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Kapitelinhalt 58. Kapitel: Die Miron-Ziege. Der Bodedbrucker.

   01] Aus der Reihe der vierfüßigen Tiere dieses Planeten wollen wir noch drei Klassen, oder vielmehr drei Gattungen, erwähnen und kurz beschauen; sodann nach einem allgemeinen Überblick sogleich zu den zweifüßigen übergehen.
   02] Das nächste Tier, das wir aus der Reihe der Vierfüßler betrachten wollen, ist die gemeine Ziege, welche ebenfalls einheimisch ist und von den Bewohnern als ein nützliches Haustier gehalten wird. Dieses Tier hat ungefähr die zehnfache Größe einer großen Kuh bei euch, sieht aber weder einer Kuh noch einer Ziege eurer Erde ähnlich, und ist daher so, wie es in diesem Planeten vorkommt, auf keinem andern Planeten wiederzufinden. - Wie sieht denn hernach dieses Tier aus? - Der Mittelleib ist überaus voluminös (umfangreich), so daß der Umfang des Bauches nicht selten zwölf Klafter beträgt. Die Füße aber sind im Verhältnis ganz stelzenhaft mager. Statt der Klauen eurer Ziegen hat dieses Tier, fast nach der Art eurer Gänse oder Enten, mit starker Zwischenhaut versehene Zehen; jedoch vorne nicht mit spitzigen, sondern mit stumpfen Krallen. Der Steiß dieses Tieres läuft in zwei förmliche Kegel aus, wovon ein jeder über anderthalb Klafter sich über dem Rückgrat erhebt. Zwischen diesen beiden Steißkegeln sitzt ein verhältnismäßig langer, rüsselartiger Schweif, welcher am Ende mit einem mäßigen Haarbusch bewachsen ist. Bis auf die Rückenzeile hat das Tier kurze Haare; auf der Rückenzeile aber stehen lange und steife Borsten reichlich und dicht aneinander, welche nicht selten über zwei Ellen lang sind und manchmal so dick wie ein schwacher Gänsekiel bei euch. Allda aber, wo die Füße den Leib verlassen, sind sie mit einem dichten Wulst von gekrauster Wolle ringförmig umfangen; ebenso auch mit einem kleineren unter dem Kniegelenk. Vor den beiden Füßen erhebt sich dann ein vollkommen runder Hals, der ebenso lang ist wie der ganze Körper und durchweg mit kurzen Haaren bedeckt ist. Auf diesem Halse sitzt dann ein Kopf fast von der Gestaltung eines Kamels bei euch, nur ist er dadurch unterschieden, daß er von der Stirn geradeaus drei ziemlich lange und wohlgespitzte Hörner hat, wovon das mittlere etwas stärker und länger ist als die beiden äußeren. - Gerade in der Mitte des Bauches hängen bei dem Weibchen, welches gemolken werden kann, vier starke Zitzen herab, - wodurch den Bewohnern eine recht wohlschmeckende und sehr fette Milch zuteil wird. - Also sähe demnach dieses Tier der Form nach aus.
   03] Was ist aber so eigentlich das Merkwürdige dieses Tieres? - Das Merkwürdige dieses Tieres ist, daß es in drei Elementarreichen seine Nahrung suchen kann, nämlich auf dem Wasser, auf dem Lande und in der Luft. - Hier werden einige sagen: Das finden wir nicht so merkwürdig! Also leben bei uns alle vierfüßigen Tiere; denn auch sie leben vom Wasser, vom Lande und von der Luft. - Allein die Sache verhält sich hier anders. Diese Ziege kann ins Wasser gehen und da, gleich den Gänsen bei euch, herumschwimmen und die häufig vorkommenden Wasserkräuter verzehren. Dieses wäre noch nicht so sehr merkwürdig, denn auch auf der Erde gibt es vierfüßige Tiere, welche sehr gute Schwimmer sind und denen auch die Wasservegetation gar wohl mundet. - Dieses Tier aber kann sich auch frei in die Luft erheben und fängt allda, sich hurtig nach allen Seiten bewegend, die vom Winde getragenen Blätter wie auch noch sonstige plötzliche Luftvegetationen ab und verzehrt sie. Denn solches muß noch hinzubemerkt werden, daß die Luft dieses Planeten von allerlei seltenen meteorischen Erscheinungen überfüllt ist und nicht leichtlich ein Tag verstreicht, wo nicht ganze Wolken von fremdartigen Pflanzen, Samenkörnern, fremdartigen Tieren und dergleichen mehr auf kurze Zeiten die Luft erfüllen. Diese meteorischen Erscheinungen aber fallen selten auf den Boden, sondern schwimmen in der Luft ganz behaglich fort, welches allda um so leichter der Fall ist, weil die Luft dieses Planeten viel intensiver und schwerer ist als die Luft eures Erdkörpers.
   04] Wenn demnach dieses Tier eine frugale Luftpromenade machen will, so bläht es seinen Bauch durch die Entwicklung einer innern Luft recht auf, dirigiert sich dann mit seinen leichten Füßen nach allen möglichen Richtungen und befindet sich da am besten, wo es in eine solche meteorisch planetarische Wolke kommt. Hat es sich allda satt gefressen, sodann segelt es wieder seiner Heimat zu und hat sich zwischen seinen beiden Steißkegeln auch noch einen kleinen Vorrat mitgenommen.
   05] Dieses Tier ist sonst überaus gutmütiger Art, hat aber dessenungeachtet mehrere tierische Feinde. Diese Feinde aber werden dieses Tieres, wenn es sie nur frühzeitig genug erspäht hat, nicht leichtlich Meister. Denn beim Anblick eines oder des andern Feindes erhebt es sich schnell in die Luft, schwimmt dann in derselben eiligst seinen Feinden zu und stößt mit seinen Hörnern mit großer Behendigkeit von der Luft herab auf seine Feinde. Wenn diese von geringer Größe sind, so faßt es dieselben wohl auch mit seinen festen Zehen, trägt sie schwindelnd hoch in die Luft und läßt sie dann fallen. Die Feinde wissen und merken sich aber solches auch; daher machen sie sich auch alsbald aus dem Staube, sobald sich dieses Tier anfängt in die Luft zu erheben.
   06] Den Menschen aber ist dieses Tier überaus zugetan, tut ihnen nie etwas zuleide und kostet sie auch soviel wie nichts. - Es geschieht daher nicht selten, daß sich bei einer Haushaltung mehrere Hunderte solcher Tiere aufhalten und den Einwohnern einen reichlichen Unterhalt verschaffen. Die Tiere verlassen eine Haushaltung nicht leicht; es müßte nur sein, daß ein Mensch eines oder das andere dieser Tiere getötet hätte. Dann ist es aber auch auf längere Zeit aus; denn da begeben sich sämtliche Tiere, und wenn es mehrere Hundert an der Zahl wären, von solch einer Haushaltung [hinweg] und bereichern eine andere.
   07] Die Farbe dieses sicher sehr denkwürdigen Tieres ist im allgemeinen grünlichrot; die größeren Haarwüchse sind dunkelblau, die Borsten und der Schweif, die Steißkegel und der Hals sowie die drei Hörner auf dem Haupte sind blendend weiß.
   08] Ein ferneres, ebenfalls sehr denkwürdiges Haustier ist der dort sogenannte Bodendrucker. Dieses Tier hat ungefähr die Gestalt eines Elefanten bei euch; nur sind seine Füße, wie auch sein Rüssel, anders beschaffen als die eines Elefanten; denn die Füße sehen also aus, als wären dem Tiere vier Kegel angehängt, deren breite Teile zuunterst, und deren Spitzen mit dem Leibe also verbunden wären, als wären sie in denselben hineingesteckt. Der sonstige Leib aber hat, bis auf das zehnmal größere Volumen, vollkommene Ähnlichkeit mit einem Elefanten bei euch. Der Kopf gleicht bis auf den Rüssel ebenfalls dem Kopfe eures Elefanten; nur der Rüssel ist im Verhältnis etwas kürzer und am Ende noch einmal so breit wie am Kopf, von dem er als eine verlängerte Nase ausgeht. - Also sähe demnach dieses Tier aus.
   09] Warum hat es aber den Namen »der Bodendrucker«? - In diesem Namen bekundet sich größtenteils auch die Nützlichkeit dieses Tieres. Denn allda, wo es sich aufhält, stampft es den Boden ganz eben und ruht nicht eher, bis es eine Fläche, die es sich zu seiner Wohnung ausersehen hat, vollkommen ebengestampft hat.
   10] Dieses Tier wird ebenfalls gezähmt und von den Bewohnern bei der Erbauung ihrer einfachen Wohnhäuser gewisserart als Grundsteinleger gebraucht. Bei dieser Gelegenheit dürfen die Menschen nur eine Furche ziehen, insoweit sie einen vollkommen ebenen Grund haben wollen. Wenn ein und das andere Tier dann auf eine solche befurchte Stelle hingeführt wird, so beginnt es sogleich den Boden zu ebnen, wühlt da mit seinen zwei geraden, langen Fangzähnen und mit seinem sehr kräftigen Rüssel das Erdreich auf und planiert auf diese Weise - trotz eines mathematischen Baumeisters - die vorgezeigte Fläche. Ist die Fläche einmal locker planiert, alsdann geht das Stampfen an. Durch dieses Stampfen wird ein solcher Boden so eben und fest gemacht, daß fürs erste sogar eine Wasserwaage, darauf gelegt, sicher das Medium halten würde; und fürs zweite, was die dadurch bewirkte Festigkeit des Bodens betrifft, so würdet ihr mit euren Krampen und Picken zu tun haben, um ihn wieder aufzulockern.
   11] Dieses Tier ernährt sich ebenfalls von Kräutern und Wurzeln und hat ausnahmsweise beinahe keine Feinde, bis auf einige manchmal vorkommende Insekten. - Seine Farbe ist fahlgrün. Und da sich von diesem Tiere nichts von Bedeutung mehr erwähnen läßt, so wollen wir zu dem nützlichsten, zugleich aber auch merkwürdigsten Haustier dieses Planeten übergehen.


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