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Kapitelinhalt jl.gso2.042. Kapitel:

   01] Sehet, unser Aufmarsch ist besser gegangen, als ihr es euch gedacht habt. Wir sind, wie ihr seht, sonach auch schon im siebenten Stockwerke oder auf der achten Galerie. Wie findet ihr diesen Platz?
   02] Ihr sagt: Lieber Freund, hier sieht es schon sehr luftig aus; die Säulen der Rondells sind wie aus dem feinsten durchsichtigsten Glase, der Boden, auf dem wir stehen, ist ebenfalls aus einer blau-weißlichten Materie, welche überaus stark glattglänzend ist. Die Geländer, welche von Säulenrondell zu Säulenrondell diese Galerie umfassen, sind ebenfalls von einem sehr durchsichtigen Materiale angefertigt, so daß man durch dasselbe mit nur höchst unbedeutender Schwächung des Augenlichtes schauen kann, und wenn wir aufwärts schauen zum Plafond, so ist auch dieser von einer gleichen licht-bläulichen Masse angefertigt, welche ebenfalls ziemlich durchsichtig zu sein scheint; denn man sieht ja stellenweise recht bequem in die neute Galerie hinauf.
   03] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, das ist alles richtig also. Ihr möchtet wohl wissen, ob diese schon sehr stark durchsichtige Materie von eben der Festigkeit ist, wie jene etwas weniger durchsichtige der unteren Stockwerke? Ich sage euch: Dessen könnt ihr vollkommen versichert sein; denn je durchsichtiger im harten Zustande irgendeine Materie hier ist, desto fester ist sie auch in ihren Teilen.
   04] Ihr sagt: Da wäre es doch in der Bauordnung, das Festere in den Grund zu legen, der ja doch die ganze Last des Gebäudes zu tragen hat, und das weniger Feste, weil weniger Durchsichtige in den oberen Teilen eines solchen Gebäudes zu verwenden, wo das Gebäude stets leichter wird:
   05] Ihr urteilt nach eurer Art recht, und für die Bauordnung auf eurem Erdkörper wäre also auch sicher besser gesorgt; aber eine andere Welt, eine andere Bauordnung. Solches aber wißt ihr dennoch, daß die harten Gegenstände spröde und leicht springbar sind, während die weniger harten wohl noch immer eine große Festigkeit haben, sind aber dabei um so mehr schmiegsam, weniger gebrechlich und können daher unbeschädigt einen desto größeren Druck aushalten als die ganz harten Gegenstände. Überlegt einmal, was da wahl härter sei, eine Kugel aus gediegenem Glase oder eine Kugel aus gediegenem Kupfer? Um das Kupfer zu schneiden oder zu ritzen, bedarf es wahrlich nicht der härtesten Schneidewerkzeuge; mit einem gewöhnlichen Brotmesser könnt ihr ohne Anstrengung ganz bedeutende Partikel davon schneiden oder wegschaben. Um die gläserne Kugel zu lädieren, braucht ihr schon überaus harte Gegenstände wie feinsten Quarz, allerhärtesten, feinsten Stahl oder den Diamant. Nun aber nehmt die beiden Kugeln, stellt über eine jede ein Gewicht von tausend Zentnern und gebet einer jeden eine vollkommen harte Unterlage. Die gläserne Kugel wird zu weißem Staube erdrückt werden, aber die kupferne wird mit einer eben nicht zu bedeutenden Plattdrückung davonkommen.
   06] Aus diesem Beispiele könnt ihr hinreichend erschauen, warum bei diesem Gebäude die härteren Materialien zu oberst verwendet worden sind. Zu unterst würden sie höchst wahrscheinlich das Geschick der gläsernen Kugel unter dem Gewichte von tausend Zentnern gehabt haben; hier aber sind sie davor vollkommen gesichert und für die Tragung der noch über ihnen ruhenden Last hinreichend fest und stark genug, und wir haben unterdessen durch unser Gewicht schon gar nichts zu befürchten.
   07] Daß aber hier alles härter, spröder und durchsichtiger wird, hat einen bedeutungsvollen Sinn, über den man aber ebenfalls nicht gar zu viel sagen kann, wie man von der harten Materie selbst durch die festesten Werkzeuge eben nie gar zu große Brocken ablösen kann. Der Diamant bei euch auf der Erde ist sicher der härteste und zugleich auch der alllerdurchsichtigste Körper; aber die ihn schleifen, oder nach eurer Kunstsprache schneiden, die werden es euch genau zu sagen wissen, was dazu gehört, um nur atomgroße Teile von ihm abzulösen.
   08] Seht, also verhält es sich aber auch mit der stets reiner werdenden Weisheit; ein Brocken von ihr ist härter zu verzehren und zu zerlegen als eine ganze Welt von Liebe. Man könnte sagen: Ein solcher Weisheitsknäuel gleicht einem Bündel Flöhe, welche, wenn das Bündel geöffnet wird, mit der größten Hast davonhüpfen, und es gehört viel Behendigkeit dazu, um von Tausenden irgend ein paar matt gewordene zu erhaschen. Daher läßt sich auch, wie gesagt, über die harte und durchsichtige Beschaffenheit des Materials dieses siebenten Stockwerkes oder dieser achten Galerie nicht mehr gar zu viel sagen.
   09] So viel aber ist gewiß und klar, daß die Gegenstände im Lichte der Weisheit, d.h. der absoluten Weisheit stets durchsichtiger, aber dafür stets desto undurchdringlicher werden; und je höher sie steigen, desto durchsichtiger und härter werden sie, so zwar, daß man am Ende auf der festen Materie steht und geht, aber man sieht sie vor lauter Durchsichtigkeit nicht mehr. Also ist es auch mit der absoluten Weisheit der Fall. Man hat wohl einen Grund, auf dem man sich befindet; aber das ist dann schon auch alles, was man von dem Grunde herausbringt. Wollt ihr ihn näher untersuchen, und zwar mit euren Augen, so werdet ihr, je länger von euch ein solcher Körper beobachtet wird, ihn stets mehr aus dem Lichte eures Gesichtes verlieren und werdet selbst da, wo ihr wenigstens auf den ersten Blick etwas zu erschauen vermeintet, nichts mehr erschauen.
   10] Ist es nicht eben also mit der absoluten Weisheit? Ja, solches möget ihr schon aus so mancher Erfahrung wissen. Sollte euch aber die Sache noch nicht hinreichend klar sein, wie sich die absolute Weisheit entsprechend zu dem Baumaterial dieses großen Wohngebäudes verhält, da will ich euch nur berspielsweise so ein kleines Weiheitsbröckchen hinwerfen, und ihr könnt daran nagen, wie ihr wollt, und schauen, wie ihr wollt, und ihr werdet nichts herausbringen. Und so hört denn:
   11] Sieben Kreise sind ineinander verschlungen; die Kreise durchdringen sich, die durchdrungenen verzehren sich und die verzehrten erheben sich in die, so nicht verzehrt sind, und die sieben Kreise haben kein Maß und keinen Mittelpunkt. Sie sind sieben ohne Ende; eine Zahl, welche durchdringt den Kreis der sieben, und die sieben den einen!
   12] Seht, das ist so ein Bröckchen absoluter Weisheit! Ich habe euch damit in wenig Worten so ungeheuer vieles gesagt, daß ihr dasselbe mit gewöhnlichen Begriffen in alle Ewigkeit nicht auseinandersetzen würdet. So ihr aber den Weisheitssatz leset, da wird es euch auf den ersten Augenblick vorkommen, als müßtet ihr daraus zu irgendeiner, wenn schon nicht Total-, so doch Partial-Löse kommen. Versuchet aber nur, daran zu schaben und zu feilen und setzet das Mikroskop eures Verstandes an diese Materie; je mehr ihr euch damit abgeben werdet, desto luftiger wird die Materie und desto weniger ersichtlich in ihr, und sie selbst stets mehr und mehr dem Augenlichte eures Verstandes entschwindend.
   13] Ich meine, ihr werdet genug haben, um daraus zu der Einsicht zu kommen, daß für einen noch gebundenen Geist mit der absoluten Weisheit nicht viel zu machen ist. Daher bleiben wir schon nur hübsch bei der Kost, welche der gute heilige Vater für uns bereitet und gesegnet hat; zu einer Zeit aber, wenn euer Geist ungebundener wird, werdet ihr auch von der absoluten Kost mehr abzubeißen imstande sein denn jetzt. - So aber dem Weisen das Wenige genügt, da werden auch wir bei den geringeren Brocken, welche sich uns auf diesen Weisheitsgalerien darstellen werden, zur vollsten Genüge bekommen. - Wir haben aber hier noch das Zierakulum des Säulenrondells vor uns; betrachtet es, und wir wollen dann sehen, wieviel sich vom selben wird herabzwicken lassen.

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