Jakob Lorber: 'Der Gro▀glockner'


12. Kapitel: Die Berge als Stätten göttlicher Offenbarung

   01] Was predigen und lehren die Berge denn noch?
   02] Auch solches wollen wir wieder in einer einfachen und kurzen Geschichte vernehmen. Und so höret denn:
   03] Ein recht frommer Mann ging einst schon lange mit dem Gedanken um, ob es denn durchaus nicht möglich wäre, sich auf einen Augenblick nur auf der Welt der großen Gnade teilhaftig zu machen, daß er Mich - nur auf einen Augenblick - zu sehen bekäme. Dabei dachte er sich aber auch, was alles er darum tun wolle, um zu dieser Gnade zu gelangen.
   04] Bei diesem Gedanken schweifte er lange Zeit umher gleich einem Jäger um einen dichten Forst, bei dem er nicht weiß, wie er in denselben eingehen soll, und in welchem Teile desselben sich ein Wild befindet. Er suchte somit auch die Fährte; allein solche ist dort schwer zu finden, wo alles dicht mit allerlei Gebüsch verwachsen ist.
   05] Unser alter frommer Mann war zwar wohl bei sich dessen gewiß, daß der Mensch in diesem Leibesleben solcher Gnade unwürdig ist und es daher schwerhalten möchte, das zu erreichen, wonach er sich sehnte.
   06] Aber auf der andern Seite war seine Begierde wieder zu mächtig, als daß sie dieser Einwendung hätte Gehör geben können.
   07] Daher beschloß er auch nach langem Umherirren seiner Gedanken, sich auf einem benachbarten ziemlich hohen Berge eine Stätte auszusuchen und dahin so oft zu wandeln und sich daselbst in anhaltendem Gebet zu sammeln, sooft es nur immer seine Zeit und andere Umstände gestatten möchten.
   08] Damit er sich aber die Stelle wohl merken konnte, machte er ein Kreuz und befestigte dasselbe an dieser Stelle. Als nun solche Arbeit vollzogen war, da gelobte er Mir feierlichst, daß er auf diesem Platze nicht eher zu seufzen und zu beten aufhören wolle, als bis Ich ihn erhören würde. Ja er sagte sogar, er werde entweder hier sterben oder Mich zu Gesichte bekommen und werde nicht eher von dieser Stelle weichen, als bis Ich Mich ihm zeigen würde.
   09] Wie beschlossen und vorbereitet, also auch getan!
   10] Bei drei Jahre lang verfügte sich unser Mann, sooft es nur immer die Umstände zuließen, an diese Stelle und betete da allerinbrünstigst oft viele Stunden lang zu Mir um die Erhörung seiner Bitte. Sooft er sich aber in dieser Angelgenheit da befand, war er auch allzeit unsichtbarerweise weit und breit umringt von vielen Tausenden frommer Geister. Diese stärkten ihn nach Meinem Willen so sehr, daß er sich nach Verlauf von anderthalb Jahren schon vollkommen der inneren Sehe des Geistes bedienen konnte, und so war es ihm auch ein leichtes, sich daselbst mit gar vielen ihm verwandten Geistern zu besprechen über das, was ihm so außerordentlich am Herzen lag.
   11] Die guten Geister belehrten ihn zwar einstimmig, daß sein Vorhaben im eigentlichen, wahren, Gott wohlgefälligen Sinne etwas töricht sei, und sagten ihm noch hinzu, daß ja das schon ohnehin eine große Gnade für ihn sei, daß Ich ihm das Auge des Geistes geöffnet habe, damit er allzeit sie, seine geistigen Brüder, sehen und sich mit ihnen besprechen könne über allerlei, was da ist und sein wird und kommen wird über den Erdboden. Allein solche Lehre von seiten der guten Geister fruchtete bei ihm in dieser Hinsicht wenig; denn er entgegnete ihnen allzeit darauf, sagend nämlich: "Meine lieben Brüder und reineren geliebten Freunde meines und eures Herrn! Ich kann euch ein und für alle Male nichts anderes sagen, als was ich euch schon öfter gesagt habe; solches aber ist und lautet, wie ihr wisset:
   12] Wenn ich nur Ihn zu sehen bekomme und Ihn habe, dann ist mir die ganze Welt mit dem ganzen Himmel um einen schlechten Pfennig feil! Und so möget ihr reden, was und wie ihr nur immer wollte, so werdet ihr mich dennoch ewig nicht von meinem Vorhaben abbringen; denn ich will und ich muß Ihn sehen, Ihn, den allein ich nur über alles liebe! Er allein ist mir alles; alles andere aber ist mir Nichts!"
   13] Sooft aber diese guten Geister von unserem Manne solche Sprache vernahmen, schlugen sie sich an die Brust und lobten ihn wegen seiner großen Liebe zu Mir. Und also war ihre Arbeit vergebens. Als sie aber solches merkten, da hielten sie sich eine Zeitlang bei seinen Besuchen dieser Stelle so fern von ihm, daß er da niemanden weiter zu sehen bekam und auch nichts anderes als das, was seine fleischlichen Augen sahen.
   14] Er ward dadurch der Meinung, als könnte ein solches Verlangen denn doch sündhaft sein, da ihn die Geister also verließen, und so dachte er wieder eines Tages lange hin und her, was er da tun solle. Sollte er entweder der Belehrung der Geister folgen, oder sollte er dem getreu bleiben, wozu ihn sein Gefühl so mächtig antrieb.
   15] Endlich siegte aber dennoch das Gefühl über alle Geister; denn er sagte bei sich selbst: "Es sei dem, wie es wolle! Daß ich vor Gott ein Sünder bin, das zeigt mir ja mein eigener Leib; denn wäre ich kein Sünder, so hätte ich auch sicher nicht dieses sündig Zeugnis des Todes um mich. Ich aber bin ein Sünder, solange ich diesen Leib umhertrage. Aber was kann der Sünder denn dafür, wenn in seinem Leibe der Geist entzündet wird von der heißen Sehnsucht, Den zu schauen, Der ihn erschuf fürs ewige Leben?! Und so will ich denn meinem ersten Vorsatze getreu bleiben, und möge da kommen, was da wolle: meine Liebe zu Gott soll dennoch nicht geschwächt werden; eher will ich mich zu Tode lieben, als von dieser Liebe nur um ein Haarbreit weichen!"
   16] Diesem Beschlusse zufolge ging unser Alter wieder fleißig an die besagte Stelle und betete noch viel inbrünstiger denn zuvor.
   17] Als unter solchen Gebeten auf diesem Berge nahezu drei Jahre vergangen waren, da kam zu unserem Manne ein anderer gut aussehender, aber sonst ärmlicher Mensch und ließ sich mit unserem Beter in folgendes Gespräch ein.
   18] Er fragte ihn: "Lieber Mann, was tust du denn hier auf dieser Höhe?" Und der Beter erwiderte ihm: "Mein guter Freund, wie du siehst: ich bete!" Wieder sgte zu ihm der Fremde: "Weißt du denn nicht, daß man nur in den Bethäusern dem Herrn dienlich betet; du aber scheinst dieselben zu meiden und verrichtest somit deine ganze Andacht nur auf diesem Berge?" Darauf erwiderte ihm unser Beter: "Lieber Freund, das ist wohl wahr; dessenungeachtet aber gehe ich doch auch, wenn das Wetter für diese Stelle ungünstig ist, in ein Bethaus! Doch muß ich dir offen bekennen, daß ich in einem Bethause noch nie mit der wahren Andacht habe beten können, wohl aber auf dieser mir so ganz eigens heilig vorkommenden Höhe! Ich muß dir dazu offen bekennen: Wenn ich da um mich her blicke und schaue da das liebe Gras, die schönen Wälder, mit denen der Fuß dieses Berges so reichlich geziert ist, und über mir den weiten, freien Himmel an, da sagt mir mein inneres Gefühl: "Siehe, diese Verzierungen des großen Tempels Gottes sind Seiner allmächtigen Hand sicher näher als diejenigen Schnitzwerke, mit welchen ein gemauertes Bethaus geziert ist!" Nach solchen Gedanken bin ich denn wieder vollkommen in meinem Element und begebe mich auf diese meine Höhe und bete da aus dem tiefsten Grunde meines Herzens."
   19] Auf diese Äußerung sagte der Fremde: "Mein lieber Freund, in diesem Punkte bin ich mit dir vollkommen einverstanden; aber nur möchte ich von dir noch erfahren, aus welchem innern tieferen Grunde du diese Stelle ausersehen hast für deine Andacht!"
   20] Bei dieser Frage stutzte unser Beter ein wenig, bedachte sich aber doch bald und erwiderte dem Fremden: "Siehe, mein lieber Freund, manche Menschen bitten um Gesundheit, manche um Vermögen, manche um dies und manche um jenes, - allein um alles dieses bitte ich nicht; denn mir ist nur an einem alles gelegen, und dieses ist der Herr, mein Gott! Und Diesen möchte ich nur einmal sehen in diesem meinem irdischen Leben; denn daß dieses Leben für ein öfteres Sehen nicht geeignet ist, weiß ich wohl. Habe ich dieses erreicht, so habe ich mehr erreicht, als was mir alle Erde und Himmel bieten können! Daher will ich auch eher hier sterben, als von diesem meinem Vorsatze nur um ein Haarbreit abweichen; und habe ich das erreicht, so will ich dafür auf dieser Stelle Gott danken und loben mein Leben lang!"
   21] Nach diesen Worten fragte ihn der Fremde wieder: "Wie stellst du dir denn Gott vor? Denn es könnte ja sein, daß Er zu dir käme, Sich dir zeigte und mit dir redete in einer oder der andern Gestalt; wenn du Ihn aber nicht erkenntest, dann wäre ja all dein Beten umsonst, so es auch Gott, dein Herr, gar wohl erhört hätte!"
   22] Bei dieser Frage stutzte unser Beter noch mehr, und er sagte endlich zum Fremden: "Mein lieber Freund, da hast du mir wirklich etwas sehr Wichtiges gesagt; denn siehe, über diesen Punkt haben sich meine Gedanken noch nie erstreckt, und ich muß dir nun gestehen, daß ich mir darüber eigentlich gar keine Vorstellung machen kann! Mein Begriff über das Wesen Gottes ist also verworren, daß ich noch bis auf diese Stunde nicht weiß, ob es da einen Gott gibt, der ungefähr also aussieht wie ein großer Mensch, oder ob dieser Gott aus drei Menschen besteht, welche sich aber dessenungeachtet fast also ausnehmen dürften, als hätten sie nur einen gemeinsamen Leib. Oder ist das Wesen Gottes ein unendliches Licht, in welchem diese drei göttlichen Personen schweben und wirken? Kurz und gut, lieber Freund, ich kann dir darüber fürwahr keinen vollgültigen Bescheid geben! Siehe, diese Ungewißheit war auch am meisten der Grund, warum ich mir auf dieser Höhe diese Stelle ausgesucht habe; denn ich muß dir offen gestehen, ich möchte lieber nicht sein, als also sein, daß ich nict zur Gewißheit dessen gelangen sollte, wie gestaltet da ist Derjenige, den ich über alles liebe!"
   23] Hier erwiderte der Fremde unserm Beter wieder und fragte ihn: "Hast du denn noch nie gelesen, was Christus einst von Sich aussagte, als die Apostel Ihn angingen, daß er ihnen den Vater zeigen solle? Siehe, heißt es da nicht: "Ich und der Vater sind eines! Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater; denn der Vater ist in Mir und Ich im Vater?!"
   24] Bei diesen Worten fing unser Beter ganz gewaltig an zu stutzen, und er erinnerte sich sogleich der zwei nach Emmaus wandelnden Jünger und fragte darauf etwas furchtsam den Fremden: "Lieber Freund! Sage mir, ob du nicht irgendein Eremite oder sonst ein frommer und in der Heiligen Schrift wohlunterrichteter Mann bist; denn mit solchen Worten kommt sonst kein gewöhnlicher Mann zu Vorschein!"
   25] Auf diese Frage gab der fremde Mann unserm Beter keine Antwort mehr, sondern ergriff ihn bei der Hand und hob ihn von der Erde und führte ihn dann auf die Vollhöhe des Berges. Hier erst öffnete er wieder den Mund und sagte zu unserm Beter: "Bruder, siehe, um was du drei Jahre lang flehtest, das steht jetzt vor dir; siehe, Ich allein bin der Gott Himmels und der Erde, und außer Mir gibt es keinen mehr!
   26] "Bleibe Mir aber getreu in deinem Herzen, wenn du Mich auch also fürder in diesem Leben nicht mehr sehen wirst! Wie du aber jetzt Meine süße Vaterstimme hörst, so sollst du sie auch stets hören, sowohl auf dieser Höhe, wie überall, wo du dich in Meinem Namen befinden wirst!
   27] "Also aber hast du das Leben gefunden, und dieses wird dir nimmerdar genommen werden. Wahrlich, Ich sage dir: Deine Seele wird nimmerdar den Tod schmecken ewig! Amen."
   28] Nach diesen Worten verschwand sogleich der hohe Fremdling, und unser Beter weinte, lobte und pries den Herrn die ganze Nacht hindurch und besuchte diese Höhe hernach noch emsiger als vorher.
   29] Sehet, auch solche wirklich wahren Tatsachen erzählen euch die Berge! Daher gehet auch ihr gern auf die Berge, oder betet zum wenigsten im Geiste auf den Bergen - welche sind ein reines Gemüt - zu Mir, so dürfte auch euch das begegnen, was unserm frommen Beter begegnet ist.
   30] Was die Berge aber noch lehren, predigen und erzählen, wollen wir noch in der letzten Mitteilung vernehmen, und so lassen wir es für heute wieder gut sein!


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