Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 216

Die sieben Bücher Mosis.

   01] Hierauf fragte der ehedem redende Pharisäer den Römer, ob wieder er oder ein anderer ihm die Fragen stellen dürfe.
   02] Sagte der Römer: »Das ist mir ein und ganz dasselbe! Frage mich von euch, wer da wolle und zu fragen versteht!«
   03] Mit diesem Bescheide waren sie zufrieden, und es trat ein anderer hervor, der ein Schriftgelehrter ersten Ranges war, tat seinen Mund auf und sagte: »Höre! Eine von dir nicht zur allgemeinen Zufriedenheit beantwortete Frage verliert dir nach deiner eigenen Aussage tausend Pfunde Goldes!«
   04] Sagte der Römer: »Das wissen wir schon! Denke du nun nicht ans Gold, sondern an eine weise Frage! Denn an der wirst du mehr Not haben als am bedungenen Golde, das du noch lange nicht gewonnen hast. Gib nun nur die erste Frage von dir, auf daß ich ihren Geist werde kennenlernen!«
   05] Hier dachte der Pharisäer nach, was er dem Römer zuerst für eine Frage geben solle, die etwa der Römer nicht zu leicht beantworten würde. Da fiel ihm ein, daß der Römer nicht wissen dürfte, wie viele Bücher Moses geschrieben habe. Denn allgemein unter dem Volke war es nur bekannt, daß Moses nicht mehr als fünf Bücher geschrieben habe. Da aber Moses eigentlich sieben Bücher und noch einen rein prophetischen Anhang geschrieben hat - was der Pharisäer wohl wußte, aber doch mit großer Sicherheit voraussetzte, daß solches außer den Eingeweihtesten des Tempels wohl niemand wissen werde -, darum fragte er den Römer, ob er wohl wisse, wie viele Bücher Moses geschrieben habe.
   06] Darauf lächelte der Römer - was bei den ernsten Römern eine seltene Erscheinung war - und sagte zum Pharisäer: »Wahrlich, du hättest mir keine erwünschtere Frage geben können als gerade diese; denn aus der ganz sicheren Beantwortung wird sich's sehr klar herausstellen, wie gar nichts ihr schon seit lange her auf Gott und Moses gehalten habt! Ihr waret, meines guten Wissens, schon seit Samuels Zeiten mehr Feinde als Freunde Gottes und des Volkes und habt darum auch ohne alle Furcht vor Gott und vor dem Volke beinahe die zwei wichtigsten Bücher und den prophetischen Anhang, in welchem euer gewissenlosestes Handeln und euer Ende haarklein beschrieben ist, von Samuels Zeit bis zu dieser Stunde dem Volke vorenthalten. Aber zur Zeit, als ihr von uns Römern erobert worden seid, mußten alle eure Bücher, vom Alpha bis zum Omega, uns Römern zur klaren Einsicht und zur Abschrift ausgeliefert werden, und so kamen wir Römer auch hinter alle eure Geheimnisse und wissen gar wohl, daß Moses sieben Bücher und noch einen prophetischen Anhang geschrieben hat.
   07] Im sechsten Buche gab er genaue Kunde über die natürliche Entstehung der Erde und beschrieb ihre Zustände von ihrem Anbeginn bis auf seine Zeit, und von da an prophetisch weiter bis zu ihrer völligen Auflösung. In eben diesem sechsten Buche beschrieb der große Mann auch den gestirnten Himmel, diese Sonne, den Mond dieser Erde und ihre Bewegungen, wie auch die Bewegungen all der Planeten, was sie sind, wie sie aussehen, und wie sie als Welten beschaffen sind. Er beschrieb auch die Kometen, die Sonnen- und Mondfinsternisse und zeigte, wie gute Rechner sie genau vorausberechnen können. Und schließlich zeigte er auch noch, was die Fixsterne sind, zeigte an ihre Größen und ungeheuren Entfernungen und sagte am Ende dieses wichtigen Buches, daß dieses alles dem Volke wohl beizubringen sei, damit das Volk Gottes in aller Wahrheit wandle auf Erden und in den Gestirnen und nicht in allerlei Irrwahn der Heiden verfalle.
   08] Aber ihr Priester dachtet bald anders. Ihr wußtet, daß das blinde Volk stets eine eigens große Furcht vor den außergewöhnlichen Erscheinungen am Himmel hat. Da dachtet ihr: »Wozu benötigt das gemeine Volk solcher Kenntnisse? Es genügt, daß wir allein sie besitzen! Wir werden die Finsternisse für uns berechnen, werden dem Volke, das davon nichts weiß, drohen und es zu größeren Opfern zwingen, und es wird opfern und glauben, daß wir die Finsternis des Mondes oder der Sonne vertrieben haben!« Mit noch mehreren solchen Vorbehalten für euch habt ihr dem Volke ganz gewissenlos das sechste Buch Mosis entzogen und behieltet es zu eurem irdischen Vorteile.
   09] Das siebente Buch enthielt die wahre Schöpfung des Menschen, seine geistige Entwicklung durch den beständigen Einfluß des Geistes Gottes. Es erklärte zu jedes Menschen Verständnis das erste Buch Mosis und gab Kunde von den Büchern der Patriarchen Kenan, Henoch und Lamech und erklärte sie. Am Schlusse gab es an die Kriege Jehovas oder die treue Geschichte der Völker der Tiefen der Erde, und ganz am Ende stand wieder eine starke und sehr bedrohliche Vermahnung an die Volkslehrer, daß sie alles das allem Volke ordentlich lehren sollten, und daß da niemand zuvor ehelichen oder ein Amt überkommen dürfe, bevor er sich den ganzen Inhalt dieses Buches völlig zu eigen gemacht habe.
   10] Solche Vermahnung aber schluget ihr auch in den Wind und sagtet: 'Es ist dem Volke besser, in Unkenntnis alles dessen zu verbleiben; denn weihte man das Volk in alles das zu tief ein, so würde es dann bald gar keiner Priester mehr benötigen, und diese würden dann bemüßigt sein, sich auch mit ihren Händen das tägliche Brot zu verdienen.' Diese Voraussetzung war aber gewiß sehr dumm, da Moses doch eigens geboten hatte, daß der Stamm Levi vom Zehnten leben solle.
   11] Nun kommt noch als beinahe ein eigenes Buch ein Anhang zum siebenten Buche. Der ist ganz prophetisch, zeigt aber doch ganz klar an, daß die Priester und die Richter und die Könige alles Gottwidrige tun werden, und wie Er sie darum allzeit züchtigen werde.
   12] Darin wird auch der große Messias beschrieben, wie Er in diese Welt kommen wird, wie Er leben, was Er tun und lehren und wie Er von den Priestern gehaßt und verfolgt werden wird. Dann kommt der Juden Untergang, des Messias Kirche, ihre langen Verfolgungen durch den Gegen-Messias, dann kommt das Ende desselben und darauf die Glorie der reinen Kirche Gottes auf Erden. Am vollen Schlusse dieses Anhangs steht wieder eine starke und kräftigste Verwarnung, daß dieser Anhang dem Volke auch allzeit offengehalten werden solle. - Habt ihr das je getan?
   13] Ja, schon zu den Zeiten der Propheten habt ihr von all diesem dem Volke keine Erwähnung gemacht, darum auch der Prophet Jesajas, Mosis Weissagung aufnehmend, im zehnten Kapitel eben das wieder gezeigt hat, um dessen Erklärung ich euch in meiner ersten Frage anging. Und so haben alle, besonders die vier großen Propheten, das dem Volke wiedergeben müssen, was Moses in seinem Anhange sagte, den ihr aber dem Volke aus den euch nur zu wohlbekannten Gründen allzeit vorenthalten habt, und ihr waret in der letzten Zeit zu träge, euch darin zu unterrichten, und müsset euch nun gefallen lassen, daß euch die Essäer sogar den irdischen Vorteil abgenommen haben; denn die kennen sich wenigstens beim sichtbaren Himmel aus, berechnen seine Erscheinungen und machen sich solche zu ihrem irdischen Vorteile. Seht, auch das ist eine gerechte Strafe von oben! Und ich bin der nur zu überzeugten Meinung, daß ich deine erste Frage ganz der vollsten Wahrheit und strengen Wissenschaft gemäß beantwortet habe.«
   14] Sagte ganz verlegen der Schriftgelehrte: »Ja, - leider nur zu genau und wahr! Es ist mir nun, als sollte ich dir gar keine zweite Frage mehr geben. Denn einen Mann mit einem so umfassenden Wissen ist schwer fragen. Wir würden lieber schon gleich die hundert Pfunde Goldes zahlen - als dir noch mehrere Fragen geben! Denn wir verraten uns ja selbst mit jeder Frage von neuem und kommen in eine stets größere Verlegenheit vor dem Volke, das darüber sicher nicht schweigen wird.«
   15] Sagte der Römer: »Das kümmert mich wenig! Die Wette muß eingehalten werden, und wenn darob auch die Erde samt uns in Trümmer ginge, und so mußt du mir die weiteren Fragen stellen! Frage, und ich werde dir antworten; denn jetzt bin ich erst stolz darauf, daß ich ein Römer bin!«
   16] Hier steckten die sieben Templer die Köpfe zusammen und berieten, um was sie den Römer weiter fragen sollten.


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