Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

196. Kapitel: Martin, Johannes und Satan. Martins Ehrlichkeit und Johannes Weisheit und Entschlossenheit. Satans Widerspruchgeist und Tadel des Johannes. Antwort des Johannes.

   01] Martin stutzt nun bei diesen Worten Satans sehr, und das um so mehr, weil er sich dabei wirklich ein wenig getroffen fühlt. Er wendet sich daher, als sein Gemüt etwas ruhiger wird, an Johannes und spricht: »Lieber Bruder, der du wie keiner mit des Herrn Weisheit erfüllt bist, was sagst denn du dazu? Soll ich wohl in diesem einzigen Punkte dem Satan glauben? Nach meinem innersten Gefühl hat er allerdings nicht gar zu unrecht!«
   02] Spricht Johannes: »Laß du nun diese Sache; denn wo wir noch nie etwas ausgerichtet haben, da wird auch deine Mühe vergeblich sein! Gebiete ihm im Namen des Herrn Ruhe; darauf aber wollen wir wieder heimwärts zum Vater ziehen! Dieser allein soll mit ihm machen, was Er will, und das wird auch das Beste sein!«
   03] Spricht Satan: »Und gerade nicht, weil du meinem Martin solch einen Rat gegeben hast, werde ich mir von ihm Ruhe gebieten lassen. Ich werde Martin die Ehre antun und werde mit ihm hin vor den Herrn ziehen, um dort die Sache, die ihr alle nicht verstehen könnt, mit Ihm Selbst abzumachen! Geht nun heim, ich werde euch freiwillig folgen zum Herrn hin!«
   04] Spricht Johannes: »Wir aber kennen leider deine Absichten und wissen genau, daß du nie gefährlicher bist, als wenn du im Kleide der Humanität auftrittst! Daher, so du den Mut hast, wirst du schon allein dich zum Herrn begeben müssen, denn wir haben keinen Auftrag, dich als des Herrn größten Feind mitzunehmen.
   05] Ach, ganz was anderes wäre es, so du dich nach dem sehr guten Rate Martins bekehrt hättest und wärest als ein reuevoller verlorener Sohn in den heiligen Schoß des Vaters zurückgekehrt! Da wohl wärst du uns allen der willkommenste Begleiter gewesen. So aber können wir dich wahrlich durchaus nicht brauchen.
   06] Wie aber gesagt, so du zum Herrn willst, da ist dir der Weg nur zu wohl bekannt. Mit uns aber kannst und darfst du so, wie du nun bist, ewig in keiner Gemeinschaft wandeln! Also sei es im Namen unseres und deines Gottes und Herrn!«
   07] Satan macht darob eine sehr finstere Miene und spricht: »Wenn der Herr Boten, wie du einer bist, an mich sendet und ferner senden wird, schwöre ich dir bei allem, was mir heilig ist, daß mich Ewigkeiten nicht zur Umkehr bewegen werden - und mag der Herr mich auch mit dem Feuer aller Zentralsonnen richten!
   08] Martin könnte mit mir etwas ausrichten, aber Johannes und Petrus und Paulus ewig nimmer! Schreibe dir diese Worte hinter deine Ohren, du harter, unbarmherziger Klotz von einem Jünger Christi! Meinst du denn, daß ich etwa Furcht oder Scheu vor dir und deinen Sentenzen habe, dieweil du Johannes, der Evangeliumschreiber und der Offenbarungskratzer bist? Oh, da irrst du dich sehr!
   09] Siehe, eine von mir geschaffene Schmeißfliege ist mir endlos teurer als tausend solcher Propheten, wie du einer bist! Schäme dich ob deiner großen Herzenshärte gegen diejenigen, die desselben Schöpfers Werke sind, aber freilich leidend, elend und gequält ewig!
   10] Trefflich hat euch der Herr Selbst dadurch gezeichnet, wie ihr beschaffen seid, da Er im Gleichnis vom verlorenen Sohn sagte: Als aber der Vater dem heimgekehrten armen, verlorenen Sohne ein großes Fest bereitete und des Vaters andere Söhne und Kinder vernahmen, daß es in des Vaters Hause überfröhlich zugehe, da kamen sie herbei und sagten ärgerlich: 'Uns, die wir dir stets treu waren, hast du noch nie ein Fest gegeben! Aber da dieser Verworfene zurückkam, der dich so sehr beleidigt hat, daß darob Himmel und Erde erbebten und starr wurden vor Entsetzen, diesem gibst du deinen Siegelring und bereitest ein größtes Festmahl!'
   11] Was der Vater von diesen ärgerlich Murrenden darauf sagte, brauche ich dir nicht wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Denn du bleibst dennoch, der du bist: voll Härte und Unbarmherzigkeit in deinem Herzen wie alle deines Gelichters!
   12] Aber Martin nehme ich aus! Er war zwar, durch euch geleitet, eine Weile sehr grob. Aber er hat sich gebessert und seine Unterredung mit mir war seit Äonen undenklicher Zeiträume der erste selige Augenblick für mein Herz. Daher soll er von mir auch ewig hochgeachtet bleiben! Und so mit mir je jemand etwas ausrichten wird, so wird es Martin sein; aber von euch andern allen erspare sich ewig jeder die Mühe! Geht nun; ich aber werde bleiben!«
   13] Spricht Johannes: »Du tust mir sehr unrecht! War nicht ich es, als dich Martin durch seine Macht für ewig in das Feuer jenes dampfenden Feuerkraters warf und bannte und dich noch obendarauf mit glühenden Bergen bedeckte, der dies Martin verwies und ihn dahin stimmte, daß er dich wieder frei machte? Da ich aber solches tat, wie bin ich denn nun ein harter, unbarmherziger Klotz?«
   14] Spricht Satan: »Freund, rede nur du mir von deiner Barmherzigkeit nichts! Martin tat, was er tat, in seiner Unüberlegtheit. Und da er es bald einsah, daß er nicht recht handelte, änderte er sogleich seine unüberlegte Handlung. Du aber bist entschieden, was du bist, und änderst deinen Ausspruch nie, ob er gerecht oder ungerecht ist. Darum hasse und verachte ich dich mehr als alle meine ärgsten Leiden und Qualen! Dir, Martin, meine Achtung, euch andern aber ewig meine tiefste Verachtung! Hebt euch nun von dannen, sonst fange ich ein Spektakel an, wie es die ganze Unendlichkeit bisher noch nie gesehen hat!«
   15] Spricht Johannes: »Wir sind nicht da, daß wir dir gehorchen sollen, sondern dich zu hemmen in deiner Bosheit nur sind wir da. Wir werden uns daher auch heben, wenn der Herr es wollen wird, und nicht nach deinem Willen! Willst du aber Spektakel machen, so kannst du es ja versuchen. Es wird sich dann gleich zeigen, ob unsere Macht über dich nicht größer sein wird als die deinige über uns!
   16] Weil du uns aber befohlen hast, daß wir uns sogleich von hier heben sollen, so könnten wohl auch wir aus des Herrn Namen dir nun etwas ganz anderes gebieten. Aber wir wollen nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern geben dir bloß den Rat, dich nun ferner völlig ruhig zu verhalten, so du schon dem Rufe Martins nicht folgen kannst oder willst. Denn siehe, es ist dies der letzte kurze Termin, der dir noch zu deiner Umkehr belassen ist! Wirst du diesen nicht benützen, so wirst du für ewig allerschärfstens gerichtet werden!
   17] Wohl rupftest du uns das Evangelium vom verlorenen Sohne vor und wolltest uns darin unserer Härte zeihen. Aber ich sage dir, der verlorene Sohn wird auch ohne dich zurückkehren, und zwar in den vielen gottergebenen Brüdern, die eines Sinnes wie ein Mensch vor Gott stehen werden. Du aber wirst dem reichen Prasser gleich in das ewige Feuer des Gottesgerichtes auf ewig verworfen werden, so du dem Rufe Martins nicht ehestens folgen wirst!«
   18] Spricht Satan: »Der Herr soll tun, was Er will. Ich aber werde auch tun, was ich werde wollen. Ich werde Ihm und euch allen zeigen, daß der Herr wohl mit Seiner Macht die ganze Unendlichkeit wie Spreu verwehen kann, aber mein Herz und mein Wille soll ewig aller Seiner Allmacht und Weisheit den härtesten, unbesiegbaren Trotz bieten! Tut ihr nun, was ihr wollt, und ich werde auch tun, was ich werde wollen!«
   19] Spricht darauf Martin zu Johannes: »O Bruder, wie ich nun sehe, ist alle unsere Mühe vergeblich; daher gehen wir! Denn nun sehe ich schon klar, daß mit diesem Satan nichts weiter mehr zu machen ist!«
   20] Spricht Johannes: »Lieber Martin, so er uns nicht heimzuziehen geboten hätte, da wären wir schon heimgezogen. Aber sein Wille darf den unsrigen nicht bestimmen, daher wollen wir noch ein wenig verweilen. Denn zögen wir nun auf sein Wort von hier, wäre das für ihn ein Triumph über uns. So aber er über uns triumphierte, da stünde es schlecht mit uns! Daher wollen und müssen wir noch ein wenig verweilen und diese Gegend in Ordnung bringen; also sei es denn!«


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