Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

197. Kapitel: Satans Wut. Martins Furcht und des Johannes Ruhe und Klarheit dem listigen Satan gegenüber. Unabhängigkeit der Kinder Gottes von Satan.

   01] Satan merkt, daß die Gesellschaft auf sein Geheiß nicht fortziehen will. Daher wird er stutzig und in seinem Innern grimmglühend, welcher Zustand ihm auch äußerlich ein sehr abschreckendes Aussehen verleiht.
   02] Martin merkt das und spricht zu Johannes und den andern Begleitern: »Freunde, wie ich merke, sieht es mit dem verlorenen Sohne nun eben nicht am besten aus! Ein furchtbarer heimlicher Zorn blitzt aus seinen Augen, seine in tausend finstere Falten gefurchte Stirn und seine ebenso entstellten Mundwinkel deuten auf eine furchtbare Rache hin, die er zu nehmen willens ist!
   03] Ich meine, du, Bruder Johannes, bist ihm vielleicht doch ein wenig zu hart an den Leib gegangen? Ich muß dir sagen, daß ich bei seinem Anblicke, trotz der mir innewohnenden Kraft des Herrn, in eine nicht unbedeutende Furcht gerate. Nicht etwa, daß er uns etwas anhaben könnte, sondern wegen der sichern und gänzlichen Vergeblichkeit aller unserer Bemühungen. Dort schaue die Gesichter des Uhron und Shonel nur an; diese beiden vergehen nahezu schon vor Angst! Um des Herrn willen, was wird da nun herauskommen?«
   04] Spricht Johannes: »Wahrlich, die Sache sieht allerdings übel aus. Aber ich sage dir: nur keine Furcht vor ihm! Denn auch Furcht vor ihm ist eine Art Hingebung unserer Macht unter seine Kraft; das wäre auch eine Art Triumph auf seiner Seite über uns, was wir nie zugeben dürfen! Denn täten wir das, würden wir von seiner bösen Polarität so angezogen, daß es uns dann große Mühe kosten würde, uns von ihm loszuschälen.
   05] Siehe, er ist mit dir wohl sehr human umgegangen und hat dir bedeutende Verheißungen gemacht. Aber das tat er nicht etwa, um sie deiner Artigkeit wegen zu erfüllen, sondern nur, um dich dadurch als einen unerfahrenen Neuling dieses Reiches in seine Schlingen zu fangen!
   06] Kennst du dich nun aus? Da ich aber seinen feinen Plan durchschaute und vereitelte, so ist er nun heimlich voll höchsten Grimmes und würde uns alle zermalmen vor Wut, so er sich unserer Macht gewachsen fühlte. Aber da er nur zu gut einsieht, wie himmelweit seine Macht hinter der unsrigen steht und wie ohnmächtig er gegen uns ist, so wird er darurn nun über die Maßen zornig, grimmig und wütend in seinem Inneren!
   07] Allein, wir dürfen uns nicht im geringsten etwas daraus machen, da wird er bald wieder ein ganz anderes Gesicht uns zeigen!«
   08] Satan stößt hier mit seinem Fuße so gewaltig in den Boden, daß dieser weit und breit erbebt, und spricht dann gewaltig zu Johannes: »Elender, bist du noch nicht zur Genüge gesättigt an meinem Elend? Wenn ich nunmehr nichts bin und in der großen Schöpfung keinen Wert mehr habe, so zerstöre mich ganz mit deiner Macht über mich, wenn du dich getraust! Siehe aber dann zu, ob du mit meiner Vernichtung nicht auch dich vernichtet haben wirst!
   09] Aber ich sehe nur zu gut, wie dir an meiner Erhaltung wegen der deinen alles gelegen ist. Darum bist du dann auch eine feigste Memme, hast die scheußlichste Furcht vor mir, weil dir meine Arbeit sicher nicht also schmecken möchte als die der weichen Himmel! Du fürchtest meinen Triumph über dich und sprichst, man solle vor mir keine Furcht haben!
   10] O du dummer Kopf, welche Furcht ist denn ärger: die leere vor mir oder die vor meinem Siege über dich? Siehst du denn nicht ein, daß solch eine Furcht für mich ein größter Triumph ist? Rede, ist es nicht so?«
   11] Spricht Johannes: »O himmelweit und tausend Male nein! Denn etwas ganz anderes ist Furcht vor einem Benehmen, durch das man bei deiner schroffsten Verkehrtheit dir ähnlich werden könnte, und ganz etwas anderes eine läppische Furcht vor deiner individuellen Wesenheit. Die erste könnte einem reinsten Geiste sehr schädlich werden, während die zweite bei einem starken Geiste aus dem Herrn heraus ohnehin unmöglich ist und den schwächeren Geistern darum nicht schaden kann, weil sie immer mächtigste Schutzgeister um sich haben!
   12] Daher warnte ich Martin hauptsächlich vor solchen Eingehungen in deinen Willen, die dir offenbar einen Triumph über uns einräumten, der sogar auch mir gefährlich werden könnte. Nicht so sehr aber aus Furcht vor dir selbst, der du gegen uns keine Macht hast außer die der Lüge und Überredungskunst!
   13] Daß du aber der dummstolzen Meinung bist, daß ich darum eine Furcht vor dir hätte und mir nicht getraue, dich zu vernichten, weil ich fürchtete, durch deine Vernichtung mich selbst zu vernichten: o Satan, da bist du in einer sehr großen Irre! Denn meine Erhaltung und die Erhaltung unser aller hängt ebensowenig von der deinigen ab als die des Herrn Selbst, da wir nunmehr alle ewig im Herrn leben und der Herr durch Seine Vaterliebe in uns!
   14] Daraus aber kannst du als ewiger Lügner erkennen, daß ich dich gar wohl gänzlich vernichten könnte, ohne meiner Existenz dadurch auch nur um ein Härchen Abbruch zu tun. Daß ich aber solches nicht tue, daran ist nicht etwa meine Liebe zu dir oder meine Furcht vor dir, sondern lediglich des Herrn endlose Liebe und Geduld schuld, die auch in meinem Herzen wohnt.
   15] Wahrlich, so es lediglich auf mich ankäme, hätte die ganze Unendlichkeit schon längst vollkommene Ruhe vor dir; denn ich, Johannes, hätte dir schon lange den Garaus gemacht! - Ich meine, du wirst meine sehr offene Rede wohl verstanden haben?«
   16] Spricht Satan: »Ja, wohl habe ich sie verstanden! Aber leider auch die allzeit wiederkehrende empörende Erfahrung gemacht, daß gerade ihr sogenannten reinen Himmelsgeister die allerunreinsten und Gottes unwürdigsten Begriffe und Vorstellungen von Gott habt!«
   17] Spricht Johannes: »Wieso? Rede! Das scheint ein neuer, von dir bisher noch nie vorgebrachter Fangkniff zu sein! Wir wollen ihn hören!«
   18] Spricht Satan weiter: »Du fragst: 'Wieso?' Gelt, das klingt deinem sogenannten himmlisch-reinsten Ohre sonderbar und neu? Warte nur ein wenig, es soll dir sogleich ein Licht aufgehen, über das du dich ewig wundern sollst! Willst du aber das Licht, so habe die Gefälligkeit, mir die Fragen kurz zu beantworten, die ich dir nun geben werde!
   19] Ich gebe dir aber zuvor die heiligste Versicherung, daß ich für ewig mich allem frei unterwerfen will, was du nur immer von mir verlangen wirst, so du mich einer Unwahrheit wirst zeihen können. Wirst du aber das nicht imstande sein, so bleibe ich, was ich bin. Du aber kannst samt deinem Anhang, von mir ganz unberührt und unbeirrt heimziehen und dir dann in deiner himmlischen Heimat reinere und würdigere Begriffe von Gott sammeln!«
   20] Spricht Johannes: »So frage denn; aber mit deinen alten, mir schon zu sehr bekannten Fragen komme mir nicht, denn da würden wir bald ausgeredet haben!«
   21] Spricht Satan: »Nun wohl, denn es gilt hier Sein oder Nichtsein. Ich werde sehen, wie weite Sprünge du mit deiner Weisheit vor mir machen wirst! - Frage: 'Ist Gott allgegenwärtig oder nicht?'«


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