Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

111. Kapitel: Jesu Gleichnis von zwei Menschenpflanzen im Garten der Liebe Gottes. Gottes Mensschwerdung. Bischof Martins Niederlage im Kampf mit Satana.

   01] Ich aber öffne unterdessen Meinen Mund zu Chanchah und auch zu Gella und rede also: »Meine herzlichste, liebste Chanchah, du hast Mir ehedem ein gar herrliches Wort gegeben, das darum um so herrlicher war, weil du es aus der Tiefe deines Herzens genommen hast. Ich versprach, dir ein noch herrlicheres entgegenzubringen, und siehe, nun bin Ich zu diesem Zwecke da und will Mein Versprechen erfüllen. So höre Mich nun ganz geduldig an! Erwarte aber ja nicht irgendeine lange Rede; denn siehe, Ich rede allzeit nur kurz und pflege stets mit wenigen Worten vieles zu sagen.
   02] Du gabst Mir ein Bild von der Pflege deiner Morgen- und Abendblume, und das war gar lieblich. Ich aber gebe dir dafür ein anderes Morgen- und Abendbild, und dieses besteht darin:
   03] Siehe, gleich wie du deine Blumen, also pflanzte auch der große, gute Lama im endlosen Garten Seiner Liebe zwei Menschen: den einen gen Morgen für Sein Herz - und nachher auch den andern gen Abend für Seine Weisheit! Den ersten nährte Er mit aller Seiner Gottheit, auf daß er würde so herrlich wie Lama Selbst und Lama an ihm ein allerhöchstes Wohlgefallen hätte! Aber siehe, dieser erste wurde dadurch übermütig, wollte nicht gedeihen, sondern fiel vom Lama ab und verachtet Ihn bis jetzt noch über alle Maßen - obschon der Lama ihn noch stets mit offenen Armen und Herzen aufnehmen möchte!
   04] Da dieser erste Mensch also nicht geraten wollte, stellte der große Lama bald darauf den zweiten gen Abend, d. h. in die Welt, und pflegte diesen nicht minder. Aber auch dieser verkümmerte eigenwillig. Da reute es den Lama, daß Er den Menschen erschaffen hatte; darum wollte Er auch wieder vernichten solch ein Werk, gleichwie ein Töpfer ein Geschirr, das ihm nicht geraten will.
   05] Lama aber fragte da Seine Liebe, und diese stellte sich für die Mißratenen; Er Selbst ward Mensch, um dem Menschen ein rechtes Vorbild zu sein.
   06] Die mißratenen Menschen aber ergriffen Ihn und töteten den Gottmenschen, obschon sie den Gott in Ihm nicht töten konnten. Nur wenige erkannten Ihn und nahmen Seine Lehre in ihr Herz. Zahllos viele aber, obschon sie von Ihm hören, glauben doch nicht und nehmen Seine Lehre nicht an, auf daß sie Seine Kinder würden und dann sein möchten wie ihr ewiger Vater!
   07] Was meinst du wohl, was soll nun Lama solchen Menschen tun? Soll Er sie wohl noch länger dulden und ertragen?
   08] Siehe, so groß ist Seine Liebe zu diesen Menschen, daß Er noch tausend Male stürbe für sie, so es möglich und gedeihlich wäre! Und doch wollen sie Ihn nicht mehr lieben denn die nichtige Welt, sondern vergessen Seiner lieber ganz und gar, um desto gewissenloser der Welt anhängen zu können. -
   09] O Chanchah, sage, was wohl verdienen solche Menschen? Soll sich Lama wohl noch länger ihren hartnäckigen Trotz gefallen lassen oder soll Er sie verderben?«
   10] Spricht Chanchah: »O Freund, du meine Liebe, das sind wohl recht böse Pflanzen Lamas und verdienten eine übergroße Strafe! Aber wenn Lama so übergut ist, könnte Er da wohl diese Pflanzen abmähen und preisgeben dem Feuer, wie Er es den Urvätern angedroht hatte? Ich meine, die Unendlichkeit, wie ich nun zu erkennen anfange, ist doch groß genug, um solch ein Unkraut in seiner Art aufzubewahren. Aber verderben möchte ich an der Stelle Lamas nichts, was einmal Leben hat! - Meinst du nicht auch so, mein allergeliebtester Freund?
   11] Rede Ich: »Ja, ja, du Lieblichste, dieser Meinung bin Ich wohl und tue es auch so! Aber warte nun ein wenig: bald werden die beiden Brüder ganz sonderbare Gäste hereinbringen, und Ich werde sehen, was du zu diesen sagen wirst. Daher fasse dich; denn da wirst du etwas äußerst Seltsames ersehen und vernehmen!«


voriges Kapitel Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers nächstes Kapitel