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   01] Rede Ich weiter: "Siehe, du hast Mir ehedem aus deiner ,schlabutzigen' irdischen Lebenszeit ein gar nicht schlechtes Gleichnis vorgeführt, das da die Furcht entschuldigen soll, die du nun vor Mir hast. Ich werde dir aber dagegen auch ein anderes Gleichnis erzählen. Und wir werden sehen, wie sich die Sache, die Ich von dir verlange, darinnen ausnehmen wird. - Höre!
   02] "Es gab einmal auf der Erde einen großen Meister in der Malerei, dessen Bildern wahrlich nichts abging als das Leben, auf daß die dargestellte Sache auch zum vollsten Wahrheit würde. Dieses Meisters Werke zogen aus allen Gegenden der Erde eine große Menge Bewunderer herbei und unter diesen Bewunderern auch so manches Talent, das sich bei dem großen Meister gerne ausbilden wollte. Das freute den Meister, und er bot auch alles aus, um aus den jungen Talenten etwas zu machen.
   03] "Unter den vielen Kunstjüngern dieses Meisters waren einige mit nahezu den besten Talenten begabt; diese hatten aber vor der unübertrefflichen Kunstgröße ihres Meisters einen so ungeheuren Respekt und eine derartig große Achtung, daß sie es mit größter und demütigster Selbstverleugnung kaum wagten, einen Pinsel zur Hand zu nehmen; denn sie glaubten, daß da all ihre noch so große Mühe rein vergeblich sei, um (auch nur) ein Atom von der Größe ihres Meisters zu erreichen. Die anderen, minder talentierten aber dachten und sagten: »Wohl wissen wir, daß unser Meister bis jetzt unerreichbar als einziger in seiner Art dasteht und wir ihm auch nie das Wasser reichen werden; aber mit dem Respekte vor seiner Kunst wollen wir's doch nicht gar so weit treiben, daß wir darob uns nichts zu malen getrauen. Wir wollen im Gegenteile ihm sehr zugetan sein und von ihm lernen, soviel wir nur immer imstande sind. Das wird ihn gewiß noch mehr freuen, als so wir in seinem Kunstatelier bloß als stumme Bewunderer ganz zerknirscht von einem Werke zum andern kriechen würden. Denn es muß dies ja auch ein Lob des großen Meisters sein, wenn Tausende, von seinen großen Kunstwerken hingerissen, sich nach Möglichkeit ihrer Kräfte beeifern, dem großen Meister in einem oder anderem näher zu kommen. - Und siehe du, Meine liebe Helena, die ersten, von zu großer Ehrfurcht Hingerissenen lernen von dem großen Meister wenig oder nichts, während sich die anderen durch ihren Fleiß und Eifer unter der Leitung des großen Meisters zu ganz tüchtigen Künstlern heranbilden.
   04] "Sage Mir nun so ganz nach deiner Meinung, welcher von diesen beiden Jüngergattungen wird der Meister den vorzug geben - den zu Ehrfurchtsvollen, oder den weniger Ehrfurchtsvollen aber desto eifrigeren Nachahmern seiner Kunst, für die ihr Herz glüht?
   05] "Oder wer wäre denn dir lieber für dich selbst - einer, der von deiner Schönheit so niedergedrückt ist, daß er sich um keinen Preis den Mut zu nehmen getraut, dir seine Liebe zu bekennen, sondern bloß einen sich in einer gewissen Entfernung haltenden stummen Bewunderer macht - oder einer, den deine Schönheit wohl zur Liebe sehr anfacht, der aber darob dennoch seiner Sinne mächtig bleibt und den Mut hat, dir zu gestehen, daß er dich unbeschreiblich liebt!? - Sage Mir da deine Ansicht!"
   06] Spricht Helena: "Herr, die zweiten, die zweiten! Ich ergebe mich schon ganz, denn ich sehe meinen Irrtum nun ein!"
   07] Rede Ich: "Nun gut! So du deinen Irrtum einsiehst, was wirst du dann Mir gegenüber tun? Wirst du wohl wieder so zutraulich sein, sie ehedem, bald nach deiner Erlösung vom Joche deines geistigen Todes?"
   08] Spricht Helena etwas stotternd: "Hm, soll freilich, a-b-er hm, wenn Du nur nicht gar so entsetzlich heilig wärest! - Wenn ich bedenke, daß Du Gott, der ewig Allmächtige, Heilige und Allweiseste bist und ich eigentlich nichts als bloß nur so ein allerkleinstes Gedankenfünkchen aus Dir bin - da kommt mir so eine ungeheure Ehrfurcht vor Dir von Deinen heiligsten Augen entgegen, daß ich in die tiefste Tiefe vor Dir versinken könnte!
   09] "Du siehst zwar wohl so sanftmütig aus wie ein allerfrömmstes Lämmchen und so herzensgut wie eine Großmutter, so ihre liebsten Enkelchen ihr die Hände abküssen. Aber große Stürme, Blitz, Hagel und Donner und eine Menge solcher Dinge mehr kommen denn doch wohl auch so manchmal aus Deinen allerholdseligsten Augen über die ganze Welt für alle Menschen zum erschreckendsten Vorscheine. Und wohl siehst Du dem Äußern nach auch gar nicht kräftiger aus als etwa unsereins, aber die hübsch passabel großen und sehr vielen Weltkugeln, besonders die lichten Sonnen, mit denen Du noch viel leichter sozusagen spielest als ein geschaffener Mensch mit Erbsen - sagen mir so ganz heimlich: Der Allmächtige sieht wohl aus wie ein Mensch; aber Er ist dennoch ganz was anderes als ein Mensch, und Spaß versteht Er schon gar keinen. Er ist wohl unendlich gut denen, die Er liebt; aber mit jenen, die sich Seine Ordnung nicht wollen gefallen lassen, die kuriert Er ganz anders!
   10] "Und solcher Gedanken mehr dringen sich ganz ungebeten meinem Herzen auf, und ich kann dann freilich nicht dafür, daß sich meines Wesens stets eine größere Ehrfurcht vor Dir bemächtigt! - - Ja, ich möchte sogar behaupten, daß Du Selbst als Gott es nicht einmal so recht geschöpflich (d.h. in der Art und Weise wie ein Geschöpf) begreifen und wahrnehmen kannst, was ein schwaches Geschöpf fühlen muß, so es sich vor Dir befindet. Dir ist es sicher ein wahrer Spaß, vor Trillionen Deiner Geschöpfe zu stehen und sie ganz frei nach Deiner göttlichen Lust zu lieben. Aber wir Geschöpfe können das nur mit einem geheimen Ehrfurchtsschauder.
   11] "Wenn ich mir's getrauete, wie ich's möchte, da könnte ich Dich freilich, wie man so zu sagen pflegt, rein zu Tode lieben und mich in Dich so ganz ordentlich hineinverbeißen. Aber ja, da ist ein ungeheures Aber dazwischen!"
Ehrfurchtsschauder.    12] Rede Ich: "Aber schau, schau, was du nun für ein grundgescheites Wesen bist! Ich werde bei dir schon noch Unterricht nehmen müssen! - Aber schau, schau, du furchtsames Lapperl, wenn Ich nicht fühlen könnte, was du als ein Geschöpf zu fühlen vermagst, so du vor Mir, deinem Schöpfer, stehest - von wem andern könnte dir dann überhaupt ein Gefühl eingepflanzt sein? Schau! Ich - habe dich ja ganz und nicht halb erschaffen! Aber Helenerl, jetzt hast du wohl einmal wieder einige Überbleibsel aus deiner Wiener Weisheit hervorgeholt!?
   13] "Schau du, Mein allerliebstes Helenerl, auf der Welt hast zu öfter gesagt: »Nur keinen schwachen Mann! Wenn der Mann nicht aus einen Streich einen Ochsen niedermacht, so möcht, ich ihn gar nicht zu einem Manne!« - Aber nun hier, im Geisterreiche, möchtest du etwa gar einen fliegenschwachen Herrgott haben!? - Schau, schau, zu was wäre denn so ein schwacher Herrgott gut? - Der Herrgott muß allmächtig sein und über alles weise, sonst müßte Er ja am Ende samt dir zugrunde gehen! - Nun, was meinst du denn jetzt, bin Ich noch so fürchterlich oder vielleicht etwa doch nicht?"
   14] Hier fängt die Helena wieder an zu schmunzeln und sagt nach einer etwas beschämten Weile: "Na, aber Du liebster himmlischer Vater! Du kannst einem aber schon so zureden, daß man am Ende richtig alle übertriebene Furcht vor dir verlieren muß! Aber jetzt sollst Du von mir auch geliebt werden ohne Maß und Ziel!"

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