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   01] Der Offizier geht nun sogleich hin zu den in Reih und Glied stehenden Kriegern und sagt: "Habet acht, Brüder! Bisher war ich noch immer euer Hauptmann und ihr gehorchtet mir, wie es biederen und rechtlichen Kriegern gebührt; denn der pünktlichste Gehorsam des Untergebenen gegen seinen Vorgesetzten ist die eigentliche Hauptmacht, mit der ein weiser Feldherr jeden Feind besiegen kann. Weil ihr aber eben in der Tugend des Gehorsams groß waret und ich über euch, die ihr hier stehet, nie eine Klage zu führen bekam, so hat es Gott dem Herrn also wohlgefallen, daß Er euch auch nach eures Leibes Tode in der Geisterwelt so lange unter meinem Kommando beließ, bis ihr durch meine oft an euch gerichteten Lehren und Ermahnungen auf den Punkt gebracht worden seid, von dem aus ihr einer anderen, freieren Lebensanschauung fähig wurdet. In dieser Anschauung habe ich euch, selbst nicht wissend wie und warum, auf diese Stelle gebracht, wo ihr noch stehet.
   02] "Wir waren alle mehr oder weniger noch von den Pflichtverhältnissen der Welt gefangen gehalten, obschon wir gar wohl wußten, daß wir uns in der geistigen Welt schon seit einer geraumen Zeit befanden. Wir dienten noch dem Kaiser, obschon wir keine Pflicht mehr gegen ihn zu beachten gehabt hätten. Und wir leisteten ihm sogar gute Dienste, denn die geheimsten Verschwörungen entdeckten doch nur wir zuerst und wirkten dann auf die noch auf der Welt lebenden Invigilanten (Amtspersonen) leicht also ein, daß diese dann alsbald auf die noch so heimlich gehaltenen Machenschaften bösgesinnter Gesetzes- und Ordnungsfeinde gewisserart mit der Nase stoßen mußten. Wir konnten dafür vom auf der Erde lebenden und herrschenden Kaiser freilich wohl keinen Sold mehr beziehen; aber dafür erhielten wir von unserem Gewissen den schönsten Lohn, und zwar in dem sicheren Bewußtsein, so manches sehr gräßliche Unheil von dem Staate, der uns geboren, ernährt und erzogen hatte, abgewendet zu haben. Und so übten wir denn noch als Geister für den irdischen Staat einen guten Dienst, bis zu diesem Zeitpunkte, in dem wir uns jetzt befinden.
   03] "Aber von nun an tritt für uns alle ein ganz anderes Lebensverhältnis ein. Der Weltdienst hört nun für ewig auf und ein rein geistiger im Namen Gottes des Herrn tritt an seine Stelle. Diese Waffen, wie ihr sie nun traget, werdet ihr fürder nimmer gebrauchen. Wir werden zwar fortan auch kämpfen im Reiche Gottes, aber nicht mehr mit den Waffen zum Tode, sondern mit den Waffen zum Leben. Und diese neuen, herrlichen und mächtigsten Waffen heißen: Die Liebe zu Gott dem Herrn und die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern, die noch irgendwo in großer Armut ihres Geistes stecken. - Leget daher nun diese Waffen ab! Sie sind ohnehin nichts als pure Gedankenstriche unserer noch von der Erde her mitgenommenen Einbildungskraft, und es liegt daher an ihrem scheinbaren Verluste um so weniger etwas, da sie an und für sich nichts sind.
   04] "Dort aber sehet hin! Ein herrlichst gestalteter Mann, der soeben Sich mit einer himmlischen Jungfrau bespricht, die, wie von der Wonne aller Himmel auf einmal durchglüht, so überselig vor Ihm steht - dieser Mann ist Jesus, der große Heiland der Welt, und ist zugleich in einer und derselben Person Gott, das allerhöchste Wesen Selbst, der alleinige Schöpfer aller Geister- und aller Materiewelten! - Dieser ewige und alleinige Herr der Unendlichkeit läßt euch nun durch mich zu Sich rufen, auf daß Er euch gebe das ewige Leben. Leget also nun sogleich diese Waffen ab und folget mir zu Gott, dem allmächtigen Vater und Schöpfer der Unendlichkeit!"
   05] Aus diese wirklich kräftige und geistvolle Rede des Offziers legen alle die Waffen vor sich auf den Boden und begeben sich sogleich mit dem Offizier zu Mir hin. Als sie sich in einem ziemlich gedehnten Halbkreise um Mich gestellt befinden, segne Ich sie sogleich alle. Und alle loben Mich einstimmig mit den herrlichsten und rührendsten Lebemworten - ganz besonders aber ein Feldwebel, der bei dieser Gelegenheit einen glänzend vollendeten Vorredner und Vorsprecher macht.
   06] Dieser Feldwebel war auf der Erde seinem Glaubensbekenntnisse nach ein Jude und hielt fest dafür, daß der Messias erst kommen werde und daß nach einer mystischen Berechnung der jüdischen Kabbala nun eben die Zeit da sei, in welcher der Messias ganz unfehlbar in der Welt erscheinen müsse, um Sein Volk, die Juden, wieder zusamnmenzubringen in das Gelobte Land und es da zum ersten und mächtigsten Volke der Erde zu erheben. - Mit solchem Glauben war also unser Feldwebel in die Geisterwelt hinübergegangen und wartete auch da sehnsüchtigst auf den großen Messias. - Als der Offizier aber der noch unter Waffen stehenden Mannschaft von Mir die Kunde sowie die Verufung in Mein Reich überbrachte, da meinte der Feldwebel anfangs, daß Ich der erwartete große Messias der Juden sei, nur machte ihn stutzig, das Ich auch die anderen berief, die da keine Juden waren.
   07] Als aber der Offizier vor der Truppe Meinen Namen nannte, da ging dem Feldwebel ein mächtiges Licht auf und er sagte zu einem Kameraden, der auch ein Jude und ein eifriger Erwarter des Messias war: "Du! Mir scheint jetzt nur zu klar - wir haben Ihn denn doch verpaßt! Auf den Jesus trafen denn doch am meisten und am leichtesten die Weissagungen zu; aber die Dummheit: »Aus Galiläa steht kein Prophet auf!« hat Millionen geblendet. Es mag ja so sein, daß aus Galiläa kein Prophet erstehe; aber warum soll deshalb der Messias, der mit dem Prophetentume nichts gemein hat, nicht aus Galiläa gekommen sein?! Der Messias ist nach David Jehova Selbst und braucht nicht unter dem Mantel eines Propheten zu Seinem Volke zu kommen, sondern alsogleich als Jehova. Und dazu kann Er gerade Galiläa wählen, damit die Menschen, die dummen Menschen, nicht verleitet werden sollen, am Ende auch den Herrn aller Menschen und Propheten für einen Propheten zu halten, weil Er gerade von dort herkam, von woher nie ein Prophet kommen kann. Kurz und gut, Jesus aus Nazareth in Galiläa gebürtig, war der erwartete Messias! Aber wir haben Ihn allezeit verpaßt, und unsere Brüder werden Ihn noch gar oft verpassen. Wir beide aber werden Ihn nicht mehr verpassen! - So wir vor Ihn treten werden, da lasse mich reden! Ich werde Ihm unsere grobe Blindheit gehörig darstellen und dann für alle ein gebührlich Lob ganz nach Davids Art aussprechen."
   08] Darnach machte dieser Feldwebel denn auch, wie schon erwähnt, (für die anderen Soldaten) den Hauptvorredner und ist nunmehr einer Meiner glühendsten Anbeter, so daß sich alles hoch verwundert über seine echt orientalisch-erhabene Wohlredenheit.
   09] Der Offizier aber sagt nach einer Weile: "Ich war auf der Erde und auch hier in dieser Welt sein Vorgesetzter; und nun ist er in der Weisheit ein Seraph, und ich, bei all meiner auf der Erde erworbenen theosophischen Kenntnis, die dazu hier noch eine große Ausbildung bekam, ganz glattweg ein Esel! Seht nur diese herrlichen Bilder, diese Weichheit, Zartheit, dieser ungezwungenste Schmelz seiner so herrlich angebrachten historischen Episoden! Nein, so man ein Stein wäre, so müßte man bei solch einer Rede ätherweich werden! O wenn er diese Rede nur aufgeschrieben hätte! Wahrlich, ich könnte sie gerade tausendmal nacheinander lesen. Wie herrlich ist z.B. Der Satz:
   10] "»Dorthin, Du ewiger Vater, wo der Sterne zahllose Myriaden von heiligem Schauer gedrungen ihr reines Angesicht mit dem dunklen Schleier der Nacht umhüllen, wo der lichte Aar und der glanzvolle Schwan an dem Gotteswege ewige Wache halten und ewig erstaunt in die nie gemessenen Tiefen Deiner Werke schauen - dorthin war auch oft mein mattes und von heiliger Wehmut tränenfeucht gewordenes Auge gerichtet und harrete also mit Adler und Schwan am großen Wege Jehovas, des großen Verheißenen!«
   11] "Das habe ich mir gemerkt und durchdachte nur so ganz flüchtig dies eine Bild und fand eine Größe, eine Tiefe und eine so hohe Weisheit und Wahrheit darinnen, daß es mich geradewegs zu schaudern begann! - O Herr, Du heiligster Vater! Wie kam denn dieser Jude nun auf einmal zu solch einer Weisheit und echt himmlischen Lyrik? - Nein, auch das Bild von der alten Zeder Libanons, von der Zinne Ararats, vom Euphrat und Ganges, von der Wiege Judas, von der Blume der Wüste - o Gott, was liegt da in solchen Bildern! - O Herr, gib mir auch nur etwas Weniges von der Weisheit meines früheren Feldwebels!"

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