Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

77. Kapitel: Posaunenstoß der zwei weißen Männer. Zusammensturz des Klosters. Herz-Jesu-Nonnen erscheinen als Riesenfrösche. Aufklärende Rede des einen der zwei Männer an die verängstigten Eltern der Herz-Jesu-Damen

   01] Bischof Martin wendet seine Augen wieder in das Hinterhaupt der Herz-Jesu-Dame und spricht nach kurzer Beschauung: »Ja, ja, so ist es schon recht; die zwei weißen Männer ziehen in Gesellschaft der Alten nun wirklich dem Kloster zu! Je näher sie kommen, desto fleißiger blitzt es aus den vielen Fenstern; aber die Blitze reichen nicht gar zu weit. Auch läßt sich ein innerer Donner vernehmen, aber wohl sehr schwach.
   02] Die Gesellschaft ist nun schon ganz nahe an der Gartenmauer. Einer von den zwei weißen Männern geht nun sogleich an die Türe und öffnet diese mit Blitzesschnelle. Nun dringen sie alle in den Garten und im selben in des Klosters Nähe.
   03] Hier angelangt stellen sich die zwei weißgekleideten Männer vor die Schar der Alten. Ein jeder von ihnen zieht eine lange Posaune unter dem Kleide hervor. Beide setzen nun diese Musikwerkzeuge an den Mund und stoßen gar mächtig in dieselben. Oh sapprament, das ist ein kräftiger, majestätvollster Ton!
   04] Aber was sehe ich nun? Da sieh, da sieh! Das Klostergebäude stürzt nun zusammen gleich den Mauern Jerichos. Und unsere Damen kriechen laut klagend und fluchend aus dem Schutt hervor wie Würmer aus einem Sumpfe und haben eine Gestalt wie die Riesenfrösche Hinterägyptens auf der Erde. Nur die Köpfe sehen mehr den Köpfen der Riesenschlangen gleich als denen der Frösche. Auch bemerke ich, daß sie an ihren Steißen Skorpionsschwänze haben. O du verzweifelte Geschichte, das Ding sieht nun äußerst bedenklich aus!
   05] Den Alten sträubt sich ob dieses Anblicks das Haar zu Berge. Diese ganz sonderbaren Frösche fangen auch - statt weiter zu fluchen - ganz entsetzlich zu quaken an. Aber ihr Gequake ist nun ohne Sinn und, wie es scheint, von gar keiner Wirkung. Denn die zwei Männer bedräuen diese Frösche und treiben sie nun vor sich hin, und die Alten folgen ganz erstaunt den zweien. Ihr Zug geht gegen Abend!
   06] An der Stelle des Klosters ist nun eine abscheuliche Pfütze zu sehen. Sapprament, Bruder, das sieht nun sehr düster aus! Nein, ich werde nun schon selbst ängstlicher und ängstlicher! Merkwürdig aber ist hier die Erscheinlichkeit, daß ich diese gegen Abend eilenden Frösche, wie auch ihre sie treibende Nachfolge stets gleich groß und gut sehe, obschon sie nun dem Raume nach schon sehr weit von uns entfernt sind.«
   07] Spricht Borem: »Räumliche Entfernungen beirren nimmer des Geistes Sehe; denn jeder Geist ist über Zeit und Raum erhaben. Aber die verschiedenen Arten der Gemütszustände sind wahre Geistesentfernungen und beirren die Sehe des Geistes oder blenden sie oft ganz und gar.
   08] Wären bei dieser Fröscheflucht die zwei weißgekleideten Männer nicht dabei, so würdest du sie nimmer erschauen; denn der Gemütszustand dieser Frösche ist zu sehr verschieden von dem unsrigen. Aber da diese zwei mit uns völlig verwandten Gemütes sind, so können sie räumlich noch so weit von uns entfernt sein, so werden wir sie dennoch stets gleich sehen.
   09] Wir können zwar wohl auch die Hölle in der vollsten Nähe beschauen. Aber das geschieht nicht durch die Gemütsassoziation, sondern durch eine eigene wunderbare Vermittlung des Herrn, die du erst später wirst kennenlernen.
   10] Nun weißt du von dieser dir mit Recht merkwürdig vorkommenden Erscheinung auch den Grund, den dir aber erst die Folge vollends klarmachen wird. Beobachte nun weiter die Szene, die nun vor dir ist; du wirst von ihr sehr viel lernen!«
   11] Bischof Martin strengt wieder seine Sehe an und ersieht die Frösche schon tief im dunklen Abend das Ufer eines mächtigen Meeres erreichen und zugleich haltmachen. An diesem Ufer fangen sie erbärmlichst an zu quaken und sträuben sich, ins Wasser zu gehen. Die zwei Männer aber nötigen sie nicht, sondern lassen ihnen die freie Wahl.
   12] Bischof Martin, solches schauend, spricht: »Da sehe nun ein Mensch diese grauslichen Frösche an! In ihr Element wollen sie denn doch nicht, obschon sie für selbes wie geschaffen zu sein scheinen. Davon scheint, wie ich in mir zu ahnen beginne, das der Grund zu sein: In ihnen muß doch noch etwas Besseres verborgen sein, das nicht diesem Elemente angehört, und das wird sie wahrscheinlich noch auf dem trockenen Lande erhalten?!
   13] Spricht Borem: »Wird schon so sein! Aber beobachte nun nur weiter, denn nun wird sich bald die Entwicklung dieses ersten Aktes zeigen!«
   14] Bischof Martin schaut nun sehr aufmerksam auf die Szene hin und spricht nach einer Weile: »Ah, ah, da sieh einmal hin, das ist ja über alle Maßen merkwürdig! Nun blähen sich die Frösche am Ufer des Meeres auf, daß es wahrlich grauenhaft anzusehen ist. Wie die größten Elefanten stehen sie nun da vor den zwei Männern und vor der stets ängstlicher werdenden Schar der Alten. Noch immer schwellen sie auf, als so sie mit einem Gebläse aufgetrieben würden. O Tausend, o Tausend! Nun sind sie schon so voluminös, daß man sie geradeweg für kleine Berge halten könnte!
   15] Sie machen nun Miene, die zwei Männer samt den Alten angreifen zu wollen. Aber die zwei Männer weichen keinen Schritt zurück, obschon die Alten lieber davonfliegen als -gehen möchten.
   16] Nun aber gebieten die zwei Männer Ruhe und einer von ihnen spricht zu den Alten: 'Fürchtet euch nicht vor diesen Aufgeblähten! Nur die sündige Haut ist es, vor der ihr euch entsetzt; aber das Inwendige ist schwächer denn das Wesen einer Milbe! Wir könnten sie wohl mit einem Hauche verwehen, die ihr zuvor noch als Seligste förmlich angebetet hast. Aber wir sind so unbarmherzig nicht, wie sie als vermeintliche Gottesbräute gegen uns und euch es waren, obschon wir die vollkommensten Protestanten sind und tatkräftigst gegen alles auf das feurigste protestieren, was irgend nur im geringsten nicht des Herrn ist!
   17] Wollt ihr aber noch handgreiflicher wissen, wer da diese aufgeblähten Frösche sind, da wisset: Das sind eure Töchter, die eure große Dummheit samt einem großen Vermögen in das Kloster dieser Herz-Jesu-Damen getrieben und gewisserart förmlich verdammt hat! Wie gefallen sie euch nun in diesem Himmelsgewande?"
   18] Die Alten schlagen die Hände über dem Kopfe zusammen, reißen sich die Haare aus und schreien: "Aber um Gotteswillen! Jesus, Maria und Joseph, steht uns bei! Wie ist denn das möglich!? Sie sollen ja ein gar so reines Leben geführt haben! Sie haben ja doch nichts getan, als was sie vom Beichtvater aus zu tun bemüßigt waren, und was ihnen ihre strenge Regel vorschrieb! Und nun müssen wir sie in diesem schrecklichsten Zustand hier antreffen! O Jesus, Jesus, Jesus, Maria und Joseph! Was ist nun hier aus ihnen geworden!"
   19] Spricht wieder einer der zwei Männer: "Seid ruhig und ängstigt euch dieser wenig Werten wegen nicht. Wir sind darum vom Herrn abgesandt, um in Seinem allerheiligsten Namen das zu suchen und wiederzubringen, was da immer in Verlust geraten ist, und werden sonach auch diese Frösche wieder zurechtbringen! Damit aber auch ihr von eurer Torheit geheilt werdet, so müsst ihr bei diesem Werk zugegen sein und euch in aller Geduld in alles fügen, was da immer über euch kommen mag. Erweckt aber vor allem eure Liebe zum einigen Gott und Herrn Vater Jesus, so wird der von euch allen zu wandelnde Weg ein leichter sein!"
   20] Nun fangen die Alten an zu weinen über das Unglück ihrer seligst vermeinten Töchter; diese aber blähen sich nun noch ärger auf.«


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