Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

114. Kapitel: Satans Gestaltwechselmöglichkeit. Ein Wink über Martins Charakter. Ahnung der Neulinge von der Nähe Jesu. Chanchahs demütiges Schuldbekenntnis.

   01] Nun spricht Chanchah ganz betroffen: »Ach du meine Liebe - werden alle diese Gäste den gar zu gräßlichen Anblick jenes Ungeheuers wohl ertragen? Und wird es uns wohl nichts Arges antun können? O Lama, Lama, das wird ein gräßlichstes Schauspiel werden! Siehe, wie es sich schon entsetzlich zu winden und bäumen beginnt! Ach Lama, welch ein grauenhaftester Anblick! Welche Wut, welch furchtbarer Grimm sprüht aus seinen gräßlichen Feueraugen! O du Freund, wenn dies Ungeheuer erst hier sein wird vor uns, wer wohl wird es wagen, es anzusehen?«
   02] Rede Ich: »Sei nur ruhig: dieser Gast kann alle Gestalten annehmen, wie er sie gerade zu seinem vermeintlichen Vorteil zu brauchen wähnt. Aber wir werden ihm hier das Rauhe schon herunterarbeiten, wenigstens auf eine Weile! Daher fürchte dich nicht, es wird schon alles gut gehen.
   03] Spricht Chanchah: »O liebster Freund, o du meine Liebe, auf dich habe ich wohl - wie auf den Lama - mein größtes Vertrauen; aber auf Bruder Martin halte ich dennoch keine gar zu großen Stücke! Denn er tut so vorlaut. Wenn es jedoch dann an irgendeinen Ernst kommt, zieht er sich aber bald so zurück, als wäre er dem bei weitem nicht gewachsen, was er ausführen sollte oder wollte. Daher meine ich, er wird beim Hierherführen jenes schaurigsten Ungeheuers leicht wohl mehr Ungünstiges als Günstiges bewirken. Borem wohl, der ist ein Mann voll Weisheit und voll gerechter Kraft, auf den kann man schon bauen! Martin aber ist und bleibt ein Pehux (schußliger Mensch), der sich viel zutraut, aber dann nichts vermag, so es ernstlich darauf ankommt!«
   04] Rede Ich: »Mein Liebchen, du hast freilich nicht ganz unrecht, aber er füllt dennoch seinen nunmaligen Platz vollkommen aus. In der großen Ordnung Lamas sind auch solche Wesen nötig, die ohne viel Nachdenken sich gleich über eine Sache hermachen, ob sie derselben gewachsen sind oder nicht. Das bewirkt, daß dann auch andere angeeifert werden, auch etwas zu tun, und oft viel klüger als derjenige, der ohne viel Überlegung den Anfang machte! Die gar zu Weisen sind nicht selten zu mückenfängerisch. Sie getrauen sich oft aus lauter Tiefsinn nicht, eine Sache anzugreifen, solange nicht alle ihre Weisheitsgründe für eine Sache ganz auf ein Haar passen. Und so müssen auch Martins sein, die weniger Weisheit, aber dafür einen großen Tateifer in sich tragen, der oft besser ist als zuviel Weisheit. Daher sei du wegen Martin nur ganz ruhig; er wird seine Sache schon recht machen, so er sie nach Meinem Auftrage angreift und vollzieht.«
   05] Spricht Chanchah: »Ach ja, das sicher! Daß du hier der Weiseste bist, ist nur zu einleuchtend meinem Herzen. Aber daß ich noch immer nicht weiß, wer du ganz eigentlich bist, dies einzige ist mir nicht recht an dir! Sieh, du sagtest jüngst zu mir, als ich dich bloß nach dem Namen fragte, daß meine Liebe zu dir mir schon alles verraten werde. Aber wie unbegreiflich mächtig ich dich auch liebe, so kann ich's aber doch von nirgend erfahren und noch weniger aus mir selbst, wie du heißt und wer du eigentlich bist. O du mein über alles geliebter Freund, o sage mir doch deinen Namen!«
   06] Rede Ich: »Liebste, holdeste Chanchah! Siehe, an dem alleinigen Namen liegt vorderhand ohnehin nichts, so du noch nicht erkennen kannst, was alles an den Namen gebunden ist. Wenn du aber auf alles, was Ich rede, recht gemerkt hättest, wärst du mit Mir schon so ziemlich im reinen! Gib aber von jetzt an auf alles acht, was und wie Ich reden werde, und wie die andern zu Mir und mit Mir reden werden, und was auf Mein Wort, wenn Ich etwas gebiete, sich alles gestalten wird, dann werden wir beide uns leicht und bald näher erkennen. Aber nun sei standhaft und unerschrocken. Denn Martin und Borem haben von Mir schon den Wink erhalten, das Ungeheuer hierher zu führen. Siehe, sie lösen dem Tobenden bereits die Ketten!«
   07] Chanchah wird nun ganz stumm. Gella aber tritt mutig zu ihr und spricht: »Chanchah, wenn dir die endlose Kraft und Macht dieses Freundes wie mir bekannt wäre, würdest du dich an Seiner Seite wohl vor tausend solchen Ungeheuern weniger fürchten denn vor der kleinsten Mücke!«
   08] Chanchah erschrickt förmlich und spricht hastig: »Schwester, was sprichst du! Ach, rede fort, rede von ihm, den ich so endlos liebe! Kennst du ihn? Kennst du diesen Herrlichsten - o so rede, rede schnell! Sollte etwa meine geheime Ahnung an ihm sich erwahren?! O Lama, dann ist Chanchah entweder das glücklichste Wesen der Himmel oder aber das unglücklichste der Unendlichkeit!
   9] Denn siehe, ich bin eine gar große Sünderin vor Lama, da ich in meinem Lande einmal einen Verrat an seinen vorgeblichen Boten verübt habe, die dann alle übel um ihr Leben gekommen sind. Waren sie wirklich Lamas Boten, dann wehe mir, so meine große Ahnung sich hier erwahrt! Denn von dem auf ewig verstoßen zu sein, den man so unendlich liebt  o Schwester, kennst du noch eine größere Qual? Nur dann, so jene von mir Verratenen Frevler, Betrüger und somit keine Boten Lamas waren - was ich jedoch nicht entscheiden kann -, dann freilich würde mir des Allgerechtesten Antlitz sicher erträglicher sein! Daher rede, rede; doch, ach Schwester, rede nicht - denn zu unerträglich könnte mein Herz deine zu frühe Enthüllung durchbohren! Oh, laß mich noch eine Weile in süßer Ungewißheit schwelgen!«
   10] Mit diesen Worten sinkt sie wie ohnmächtig zu Meinen Füßen. Ich aber stärke sie und richte sie vollends wieder auf.


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