Der Vorgang erstreckt sich über dreihundert Jahre. Zum Verständnis der Entwicklung der geistigen Strömungen, die abseits vom Kirchenvolk vor sich gingen, muß die Sonde etwas tiefer angelegt werden. Auch der Leser, der mit Erörterungen, wie sie nun folgen, bisher noch nicht konfrontiert worden ist, möge die geringe Mühe nicht scheuen, den nachstehenden Ausführungen, die nur einen kurzen, skizzenhaften Abriß der fast unübersehbar gewordenen Materie darstellen, zu folgen. Insbesondere wenden wir uns aber an die, durch die fragliche Literatur verunsicherten und die Wahrheit suchenden Menschen, um ihnen durch Vorlage von Fakten einen Denkanstoß zu geben.
In der Zeit der Säkularisation (oder Säkularisierung) wurde die Losschälung des Menschen von allen religiösen, übernatürlichen Bindungen und von aller metaphysischer und göttlicher Bezogenheit angestrebt und eingeleitet. Ausgangspunkt war nicht, wie vielfach angenommen wird, die Naturwissenschaft, sondern die Philosophie.
Der Philosoph Descartes (gest. 1650), der in völliger Einsamkeit lebte, hat die Grundlage für die Entstehung des Rationalismus vollzogen. Die erkenntnis-theoretischen Fragen traten nun beherrschend in die Mitte des Philosophierens. Der Rationalismus nahm alles unter die Lupe der Vernunft. Bedeutsamen Einfluß auf die Entwicklung nahm dann Auguste Comte (gest. 1857); er war der Begründer des Positivismus *3). Hierbei haben wir es mit einer der Metaphysik *4) ) entgegengesetzten philosophischen Richtung (Empirismus *5) zu tun, die nur gelten läßt, was durch die Erfahrung gesichert ist. Damit war die Grundlage für die materialistische Weltanschauung geschaffen, die sich über die ganze Erde ausgebreitet hat.
Der Materialismus *6) läßt in seiner Lehre für Gott keinen Raum. Das wurde bereits im Anfang des 19. Jahrhunderts deutlich, als der Astronom und Mathematiker Laplace (gest. 1827) auf die Frage Napoleons, wo Gott in seiner Theorie bleibe, antwortete: „Sire, diese Hypothese benötige ich nicht. Die Natur ist mit sich allein." 31
Durch die Atomphysik ist zwar inzwischen nachgewiesen worden, daß der sogenannte Determinismus *7) , der das Fundament der materialistischen Weltanschauung bildet, gar nicht allgemein zutrifft.
Bis neue geistige Ideen in die Masse des Volkes eindringen, braucht es lange Zeit. Als Descartes, Comte, Hegel und Feuerbach ihre Gedanken niederschrieben, ahnte die Umwelt noch lange Zeit danach nicht, welche Brisanz in diesen Ideen lag und daß sie die Welt - nicht zum Guten - verändern würden.
Ideen springen über wie Funken und entzünden oft an anderem Ort ein geistiges Feuer. Der Philosoph Ludwig Feuerbach fand wenig Resonanz und geriet bald in Vergessenheit, aber Marx und Engels griffen seine Gedanken auf, und so hat Feuerbach letzten Endes doch die „entscheidende säkularisierende Wende vollzogen". 32
Auch des Philosophen G. W. F. Hegel Gedanken wurden von Karl Marx verwertet, allerdings bog er sie in seinem Sinne um und füllte sie mit anderen Inhalten an.
Die weitere Entwicklung führte dazu, daß dem dialektischen Materialismus die Parteilichkeit der Wissenschaft als Sondergut zu eigen geworden ist. Im Westen hat die Wissenschaftsgläubigkeit auf andere Weise weithin zur Anerkennung des Materialismus als Weltanschauung geführt.
In den angeführten philosophischen Ideen lag eine ungeahnte Sprengkraft. Die Schübe, mit denen die Glaubenslosigkeit zunächst bei den Intellektuellen und schließlich auch bei weiteren Volkskreisen zunahm, lassen sich historisch verfolgen. Wenn heute die Menschen vor den immer stärker in Erscheinung tretenden chaotischen Kräften Furcht empfinden, so ahnen nur wenige, daß das geistige Fundament dieser Verhältnisse in der Säkularisation der früheren Jahrhunderte liegt.
Nachdem in diesen Lehren Gott keine Existenzberechtigung mehr hat und es ein Leben der Seele nach dem Tode nicht geben soll, blieb
letzten Endes nur - wie dies der Philosoph Martin Heidegger darstellt - Nihilismus als Sinn des Lebens übrig, nämlich heroische Verzweiflung. Da die Welt immer mehr aus den Fugen gerät und das Gerede vom Humanismus im Hinblick auf die zunehmend brutale Gewalt in jeder Form sich nicht als tragfähige Grundlage erweist, macht sich allerorten die Daseinsangst mehr und mehr breit. Es läßt den Menschen erschaudern, in die Abgründe des Nichts schauen zu müssen. Der Mensch hat die Freiheit, Gott anzuerkennen oder ihn zu leugnen und sich an seine Stelle zu setzen. Und letzteres hat er im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder versucht. Wo die Antriebskräfte des Atheismus *8) zu suchen sind, ist nicht schwer zu ergründen. Es ist der uralte luziferische Haß und Trieb des Geschöpfes, sich an die Stelle des Schöpfers zu setzen. Man braucht nur bei Karl Marx nachzulesen, um zu erkennen, worauf sich Marxismus und Materialismus gründen. Marx schreibt: „Die Philosophie verheimlicht es nicht. Das Bekenntnis des Prometheus, ,ich habe, in einem Wort, Haß genug für alle Götter', ist ihr eigenes Bekenntnis, ihr eigener Spruch gegen alle himmlischen und irdischen Götter, die das menschliche Selbstbewußtsein, nicht die oberste Gottheit anerkennen." 33 (!)