Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

83. Kapitel: Martins Sehnsucht nach Jesus. Die Fische im Sack. Auslese der Fische. Der Kelch, das Gefäß der Gnade, und andere Entsprechungen. Beginn von Martins Geisteslöse.

   01] Spricht Bischof Martin: »Ja, der Herr gebe die Löse mir lediglich nach Seiner Gnade, sowie auch allen diesen, die nun noch mehr oder weniger blind sind. Denn solange man hier in diesem Reiche, in dieser Welt der Geister nicht vollends zu Hause ist, kann man auch nie zu einer vollen inneren, seligen Zufriedenheit gelangen. Zu Hause aber kann man hier nirgends sein als allein im Hause des Herrn, im heiligsten Vaterhause. Meine höchste Sehnsucht ist demnach, sobald als möglich beim Herrn zu sein. Und so will ich denn nun auch auf jedes Pünktchen genauest Achtung geben, auf daß ich bald der großen Löse möchte gewärtig werden. - Also nun nur wieder das Auge ins Hinterhaupt dieser Dame geheftet!
   02] Oho, die zwei wälzen nun den Sturmsack ans Ufer! Was wird denn nun da vor sich gehen? Sie werden etwa doch nicht zum zweiten Male den Sack, oder vielmehr dessen Inhalt, dem Meere übergeben? Der Alte samt seiner Tochter helfen auch diesen Sack an das Ufer fördern. Aber die anderen Alten sehe ich mit ängstlichen Blicken der weiteren Begebnisse harren. Sie scheinen nicht in Kenntnis zu sein, was dieser Sack enthalten dürfte?
   03] Aha, nun ist der Sack am Wasser und wird aufgelöst! Was wohl wird da alles herauskommen? - Oh, oh, da sieh nun hin! Eine große Menge Fische kommen nun zum Vorscheine, große und kleine, frische und auch faule, an denen ich keine Regung und Bewegung wahrnehmen kann.
   04] Nun fangen die beiden die faulen von den frischen zu sondern an und werfen sie ins Meer. Die frischen aber legen sie in ein herrliches Gefäß. Dieses Gefäß sieht aus wie ein überaus großer Kelch und glänzt, als wäre er aus Silber oder Gold. Wo sie nur in der Geschwindigkeit diese Dinge hernehmen, von denen man vorher nichts sieht. Sind sie aber vonnöten, da sind sie auch schon da, als würden sie hingezaubert! Aber es ist mir nun schon begreiflich, wie derlei Dinge hier entstehen: sie sind aus der Ordnung Gottes heraus notwendig. Der Herr will sie, und sie sind da! Nicht wahr, du mein geliebter Bruder Borem?«
   05] Spricht Borem: »Ja so ist es! Du weißt es nun schon in dir, daß der Herr alles in allem ist. Und so ist es dir auch schon ein leichtes, aus dem Grunde einzusehen, von woher alle die Wunder, die du hier in großer Fülle erschaust, kommen. Gib nun weiter acht!«
   06] Spricht Bischof Martin: »Ja, ja, Bruder, ich wende nun meine Augen gar nicht ab. Ich sehe soeben, wie der Kelch größer wird samt dem Gestell. Aber wie ich's nun merke, wird er nicht höher, dafür aber desto umfangreicher. Nun sehe ich die Fische im selben überaus munter herumschwimmen, wie ich auf der Erde oft die Goldfischlein in einem gläsernen Gefäße schwimmen sah; nur sind diese Fische bedeutend größer.
   07] Diese Fische sind sicher die früheren Damen, die als häßliche Frösche in das Meer wandern mußten. Aber warum sie hier in einem Kelche nun als Fische vorkommen, und warum eine Menge faule oder tote wieder in das Meer zurückgeworfen sind, darüber kann ich in mir noch nicht den eigentlichen rechten Grund finden. Ich fühle wohl so eine leise Ahnung, wie sich die Sache verhält; aber aussprechen kann ich es noch nicht.
   8] Halt, nun durchzuckt mein Inneres plötzlich ein heller Gedanke! Ja, ja, so ist es, nun habe ich es schon: Der Kelch bezeichnet das Gefäß der Gnade und Erbarmung des Herrn, in das diese Damen nun aufgenommen worden sind. Und das Wasser in diesem Gefäße ist ein lebendiges, in dem diese Damen - nun noch in Fischgestalten - bald zu Menschengestalten umgewaschen werden. Das Wachsen des Kelches deutet auf die Mehrung der Gnade und Erbarmung. Die Gestalt der Fische scheint die der demütigen, freien Büßer zu sein und überhaupt von allen Menschen, die voll freien Willens für das Gottesreich durch das Wort Gottes gefangen werden oder sich vielmehr willig fangen lassen. Darum hat der Herr Selbst schon die Apostel 'Menschenfischer' benannt.
   09] Was aber die faulen Fische betrifft, die ins Meer geworfen worden sind, so steht dasselbe Bild, das der Herr Selbst aufgestellt hat, schon ohnehin im Evangelium, das da ist eine wahrhaftigste, allerbeste Botschaft aus den Himmeln, und kann daher unmöglich etwas Arges in sich fassen. Daß aber die Fische im Kelche wenigstens vorderhand besser daran sind als jene ins Meer geworfenen, daran ist auch gar nicht zu zweifeln! Was meinst du nun, liebster Bruder, habe ich diese Sache recht aufgefaßt?«
   10] Spricht Borem: »Gott dem Herrn alle unsere Liebe! Bruder, freue dich, und frohlocke hoch im Herrn: nun bist du in deinem Geiste vom Herrn entbunden worden! Siehe, die Seele hat das nicht recht aufgefaßt, sondern allein dein Geist, den der Herr nun in dir erweckt hat in der Fülle. Darum begreifst du nun solches, das da ist rein der Himmel Gottes. Und siehe, das ist der Anfang der Löse, von der ich nun schon öfter mit dir geredet habe, und zugleich das Ende des zweiten Aktes dieses großen Geistesdramas!
   11] Deine Erläuterung des in der vorliegenden Szene Geschauten war richtig und wahr in allen Teilen, obschon du noch nicht in der Vollsehe bist. Was dir aber noch mangelt, wird dir der dritte Akt geben durch die endlose Gnade des Herrn. Darum gib nun nur wieder acht; in diesem Akte wirst du die ungeheuersten Erscheinungen zu Gesichte bekommen und daneben die rechte Anschauung der wunderbarsten Wege des Herrn, auf denen Er Seine Kinder führt zum einzigen großen Ziele alles Heils und Lebens! Gib nun acht, dieser wichtigste dritte Akt nimmt seinen Anfang!«


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