Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

175. Kapitel: Schluß der Predigt Martins und ein Wink über deren Zweck. Über die Bedingungen zur Gotteskindschaft. Dank- und Anerkennungsrede des Weisen. Berufung der Sonnenmenschen zur Gotteskindschaft.

   01] Spricht Martin: »Mit all den von mir berührten übelsten Lebensverhältnissen, deren ich freilich nur im geringsten Maße Erwähnung getan habe, will ich aber durchaus nicht gemeint haben, als sei der Herr etwa ungerecht! Oder es sei daher auf der Erde dadurch nahezu unmöglich, ein Gott dem Herrn wohlgefälliges Leben zu führen! Ich will euch dadurch auflockern in eurem Gemüte. Um das desto sicherer bewirken zu können, muß ich euch die unendlichen Vorteile eurer Lebensverhältnisse zeigen. Denn ihr, in sie hineingeboren, könnt dieselben gar nicht beurteilen ohne Hinzustellung der Lebensverhältnisse anderer Welten, namentlich der meinen - die ich gottlob besser kenne, weil ich von dorther bin und selbst mit ihren Lebensverhältnissen sehr viel zu schaffen gehabt habe.
   02] Ich will dadurch weder vor euch und eurer Weisheit den Herrn anklagen - was von mir ewig fern bleibe -, noch will ich euch gegen den Herrn empören - was doch wohl die größte Tollheit wäre! Aber da auch ihr für die Folge zur Kindschaft Gottes berufen seid und durch eure Weisheit zur Kenntnis gelangt seid, daß nur auf meiner Welt die eigentlichen, wahren Gotteskinder gezeugt werden - ist es für euch nun um so notwendiger zu erfahren, unter welchen Bedingungen ein Mensch, ein Geschöpf, zu dieser unschätzbarsten, erhabensten Würde gelangen kann!
   03] Euer Leben aber war bisher eigentlich nur eine barste Spielerei der Engel Gottes, deren Eigentum ihr bisher wart. Es taugt durchaus nicht, um dadurch zur Gotteskindschaft zu gelangen. Denn Gotteskindschaft ist ein heiligster Ernst und keine Spielerei, daher muß sie auch im vollsten und oft bittersten Lebensernste erstrebt werden!
   04] Darum aber werdet auch ihr Gesetze erhalten, wie wir sie haben. Und es wird auch bei euch heißen: 'Ein jeder von euch nehme sein Elend auf seine Schultern und folge Mir, dem Herrn, nach, ansonst es wohl nicht möglich ist, dahin zu gelangen, wo Ich (spricht der Herr) bin und lebe und handle in der Mitte Meiner Kinder, die da sind und bleiben für Ewigkeiten Mein rechter Arm und tun, was Ich tue, und leben, wie Ich lebe!'
   05] Der Herr Selbst ist darum auf meiner Erde ein Mensch geworden, trug alle erdenklichsten Mühseligkeiten dieses irdischen Menschlebens, ließ Sich am Ende von der großen Blindheit der Menschen meiner Welt sogar auf die schmählichste und schmerzlichste Weise an einem Kreuzbalken dem Leibe nach töten, auf daß dann die Menschen dieser meiner Welt Götter werden könnten, - so sie es natürlich selbst wollen.
   06] Aber darum, daß jemand auf jener Welt geboren ist, wo der Herr Selbst Sich ins Fleisch gehüllt hatte, wird wohl niemand zur Kindschaft Gottes gelangen. Erst wenn er alle jene Bedingungen erfüllt an sich ganz frei, welche der Herr Selbst zu diesem Behufe vorgeschrieben hat!
   07] Ihr alle habt von mir vernommen, wie gar elend es auf meiner Erde zugeht. So zwar, daß man meinen sollte, dem Herrn liege gerade an jener Welt, die Er Selbst zur wichtigsten und heiligsten im ganzen Universum durch Seine Menschwerdung gemacht hat, nun gar nichts, und Er kümmere Sich um sie nicht im geringsten. Aber dem ist nicht so!
   08] Die Menschen jener Erde nur sind im vollsten Sinne frei und können tun, was sie wollen: Gutes nach dem Gebote Gottes oder Schlechtes wider dasselbe. Sie werden weder zum Guten noch zum Schlechten durch nichts gezogen als lediglich durch ihren vollkommen freien Willen. Aus diesem Grunde ist jene Welt auch in allen ihren Lebensverhältnissen so mager gestellt, damit durch sie kein freier Wille irgendeine Beirrung erleiden und schlecht werden solle.
   09] Im Gegenteile aber ist auch das Himmlische dergestalt verdeckt, daß ob der bestimmten Anschauung künftiger Seligkeiten ebenfalls kein freier Wille zum Guten genötigt werden solle. Obschon aber jeder die Folgen seines guten oder schlechten Lebens aus der gegebenen Gotteslehre weiß, so kann er dennoch handeln, wie er will, weil er weder auf der einen noch auf der andern Seite irgendeine nötigende Gewißheit hat.
   10] Alles aber ist auf der Erde darum so eingerichtet, auf daß der Wille der Menschen vollkommen ein freiester bleiben soll. Denn ohne ihn ist es unmöglich, die freieste, ewig ungerichtete Kindschaft Gottes zu erlangen.
   11] Daß nun die Menschen dieser meiner Erde zumeist in Abirrungen gelangen - der eine so, der andere anders -, wird nun sicher begreiflich sein. Aber daß demnach auch ihr in ganz andere Lebensverhältnisse werdet versetzt werden - so es euch ernst ist um die Erreichung der Gotteskindschaft -, das ist etwas ganz anderes! Wie aber, das wird euch mein Nachfolger verkünden; vernehmt ihn daher!«
   12] Spricht der Weise: »Es sei dir gedankt von mir und allen denen die hier und draußen versammelt sind, für deine Rede und Lehre, die du uns nun hast zukommen lassen durch die Gnade deines und unseres Gottes und Herrn. Von dieser Lehre war mir besonders der letzte Teil um so schätzbarer, als ich dadurch ziemlich hell einsehen gelernt habe, aus welchem Grunde auf deiner Welt die Menschen, gegen uns betrachtet, gar so mißlich gestellt sind. Ich habe aber auch daraus abermals die Bestätigung meines aufgestellten Grundsatzes wahrgenommen, demzufolge kein intelligentes Wesen an dem Schöpfer und Seiner Güte verzweifeln soll.
   13] Denn Seine unendliche Allmacht, deren Werke zahllos und von wunderbarster Art und Ordnung sind, ist uns eine unumstößlichste Bürgschaft für Seine ebenso unendliche Weisheit. Solche Weisheit aber kann nur ein Ausfluß der gleich großen Ordnung im ewigen, vollkommensten Leben des Schöpfers Selbst sein!
   14] Wo aber das Leben auf allerhöchster, reinster und zugleich tiefster Ordnung beruht, muß in solch einem vollkommensten Leben auch eine Güte zu Hause sein, von der sich ein geschaffener, wenn noch so freier Geist ewig keine völlig klare Vorstellung zu machen imstande ist!
   15] Ich danke dir, lieber Freund, daher noch einmal für mich wie für alle hier anwesenden Völker und freue mich sehr auf die Rede, die nun dein Bruder Petrus uns allen vortragen wird! Der Herr leite seinen Mund und seine Zunge!«


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