Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

85. Kapitel: Nahen einer Katastrophe. Die alte Schlange, die 12 Gerichtsengel und der Abgrund. Herrlicher Sieg und köstlicher Preis.

   01] Spricht Bischof Martin: »Richtig, richtig, ja, du hast in allem recht! Hinter diesem Wall erschaue ich nun zwölf große Geister, jeder hat ein ungeheures Schwert in seiner Rechten. Ah, ah, ist aber das ein Schwert! Mit solch einem Schwerte hiebe so ein Geist ja die ganze Erde wie einen Apfel auf einen Streich entzwei! O Tausend, die Geister sind aber schon so furchtbar groß, daß sie eine ganze Welt zwischen zwei Fingern kurzweg zerreiben könnten. O Tausend, Tausend, Tausend, der Wall fängt nun stets wütender sich zu gebärden an! Bruder, das sieht ganz wie ein Jüngstes Gericht aus! Sapprament, sapprament!
   02] Aber nun bemerke ich, daß das Wasser im Kelche etwas ruhiger wird. Die ganze Badegeselischaft liegt nun unter dem trotz der Ruhe noch immer stark dampfenden Wasserspiegel wie ganz tot. Man vernimmt nun keinen Laut mehr von ihr. Nur die zwei Boten reden etwas miteinander, ich kann jedoch nicht vernehmen, was sie eigentlich miteinander abmachen. Der eine hält nun auch einen Stab in der Hand, ähnlich dem des Aaron, und hebt ihn in die Höhe. Was wohl wird da wieder zum Vorscheine kommen?
   03] Aha, da sieh einmal hinaus auf den Wall; der wird nun stets größer, rückt stets näher herzu und erhebt seinen Rücken bald hier, bald dort zu einer erstaunlichen Höhe! Ah, das ist wahrlich furchtbar anzusehen! Nun merke ich auch deutlich den schrecklich aussehenden Kopf dieses Höllenungeheuers. Um Gotteswillen, ist das aber eine Scheußlichkeit ohne Namen! Stets näher und näher rückt es!
   04] Nun erhebt es sein ungeheures scheußlichstes Haupt und sperrt den Rachen so furchtbar weit auf, als wollte es die ganze Schöpfung verschlingen. Es richtet seinen Gang - wie ichs nun merke - schnurgerade zum Kelche her. No, wenn es diesen packt, so wird es damit gerade einen hohlen Zahn ausfüllen können!
   05] Nun ist im Kelche alles in vollster Ruhe; dafür aber speit das fürchterliche Loch da unten an der Stelle des ehemaligen Klosters desto mehr Rauch und nun auch schon Glut und Flammen aus! O sapprament, nun ist das Ungeheuer keine tausend Schritte mehr vom Kelche entfernt!
   06] Was wird nun geschehen? Die zwölf Riesengeister halten wohl ihre fürchterlich großen Schwerter in die Höhe, aber sie hauen noch nicht drein. Ihre Augen sind beständig auf den einen Boten mit dem Aaronstabe in seiner Rechten gerichtet. Dieser winkt nun dem Ungeheuer, zurückzuweichen; dieses aber richtet sich nicht darnach, sondern rückt nur näher und näher an den Kelch.
   07] Oh, oh, das sieht sehr drohend aus! Wieder winkt der eine Bote mit dem Stabe, aber vergeblich. Ah, wie gräßlich sieht nun dieses Ungeheuer aus! Es läßt sich nicht beirren und kriecht stets näher und näher an den Kelch! Nun winkt der Bote wieder mit dem Stabe, aber auch diese Abweisung ist fruchtlos.
   08] Oh, oh, oh - jetzt ist es mit dem Kopfe schon nahe am Rande des großen Kelches und macht mit einer ungeheuer langen Doppelzunge Versuche, den Kelch umzustoßen! Aber der Kelch steht fest und läßt sich nicht im geringsten bewegen. Auch regt sich im selben nichts, weder das Wasser noch dessen dermalige Bewohner!
   09] Siehe, stets zudringlicher wird diese ungeheuerste Bestie! Nun erhebt der eine wieder seinen Stab und weist die zudringlichste Bestie wieder vom Kelche ab. Aber das nützt sehr wenig, da die Bestie sich auf den Wink dieses Stabes gar nicht entfernen will.
   10] Nun taucht der eine den Stab in den Kelch und gibt ein Zeichen den zwölf mächtigsten Geistern, und - o weh, o weh! - diese schlagen jetzt drein! Und siehe, siehe, diese Bestie ist nun in zwölf Teile auseinandergehauen!
   11] O je, o je! Bruder, das ist nun ein Wüten und ein Toben! Wie schrecklich bäumen und krümmen sich nun die einzelnen abgehauenen Teile! Wie einzelne Berge springen sie nun auf dieser weitgedehnten Ebene herum und wälzen sich dem schauderhaften Loch näher und näher!
   12] Ah, und der Kopf, o Gott, o Gott, das ist schaudervollst! Ich sage dir, der Kopf, der Kopf! Der macht Sprünge bis an das sichtbare Firmament und grinst schon in einer solch unbeschreiblichen Zornwut nach den zwölf Geistern, daß diese Großen schon nahezu ein Grauen überkommt ob des enorm gräßlichen Anblickes!
   13] Aber nun wird der Kopf von dem einen mit dem Stabe an den Rand des Loches getrieben und auch - Gott sei's gedankt! - hineingestürzt. Das gibt aber nun Rauch, Glut und Flammen! Oh, oh, oh, das prasselt und rasselt nun, daß es ein Grauen ist!
   14] Aber nun werden auch die andern elf Teile von einer unsichtbaren Macht in dasselbe Loch getrieben und stürzen unter gräßlichstem Gekrache in dasselbe. Da, da gibt es nun Rauch und Flammen, als hätte man den ganzen Erdball angezündet!
   15] Nein, nein, nein, dieses Krachen, dieses Donnern Freund und Bruder, ich werde nun schon förmlich sprachlos! Wahrlich, um das Grauenhafte dieses Tobens und Wütens aus diesem Loche zu beschreiben, müßte man die Zunge eines allerfeurigsten Cherub haben! Aber es soll nun wüten und toben, wie es will! Weil diese furchtbare Bestie nur einmal in sicher festweg höllischer Verwahrung sich befindet, bin ich schon sehr froh. Da heraus wird dieses Ungetüm doch sicher nicht so leicht wieder zum Vorscheine kommen!
   16] Nun sind auch die beiden Boten wieder beim Kelche. Auch die zwölf großen Geister nähern sich nun dem Kelche; aber je näher sie kommen, desto kleiner werden sie. Ah, das ist auch merkwürdig: Früher waren sie solch ungeheure Kolosse, und nun sind sie kaum größer als die beiden andern Boten! Das ist wirklich sehr merkwürdig!
   17] Nun sind sie auch schon völlig bei den zweien, und was seh' ich? Alle verneigen sich übertief, besonders vor dem einen, der noch den Aaronstab in seiner Rechten hält! Das muß schon so ein rechter Zentralengel sein aus dem obersten Himmel?
   18] Nun spricht dieser eine zu den zwölfen: 'Brüder, hebt den Kelch und tragt ihn hin dort an die Pforte der Hölle! Dort setzt das Gestell über diese Pforte, auf daß dem Aufsteigen des Bösen endlich einmal ein Ziel gesetzt sei, das es nicht leicht wieder überwältigen soll, zu verderben diese arme Gesellschaft, zu deren Wiederbelebung in Mir alle Mächte der Himmel in Anspruch genommen wurden. Tut also!'
   19] Nun heben die zwölf den Kelch und tragen ihn ganz behutsam hin. Sie setzen das Gestell gerade über das noch sehr stark dampfende und rauchende Loch, das aber nun keinen Rauch mehr emportreiben kann, weil es mit dem Gestell des Kelches sicher hermetisch geschlossen ist. Ah, nun schaut es in dieser Gegend schon recht lieb aus! Was ich nun noch bemerke, ist, daß sich nun die gesamte Badegesellschaft im Wasser des Kelches wieder zu regen beginnt. No, no, Gott sei's gedankt, daß nur diese wieder zum Leben kommen!


voriges Kapitel Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers nächstes Kapitel