Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

76. Kapitel: Herzloses Verhalten der Herz-Jesu-Nonnen gegen ihre Einlaß begehrenden Eltern. Eingreifen von zwei weißgekleideten Männern.

   01] (Bischof Martin:) »Jetzt sehe ich diese grauslichen Fetzen von Damen des Herzens Jesu (Ewig schade um diesen herrlichsten Namen aller Namen!) sich allgemach in ihr Kloster zurückziehen, und das sehr hastig! Was sie etwa darinnen wittern? Aber da entdecke ich nun auch außer dem Garten sich mehrere alte Männer und Frauen lagern; sie sehen sehr betrübt und mühselig aus! Was doch diese wollen und wer sie etwa sind?«
   02] Spricht Borem: »Das sind einige Elternpaare dieser Herz-JesuDamen. Sie suchen Hilfe bei ihnen, weil sie durch vieles Suchen und Bitten erfahren haben, daß sich ihre seligsten Töchter hier in einem himmlischen Kloster befänden und unausgesetzt für ihr Heil bäten.«
   03] Spricht Bischof Martin: »No, die werden es da fangen! O weh, o weh, mir ist schon im voraus leid um diese armen, gut- und dabei freilich dummherzigen Eltern!
   04] Richtig, richtig, da greift schon ein alter Mann nach der Pfortenklinke und läutet nun um Einlaß; aber es kommt niemand! Er läutet abermals, aber es kommt noch niemand! Er läutet stärker zum dritten Male, und es kommt auch zum dritten Male niemand!
   05] Nun fangen die alt aussehenden Leutchen wieder zu bitten und zu beten an und jammern, daß es schon völlig aus ist. Ah, nun fangen sie diese Greteln gar mit lauten Gebeten zu verehren an! Nein, das geht doch etwas zu weit! Aber es läßt sich dessenungeachtet noch immer keine von unseren Salamandrinen sehen!
   06] Ich höre nun laut schluchzen und weinen und sagen: 'O ihr, unsere lieben, heiligsten Töchter, seht von euren himmlischen Thronen gnädig auf uns, eure armen irdischen Eltern, herab! Nehmt uns als die Letzten in eure schlechtesten Dienste auf! O erhört uns, ihr heiligen Jungfrauen und Bräute Gottes!'
   07] Freund, Bruder, das ist stark! Nein, für so dumm habe ich die Menschen, d. h. die römisch-katholischen Menschen denn doch nicht gehalten. Ich war doch selbst ein Bischof und hielt große Stücke auf manche fromm aussehende Dummheit der Menschen. Aber so etwas hätte ich in meinem Sprengel denn doch nicht geduldet! Nein, diese armen Leutchen oder Geisterchen, was sie hier schon sind, dauern mich wirklich von ganzem Herzen!
   08] Nun bin ich nur neugierig, was da zum Vorscheine kommen wird! Es läßt sich noch keine von den hier Angebeteten blicken. Ich meine, diese Greteln wissen nun etwa gar schon, wie sie aussehen, und schämen sich gar entsetzlich, sich also ihren Eltern zu zeigen. Darum lassen sie diese bitten und beten, daß sie darob ihre Zungen bis auf die letzte Fiber verbrauchen können, und es wird doch alles vergeblich sein. Höre, höre, wie diese Armen schreien und jammern!
   09] Oho, oho, was ist denn das wieder für eine neue Erscheinung? Nun fängt es aus den vielen Fenstern des Klosters förmlich zu blitzen und zu donnern an, aber gar zu mächtig rollt der Donner nicht! Das scheint so ein wahrer klösterlich-theatralischer Hausdonner zu sein; aber die Blitze sind den echten ziemlich ähnlich!
   10] Horch aber nun, mir kommt es vor, als ob der Donner zu Worten artikuliert würde! Bei meinem Leben, der Donner spricht nun deutlich! Höre, höre, er spricht: 'Zurück mit euch, ihr Verfluchten, von diesem Heiligtume Gottes, sonst verschlingt euch der Boden sogleich in die Hölle hinab, da ihr gewagt habt, ihn mit euren sündigsten Füßen zu betreten! Fliehet für ewig aus unserem heiligen Angesicht!'
   11] Ah, ah, ah, das sind doch Luder erster Klasse! Weil sie selber schon beinahe rein des Teufels sind und sich vor ihren tausendmal besseren Eltern schämen, verscheuchen sie nun diese durch so eine scheußliche Maske. Und die Armen begeben sich nun wirklich unter großem Heulen von diesem Orte.
   12] Hör, Bruder, dieses Drama nimmt schon einen sehr höllisch respektablen Anfang! Da bin ich wahrhaft sehr neugierig, wie sich diese Sache weiter ausfechten wird!
   13] Die armen Eltern haben nun dort unweit vom Garten gegen Mittag hin einen reichlich mit Früchten behangenen Baum erreicht. Sie lagern sich nun unter demselben, mit den Gesichtern gegen das Kloster gewendet. Wahrscheinlich müssen sie einen falschen Trost und eine sicher leerste Hoffnung im selben vermeinen! Sonst müßte ihnen eine solche lumpigste Trugdemonstration ja doch zur größten Genüge zeigen, daß sie von ihren vermeintlich seligsten Töchtern nichts zu erhoffen haben - außer eine noch ärgere Demonstration!
   14] Ich möchte denn doch sehen, was nun unsere Damen machen werden! Blitze fahren noch immer aus den Fenstern; auch ein Donnern vernehme ich noch, aber wohl nur ganz schwach. Die Alten unter dem Baume entdecken nun die Früchte und einige von ihnen langen ganz behutsam danach, pflücken sie ab und führen selbe an den Mund. Sie beißen ganz ernstlich in diese recht gut aussehenden Früchte, die ihnen sehr zu schmecken scheinen, weil sie nun gar so emsig nach mehr solcher Früchte greifen und selbe auch denen darreichen, die selbst keinen Mut zu haben scheinen, sich welche von diesem Baume herabzunehmen.
   15] Aber nun sehe ich bei einem Klosterfenster etwas hinausstecken, das da aussieht wie ein Sprachrohr. Es wird gerade nach jenem Baume hin gerichtet, unter dem unsere Alten sich gelagert haben, um sich an des Klosters himmlischem Anblicke zu weiden und zu laben - oder vielleicht auch etwas anderes. Nun möchte ich bald sehen, was da aus diesem Sprachrohre sich alles - wahrscheinlich wie aus einer Pandorabüchse (Pandora (die 'Allbeschenkte' erhielt von Zeus ein Faß, dem die Übel entströmten; nur die trügerische Hoffnung blieb darin. Daher der Ausdruck 'Pandorabüchse', der alles Unheil entströmt!) - entwickeln wird!
   16] Sapprament, da sieh hin! Eine Menge Nachteulen fliegen nun aus diesem veritablen Sprachrohr gerade an den Baum, wo unsere armen, geprellten Alten ihre erquickliche Rast genommen haben. Die Nachteulen schwirren nun um den Baum und stoßen herab auf unsere Alten, die darum sehr ängstlich werden.
   17] Nun entströmen dem Rohre auch Flammen, und Worte auch darunter, die wie zuvor die Nachteulen gegen die ängstlichen Alten sichtlich ihre Richtung nehmen. Die Worte sehen wie glühende Schlangen aus und sind voll der entsetzlichsten Drohungen, und die Flammen scheinen die Träger dieser Schlangenworte zu sein.
   18] Schau, das ist einmal ganz etwas Neues! Daß sich Worte niederschreiben lassen durch gewisse Zeichen, die man Buchstaben nennt, das ist eine altbekannte Sache. Aber daß man Worte auch in diesen scheußlichen Gestalten ausdrücken könnte, das ist mir noch nicht vorgekommen!
   19] Siehe, nun erheben sich die Alten und fliehen mit Sturmesschnelle von dannen, und die Nachteulen verfolgen sie hin an einen Strom, den ich soeben entdeckt habe.
   20] Aber dort ersehe ich nun zwei weißgekleidete Männer; es sind dieselben, die diese herzlichen Damen vorher erdolchen wollten. Diese zwei Männer winken den fliehenden Alten, zu ihnen zu gehen. Die Nachteulen aber, als sie diese zwei Männer ersehen, machen eiligst rechts um, fliegen in größter Hast wieder dem Kloster zu und schießen da wie Blitze in das noch zum Fenster hinausgerichtete Sprachrohr. Auch die Schlangenworte samt den Flammen nehmen wieder ihren sehr schnellen Rückzug.
   20] Die zwei Männer aber versammeln nun die Alten um sich. Wie es scheint, machen sie nun auch mit ihnen eine umgekehrte Bewegung gegen das Kloster hin. Na, die Geschichte bekommt stets mehr Ausdehnung! Ich bin schon über alle Maßen neugierig, was da noch alles herauswachsen wird!«
   21] Spricht Borem: »Liebster Bruder, vor gar zu großer Neugierde mußt du dein Herz auch verwahren, weil einer solchen Schaugier auch stets heimlich sich eine Schadenfreude beigesellt! Sei daher hier bloß ein weiser Beobachter zum Nutzen deines Geistes; aber die Neugierde lasse beiseite! Denn hier müssen wir im höchsten Grade nüchtern sein, weil hier etwas Höllisches mit unterlaufen wird. Beobachte nun, aber ohne alle Neugier; das Geschaute aber erzähle mir treu!«


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