Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

57. Kapitel: Dank der erquickten Elenden. Ihre Klagen über das Erlebte. Rede eines aus einer glühenden Felsenpresse Geretteten. Martins Antwort.

   01] Bischof Martin macht nun die Tür auf und findet zu seinem eigenen großen Erstaunen diesen Schrank vollgepfropft mit Brot und Wein. Er spricht zuerst bei sich: »Gott sei Dank - schon meinte ich der Angesetzte zu sein! Denn hier verändert sich ja gleich alles. - (Dann laut zu der Gesellschaft:) Da nehmt und sättigt euch nach Herzenslust!«
   02] Und alle nehmen davon und essen und trinken; aber der Vorrat geht nicht aus, sondern mehrt sich sichtlich. Die Gesättigten aber loben ihren Wirt über die Maßen und bekommen viel schönere Züge und eine hellere Farbe im Gesichte; nur mit der Kleidung sieht es noch sehr jämmerlich aus.
   03] Als in kurzer Weile alle die tausend gesättigt sind und ihrem Wirte alles erdenkliche Lob gespendet wird, macht Bischof Martin den Wandkasten wieder zu und spricht zu seiner Gesellschaft: »Höret ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern, von denen ich soeben einige als solche erkannt habe. Macht nicht soviel Aufhebens mit euerm Lobe an meine außerordentliche Wenigkeit. Denn seht, mir macht das darum keine Freude, weil ich durchaus nicht der eigentliche Geber bin, sondern nur ein schlechter Austeiler dessen, was ich sicher zu dem Behufe vom Herrn Jesu Selbst unverdientestermaßen erhalten habe.
   04] So ihr sonach schon jemanden loben wollt, da lobt Jesus, den Herrn! Vorausgesetzt, daß ihr je von Ihm was vernommen habt, - was ich bei euch allen um so weniger voraussetze, da ihr eurer Aussage nach schon eine undenklich lange Zeit hier im Geisterreiche euch befinden müßt. In solchem Falle wäre es aber dann auch nötig, daß ihr von diesem alleinigen Gott und Herrn Jesus irgend einige Notiz nehmen möchtet!«
   05] Spricht einer aus der großen Gesellschaft: »Freund, du wirst etwa doch nicht den Juden Jesus meinen, der da an den Schandpfahl geheftet wurde mit noch ein paar Raubmördern?«
   06] Spricht Bischof Martin: »Ja, Freunde, ja, gerade Den meine ich! Dieser ist wirklich Gott und Mensch zugleich! Er ist der Urgrund aller Dinge! Außer Ihm gibt es ewig keinen andern Gott in der ganzen ewigen Unendlichkeit!
   07] Glaubt mir das, denn ich versichere euch: es hat wohl nie jemanden mehr Mühe gekostet als mich, so etwas anzunehmen! Mit Worten hätten mir das auch alle Erzengel nicht beigebracht. Aber da kam der Herr Jesus Selbst zu mir und lehrte mich durch rein nur Gott mögliche Taten, daß Er es ist: der alleinige Herr der Unendlichkeit! Und so bin ich darin nun ebenso stark, als ich ehedem über alle Maßen schwach war.
   08] Ich meine, so ihr das beherzigt, da kann es euch unmöglich mehr schwer werden, mit mir alles zu teilen, wie die Wohnung und Brot und Wein, so auch meine Überzeugungen!«
   09] Sprechen mehrere aus der Gesellschaft: »Wie recht, wie recht! Das versteht sich von selbst, wir wollen dir in allem gleichen! Wir haben freilich auf den Jesus bei unsern Lebzeiten eben kein großes Vertrauen gehabt. Und hier in der Geisterwelt um so weniger, weil wir zu hart gehalten wurden und von der göttlichen Milde nirgends auch nicht die leiseste Spur entdecken konnten. Von einem Jesus war daher auch bis jetzt keine Rede mehr, außer daß Er samt uns irgend als ein armer, betrogener Teufel schmachtet und alles verwünscht, was Er je auf der Erde getan und gelehrt hat!
   10] Aber wenn die Sache sich so verhält, wie du, lieber Freund, sie uns eben mitgeteilt halt, ist uns alles eins. Sei da Gott, wer da will, und heiße Er, wie Er will, wenn Er nur Einer ist, auf den man sich verlassen kann!
   11] Nur das eine ist uns etwas unbegreiflich, wie dieser dein guter Jesus uns arme Teufel eine so endlose Zeit hat können herumhetzen ohne Speise und Trank? Wahrlich, Freund, da hat ganz verdammt wenig Liebe und Barmherzigkeit herausgeschaut! Freilich ist jetzt alles gut. Aber an alle die Martern, die wir ausgestanden haben, dürfen wir nicht zurückdenken, sonst ist es aus mit unserer Liebe zu dem ewigen Seelenhetzmeister.
   12] Es ist zwar wohl wahr, daß wir alle auf der Welt uns um Seine Religion wenig oder gar nicht gekümmert haben und gingen unseren Gelüsten nach. Aber wir waren sonst doch ehrliche und honette Menschen aus den besten Häusern. Wir sind wie Kavaliere erzogen worden und lebten dann auch solcher Erziehung gemäß. Ein weiser Gott aber sollte das doch einsehen, daß sich kein Mensch selbst erschaffen und ebensowenig erziehen kann, wie er will!? Aber es sei nun, wie es wolle, die niederträchtigste Hetzerei hat nun ein Ende hoffentlich; daher sei Jesus von uns aus auch verziehen, was Er an uns allen getan hat.«
   13] Tritt ein anderer vor und spricht: »Hast wohl recht im Grunde, denn verzeihen ist schöner als sich rächen wollen. Aber ich werde dennoch mit dem vollen Verzeihen etwas innehalten. Denn du weißt es, wie ich 1000 Jahre nach meinem und euerm Gefühle zwischen zwei glühende Felsen eingeklemmt war und habe mehr gebetet und geflucht, als es da gibt des Sandes im Meere. Und hättet ihr durch eure äußerste Anstrengung mich nicht gerettet, so befände ich mich jetzt noch in dieser unerhört schmerzlichen Felsenpresse; ein allmächtiger Herr Jesus hätte diese Höllentortur nicht um ein Haar gemildert.
   14] Wisst, so was ist denn doch kein Spaß. Man merkt sich so etwas sehr leicht für ewig. Wahrlich, für so ein ewiges Leben wird sich sicher jedermann bedanken! Ich bin gerade auch kein Rache sinnender Geist, denn es wäre doch die scheußlichste Dummheit, so sich ein beschränkter Geist gegen einen allmächtigen Gott auflehnen wollte. Aber merken kann man sich das allerdings. Verstehst schon, was ich unter 'merken' verstehe!
   15] Spricht Bischof Martin: »Ja, ganz ja, und gut ist deine Bemerkung - habe ich doch selbst noch so einige Merkspitzel in mir, die mich noch manchmal ganz gewaltig stechen! Aber ich sage euch auch, was da wahr ist: der Herr Jesus hat daran nicht die geringste Schuld, sondern allzeit der nur, den es betrifft. Und oft wohl auch Seine, des Herrn himmlische Beamte, die nicht selten nach einer Willkür handeln, von der ihr noch gar keinen Begriff habt!
   16] Es läßt sich das freilich am Ende alles mit der Weisheit entschuldigen. Aber wehe dem, der unter solch eine Weisheitsscheibe zu stehen kommt: für den wäre es wahrlich endlos besser, so er nie wäre geboren worden! Daher ist der Herr auch allzeit zu entschuldigen und hoch zu loben, so Er fast allzeit in die Willkür solcher Geister eingreift und ihre Weisheit beschämt.
   17] Oh, diese himmlischen Engel sind Trotzköpfe ohnegleichen, so sie allein sind. Nur wenn der Herr kommt, da ziehen sie freilich gleich den Schweif von einem Mute ein und tun so süß und bescheiden, als so sie alle Weisheit aus der Demut mit dem großen Löffel gefressen hätten!
   18] Seht, das weiß ich alles und habe darum Jesus erst recht lieb. Tut demnach, wie ich's tue, so werden wir miteinander die ganze Ewigkeit leicht auskommen! Euer Wahlspruch sei: 'Der Herr Jesus allein ist lieb und gut!' Alles andere aber gehört rein der Sau zu, und Petrus und Paulus sind selbst keinen Schuß Pulvers wert.
   19] Nur das einzige gebt mir kund, wann ihr so ganz eigentlich die Erde verlassen habt müssen? Denn das sehe ich zufolge eures Gesprächs schon ein, daß ihr vor Christus nicht gelebt habt, da ihr um dessen nähere Verhältnisse zu wissen scheint, wie auch um die der römischen Kirche. Ihr waret also nach Christus erst zur Welt gekommen! Das ist klar; aber in welcher Zeitperiode, das allein gebt mir, so ihr's wollt, näher kund. Denn auf diese geisterweltliche Gefühlszeit kann man sich nicht verlassen, weil sie einem armen Sünder eine Stunde für eine ganze Million Jahre kann empfinden machen - was ich selbst leider nur zu deutlich empfunden habe!«


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