Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 39

Die Gefahren hoher wissenschaftlicher Bildung.

01] (Raphael:) »Übrigens aber wird ein Volk, das eine große Phantasie besitzt, schon auch darum nie zu tief wissenschaftlich gebildet, weil die zu mächtige Einbildungskraft und die daraus hervorgehende Phantasie stets hinderlich dagegen wirken. Es behagt diesen Menschen besser, allerlei läppische Bilder in ihrer Phantasie zu schauen, als logisch richtig über eine oder die andere Erscheinung nachzudenken; übrigens kommen die von dir gesehenen strengen Bußen eben nicht gar so häufig vor, wie du es meinst und man es dir gesagt hat. Denn ein Reicher löst sich auch los, und der Arme wird nur dann dazu berufen, wenn er wirklich ein schon bedeutendes Vergehen wider die bestehenden Gesetze sich hatte zuschulden kommen lassen. Es besteht demnach in Indien bis jetzt noch eine solche patriarchalische Ordnung, gegen die man noch nicht gleich mit Blitz und Feuer aus den Himmeln dreinschlagen kann. Wohl gibt es eine krasseste Masse des tollsten Aberglaubens, dem gesteuert werden sollte; aber da solcher Aberglaube stets eine sicher reichste Frucht bei allen jenen Völkern ist die eine sehr rege Phantasie besitzen, so kann man dagegen auch nicht sogleich mit den allergewaltigsten Prügeln dreinschlagen!
02] Denn es ist noch immer besser, das Volk im Aberglauben zu belassen, als es in alle die Wissenschaften einzuweihen; denn der Aberglaube heftet den Indier auf seinen Boden, während ihn die Wissenschaft nur zu bald mit Aarsflügeln versehen würde, sich gleich über die ganze Erde verderblich auszubreiten. Ja, wenn es möglich wäre, das gesamte Indiervolk mit einem Schlage in die feinste Wissenschaft ohne ihre Mühe zu versetzen, so würden sie eine Weile staunen darüber, wie sie so lange die große und sinnlose Torheit über sich haben herrschen lassen können. Bald darauf würden sie aber von Zorn und Grimm über ihre Priester derart entbrennen und im gleichen auch über sämtliche andervölkerliche Persönlichkeiten, daß diese alle über die allerschärfsten Klingen springen müßten. Sie würden eine Purifikation vornehmen, über der die ganze Erde ehestens blutrot aussehen müßte. Und was wäre am Ende damit gewonnen? Der dumme Menschenteil würde natürlich niedergemetzelt werden, und aus den wissenschaftlich geweckten Menschen würden lauter blutdürstige Tiger hervorgehen!
03] Daß aber dies also ginge, beweisest du als ein rein vernünftiger Mensch durch deinen großen Ärger über alle die Gottheiten und besonders über ihre sogenannten Stellvertreter. Wenn dir so meine Macht zu eigen wäre! O weh, wie geschwinde würdest du allem Priestertume auf der ganzen Erde ein Ende machen! Aber was hernach mit den anderen Menschen, die mit Haut und Haaren an ihren Priestern hängen und sich von ihnen nach allen Seiten wie die Lämmer von ihren Hirten leiten lassen?! Würdest du sie wohl auch alle durch einen Machtspruch in deine reine Vernunft übersetzen können? Ich sage es dir: Das wäre eine schwere Aufgabe! Denn, so dann ein jeder gleich viel wüßte, so müßte auch ein jeder gleich viel an materiellen Mitteln besitzen, so er nicht verhungern wollte. Denn käme er zu seinem Nachbarn und trüge ihm seine Dienste an und sagete: "Ich verstehe nun dieses und jenes!", so würde der Nachbar sagen: "Dasselbe verstehe ich auch, habe mich schon lange danach eingerichtet und brauche von niemandem etwas! Ein jeder sorge nun für sich!"
04] Wenn ein Vater sagete zu seinen Kindern: "Tut und lernet dies und jenes!", so würden die Kinder sagen: "Was sollen wir noch tun und lernen? Können und verstehen wir doch alles, was du kannst und verstehst, und tun danach! Was weiteres verlangst du von uns?"
05] Würdest du im Alter, wo ein jeder Mensch schwächer und gebrechlicher wird, eines Dieners benötigen und zum nächsten Besten, der dir etwas tun könnte, sagen: "Siehe, ich bin schwach geworden und benötige deiner Hilfe, die ich dir gut bezahlen will und werde; sterbe ich, so will ich dich als meinen Erben einsetzen!", - weißt du, was der Angeredete dem Hilfsbedürftigen sagen würde? Höre, er würde gerade das sagen, was du selbst zu jemandem sagen würdest, so er dich anredete um einen beständigen leiblichen Dienst! Du würdest diesem sagen: "Freund, ich habe nicht nötig, jemandem einen Knecht und Diener zu machen, denn ich bin selbst so wohlhabend wie du und habe nicht nötig, Dienste zu nehmen, um mir meinen Lebensunterhalt im Schweiße meines Angesichtes zu verdienen! Wer es nötig hat, der plage sich für seinen Nächsten; ich lasse das bleiben!" - Siehe, das, was ich dir nun sage, war viele hundert Jahre im alten Ägypten der Fall! Die Menschen wurden alle stockweise, und ein jeder war reich.«


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