Jakob Lorber: 'Der Gro▀glockner'


5. Kapitel: Geistiges und Materielles

   01] Ihr werdet euch schon aus den früheren Mitteilungen mit so viel Licht versehen haben, daß es euch nun schon klar sein darf, daß alle Materie an und für sich nichts anderes ist als ein durch Meinen Willen gefesteter Gedanke aus Mir.
   02] Diesem Grundsatze gemäß wird demnach wohl auch unser Großglockner nichts mehr und nichts weniger sein, als was da alle andere Materie ist.
   03] Was ist demnach für ein Unterschied zwischen dem eigentlichen Geistigen und dem diesem entgegengesetzten Materiellen, nachdem das eine wie das andere ein Produkt Meines Willens ist?
   04] In der produktiven Hinsicht waltet da kein Unterschied ob, - aber ein desto größerer in der Wesenheit.
   05] Dieses wird euch zwar ein wenig befremden; allein seht nur einen Künstler unter euch an!
   06] Was ist bei ihm der Grund aller seiner Produktionen? Ihr könnt da unmöglich einen andern finden und angeben als allein den seines Willens, welches mit andern Worten ebensoviel heißt als: Alles, was er nur immer hervorbringt, muß er zuvor wollen; denn ohne diesen Grund wird er wohl schwerlich je etwas hervorbringen.
   07] Ist aber das nun eine notwendige Folge, daß da ein und derselbe Wille immerwährend auch ein und dasselbe produzieren muß?
   08] Nein, sondern die Liebe zeichnet die Modifizierung (verschiedenen Erscheinungsformen) der Produkte, und der Wille spricht nur das einfache "Es werde!" hinzu, und so wird es auch, was die Liebe zuvor gezeichnet hat.
   09] Nun seht, geradeso geht es auch bei Mir zu: Meine unendliche Liebe bildet die Formen, und die Kraft der Liebe, welche da heißt der Wille, läßt sie hervortreten! Einen Teil dieser Formen hält der Wille zufolge des Begehrens der Liebe gefestet; einem andern aber wieder gibt eben dieser Wille nach dem Verlangen der Liebe die stets lebendiger werdende Freiheit.
   10] Und so entspricht die Materie, Meinem Willen nach, der Liebe dadurch, daß sie ist ein gefesteter Grund als letzte Unterlage alles Geistigen, und sie ist somit im Vergleich der Liebe das, was da Meine "Erbarmung" genannt wird.
   11] Das Geistige aber entspricht dann der lebendigen Freiheit Meiner eigenen Liebe selbst und ist das, was da genannt wird die "Gnade" oder das eigentliche "Sichselbstbewußtsein" jeder freien Wesenheit, die da dem freien Leben Meiner Liebe entstammt und geistig vollkommen ebenbildlich mit ihr ist.
   12] Aus dieser kurzen einleitenden Vorangabe könnt ihr nun schon sehr leicht entnehmen, daß, wo sich nur immer Materie wie immer gestaltet vorfindet, auch notwendig Geistiges vorhanden sein muß; denn wenn die Materie eine Erbarmung ist, so kann diese Erbarmung als ein Lösemittel ja doch nicht für sich selbst dasein, sondern sicher für eine höhere Potenz, an welche eben diese Erbarmung gerichtet ist. Oder habt ihr euch jemals schon der Erbarmung selbst erbarmt?!
   13] So ihr euch aber schon jemandes andern erbarmt, so wird wohl auch sicher Meine Erbarmung für jemand anders dasein und nicht um ihrer selbst willen!
   14] Somit haben wir alsdann auch die gewisse Notwendigkeit der Materie für eine höhere Potenz dargetan. Wo muß denn aber die höhere Potenz sich aufhalten? Das ist eine sehr wichtige Frage.
   15] Wenn zum Beispiel irgendein dürftiger Mensch sich in einer abendlichen Gegend befinden möchte, saget Mir, so ihr euch dieses Menschen erbarmen würdet, um ihm aus seiner Not zu helfen, würdet ihr da mit eurer Erbarmung nach Morgen ziehen, - oder würdet ihr euch nicht vielmehr mit eurer Erbarmung dahin wenden müssen, wo sich der Hilfsbedürftige befindet? Und so ihr ihn da finden würdet, würdet ihr mit eurer Erbarmung nicht bei ihm verbleiben?!
   16] Wenn ihr diese Fragesätze nur mit einiger Aufmerksamkeit durchgehet, so muß es euch ja auf der Stelle einleuchten, daß ein Armenspital und die Armen doch sicher stets beisammen sind. Und also wird es auch mit der Materie und mit den geistigen Potenzen sein, daß sie sich erfassen und eins das andere enthalten.
   17] So ihr aber auf der Erde ein mehr und mehr ausgezeichnetes und somit auch größeres und größeres Armenhaus antrefft, da werdet ihr wohl auch den ganz natürlichen Schluß ziehen, daß ein ausgezeichneteres und größeres Armenhaus mehr Arme fassen wird denn ein kleineres und weniger ausgezeichnetes.
   18] Ebenso verhält es sich auch mit der Großartigkeit und Auszeichnung der Materie: je großartiger und ausgezeichneter ihr sie irgendwo antrefft, für desto mehr geistige Potenzen ist sie auch da.
   19] Sonach wollen wir denn wieder einen Blick auf unseren Großglockner werfen!
   20] Sehet ihn an, wie großartig und ausgezeichnet er dasteht, wie ein König unter den Bergen; denn wo sich anderer Berge Spitzen in kahle Felsen verlieren, eben da fängt unser Großglockner erst mächtig an, sich über alle seine kahlen Nachbarn zu erheben. Und sehet an seine mehrere Stunden weite Ausdehnung nach allen Seiten; sehet an, wie er mit ewigem Schnee und Eis bedeckt ist; sehet an die vielen Bäche, die von seinen Zinnen herabstürzen, und sehet an seine steilen Scheitel, wie sie beinahe beständig mit weißlichen Wolken umlagert sind! Ja, ihr werdet diesen Berg schon aus weiter Ferne erkennen und mit Sicherheit sagen: "Das ist ganz bestimmt unser Großglockner; denn sein Schneeglanz, seine Höhe und seine Umlagerung mit beständigem Gewölk ist ein sicherer Bürge für unsere Annahme!"
   21] Sehet, also werdet ihr ihn ausgezeichnet finden! Da er aber also ausgezeichnet ist, so wird er auch sicher eine ausgezeichnete Anstalt sein, oder er ist da gewisserart ein großer Brocken Meiner Erbarmung.
   22] Wir haben schon aus dem naturmäßigen Teil dieses Berges eine weitgedehnte Großartigkeit seiner Nutzwirkungen vernommen. Fragt euch aber selbst dabei: "Wären solche Verrichtungen wohl nur denkbar möglich, so da nicht geistig-intellektuelle Potenzen zu Hause wären, welche alles dieses leiteten; oder wäre eine Wirkung ohne die zusagende Kraft oder Kräfte möglich?"
   23] Sehet, die Kräfte, welche hier solches wirken, sind ja eben die geistigen Potenzen, durch welche alles dieses verrichtet wird!
   24] Es ist jetzt nur die Frage: Sind diese naturmäßig nutzwirkenden Erscheinungen von seiten dieses Berges der Hauptzweck der ihn umgebenden und ihm innewohnenden geistigen Potenzen, oder sind sie nur ein Nebenzweck, durch welchen alle diese geistigen Potenzen für einen anderen Zweck heranreifen sollen?
   25] Diese Frage kann ein kurzes Beispiel hinreichend beantworten, und zwar wieder durch eine Frage: Was ist denn beim Aussäen der Samenkörner in die Erde der Zweck dieser Arbeit? Ist es die Aussaat an und für sich, oder hat die Aussaat noch einen höheren Zweck vor sich?
   26] Es wird zwar durch das Verwesen der Samenkörner die Erde gedüngt und somit nach und nach fetter gemacht; aber ihr werdet doch sicher diese Nutzwirkung der Aussaat nicht als den Hauptzweck solcher Handlung betrachten, sondern werdet sagen: "Wir säen das Korn nur darum in die Erde, damit daraus ein neuer Fruchthalm entstehe, der uns vielfach wiedergebe das, was wir zuvor einfach in die Erde gelegt haben."
   27] Sehet, also verhält sich die vorerwähnte naturmäßige Nutzwirkung dieses Berges geradeso zu dem höheren Zweck seines Daseins, wie sich da verhält die Düngung des Erdreiches durch das Verwesen des Körnchens in der Erde zu seiner entstandenen vielfach lebendigen Frucht!
   28] Aus diesem werdet ihr nun schon ein wenig die Richtigkeit dessen zu erkennen imstande sein, was Ich am Schlusse der Darstellung der naturmäßigen Nutzwirkungen dieses Berges erwähnt habe, wo gesagt ist, wie hoch ein geistiges Pünktlein oder Atom über allen den bis jetzt erwähnten naturmäßigen Nutzwirkungen dieses Berges steht.
   29] Dieses bisher Gesagte betrachtet daher nur als eine notwendige Vor- und Einleitung, ohne welche ihr das Folgende schwerlich verstehen würdet!
   30] Was aber da speziell folgen wird, wollen wir auf einen nächste Mitteilung aufbewahren; und somit lassen wir es für heute wieder gut sein!


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