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Kapitelinhalt jl.gso2.043. Kapitel:

   01] Soviel ich merke, so habt ihr euch mit euren Augen in das Zierakulum so recht hineinverpicht und es gewisserart von Atom zu Atom so recht intensiv betrachtet; daher wird es euch nun nicht schwer werden, euch darüber vollkommen auszusprechen und es ebensogut zu beschreiben, als wie gut ihr es angeschaut habt. Sonach könnt ihr sogleich mit der Beschreibung dieses Zierakulums beginnen. Aber wie es mir vorkommt, so werdet ihr ja mit der Beschauung nicht fertig. Was ist es denn, das euch ob dieses Ornaments die Augen an dasselbe so sehr bindet? Ist es wohl das Ornament selbst oder sind es dessen Teile?
   02] Ich merke aber nun gar wohl, warum ihr mit der Beschauung nicht fertig werdet. Das Ornament dieses Rondells ist unstet, und ihr könnet ob der stets neu vorkommenden Form nicht ins klare kommen. Ja, ja, dieses Ornament ist ein wahres Kaleidoskop, in welchem auch bei jedem Umdrehen sich andere Formen zeigen, und die früheren kommen nicht wieder zum Vorscheine. Ich sage euch daher auch:
   03] Es wird euch wenig helfen; so ihr dieses Ornament auch eine ganze Ewigkeit hindurch betrachten möchtet, so werdet ihr aber dennoch nimmer zu einer Schlußform kommen, sondern an der Stelle der entschwundenen stets neue und auch sonderbarere zu Gesichte bekommen. Daher beschreibt nur dasjenige des Ornamentes, was an demselben stetig zu erschauen ist, und laßet den inneren Formenwechsel beiseite. Also worin besteht denn dieses?
   04] Ihr sagt hier: Lieber Freund und Bruder, das ganze Ornament an und für sich ist von höchst einfacher Art, insoweit wir es als fertig mit unseren Augen betrachten können. In einem über zwei Klafter im Durchmesser habenden ganz einfachen Goldreife ist eine gläserne Kgel angbracht, etwa also, wie bei uns auf der Erde ein Himmels- oder Erdglobus innenhalb eines messingnen beweglichen Meridians. Die Kugel dreht sich fortwährend innerhalb dieses großen Reifes, den sie beinahe ganz ausfüllt. Der Reif ist nicht mehr vom Boden aus irgend befestigt, sondern hängt an einer massiven Goldschnur, welche mit Sternen eingewirkt ist, vom Plafond herab bis zur Höhe eines Menschen reichend. Bei jeder nur etwas merklichen Drehung ersieht man in dieser großen durchsichtigen Glaskugel fortwährend neue Formen von ebenfalls durhsichtiger, aber dennoch buntfarbiger Beschaffenheit, und die Formen sind nicht selten von so anziehender Art, daß man sich daran nicht genug satt schauen kann. Aber sowie man eine Form mit seinem Auge recht fest fassen möchte, um sie zu beurteilen, da ist sie schon nicht mehr vorhanden, und eine andere, welche mit der vorhergehenden keine Ähnlichkeit hat, tritt an ihre Stelle; und das geht fort und fort.
   05] Und so man glaubt, daß wenn die Kugel wieder mit ihrem Gürtel auf demselben Punkte sich befinden wird, von welchem man bei einer frühern Drehung eine bestimmte Form erschaut hat, wieder eben dieselbe Form zum Vorschein kommen möchte, so hat man sich gar gewaltig getäuscht; denn von einer einmal geschauten Form ist wenigstens bis jetzt vor unseren Augen nicht die allerleiseste Spur zum Vorschein gekommen. Das ist, lieber Freund und Bruder, alles, was wir an diesem sonderbaren Ornamente als höchst merkwürdig entdeckt haben.
   06] Daß auch die anderen Säulenrondells ganz gleich beschaffene Ornamente haben, erschauen wir von diesem Punkte recht genau. Es ist hier demnach nur die Frage: Wer treibt diese Kugel fortwährend um ihre Achse, und was bedeutet sie wie das ganze Ornament?
   07] Meine lieben Freunde und Brüder! Seht, da hängt denn an diesem Ornamente schon wieder so ein fataler absoluter Weisheitsbrocken, von dem sich für eure Einsicht eben nicht gar zu viel wird herabzwicken lassen. Was die Umdrehung dieser Kugel betrifft, so ist sie wohl an und für sich leicht zu erklären und zu begreifen.
   08] So ihr nur wißt, daß der große, vollkommene Rundstabreif inwendig hohl ist und an der Stelle, wo die Spindel der Kugel in den Reif hineingesteckt ist, ein überaus klug berechneter Mechanismus angebracht ist, der als ein wahres »Perpetuum mobile« betrachtet werden kann, durch welches eben diese durchsichtige, aus feinstem Glase zu bestehen scheinende Kugel in einen fortwährend gleichen Umschwung gebracht wird, so könnt ihr dann mit dieser Beantwortung euch vollkommen zufrieden stellen.
   09] Ihr möchtet hier freilich wohl die Triebkraft solch eines Perpetuum-mobile-Mechanismus näher kennen. Wenn ihr solches wißt, was zu erklären eben nicht zu schwer sein wird, so werdet ihr deswegen das Ornament noch um kein Haar besser verstehen als ohne eine solche Erklärung.
   10] Ich sehe aber, daß ihr nach einem Perpetuum-mobile-Mechanismus sehr lüstern seid; so muß ich euch schon die Einrichtung desselben ein wenig auseinandersetzen; nur müßt ihr euch dabei ein unabnützbares Material denken, welches aber nur auf solchen Weltkörpern zu Hause ist, wie da ist diese unsere Zentralsonne. Auf den Erdkörpern, wie der eurige einer ist, kann sich solch ein Material unmöglich vorfinden, weil alle die erdkörperlichen Materialien einem unaussprechlich viel geringeren Licht- und Hitzegrade entstammen denn die einer solchen Zentralsonnenwelt.
   11] Wenn wir dieses voraussetzen, so ist dann die Darstellung des Mechanismus von der höchst einfachsten Art von der Welt. Wie sieht dann dieser aus? Seht, bis ungefähr ein Drittel zu unterst ist der vollkommen dicht verschlossene Reif mit einer unverdunstbaren Flüssigkeit angefüllt, etwa von der Art und Beschaffenheit, als wäre es bei euch möglich, ein überaus gereinigtes Quecksilber in vollkommen durchsichtigem und überaus leichtflüssigem Zustande darzustellen. Von zu oberst des Reifes aber langt ein sogenanntes »Polyorganon« herab in die Flüssigkeit, aber nur auf der einen Seite.
   12] Dieses Polyorganon saugt zufolge seiner mächtigen Attraktion zu der Flüssigkeit dieselbe fortwährend auf. - Dieses Polyorganon reicht aber auf der entgegengesetzten Seite des Reifes bis zu einem Drittel der ganzen Reifhöhe herab, und läßt die auf der anderen Seite eingesogene Flüssigkeit herabträufeln. Vor dem Ende des Polyorganons ist ein trichterartiger Tropfensammler angebracht, dessen unterste Röhre an ein wohlberechnetes löffelartiges Schaufelwerk geleitet ist. Dieses Schaufelwerk ist unmittelbar an der Spindel befestiget, an welcher die Kugel selbst im Kreise hängt. Wenn durch einen oder mehrere herabfallende Tropfen ein Schäufelchen voll geworden ist, so wird das Schäufelchen natürlich schwerer, senkt sich dann abwärts, und bringt auf diese Weise die ganze große Kugel zum Umschwunge. Hat das Schäufelchen zu unterst seine Flüssigkeit ausgegossen, so wird unterdessen schon wieder ein anderes gefüllt und sinkt wieder herab. Und da das Polyorganon ebensoviel Flüssigkeit fortwährend aufsaugt, als es auf dieses Schaufelwerk herabträufeln läßt, so ist das Perpetuum mobile unter den vorher angegebenen Bedingungen ja überaus leicht möglich, wenn ihr noch dazu bedenkt, daß diese Materie, aus welcher die Spindel und überhaupt das ganze Ornament besteht, keiner Abnützung und somit auch keiner Reibung fähig ist. Die Glätte der Spindel und des Zylinders, in welchem die Spindel läuft, ist so außerordentlich groß, daß sie sich gegenseitig zur Umdrehung nicht das leiseste Hindernis setzt. Es ist, als möchte sich eine solche Spindel im reinsten Äther bewegen. Und da die große glasartige Kugel auch höchst mathematisch genau sphärisch gleichgewichtig in der Spindel hängt, so wird ihre Ruhe schon durch das Gewicht eines kleinen Tropfens hinreichend leicht gestört. Ein solches Fabrikat aber gehört bei diesen höchst weisen Menschen zu keinem Wunderwerke.
   13] Ihr sagt: Diesen Perpetuum-mobile-Mechanismus begreifen wir jetzt ganz vollkommen; aber den beständigen Formenwechsel in der Glaskugel, das werden wir schwerlich begreifen. Ja, meine lieben Freunde und Brüder, da wird es freilich einen kleinen Haken haben; aber unmöglich ist es eben nicht, darüber irgendeine Einsicht zu erlangen. Auf eurem Erdkörper wäre so etwas darzustellen wohl eine ziemlich reine Unmöglichkeit, weil auf dem Erdkörper die mannigfaltigsten sogenannten imponderablen Stoffe nicht für bleibend aufgefangen werden können; aber auf einem Zentralsonnenkörper ist solches gar leicht möglich.
   14] Und so könnt ihr zu eurer Wissenschaft erfahren, daß diese Kugel inwendig hohl ist, ist aber gefüllt mit allerlei solchen imponderablen Grundstoffen. Bei der geringsten Drehung mischen sich diese Stoffe fortwährend durcheinander, ohne sich vermöge ihrer Verschiedenartigkeit vollkommen zu vermengen. Durch diese Vermischung geschieht aber dann auch fortwährend eine neue Formbildung, welche sich bei einer stets darauf folgenden fortwährenden Umdrehung der glasartigen Kugel notwendig verändern muß. Ihr könnt wohl im Großen auf eurem Erdkörper Ähnliches erschauen, wo ebenfalls die imponderablen Stoffe innerhalb der großen Luftkugel, welche natürlich den ganzen Erdkörper einfaßt, auch fortwährend neue Formen zur Erscheinlichkeit bringen. Aber diese imponderablen Stoffe stehen auf einem Erdkörper auf einer viel geringer tätigen Potenz als auf einer solchen Zentralsonne; daher ist auch ihr Gebilde gewöhnlich unausgebildet, wie ihr solches bei den Bildungen des Gewölkes und noch mancher anderer Lufterscheinungen erschauen könnt. In dieser Kugel hier sind aber diese Stoffe gewisserart in ihrer konzentriertesten Potenz eingeschlossen; daher sind auch die entwickelten Formen unbeschreiblich und gewähren dann, wenn schon in kleinerem Maßstabe, den allerimposantesten Anblick.
   15] Ich meine nun, soviel es für eure Begriffsfähigkeit möglich tunlich war, so hätten wir auch diese Erscheinlichkeit so ziemlich entziffert; aber was bedeutet solches alles? Das ist eine ganz außerordentliche andere Frage. Es ist, wie schon am Anfang bemenkt, ein Weisheitsbrocken, von dem sich nicht viel wird herabzwicken lassen, und wir werden zufrieden sein müssen, darüber nur einen höchst flüchtig allgemeinen Blick werfen zu können. Und so läßt sich die ganze Sache also zusammenfassen, daß durch dieses Ornament die absolute Weisheit ganz allein für sich dargestellt wird und ist unter diesem Gesichtspunkte etwas sich fortwährend Bewegendes und Form-Wechselndes, deren Bedeutung und innerer Zusammenhang nur dem Einen, aber sonst keinem ewig je entzifferbar ist.
   16] Also ist es ja auch auf eurer Erde der Fall. Wer kann die zahllosen Formen der Wolken verstehen? Die höchste Weisheit sinkt bei dem fortwährend erneuten Anblicke in den Staub zurück und muß sagen: Herr! Wie gar nichts sind alle Menschen und Geister vor Dir! Desgleichen wollen auch wir hier tun und uns dann statt einer leeren weiteren Erörterung lieber sogleich auf die neunte Galerie oder in das achte Stockwerk begeben. Die Treppe sieht hier wohl wie alles schon sehr luftig aus; aber uns wird sie schon gar wohl noch tragen, und so beginnen wir unseren Weitermarsch. -

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