Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

113. Kapitel: Der vorlaute Martin in der Klemme. 'Wer der Erste sein will, der sei alle Diener!'

   01] Es werden aber auch einige andere stutzig über das Benehmen der Gella, wie zuletzt auch der Chanchah. Und einer fragt den andern, wer Ich etwa doch so ganz eigentlich wäre, da Ich, obschon Ich nicht der vorgebliche Hausherr wäre - was eigentlich doch nur der Martin sei -, dennoch täte, als wäre Ich der eigentliche Hausherr und Martin sowie Borem bloß nur Meine allerergebensten Diener.
   02] Als Martin solche Frageregsamkeit unter vielen der anwesenden Gäste bemerkt, geht er sogleich hin und sagt zu ihnen: »Hört mich an, liebe Brüder und Schwestern! Wisst ihr denn nicht, wie das Wort Gottes lautet? Hat nicht der Herr Selbst also geredet und gesagt: 'Wer von euch der Erste sein will, der sei der Geringste unter euch und sei euer aller Knecht!'? Meint ihr denn etwa, hier im Himmel bestehe eine andere Ordnung als die, die der Herr Selbst auf der Erde gezeigt, gelehrt und geoffenbart hat?
   03] 0, ich sage es euch, hier ist erst eigentlich derjenige Platz, wo die auf der Welt vom Herrn Selbst gelehrte und geoffenbarte Ordnung von Punkt zu Punkt lebendigst erfüllt wird! Daher fragt euch nicht viel: 'Wer das? Warum so?', sondern esst und trinkt nun nach euerm Bedürfnisse. Und dann danket allein Jesu, dem Herrn, dafür, alles andere werdet ihr schon zur rechten Weile erfahren!«
   04] Sagen die Angeredeten: »Freund, was du nun uns gesagt hast, war wohl recht weise. Aber siehe, das wissen wir wohl - Gott sei Dank - auch! Daher hast du uns mit deiner Belehrung wahrlich keinen wesentlichen Dienst erwiesen. Auch wissen wir, daß wir hier von diesem gesegneten Mahle so viel verzehren dürfen, als es uns nur immer schmeckt. Daher hättest du, lieber Freund, dir auch die Mühe ersparen können, uns zum Weiteressen aufzufordern! Denn wir sind der Überzeugung, daß auch hier im Gottesreich ein jeder Geistmensch oder Menschengeist seinen eigenen Magen hat. Der weiß es sicher am besten, ob, wo und wie ihn der Schuh drückt, und wieviel er in sich aufnehmen kann. Du ersiehst daraus, daß du dir diese überflüssige Geschäftigkeit leicht hättest ersparen können!
   05] Wohl wissen wir nun, daß im Reiche Gottes nur der Diener aller der Größte ist. Unter 'aller Diener und Knecht sein' aber verstehen wir im entgegengesetzten Falle zugleich das Allerhöchste, d. h. in der Liebe, in der Weisheit, wie auch in der Kraft. Denn wo zu wenig Liebe, ist auch zu geringe Tatlust, die doch eine hauptsächliche Eigenschaft des Allerdieners sein wird! Also muß zweitens der Allerdiener von höchster Weisheit erfüllt sein; denn mit so manchen Weisheitslücken wird es ihm mit der Allerdienerschaft auch schier nicht am besten vonstatten gehen. Und drittens sind wir alle der festen Überzeugung, daß der Allerdiener auch allerkräftigst und allmächtigst sein müsse, um ein Allerdiener sein zu können.
   06] Freund, hältst du dich etwa im Ernste für solch einen letzten, geringsten Allerknecht, Allerdiener? Wahrlich, so bei dir das der Fall wäre, würden wir dich sehr bedauern. Wir sind darin alle nun eines Sinnes, nämlich: daß eine solche Allerdienerschaftsstelle nur ganz allein der Herr versehen kann! Was meinst du in dieser Hinsicht?«
   07] Martin ist über diese Entgegnung wie vom Blitze getroffen. Er weiß nun nicht, was er den weisen Rednern erwidern solle und steht ganz verblüfft vor ihnen. Der eine aber sieht seine Verlegenheit und spricht zu ihm:
   08] »Bruder, gehe du ganz ruhig und getrost an deinen früheren, sicher allerbesten Platz! Halte dich nur genau an Jenen, der uns allen nun sehr stark ein wahrster Allerdiener zu sein scheint, so wirst du nie in Verlegenheit kommen! Aber so du manchmal auf eigene Faust Rechnung machst, kann es dir noch oft so geschehen wie jener aberwitzigen Fliege, die auf dem Rücken des starken Pferdes, das einen großen Lastwagen zog, den Schweiß schlürfend - am Ende zu glauben anfing, daß sie den Wagen ziehe. Als aber dann das Pferd eine Rast nahm, mußte die Fliege mit großer Beschämung gewahr werden, wie gar nichts ihre vermeintliche große Kraft gegen die kolossale Kraft eines Pferdes ist. Daher kehre nur zu jenem Kräftigsten zurück: mit Ihm kannst du schon ziehen, aber ohne Ihn, Freundchen, tut's sich auf keinen Fall!«
   09] Martin kehrt nun eiligst zu Mir wieder und spricht: »Aber Herr, die haben mich gewaschen, ganz gehorsamer Diener! Nein, so knapp hat mir noch nie jemand meinen Mund gestopft. Aber man kann ihnen nichts einwenden; sie haben leider recht!«
   10] Rede Ich: »Da sieh den Borem an! Siehe, er tut nie etwas ohne Meinen Auftrag und rennt daher nirgends an. Du aber möchtest dich manchmal so ein bißchen hervortun, und da rennst du an! Ja, Mein lieber Martin, hier muß man die Gäste ganz anders behandeln als auf der Erde. Sonst stößt man leicht auf einen, den man belehren möchte, an dem man aber am Ende gewahr werden muß, daß man ihm nicht einmal die Schuhriemen lösen kann! Wie oft wirst du wohl noch anrennen müssen, bis du klug wirst?«
   11] Spricht Martin: »O Herr, man sagt, ein Esel ginge nur einmal aufs Eis, dann hätte er genug. In mir müssen schon aller Esel Seelen vereinigt sein, von denen jede einmal den schlüpfrigen Versuch machen will - sonst müßte ich ja um Deines heiligsten Namens willen doch schon weiser geworden sein!«
   12] Rede Ich: »Nun, es ist schon alles wieder gut. Gib nur fein acht, was Ich will, dann wirst du ewig nimmer anrennen! Nun aber labe dich nur wieder mit Brot und Wein, damit du recht stark wirst, jenen Gast mit Borem hierher zu ziehen!«


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