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   01] Sagt einer aus der Mitte der hundertunddreizehn: "Diese Rede war gewichtig und deckt mir manches Geheimnis des Lebens auf. Denn wer am Gesetze hängt, der hängt auch wie am Galgen dem (Gesetzes-) Geistes. Und die Sünde sowie nach ihr die Strafe sind nichts als Kinder des Gesetzes. Je mehr es Gesetze gibt, desto mehr gibt es auch Übertretungen und Strafen. - Warum sind denn nun in Enropa beinahe alle Kerker mit Verbrechern angestopft? Weil die Belagerungsstände (Militärgewalten) eine Menge neuer Gesetze erfunden haben und weil die Menschheit aber - der allgemeinen Ordnung und Vermögens- und Lebenssicherheit wegen zur Darnachachtung genötigt - von Anfang an dieses Joch hat abschütteln wollen! So sind die Menschen dann dafür in die Löcher hineingeschüttelt worden und sind richtig durch das Gesetz verflucht zur Strafe! - Das Gesetz ist für Gesellschaften zwar nötig, aber dabei doch stets ein Übel und ein Fluch in der Gesellschaft.
   02] "Denn wären die Menschen wie sie als wahre Menschen sein sollen, dann benötigten sie sicher keines Gesetzes und stünden weit über jedem Gesetze. Aber da die Menschen, wie die Erfahrungen es allezeit nur zu hell zeigen, mehr Tiere (und oft von der bösesten Art) als Menschen sind, so bedarf es freilich auch entsprechender Gesetze, durch welche die wilden Leidenschaften der bildungslosen Menschheit gezügelt und gebändigt werden. Was wäre eine Schule ohne Schulgesetze?! Was eine große Menschengesellschaft ohne Gesetzesordnung?! Daher müssen wohl Gesetze sein als ein Übel gegen ein anderes Übel. - Aber dessenungeachtet läßt sich doch immer eine weise Gesellschaft von Menschen denken, die keiner Gesetze bedarf und dadurch auch völlig frei und glücklich ist und sein muß. - Das also sehen wir alle hoffentlich recht gut ein und können diesem Paulus nur alles Recht zu- und nachsagen!
   03] "Aber wie kann sich ein Mensch, oder (wie können sich) hundert Menschen von noch so entschiedener Weisheit übers Gesetz hinaussetzen, mag das Gesetz ein natürliches oder ein moralisches oder politisches sein? Hält man das Gesetz, so ist man doch offenbar ein Sklave des Gesetzes. Und hält man es nicht und setzt sich darüber hinaus, so wird man vom Gesetze vors Gericht gezogen, allwo einem des Gesetzes Fluch zuteil wird. Macht man aber das Gesetz gewisserart zur zweiten Lebensnatur und hat an der Erfüllung desselben eine förmliche Lust, gleichwie ein Scharfrichter an der Hinrichtung eines armen Sünders (auf die sich mancher Henker oft schon wochenlang freut) - so ist man dadurch sich selbst zum lebendigen Gesetze geworden. Und weil das Gesetz selbst ein Fluch ist dem Menschen, so muß ja denn auch ein Mensch, der es zum Selbstgesetze gebracht hat, der hartnäckigste Fluch sein. Wahrlich, da heißt es wohl: Herr, wer wird mich vom Gesetze je erlösen können?!
   04] "Wir sind aus lauter Soll und Muß zusammengesetzt. Das Muß ist rein des Teufels, und das Soll ist um nicht vieles besser. Denn was einmal geschehen muß nach dem Willen einer allmächtigen Gottheit, das ist schon gerichtet. Was aber als dem eigenen menschlichen freien Willen anheimgestellt geschehen soll, das ist zwar noch nicht gerichtet, aber es steht in der beständigen Erwartung des Gerichtes.
   05] "Nun frage ich euch als einer eurer besten Freunde: was tun wir, oder was wollen wir tun? - Dieser Mensch mit dem Apostelnamen, oder meinetwegen auch derselbe Apostel selbst (so wir uns hier schon durchaus in der Geisterwelt befinden, was mir im Grunde, offen gesagt, gar nicht unangenehm wäre; denn der Gedanke an den Tod war doch stets meine größte Qual!) - hat uns diese Geschichte wahrlich sehr klar und wahr auseinandergesetzt. Was ist's denn? Folgen wir ihm? - In die Hölle, die es sicher nirgends gibt, wird er uns nicht führen und vor ein Gericht auch nicht! Und so können wir ihm ja auf die Gasse hinaus folgen. Da wird sich's dann wohl zeigen, was Er eigentlich mit uns will."
   06] Sagen die andern: "Ja, ja, wenn wir schon wirklich in der lieben Ewigkeit sein sollten, da wäre es sogar dumm von uns, wenn wir einem gescheiten Kampl von einem Paulus nicht folgen möchten! - Nun, und gefällt es uns draußen nicht, da können wir ja immer wieder umkehren. Denn gezwungen können wir draußen doch ebensowenig werden wie hierinnen."
   07] Spricht nun wieder Paulus, der sich unterdessen ganz ruhig verhielt: "So frei ihr hier seid, ebenso frei und noch um vieles freier sollet ihr in dem Befolgen meiner Lehre und meines guten Rates an euch alle sein! - Ich sage euch allen, meine lieben Brüder in Gott dem Herrn, was verlieret ihr eigentlich hier, so ihr diese Stube verlasset? Nichts als eine ekelig leere Erwartung einiger wollüstiger Dirnen, die auch bloß eure dumme, blind erhitzte Einbildung vormalt, die aber sonst für euch und für gar viele euresgleichen in solch naturmäßigem Zustande nirgends in der Wirklicheit zu finden und noch viel weniger zu haben sind. Was ist ein leerstes Phantasiebild gegen die Wahrheit? - Ich aber will euch für all das ekelhafte Leere die vollste Wahrheit geben! Was soll euch denn hernach noch abhalten können, mir zu folgen in die heiligen Sphären des Lichtes, der Wahrheit und des Lebens, welches ist die Liebe in Gott, der da ist Christus, der Ewige, der Wahrhaftige!?
   08] "Ihr seid nun schon eine geraume Weile leibesledig hier in eurer einbilderischen Erwartung. Aber welche Erfolge sind euch geworden? - Sehet, gar keine! - außer daß sich euch dann und wann ein nebliges Gebilde irgendeines weiblichen Wesens auf einige Augenblicke gezeigt hat und dann wieder in nichts verrann. Diese Augenblicke sind aber auch alles, was ihr hier als euch Beseligendes aufzuweisen habt! Nicht einmal einen schlechtesten Wein und nicht einen Bissen Brot, und kurz gar nichts habt ihr noch genossen! Und dennoch wolltet ihr anfangs nichts hören vom Verlassen dieses leeren Ortes, der zu sonst nichts taugt als zum noch dümmer und noch elender werden, als ihr es ohnehin schon lange seid.
   09] "Aber wohl euch nun, daß ihr in euch den guten Entschluß gefaßt habt, mir zu folgen! Denn nun werdet ihr erst dahin gelangen, wo die Urwahrheit und Urwirklichkeit alles Seins und Bestehens zu Hause ist, - In der Welt ist alles, was euch je irgendwo vorgekommen ist, Lüge und Täuschung. Euer Besitz, eure Wissenschaft, alle eure Künste und Schätze, euer Leben selbst - nichts als Lüge und Trug war es! Und wäre die materielle Welt etwas Besseres, so müßte sie beständig sein, wie die Wahrheit selbst als eine und dieselbe für ewig beständig ist und bleibt! - Was aber bleibet in der Welt als beständig? Ich sage es euch - nicht einmal das Wort Gottes! Denn auch dieses wird so viel nur immer möglich von der Lüge der Welt durchtrübt und dann in allerlei Dummes, Falsches und Böses verkehrt. Darum ist es aber den Menschen verhüllt gegeben, auf daß es in seinem Heiligsten nicht verunreinigt werden kann. Die Welt ist nichts als eine auf eine bestimmte Probezeit gerichtete Lüge. So diese beim Menschen aufhört, dann erst beginnt das Gottesreich der ewigen Wahrheit! - Und so machet denn nun auch ihr in euch der Welt ein Ende, auf daß dann in euch das Gottesreich anfangen kann, Platz zu greifen! -Und so denn folget mir alle!"
   10] Sagt einer, der, seiner Natur nach eines guten Humors, stets mehr lustig als traurig ist: "So leb, denn wohl du stilles Haus, wir zieh'n von dir vergnügt hinaus! Sollten wir uns irgendwann in der allerliebsten Ewigkeit wiedersehen, so werden uns beiden die Augen offen stehen! - O du liebes Gebäude du, wie schön haben wir in dir Hunger und Durst und an durchaus keinem Geldüberflusse gelitten! Ja, wie oft sind wir vor allerlei Rührung zwischen deinen vier Wänden zu Tränen gekommen, an denen aus purer, freisinniger Ökonomie nur zwei schmale und niedere Fenster angebracht sind, jedes aus sechs kleinen Glastafeln bestehend, die aber so vielfach mit Blei durchzogen sind, daß dem Lichte nur sehr kleine Flächen zur beschmutzten Durchpassierung belassen sind. Oh, das ist rührend! - Freunde, daß wir beim Verluste dieses Hauses nicht nur nichts verlieren, sondern nur ungeheuer gewinnen, das wird hoffentlich doch jedem von euch bestens und klarst einleuchtend sein! - Mit dem Haus ist's also aus! Nun werden wir sehen, wie es uns gehen wird drauß!
   11] "Das Spassigste bei der Sache aber ist und bleibt das, daß wir schon sämtlich, wie wir hier sind, unsere Madensäcke abgelegt haben und bloß Seelen sind mit Haut, Haaren, Knochen, Hintern und noch was. Auch müssen wir als Seelen die gewöhnlichen Notdurften verrichten und Hunger und sehr viel Durst verspüren, haben aber wenig, um sie zu stillen! Merkwürdig! Daher wird's wahrscheinlich kommen, daß man schon auf der Welt oft sagt: Das ist aber eine arme, hungrige und durstige Seele! Ja, ja, über ein elendes Leben in Wien steht denn doch nichts auf! Das dumme Völkel singt mit hungrigem Magen noch immer ein lustig's Liedchen vom Tod. Die Reichen geben nichts her, die Minister schreiben Steuern aus, der Kaiser weiß sich vor lauter Unterhaltungen nicht zu helfen und schaut nur, was der Herr Kaiser-Großpapa im Eisbärenlande (Zar Nikolaus von Rußland) spricht. Dies einzige hat ein Gewicht, alles andere ist nichts. Und wer da was dawider spräche in seiner Not und Schwäche, der kann's verspüren bald, ob jung er oder alt mit wem er's hat zu tun im Belagerungsstande nun! Der Kaiser ist nicht faul und gibt ihm eins auf's Maul! - O Nikolaus, o Nikolaus, du großer Mann! Nach Österreich hast dir gebaut die Bahn, und Preußen in der großen Not leckt schon jetzt an deinem Kot! Was wird's erst später werden auf der lieben Erden!? Das Deutschland in Wirr'n schon schmeißet Zwirn. Und 's liebe, starke Frankreich, wird auch schon totenbleich. Wenn England sich nur rührt, wird Europa gleich verwirrt! Oh, das sind schöne G'schichten! Sei'n wir froh, daß wir nimmer leben auf der Erd! O Wien, o Wien, o Wien, wohin, wohin, wohin treibt dein Unsinn, Unsinn, Unsinn?!
   12] "Aha, schau, schau, schau der Mensch! - Während meines Geplausches sind wir nun auch samt und sämtlich auf die Gasse gekommen! Wie war denn das möglich. Ich kann mich ja gar nicht erinnern, daß ich auch nur einen Fuß in die Höhe gehoben hätte!"
   13] Sagt sein Nachbar, so ein recht derber Patron: "Wie kannst du aber a so dumm sein und um so was frogn?! Siehst denn nit, was dös ist? Dös ist halt eine Zauberei, Gott steh uns bei!" - Sagt der Humorist: "Wenn nur ein Tiroler nie sein Maul auftät! Denn wenn ein Tiroler zu reden beginnt, so bebt die ganze Erde vor Dummheit!" - Sagt der Tiroler: "Dös laß du stehn, daß du mi schimpfst, süscht (sonst) kriegst mir a Fauntschn (Ohrfeige) auf dei Gfrieß, daß dir die rote Suppn obedreantschn (herabrinnen) wird."
   14] Sagt der Humorist: "O du dummer Kerl von einem Tiroler! Siehst denn nicht, daß wir jetzt Geister sind, die bloß Willen und Verstand, aber keine Leiber haben!? Wir sind nun so etwas außerordentlich Luftiges. So du mir nun eine allerechteste Tirolerfauntschn gäbest, vor der sonst das gesamte Rindvieh von ganz Europa eine besondere Achtung haben soll - so würdest du dich damit nur lächerlich machen, denn da schlügest du mit deiner Luft aus die meine, und es schlüge da eine Dummheit die andere. - Peter! Stecke daher ein dein Schwert, es hat ja keinen Wert! - Denn wer mit dem Schwert umgeht, der kommt auch durchs Schwert um! Siehst du, das steht geschrieben in der Heiligen Schrift! - Hast du sie einmal gelesen?" - Sagt der Tiroler: "Aber bist du dumm! Wie kunnt ich's denn lesen, bin doch nie in a Schul gangen! Aber dös weiß i wohl, daß i von d'r Heiligen Schrift mehr weiß als du!"
   15] Sagt der Humorist: "Nun, nun, werde nur nicht so massiv wie deine Berge in deinem Landl! - Schau lieber dorthin, wo unser Paulus nun gar so freundlich mit einem lieben, schlichten Manne sich bespricht und wie ihm jener die Hand drückt wie aus lauter dankbarer Freude! - Und dann schau dort weiter rechts hin - ein Mädchen, wie's keine zweite mehr wo gibt! No du, dös wär a so a rechte Tausendelement-Lisl! Du, dös wär a anders Früchtl als deine fünf-zahnlückete Nani beim gschecketen Hirschen! - Du, da gehen wir ein wenig näher hin! Meiner Seel, die wär mir schon lieber als wie die österreichische Staatsschuld! Was meinst du blatter-steppiger (blatternnarbiger) Tiroler?" - Sagt der Tiroler: "Du bist halt noch immer a damisches Luder von an Menschn! Siehst denn nit, daß auf solchen Bamern (Bäumen) für uns keine Feigen wachsen?! Bleiben wir, wo wir san! Da ist's viel gscheiter für uns."
   16] Spricht der Humorist: "Gelt, du hast nur keine Courage nicht, sonst gingest du schon hin! Ja, ja, die Courage, die Courage - die fehlt dir wohl sehr stark! Denn ich habe es immer gehört, daß die Tiroler nur hinter den Felsen, wo sie schußsicher sind, couragierte Leute seien, aber im offenen Felde der Davonlauferei sehr ergeben, so es irgendwo ein wenig hitzig herzugehen beginnt. Und so wirst du davon wohl etwa auch keine Ausnahme machen! - Ich aber werde wohl hingehen und werde pflichtgemäß dem guten Paul meinen Dank abstatten, daß er uns so gut und zu unserem Wohle ins Freie herausgeführt hat! Wir sind freilich nun noch in unserm lieben Wien, aber doch wenigstens in einer der belebtesten Straßen, wo es stets sehr lebhaft zugeht! Und das ist schon ein ungeheurer Profit und steht viel höher als das Hocken in einer solchen wahrhaftigen Bleikammer und sich in derselben von allen T'rullern (Tirolern) abdrucken lassen. - Kurz und gut, Paul hat an uns Großes getan; ich muß ihm darum meinen Dank abstatten!" - Spricht der Tiroler: "Siehst, siehst, was du für a Hauptlump bist!? Meinst, ich kenn dich etwa nit!? Dös Menschl sticht dich in d' Augn, und döshalben mögst hingeahn, aber mit etwa n' Paul z'dankn! Aber schau nur, daß d' weiter kimmscht, sünscht wirst du bald seahn, obs die T'ruller a Courage habn oder nit! Verstehst mi?!"
   17] Spricht der Humorist zu einem andern Nachbar: "Freund, magst du mit mir hingehen, dem Paulus zu danken, daß er uns aus dieser Bleikammer befreit hat? Denn mit diesem vierschrötigen Tiroler ist nichts anzufangen. Sagt man ihm etwas, so wird er gleich schlagsüchtig und gebärdet sich wie ein Stier, der gerade im Begriffe ist, seinen Hörnern so ein kleines unschuldiges Stoßvergnügen zu verschaffen. - Also, wenn's dich nicht geniert, so gehe mit!" - Spricht der Angeredete: "Ich geh auch nicht! Denn du hast auch mich beleidigt, indem ich auch ein Tiroler bin, freilich mehr gebildet als der andere. Wenn du den Tirolern Mangel an Courage vorwirfst, so bist du ein dummer Mensch, der nicht weiß, daß die Tiroler die allertapfersten Krieger sind und allzeit waren. Schau, du damischer Wiener, wenn du ein rechter Mensch wärst, der Kopf und Verstand hat, so nähmest du schon von weitem den Hut vor jedem Tiroler ab! Denn das sind noch Leute, die in die Welt taugen! Ihr Wiener seid sonst nichts als allergemeinste Mistkäfer. Und es ist für längere Zeit für keinen ehrlichen Mann eine Ehre, mit euch in Familie zu leben!"
   18] Spricht der Humorist: "O je, o je! Jetzt hab ich's gut gemacht! Zwischen zwei Feuern vom gröbsten Kaliber! Jetzt habe ich aber auch die höchste Zeit, daß ich weiterkomme, sonst entleert sich noch ehestens ein echtes Tiroler Hochgewitter über mein Haupt!"
   19] Hier verläßt der Humorist seine Hochgebirgsgesellschaft und begibt sich schnell zu Paulus hin und sagt: "Liebwertester Freund! Du hast uns allen eine große Wohltat erwiesen. Aber wie ich bemerke, so ist es noch keinem eingefallen, daß er sich hier draußen im Freien bei dir dafür bedankt hätte, daß du uns durch die Wahrheit deiner Rede aus unserer wahren Bleikammer befreit hast. Ich habe daher, vom tiefsten Dankgefühle gedrungen, mir als erster die Freiheit genommen, dir als unserem allerwertesten Freunde hiermit meinen tiefsten und wärmsten Dank darzubringen!"
   20] Sagt Paulus ein wenig lächelnd: "Schön, schön von dir! Aber nur hättest du hier auch den Hauptgrund angeben sollen, der dich vorzüglich ganz besonders zu diesem Deinem Dankgefühlsaufschwunge vor mir genötigt hat. Sieh, der grobe Tiroler hatte recht, als er zu dir sagte: »Nicht der Paulus, sondern das ,Menschle' sticht dir in die Augen!« Also in Zukunft nur alles, was wahr ist! Denn hier, vor uns, ist es wohl keiner Seele möglich, sich zu verstellen! Gehe aber jetzt nur auch zum ,Menschle' hin und mache ihr dein Kompliment! Aber vergesse es nicht, daß sie schon das Weib eines Mannes ist, und zwar eben desjenigen, der neben ihr steht!"
   21] Spricht der Humorist: "Lieber Freund, ich danke dir auch für diese Belehrung, denn sie ist durchaus wahr! Aber daß ich nun dieser wahrlich allerholdesten Dame sogleich ein Kompliment machen solle, während sie mit ihrem Gatten in ein tiefes Gespräch versunken dort steht, dürfte denn doch ein wenig unschicklich sein!? Je mehr ich sie aber betrachte, desto bekannter kommt mir ihr Gesicht vor, wie auch das seine. Er hat, so ich mich nicht irre, eine ganz außerordentlich frappante Ähnlichkeit mit dem berüchtigten - hm, hm - fällt mir aber gerade jetzt der Name nicht ein! No, no, no - kurz, er sieht einem Hauptdenmokraten gleich, den ich vor ein paar Jahren oft, oft in Wien gesehen habe! Vom Sehen aus sind mir also er und sie bestens bekannt, aber natürlich die Namen können mir nicht bekannt sein!"
   22] Spricht Paulus: "Daran liegt auch vorderhand sehr wenig, und wir haben nun gar um sehr vieles wichtigere Dinge zu tun, als uns mit ein paar Namen herumzubalgen und uns dann drei Tage lang nach irdischem Gebrauche zu verwundern, daß diese die und die seien. - Ich werde dir aber nun einen andern Rat geben! Den befolge du, und es wird dein Schaden nicht sein! - Falle du nun vor diesem meinem höchsten und allerbesten Freunde auf deine Knie nieder und sage: »O Herr, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig! Nehme mich als ein sehr verloren gewesenes Schaf in deiner großen Gnade auf, und lasse auch mich die Ausflüsse deiner Liebe und Erbarmung genießen!« Sage aber solches mit aller wärme deines Herzens aus, und dir soll dafür Heil widerfahren!"
   23] Spricht der Humorist: "O Freund, du verlangst sehr viel von mir! Bedenke, wie mich alle meine Bekannten auslachen und für einen barsten Trottel ansehen werden! Und so mich dann jemand fragen wird und sagen: "Warum tust du wohl solches? Wer ist denn der, vor dem du wie vor dem allerheiligsten Altarsakramente bei der Wandlung auf die Knie gerutscht bist und vor dem du schon getan hast, als so er unser Herrgott wäre?!« - was werde ich solch einem Fragesteller zur Antwort geben?" Sagt Paulus: "Nichts als: »Tue auch du desgleichen, so wird es für dich besser sein als solch ein leeres Fragen! Denn Der, vor Dem ich niederfiel, ist Jesus Christus, der Herr Himmels und aller Welten!«"
   24] Hier fällt unser Humorist auf den Boden nieder und sagt hell lachend: "Nein, was z'viel ist, ist z'viel! Entweder bist zu zeitweilig ein Narr, oder dir beliebt es, mich und uns alle dafür zu halten und dich also an unserer Schwäche zu belustigen! - Es ist genug, daß wir dich unter dem Namen des alten, berühmten Apostels verehren, weil du uns wirklich durch deine Lehre zu einem wahren Apostel geworden bist, aber daß nun dieser dein noch schlichter als du aussehender Freund nun so ganz mir und dir nichts Christus der Herr sei und die zwei andern höchstwahrscheinlich auch ein paar Apostel und jene Dame etwa gar die allerseligste Jungfrau mit dem hl. Joseph (oder was beißt mich da unter der Achsel?) sein solle - sieh, das geht vom Himmelblauen schon rein ins Hellkirschrote über! Lieber Freund, ist das wirklich dein Ernst, oder machst du einen Spaß mit uns!
   25] "Ich sage dir, Freund, aber nun ganz freundlich ernst: Mit derlei Spässen bleibe du uns vom Halse! Denn sie könnten dir mit der Zeit ganz verdammt übel bekommen! - Denn wisse du, mein sonst allerhochschätzbarster Freund, obschon ich zwar kein Pharisäer bin - das heißt in der neuen römisch-katholischen Art, die Christum aus Stärkmehl backt und vor einer Oblate aufs Gesicht fällt, im Herzen aber Christum und Sein heilig Wort sowie auch jeden, der sich rein nach der Gotteslehre Jesu hält, haßt und verachtet - so bin ich dennoch ein wahrer, innerer verehrer Chriti und bekenne vollkommen Seine unbestreitbare Göttllichkeit. Aus diesem Grunde aber ist Er mir denn doch viel zu erhaben und zu heilig, als daß ich Ihn hier in den weltberühmt allergemeinsten Wiener Straßenkot herabziehen sollte! - Glaube mir, obschon ich zwar in manchen Punkten, besonders im Punkte des schönen Geschlechts, kein Trapist (Mitglied eines asketischen Ordens), kein Plato und kein Sokrates bin, so bin ich dessenungeachtet ein großer Freund, Verehrer und Anbeter Christi! Daher bitte ich dich wohl, mit diesem Namen aller Namen ein wenig behutsamer umzugehen!"
   26] Sagen nun auch die sieben, die sich zuerst an den Paulus angeschlossen haben: "Ja, ja, der Pepi hat recht! Christum den Herrn muß man höher achten! Und es ist nicht schön von unserem sonst sehr achtbaren Freunde, daß er den Gottessohn in so einen ganz gewöhnlichen Menschen herabziehen will!" - Sagt Paulus: "Seid nur ruhig! Es soll sich übrigens bald zeigen, ob ich recht habe oder nicht! - Ziehen wir nun weiter! Denn hier sind wir bereits vollkommen fertig! Der Herr geht, und so denn gehen auch wir!"

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