Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

174. Kapitel: Tiefer Eindruck der Predigt Martins auf die Sonnenmenschen. Zwiegespräch zwischen Uhron und Martin.

   01] Hier tritt der Weise Uhron vor und spricht: »Freund, ich sehe, daß du uns Wahres kündest; aber was willst du damit? Willst du diese Völker gegen Gott empören? Wahrlich, hier ist alle meine Weisheit zu Ende und ich kann weder dich, noch weniger Gott fassen! Welche Ordnung soll das sein?
   02] Ich kenne die Himmel und kenne auch die Höllen vieler Welten, aber ich sage dir: da ist keine Hölle ärger als deine Erde! Ich bitte dich darum, rede von etwas anderem, sonst empörst du alle Völker gegen Gott, den sie bis jetzt über alles gelobt und geehrt haben.«
   03] Spricht Martin: »Freund, es hat jedes Ding und Wesen vom Herrn offen oder heimlich eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Nur ist da der Unterschied: Die Dinge müssen sie lösen; wir frei- und selbstwilligen Wesen aber können und wollen sie lösen! Und so mag da aus meiner Rede auch folgen, was da immer wolle; denn ich tue nichts, als was allein der Herr will! So könnt ihr mich immer noch weiter anhören, da ich mit der Sache noch nicht zu Ende bin!«
   04] Spricht der Weise: »Du kannst immerhin deine Rede fortsetzen, aber es fragt sich nur, zu wessen Nutz und Frommen? Du verlierst oder gewinnst sicher nichts dadurch, ob wir als reinere Wesen und Bewohner dieser Welt wissen oder nicht wissen, wie es auf deiner Welt zugeht. Und wir gewinnen sicher auch nichts, so wir die Schlechtigkeit deiner Welt näher vorgestellt bekommen, als es unserer Weisheit möglich ist, Blicke in die Wesensverhältnisse deiner Welt zu tun. Wohl aber können wir bei deinen Erzählungen über den schrecklichen Gerichtsstand deiner Welt einen barsten Schaden erleiden - von der Art, daß er sich schwerlich je wieder dürfte vergüten lassen!
   05] Daher meine ich also: Wir haben ohnehin von dir schon eine breit gehaltene Darstellung der ärgsten Verhältnisse deiner Welt erhalten und können uns nur zu leicht vorstellen, daß es auf deiner Welt noch viel ärgere Dinge geben müsse, weil alle Bedingungen dazu eben durch deine Erzählungen erläutert sind. So glaube ich wohl, daß es nun völlig unnötig sein dürfte, uns noch länger mit etwas zu quälen, was uns im Grunde des Grundes schon darum um so weniger kümmern kann, weil wir ganz außer Stand gesetzt sind, die bösen Verhältnisse deiner Welt zu ändern! Auch werden wir wirklich nie geneigt sein oder gar wünschen, daß die allerschlechteste Ordnung deiner Welt hier angenommen würde. Und so meine ich, du könntest nun deinen Bruder Petrus an deiner Statt reden lassen; vielleicht kommt er mit etwas Besserem zum Vorschein!
   06] Solltest du etwa gar die Absicht haben, Gott, deinen und unsern Schöpfer, vor uns anzuklagen und uns darüber entscheiden lassen, ob Er recht oder unrecht handle, da müßte ich dich in allem Ernste bedauern! Was wohl könnten wir ohnmächtigste Geschöpfe gegen des Schöpfers unbegrenzteste Allmacht ausrichten, so wir auch wirklich einsähen, daß Er mit den Menschen deiner Welt noch so ungerecht verfahren würde? Ist Er ja doch allein der Herr, in dessen Willenshand alle Unendlichkeit liegt!
   07] Ich setze den Fall, Er hätte wirklich unter den zahllosen Myriaden Seiner Welten eine gestellt, die da bloß ein Spiel Seiner Launen sein sollte. Sage, wer wohl könnte Ihn darum zur Rechenschaft fordern? Und so du dir das getrauen würdest, meinst du wohl, du könntest dadurch von Ihm eine rechtfertigende Antwort erzwingen? Er ist und bleibt ewig ganz allein der Herr und tut, was Er will! Dem Er gut sein will, dem ist Er gut; den Er aber verwerfen will, den kann Er auch verwerfen, - mag es uns recht oder unrecht dünken.
   08] Wer könnte Ihm in den Weg treten und verwehren, so Er nun diese unsere Welt augenblicklich vernichten wollte! Oder so Er sendete Myriaden der schrecklichsten Quälgeister über uns und ließe uns quälen Äonen Zeiten? Was könnten wir Ihm zur Verhütung solchen Gerichtes entgegenstellen!
   09] Ich meine: Gott, der Sich nun sichtlich hier unter uns befindet, ist allein ein Herr aller Welten, Himmel und auch Höllen. Seine Allmacht aber bürgt für Seine gleichermaßen unendliche Weisheit! Er wird am besten wissen, warum Er hie und da so manches geschehen läßt, das unsere Weisheit wohl schwerlich je begreifen wird. Daher, fügen wir uns willigst in Seinen Willen und in Seine Ordnung, bin ich überzeugt, wir werden keines schlechten Weges wandeln! - Bist du einverstanden mit mir?«
   10] Spricht Martin: »Allerdings! Aber eben weil es des Herrn Wille ist, muß ich noch weiter reden; denn auch in diesem mußt du Seinen Willen respektieren!«
   11] Spricht der Weise: »Wenn so, da rede du in Seinem Namen allerdings nur weiter: wir werden dich hören!«


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