Nein, Bruder, Erscheinung hin, Erscheinung her; so sie schmerzfähig ist, da hole sie der Kuckuck! Es müssen diese Damen schon auch etwas empfinden. Denn sieh, ich merke nun sogar an ihnen äußere Bewegungen, während sie doch früher fest und ruhig dastanden, als ob sie angemauert gewesen wären!«
   17] Spricht Borem: »Nun, das ist ja gut; da kehrt ja das Leben in sie zurück! Ich meine, das wird doch etwas Gutes sein?«
   18] Spricht Bischof Martin: »Ja, wenn das, da bin ich freilich schon wieder beruhigt; aber der Anblick dieser Belebung ist und bleibt doch ein höchst fataler. Da sieht es wahrlich sehr fegfeuermäßig aus!«
   19] Spricht Borem: »Was Fegfeuer, Fegfeuer! Ich sage dir, derlei gibt es ewig nirgends! Hier siehst du nichts als das Wirken der Liebe Gottes, die da wohl ist ein Feuer alles Feuers. Dieses aber schmerzt nicht, sondern lindert nur alle Schmerzen und heilt alle Wunden, die die Hölle einer Seele zugefügt hat. Diese schreien nun freilich vor Schmerz um Hilfe und Linderung; aber diesen Schmerz bereitet ihnen nicht der siedende Kelch, sondern die Hölle, die nun von ihnen weichen muß!
   20] Denn siehe nun weiter hinaus! Betrachte den ungeheuren Wall, der diese große Fläche einschließt. Du wirst es gleich gewahr werden, daß dieser Wall nichts anderes ist als die Hölle oder der Teufel selbst in Gestalt einer ungeheuren Schlange, die sich um die Fläche gelagert hat und diese Begnadigten als ihre vermeintliche Beute nicht will auskommen lassen! Siehe, das ist aber dennoch alles nur eine Erscheinlichkeit, und die Fläche bedeutet das Welttümliche dieser nun Begnadigten, über das sie nicht hinaus können, weil sich darin allenthalben die Hölle gelagert hat.
   21] Siehe, dieser Wall ist es sonach, der die nun im Kelche Befindlichen so schmerzlich drückt. Nun aber wird es nicht mehr lange dauern, so wird dieser Wall zerstört und in jenen Abgrund gestürzt werden, der sich, dir sichtbar, bei 10000 Schritte nordwärts von diesem Gnadenkelche befindet. Gib nun nur acht und du wirst schon große Vorkehrungen dazu erschauen!«


voriges Kapitel Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers nächstes Kapitel