Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

56. Kapitel: Martins vergeblicher Versuch zu schlafen. Überraschung durch eine Schar Unglücklicher, deren sich Martin zu ihrem und seinem eigenen Heil erbarmt.

   01] (Bischof Martin:) »Aber was fange ich jetzt an, wo wende ich mich nun hin? Gehe ich etwa zur Tür des Mars, der Venus, oder soll ich zu den Türen des Saturns, des Uran, des Miron (der neu entdeckte Planet Neptun) oder der mehreren kleinen Planetchen hingehen? Am Ende begegnet mir noch Gröberes, noch Unverschämteres! Was dann? Denn von einer 'Gegenwehr' von meiner Seite kann da keine Rede sein, wo ich's weder mit der Kraft noch mit der Weisheit mit jemandem aufnehmen kann!
   02] Ich bleibe sonach für die Zukunft von allen Türen ferne und werde mich in irgendeinen Winkel hinmachen und da gleich einem Igel zusammenkauern und versuchen, ob es denn da nicht möglich ist, zu einem Schlafe zu kommen. Läßt sich das nicht tun, so will ich wenigstens ganz unbeweglich liegenbleiben in alle Ewigkeit und werde keine Nahrung nehmen und auch kein Wort mit jemandem mehr verlieren - möge da kommen, wer da wolle! Kurz und gut, ich werde tot sein für jedermann, sogar für die schöne Merkurianerin! Also alles Gott befohlen von nun an!
   03] Weil ich nicht aufhören kann zu sein, so will ich mich aber dennoch in eine Ruhe begeben, aus der mich kein Gott mehr erwecken soll. Dort seh' ich schon so ein Plätzchen. Nur hin - dort will ich liegenbleiben in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.«
   04] Bischof Martin begibt sich nun wirklich hin in eine Nische zwischen den Pfeilern, die die Galerie tragen. Er legt sich da hinein, ganz zusammengekauert, und versucht zu schlafen: aber natürlich - mit dem Schlafe geht es da nicht. -
   05] Nachdem er aber ungefähr nach irdischer Zeitrechnung bei zwei Stunden liegt, entsteht außerhalb des Hauses ein großes Getöse, etwa wie das eines sehr heftigen Orkans, unter dem sich Menschenstimmen vernehmen lassen also, als suchten sie Hilfe.
   06] Als solches Bischof Martin vernimmt, da erhebt er sich blitzschnell und sagt: »Ah, das ist was anderes; bei so was kann man nicht ruhig verbleiben. Da kann auch von meiner mir vorgenommenen ewigen Ruhe keine Rede sein. Nur schnell hinaus! Das sind Notleidende, denen muß geholfen werden!«
   07] Mit diesen Worten springt der Bischof eiligst hinaus und ersieht außerhalb seines Gärtchens wirklich eine Menge wie verfolgter Geister, die da Hilfe und Rettung suchen. Bei diesem Anblicke eilt er zum Gartenpförtchen, macht es auf und ruft allen den Verfolgten zu:
   08] »Hierher, hierher, ihr Freunde, ihr lieben Brüder alle - hier ist ein sicherer Ort! Hier seid ihr vor jeglicher Verfolgung sicher. Und so es euch hungert und dürstet, wird sich auch noch Rat schaffen lassen! Kommt sonach nur alle herein! Wie viele sind euer an der Zahl?«
   09] Spricht einer zunächst am Martin: »Wir sind unser bei Tausend an der Zahl, lauter elendeste arme Teufel! Wir sind der Hölle entlaufen und irren nun schon eine halbe Ewigkeit in dieser schrecklichen, endlosen Wüste herum und finden weder Dach noch Fach, da wir uns verbergen und nur ein wenig erholen könnten. Ach, ach, ach, das ist ein schreckliches Los, ewig ohne Ruh' und Rast verfolgt zu werden! Hast du, Edler, aber irgendeinen Winkel, der uns nur einige sichere Ruhe gönnen könnte, so nimm uns alle auf und rechne auf unsere Dankbarkeit.«
   10] Spricht Bischof Martin: »Freund und Freunde! Hier ist das Pförtlein - kommt, kommt, kommt nur alle herein! Mein Haus sieht zwar nicht groß aus von außen. Aber ich stehe euch dafür, wir werden alle hinreichend Platz darinnen finden!«
   11] Nach diesen Worten strömen die Verfolgten nun alle in den Garten und von da ins Haus. Alle sind voll des höchsten Staunens, als sie das Innere des Hauses so überaus herrlich und geräumig finden.
   12] Der erste umarmt gleich den Bischof Martin und spricht im Namen aller: »O du seligster Freund, wie herrlich ist es bei dir! Es ist das erste Licht seit Milliarden von irdischen Jahrtausenden! Seit wir die Erde verlassen haben, drang kein Lichtstrahl mehr in unsere Augen! O Licht, Licht, Licht, wie endlos herrlich bist du! O Freund, laß uns nimmer von hier ziehen - oh, behalte uns!«
   13] Spricht Bischof Martin: »Warum nicht gar, ich werde euch von hier lassen? Ich bin ja selbst froh, daß ich an euch eine so reiche Gesellschaft gefunden habe. Ihr bleibt bei mir ewig; macht's euch nur bequem. Ich habe freilich selbst nicht viel zum besten hier in diesem meinem Himmel. Aber was ich habe, das teile ich ja gerne unter euch, und wenn da auch für mich nichts bliebe. Gott sei's gedankt, daß ich endlich einmal eine Gesellschaft gefunden habe!
   14] Wahrlich, an euch habe ich nun meine größte Freude! Ja, ihr seid mir lieber als alle sogenannten himmlischen Engel Gottes, die in ihrer Glückseligkeit einen armen Teufel eine ganze Ewigkeit vergessen können und gar nicht bedenken können oder wollen, wie es einem Unglücklichen zumute ist. Ich sage euch: Der Herr allein ist gut, das muß ich sagen. Aber alles andere himmlische Gesindel kann mir ewig vom Halse bleiben! Denn dieses hat euch einen Weisheitsdünkel, der für einen geraden, ehrlichen Kerl, wie ich es bin und ihr es sicher alle seid, geradezu stinkt! Aber wie gesagt: Gott, den Herrn Jesus, nehme ich aus! Der ist wirklich gut; ja Er ist sehr gut!«
   15] Spricht wieder ein anderer aus den tausend: »Ja, ja, du hast recht: Der ist wirklich gut! Ihm alles Heil, so Er irgend Einer ist! Aber auf alles andere Himmelsgesindel halten auch wir alle nichts, dich, lieber Freund, ausgenommen!«
   16] Spricht Bischof Martin: »Liebe Freunde, bei mir hat der Himmel gute Weile, denn ich stehe mit euch so ziemlich auf einem Punkte. Doch wir haben noch Zeit nachher in Ewigkeit, über unsere Verhältnisse uns nach Muße zu verständigen. Daher wollen wir uns zuerst nach einer Magenstärkung umsehen. Nachher erst wollen wir unseren Herzen den freiesten Lauf gönnen. Kommt nun einige von euch mit mir her zu diesem Wandschrank, da habe ich einen kleinen Vorrat für Hungernde und Dürstende!«


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