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Kapitelinhalt 295. Kapitel: Blick durch die drei Türen der Nordwand. Endlose Weiten des Schöpfungsraumes. Blick in den Mittelgürtel der Sonne und in den Mond. Jesus erklärt das Walten Seiner Engelsdiener in den Schöpfungsgebieten. (Am 14. Dez. 1850)

Originaltext 1. Auflage 1898 durch Project True-blue Jakob Lorber

Text nach 2. Auflage 1929 Lorber-Verlag

01] „Robert, öffne sogleich die erste Thüre, und wir wollen dann sogleich einen Blick hinaus machen und sehen, was Alles da den Strahlen unserer Augen begegnen wird."

02] Robert öffnet nun die erste der drei Thüren, und fährt vor großer Verwunderung wie von einem förmlichen Schwindel ergriffen zurück. Nach einer kurzen Weile sagt er: „O HErr, o Freunde! Das ist wahrlich zu viel auf einmal für das Auge eines geschaffenen Geistes! Ich ersehe den Mond der Erde, wie er leibt und lebt, am hohen Firmamente; er war im Volllichte und sah ungemein lieblich aus. Gar zarte Silberwölkchen umschwebten ihn, und im tiefen Hintergrunde erblickte ich noch eine Menge sehr hell leuchtender Sterne. Die Plejaden erkannte ich sogleich, und den Orion, und den großen Hund. Auch die Milchstraße war ganz hell, aber nicht als ein Schimmerdunst, sondern wie ein breites Band voll der herrlichsten Sternbilder ersichtlich. O Freunde! Von hier aus so was zu erschauen gewährt eine unbeschreibliche Lust im Hinblicke auf Dich, o HErr, Der Du die Unendlichkeit also herrlich erfüllt hast mit so glänzenden Werken Deiner Liebe, Weisheit und Macht.


03] Der große unendliche Raum aber ist nicht unausgefüllt zwischen den Weltkörpern; denn ich erblickte da Geister in großer Schnelligkeit hin und her schweben, von denen einige mir sehr nahe kamen, und mich gar herzlichst begrüßten. Ah, da sieht es wirklich im höchsten Grade thätig aus, und das ist eben meine große Lust, Thätigkeit zu sehen, und selbst nach Kräften Thätigkeit zu üben."

04] Alle drängen sich nun zur Thüre und durch sie auf einen großen Balkon, der vor jeder Thüre sich befindet. Von diesem Balkone beschauen sie mit großer Lust den ganzen gestirnten Himmel, und besprechen sich mit den Geistern, die im freien Raume umherschweben, und dem Balkone nahe kommen, was sie allezeit um so lieber thun, so sie Mich am Balkone gewahren.

05] Robert fragt Mich, ob er, so er über das Geländer hinausstiege, ob er auch so frei herumschweben könnte. - Sage Ich: „Versuche es, vielleicht geht es auch."

06] Robert besieht sich die Tiefe unter ihm, weicht schnell vom Geländer zurück und sagt: „Herr! Das werde ich nun bleiben lassen; denn unter uns ist eine große Tiefe. (Am 16. Dez. 1850) Wie kommt denn das? Wir sind doch zu ebener Erde durch die erste Thüre gen Norden heraus auf den Balkon getreten, und sollten nun meinen, daß wir uns denn auch auf dem Balkone zu ebener Erde befinden, aber bei dieser unendlichen Tiefe unter uns, die zahllose Fixsternwelten ausmacht, wird von einer ebenen Erde ja doch unmöglich eine Rede sein können. Auf welch einem Grunde steht denn hernach dieß Dein Haus, o HErr und Vater, erbaut? Denn unter dem Balkone hört die Wand auf, und man ersieht nichts als die endlos weite Schöpfungstiefe, die hie und da durch hin und her schwebende Geister belebt wird und in unbestimmbarer Ferne durch zahllose Sterne und durch den lieben Mond. O HErr und Vater! Da kenne ich mich schon wieder nicht im Allergeringsten aus. Das sieht denn doch etwas zu fabelhaft wunderlich aus;

07] ja, da gäbe es schon wieder Tausende von Fragen aller Art. Z.B. wir sind denn doch, als wir von der Erde hier in dieser Stadt ankamen, auch ebenerdig in Dein heiliges Hans getreten, und haben da von keinem solchen Balkone etwas bemerkt; und wir sind nun in selbem zu ebener Erde, und siehe da, das Zimmer sicher so groß und herrlich als der Saal ober uns; zwölf Thüren, durch die man auf die Aussichtsbalkone gelangt, von denen zuvor aber auch nicht die leiseste Spur zu entdecken war; und man entdeckt da, daß dieses Haus gleich einem Weltkörper, anstatt auf irgend einem Grunde zu stehen, frei im Aether herumschwebt, während man dann von einer weiteren Stadt, die doch eine endlose Ausdehnung hat, nicht ein Häuschen mehr erblicken kann. Also gehen auch in gleicher Linie ganz gleiche drei Thore an einer und derselben Wand in diese sehr räthselhafte Freie heraus und siehe da, ich sehe sie nicht. HErr und Vater! Das ist wahrlich wahr etwas stark. Wer das so recht ex fundamento (aus dem Grunde) begreift, der muß wahrlich, wie man sagt, ein Kind guter Eltern sein.

08] Nein, nein, Himmel hin, Himmel her! Aber das geht einmal in meinen Sinn nicht ein. Ja, ich sehe da nicht einmal die Möglichkeit ein, das je begreifen zu können. Ist das blos eine geistige Art Phantasmagorie? oder eine Art geistigen Dioramas?! oder ist das eine sonstige Art geistig optischer Täuschung? Denn sonst ist mir die Sache unerklärlich; denn Wirklichkeit kann das unmöglich sein. Entweder ist der Himmel wahr, und das muß dann blos nur eine Illusion sein, oder das ist wahr und der Himmel eine Illusion. O HErr und Vater! Da bitte ich Dich wohl im Namen Aller um eine schnelle Aufklärung, sonst verzehrt mich die Ungeduld.


09] Es sind wohl beim Eintritte in die Geisterwelt mir auch oft gar sonderbare Erscheinungen aufgestoßen, und zwar hauptsächlich in meinem ersten Hause; aber ich konnte sie nach und nach fassen, weil sie eigentlich korrespondirend mit meinem Innersten in die Erscheinlichkeit traten. Aber da bin ich ja eigentlich mein Allerinnerstes selbst, hinter dem sich doch sicher nichts mehr noch Inneres bergen kann. Woher dann diese so seltsame Erscheinung?"

10] Sage Ich: Nur Geduld, mein lieber Freund! Mit der Weile wird dir schon all' Dieses klar werden, obschon du hernach ewig fort noch gar endlos Vieles ebenso wenig begreifen wirst, wie dieses Leichte nun. Nun aber treten wir wieder in's Gemach, und thun da einen Blick durch die zweite Thüre."

11] Alle treten nun schnell zurück, und Kaiser Rudolf fragt Mich im Gemache, sagend: „HErr und Vater! Was da die vom Bruder Robert angeführten Unwißthümlichkeiten betrifft, so haben sie mich im Grunde gar nicht schenirt, denn ich dachte bei mir: Unbegreiflich ist es freilich wohl, und die Bestandverhältnisse kontrastiren hier auf eine wunderbarste Weise, und dürften für geschaffene Geister wohl noch so ziemlich lange unbegreiflich bleiben, darüber ich mich im Grunde gar nicht aufhalte, denn so lange ich den Vollgrund einer Sache oder einer Erscheinung nicht einsehe, bleibt sie für mich im stets gleich hohen Interesse; sehe ich aber endlich einmal so was ein, dann ist das Hauptinteresse auch schon dahin; denn nur das unbegreiflich Wunderbare nimmt stets alle unsere Aufmerksamkeit in den vollsten Anspruch; das verstandene Natürliche aber wird ganz gleichgültig, denn da wir es verstehen, wie es ist und geschieht, so denken wir dann entweder auch gar nicht, oder nur sehr wenig darüber nach, und das stört das Vergnügen, samt der durch dasselbe bedingten Seligkeit. Nur das Unbegreifliche ist und bleibt sehr interessant; das einmal vom Grunde aus Wohlbegriffene aber, wenigstens für mich, nimmer. Ich habe daher auf der Erde auch nie hinter so manche Geheimnisse der Künstler, die an meinem Hofe lebten, dringen gewollt, denn hätte ich so wie sie ihre Geschichten und Sachen verstanden und eingesehen, so hätten sie für mich auch alsbald alles Interessante verloren, und solch ein Künstler wäre dann von mir auch bald pensionirt worden.

12] Also mich juckt es nicht also wie den Bruder Robert, die Gründe von all' diesen Wundern einzusehen, nur etwas möchte ich wissen, und das ist, wer etwa doch jene Geister sind, die vor uns im freien Aether gespielt haben? Daß sie in ihrer Art auch sehr glücklich sein müssen, habe ich aus der großen Freundlichkeit ihrer Gesichter abgenommen; aber wer sie eigentlich sind und was ihre Bestimmung ist, das kann Dir, o HErr und Vater, ganz allein nur bekannt sein. Wenn es Dir genehm wäre, so möchte ich darüber wohl selbst einen kleinen Aufschluß haben."

13] Sage Ich: „Das sind im Geschäfte stehende Engel dieses obersten Himmels. So ihr dazu mit der erforderlichen Weisheit werdet ausgerüstet sein, dann werdet auch ihr von Periode zu Periode in ihr Geschäft treten. Sie stehen für die Erhaltung aller Welten, und sind deren oberste Leiter und Führer. Siehe, solch ein munterer Engel ist nicht selten ein Herr und Regent eines ganzen Sonnengebietes; um aber solch eine Regentschaft antreten zu können, muß er vorher freilich sehr Vieles kennen lernen, und muß viele Schulen durchmachen. Unser Kado, ein sehr talentirter Geist, hat bereits auf der Erde zu dienen und zu regieren angefangen. Er macht seine Sachen gut, und versteht die verschiedenen Geister im vollen Respekte zu erhalten; deshalb aber bekommt er auch einen stets größeren Wirkungskreis.

14] Im Anfange wird Jedem nur ein kleiner Kreis zugewiesen; ist er in diesem treu und vollauf thätig, so wird er dann bald über Größeres gesetzt werden. Dem Kado war Anfangs nur ein kleiner Kreis aus kaum zwei ganz kleinen Ländern, die du kennst, zur Leitung und Ueberwachung anvertraut; und siehe, nun streckt er sein Szepter schon über mehr als halb Europa aus, und wird, wenn er so fortfährt, bald die ganze Erde unter der Macht seines Willens haben. Hat er bei der Erde bewiesen, daß er mit der ihm verliehenen Macht umzugehen versteht, so wird er dann die Sonne zur Leitung bekommen; endlich mit ihr das ganze Planetenthum, und so fort, bis er ein Herr eines ganzen Sonnengebietes ist. Verstehst du nun, wer die Geister, die draußen vor uns vorübergeschwebt sind, so ganz eigentlich sind?"

15] Spricht Kaiser Rudolf: „Ja, HErr und Vater! Ich verstehe es nun, aber ich schaffe für mich von dieser Würde eben nicht gar Vieles, denn so ein Engel hat ja dann aber auch nie eine Weile hierher zu kommen, um allda ein wenig auszuruhen von seinen großen Anstrengungen." - Sage Ich: „Ah, da sorge du dich um 'was Anderes! Ein jeder solcher Engel hat Millionen unter sich, die da vollbringen seinen Willen, und er kann, so oft er will, hierher kommen und von Mir Selbst fernere Verhaltungsmaßregeln und dazu die nöthigen Stärkungen einnehmen. Beim ehedem abgehaltenen großen Mahle hast du Viele gesehen, die nun schon wieder an den Orten ihrer Thätigkeit sich befinden.

16] Aber nun einen Blick durch diese zweite Thüre! Sie ist schon offen, und so treten wir denn hinaus. Da stehen wir schon am zweiten Balkone; was sehet ihr hier?"

17] Alle staunen über die Maßen, denn sie sehen hier das wunderherrliche Land des Mittelgürtels der Sonne, und können sich nicht genug verwundern über dessen Herrlichkeit. Sie sehen auch Menschen, aber für jetzt noch in einer solchen weiten Ferne, daß sie deren Formen nicht wohl ausnehmen können; denn für diese wären sie im Ganzen noch zu wenig festen Herzens.

18] Es tritt nun auch der Robert wieder zu Mir, und sagt: „O mein lieber heiligster Vater! Der Bruder Rudolf hat im Grunde wahrlich nicht unrecht; auch ich sehe nun ein, daß bei solchen Erscheinungen alles Fragen vollkommen eitel ist und sein muß. Da gibt es nun des Wunderbaren noch um Vieles mehr als bei der früheren Thüre; mit den Fragen würde man da wohl in alle Ewigkeit nicht fertig, deshalb ist es wahrlich besser, diese Sache der Himmel seligst und ruhig zu genießen, und dabei in einer allersüßesten Geduld dahin abzuwarten, bis es Dir, o HErr und Vater, genehm sein wird, uns darüber ein helleres Licht geben zu wollen. Aber die Menschen müssen da sehr schön sein; ich kann zwar ihre Formen nicht näher ausnehmen; aber so viel merke ich schon, daß sie ganz ungeheuer schön sein müssen."

19] Sage Ich: „Siehe, das ist die Sonne und ihre eigentlichen Bewohner. Die etwas Dunkleren sind noch in der Materie; die Lichteren aber sind Geister, und hausen auch in der Sonne. Später wirst du schon noch Alles ganz vollkommen lernen; aber für jetzt wäre es noch etwas zu früh. Gesehen haben wir nun, was die zweite Thüre verschließt; daher begeben wir uns nun sogleich zur dritten Thüre dieser Wand."


20] Wir treten sogleich wieder in's Gemach, und allda in die dritte schon offen stehende Thüre. Uns am Balkone dieser Thüre befindend, ersehen wir eine ganz natürlich erleuchtete Welt, ganz nahe am dritten Aussichtsbalkone. Es kann von ihr natürlich wie früher bei der Sonne nur ein kleiner Landstrich auf einmal übersehen werden. Robert fragt sogleich, was denn das so ganz eigentlich für eine Welt wäre, ob vielleicht noch ein dunklerer Theil der Sonnenwelt?

21] Sage Ich: „O nein! Das ist der Erde Mond; siehe dessen düsteres Land, und dort in einiger Ferne eine kleine Gruppe zwerghafter menschlicher Wesen. Es sind das die eigentlichen Einwohner der von der Erde stets abgewandten Seite. Ihre größte Lust sind ihre Weibchen, die sie auch aus purer Liebe und Zärtlichkeit zumeist auf ihren Schultern herumtragen. Ober ihnen, einige Klafter hoch, sehet ihr ganz muntere Geister herumschweben. Das sind die Seelen verstorbener Mondmenschlein; ihre Freude ist, ihren noch sterblichen Brüdern Gutes zu thun, und sie vor mannigfachen Gefahren zu schützen. Hauptsächlich richten sie ihr Augenmerk darauf, daß die sehr materiellen Geister, die die der Erde stets zugewandte kahle Seite des Mondes sehr kastenmäßig bewohnen, nicht zu den Bewohnern der negativen Seite des Mondes gelangen können, wo sie ihnen bedeutende Gefahren in's Haus bringen würden, das in einer unterirdischen Höhle besteht.

22] Für jetzt wisset ihr genug von der Einrichtung dieses kleinen Weltkörpers; in der Folge und auf den Wegen der euch zukommenden Beschäftigungen werdet ihr das Alles durch und durch kennen lernen; daher wollen wir uns nun auch nicht länger mit der Besichtigung dieser kleinen Welt abgeben, sondern uns sogleich in die erste Thüre an der abendlichen Wand begeben, und von dort wieder eine neue Betrachtung der Außenwelt machen."

01] Rede Ich weiter: "Robert, öffne sogleich die erste Türe und wir wollen dann einen Blick hinaustun und sehen, was da alles den Strahlen unserer Augen begegnen wird."

02] Robert öffnet nun die erste der drei Türen und fährt vor großer Verwunderung wie von einem förmlichen Schwindel ergriffen zurück. Nach einer kurzen Weile sagt er: "O Herr! O Freunde! Das ist wahrlich zu viel auf einmal für das Auge eines geschaffenen Geistes! Ich ersehe den Mond der Erde, wie er leibt und lebt, am hohen Firmamente. Er ist im Vollichte und sieht ungemein lieblich aus. Gar zarte Silberwölkchen umschweben ihn. Und im tiefen Hintergrunde erblicke ich noch eine Menge sehr hell leuchtender Sterne. Die Plejaden (Sternbilder) den Orion (Sternbilder) und den großen Hund (Sternbilder) erkannte ich sogleich. Auch die Milchstraße war ganz hell ersichtlich; aber nicht als ein Schimmerdunst, sondern wie ein breites Band voll der herrlichsten Sternbilder. - O Freunde! Von hier aus so etwas zu erschauen, gewährt eine unbeschreibliche Lust im Hinblicke auf Dich, o Herr, der Du die Unendlichkeit also herrlich erfüllt hast mit so glänzenden Werken Deiner Liebe, Weisheit und Macht!

03] "Der große, unendliche Raum aber zwischen den Weltkörpern ist nicht unausgefüllt; denn ich erblickte da Geister in großer Schnelligkeit hin und her schweben, von denen einige mir sehr nahe kamen und mich gar herzlichst begrüßten. Ah, da sieht es wirklich im höchsten Grade tätig aus! Und das ist eben meine große Lust, Tätigkeit zu sehen und selbst nach Kräften solche zu üben."

04] Alle drängen sich nun zur Türe und durch sie auf einen großen Balkon, der vor jeder Türe sich befindet. Von diesem Balkone beschauen sie mit großer Lust den ganzen gestirnten Himmel und besprechen sich mit den Geistern, die im freien Raume umherschweben und dem Balkone nahe kommen, was sie allezeit um so lieber tun, so sie Mich auf dem Balkone gewahren.

05] Robert fragt Mich, ob er, so er über das Geländer hinausfliege, auch so frei umherschweben könnte. Sage Ich: "Versuche es, vielleicht geht es!"

06] Robert besieht sich die Tiefe unter ihm, weicht schnell vom Geländer zurück und sagt: "Herr, das werde ich wohl bleiben lassen! Denn unter uns ist eine große Tiefe! Wie kommt denn das? - Wir sind doch zu ebener Erde durch die erste Türe gen Norden heraus auf den Balkon getreten und sollten nun meinen, daß wir uns denn auch auf dem Balkone zu ebener Erde befinden; aber bei dieser unendlichen Tiefe unter uns, die zahllose Fixsternweiten ausmacht, wird von einer ebenen Erde ja doch unmöglich eine Rede sein können. Aus welch einem Grunde steht denn hernach dies mein Haus, o Herr und Vater, erbaut? Denn unter dem Balkone hört die Wand auf und man ersieht nichts als die endlos weite Schöpfungstiefe, die hie und da durch hin und her schwebende Geister und in unbestimmbarer Ferne durch zahllose Sterne und durch den lieben Mond belebt wird. O Herr und Vater! Da kenne ich mich schon wieder nicht im allergeringsten aus! Das sieht denn doch etwas zu fabelhaft wunderlich aus!

07] Ja, da gäbe es schon wieder Tausende von Fragen aller Art! - Zum Beispiel: Wir sind denn doch, als wir von der Erde hier in dieser Stadt ankamen, ebenerdig in Dein heiliges Haus getreten und haben da von keinem solchen Balkone etwas bemerkt. Nun sind wir im selben Hause zu ebener Erde, und siehe da, das Zimmer, sicher so groß und herrlich wie der Saal über uns, hat zwölf Türen, durch die man auf die Aussichtsbalkone gelangt, von denen zuvor aber auch nicht die leiseste Spur zu entdecken war! Und man entdeckt da nun ferner, daß dieses Haus, anstatt auf irgendeinem Grunde zu stehen, gleich einem Weltkörper frei im Äther umherschwebt - während man dabei von einer weiteren Stadt, die doch eine endlose Ausdehnung hat, nicht ein Häuschen mehr erblicken kann! Auch gingen in gleicher Linie drei ganz gleiche Tore an einer und derselben Wand in dieses sehr rätselhafte Freie hinaus - und siehe da, ich sehe sie nicht mehr. - Herr und Vater! Das ist wahrlich etwas stark! Wer das so recht aus dem Grunde begreift, der muß, wie man sagt, ein Kind guter Eltern sein!

08] Nein, nein, Himmel hin, Himmel her! Aber das geht einmal in meinen Sinn nicht ein! Ja, ich sehe da nicht einmal die Möglichkeit ein, das je begreifen zu können. Ist das bloß eine geistige Art Phantasmagorie (Phantasiegebilde) oder eine Art geistigen Dioramas (Schaubild)? Oder ist das eine sonstige Art geistig-optischer Täuschung? Denn sonst ist mir die Sache unerklärlich! Wirklichkeit kann das ja unmöglich sein! Entweder ist der Himmel wahr, und das (Geschaute) muß dann bloß nur eine Illusion sein - oder das (Geschaute) ist wahr und der Himmel eine Illusion. O Herr und Vater! Da bitte ich Dich wohl im Namen aller um eine schnelle Aufklärung, sonst verzehrt mich die Ungeduld.

09] Es sind mir beim Eintritte in die Geisterwelt wohl auch oft gar sonderbare Erscheinungen aufgestoßen, und zwar hauptsächlich in meinem ersten Hause. Aber ich konnte sie nach und nach fassen, weil sie mit meinem Innersten eigentümlich korrespondierend (in entsprechendem Zusammenhang) in die Erscheinlichkeit traten. Aber hier (in den Erscheinungen dieser Himmel) bin ich ja eigentlich mein Allerinnerstes selbst, hinter dem sich Sicher nichts noch Innerlicheres mehr bergen kann. - Woher dann diese so seltsame Erscheinung!?"

10] Sage Ich: "Nur Geduld, mein lieber Freund! Mit der Weile wird dir schon all dieses klar werden, obschon du hernach ewigfort noch gar endlos vieles ebensowenig begreifen wirst wie dieses Leichte nun. Nun aber treten wir wieder ins Gemach und tun da einen Blick durch die zweite Türe!"

11] Alle treten nun schnell zurück, und Kaiser Rudolf fragt Mich im Gemache, sagend: "Herr und Vater! Was da die von Bruder Robert angeführten Unwißtümlichkeiten betrifft, so haben sie mich im Grunde gar nicht bekümmert. Denn ich dachte bei mir: Unbegreiflich ist es freilich wohl, und die Bestandverhältnisse kontrastieren hier auf eine wunderbarste Weise und dürften für geschaffene Geister wohl noch so ziemlich lange unbegreiflich bleiben. Darüber halte ich mich im Grunde aber nicht auf; denn solange ich den Vollgrund einer Sache oder einer Erscheinung nicht einsehe, bleibt sie für mich im stets gleich hohen Interesse. Sehe ich aber endlich einmal so etwas ein, dann ist das Hauptinteresse auch schon dahin; denn nur das unbegreiflich Wunderbare nimmt stets alle unsere Aufmerksamkeit in den vollsten Anspruch. Das verstandene Natürliche aber wird ganz gleichgültig; denn da wir es verstehen, wie es ist und geschieht, so denken wir dann entweder gar nicht oder nur sehr wenig mehr darüber nach, und das stört das Vergnügen samt der durch dasselbe bedingten Seligkeit. Nur das Unbegreifliche ist und bleibt stets interessant; das einmal vom Grunde aus Wohlbegriffene aber, wenigstens für mich, nimmer. Ich habe daher auf der Erde auch nie hinter so manche Geheimnisse der Künstler, die an meinem Hofe lebten, dringen wollen. Denn hätte ich, so wie sie, ihre Geschichten und Sachen verstanden und eingesehen, so hätten sie für mich auch alsbald alles Interessante verloren und solch ein Künstler wäre dann von mir auch bald verabschiedet worden.

12] Also mich juckt es nicht so wie den Bruder Robert, die Gründe von all diesen Wundern einzusehen. Nur etwas möchte ich wissen, und das ist, wer etwa doch jene Geister sind, die vor uns im freien Äther gespielt haben. Daß sie in ihrer Art auch sehr glücklich sein müssen, habe ich aus der großen Freundlichkeit ihrer Gesichter wahrgenommen; aber wer sie eigentlich sind und was ihre Bestimmung ist, das kann Dir, o Herr und Vater, ganz allein nur bekannt sein. Wenn es Dir genehm wäre, so möchte ich darüber wohl einen kleinen Aufschluß haben."

13] Sage Ich: "Das sind im Geschäfte stehende Engel dieses obersten Himmels. So ihr dazu mit der erforderlichen Weisheit werdet ausgerüstet sein, dann werdet auch ihr von Zeit zu Zeit in ihr Geschäft treten. Sie stehen für die Erhaltung aller Welten und sind deren oberste Leiter und Führer. Siehe, solch ein munterer Engel ist nicht selten ein Herr und Regent eines ganzen Sonnengebietes. Um aber solch eine Regentschaft antreten zu können, muß er vorher freilich sehr vieles kennenlernen und muß viele Schulen durchmachen. Unser Cado, ein sehr begabter Geist, hat bereits auf der Erde zu dienen und zu regieren angefangen. Er macht seine Sache gut und versteht die verschiedenen Geister in vollem Respekte zu erhalten; deshalb bekommt er aber auch einen stets größeren Wirkungskreis.

14] Im Anfange wird jedem nur ein kleiner Kreis zugewiesen. Ist er in diesem treu und vollauf tätig, so wird er dann bald über Größeres gesetzt werden. Dem Cado war anfangs nur ein kleiner Kreis aus kaum zwei ganz kleinen Ländern, die du kennst, zur Leitung und Überwachung anvertraut, und siehe, nun streckt er sein Zepter schon über mehr als halb Europa aus und wird, wenn er so fortfährt, bald die ganze Erde unter der Macht seines Willens haben. Hat er bei der Erde bewiesen, daß er mit der ihm verliehenen Macht umzugehen versteht, so wird er dann die Sonne zur Leitung bekommen; endlich mit ihr das ganze Planetentum und so fort, bis er ein Herr eines ganzen Sonnengebietes ist. - Verstehst du nun, wer die Geister, die draußen vor uns vorüberschwebten, so ganz eigentlich sind?"

15] Spricht Kaiser Rudolf: "Ja, Herr und Vater! Ich verstehe es nun. Aber ich halte für mich von dieser Würde eben nicht gar viel; denn solch ein Engel hat ja dann aber auch nie eine Weile, hierher zu kommen, um allda von seinen großen Anstrengungen ein wenig auszuruhen." - Sage Ich: "Ah, da sorge du dich um etwas anderes! Ein jeder solcher Engel hat Millionen unter sich, die da seinen Willen vollbringen, und er kann, so oft er will, hierher kommen und von Mir Selbst fernere Verhaltungsmaßregeln und dazu die nötigen Stärkungen einnehmen. - Beim ehedem abgehaltenen großen Mahle hast du viele gesehen, die nun schon wieder an den Orten ihrer Tätigkeit sich befinden.

16] Aber nun einen Blick durch diese zweite Türe! Sie ist schon offen, und so treten wir denn hinaus! - Da stehen wir schon auf dem zweiten Balkone! Was sehet ihr hier?"

17] Alle staunen über die Maßen, denn sie sehen hier das wunderherrliche Land des Mittelgürtels der Sonne und können sich nicht genug verwundern über dessen Herrlichkeit. Sie sehen auch Menschen, aber für jetzt noch in einer solch weiten Ferne, daß sie deren Formen nicht wohl wahrnehmen können; denn für diese wären sie im ganzen noch zu wenig festen Herzens.

18] Es tritt nun aber auch der Robert wieder zu Mir und sagt: "O mein lieber, heiligster Vater! Der Bruder Rudolf hat im Grunde wahrlich nicht unrecht! Auch ich sehe nun ein, daß bei solchen Erscheinungen alles Fragen vollkommen eitel ist und sein muß. - Hier gibt es ja nun des Wunderbaren noch um vieles mehr als bei der früheren Türe! Mit den Fragen würde man da wohl in alle Ewigkeit nicht fertig; deshalb ist es wahrlich besser, diese Sache der Himmel seligst und ruhig zu genießen und dabei in einer allersüßesten Geduld abzuwarten, bis es Dir, o Herr und Vater, genehm sein wird, uns darüber ein helleres Licht geben zu wollen. - Aber die Menschen müssen da sehr schön sein! Ich kann zwar ihre Formen nicht näher wahrnehmen; aber so viel merke ich schon, daß sie ganz ungeheuer schön sein müssen."

19] Sage Ich: "Siehe, das ist die Sonne und ihre eigentlichen Bewohner! Die etwas Dunkleren sind noch in der Materie; die Lichteren aber sind Geister und hausen ebenfalls in der Sonne (s. die Natürliche Sonne). Später wirst du schon noch alles ganz vollkommen kennenlernen! Aber für jetzt wäre es noch etwas zu früh. - Gesehen haben wir nun, was die zweite Türe verschließt; daher begeben wir uns nun sogleich zur dritten Türe dieser (Nord-)Wand!"

20] Wir treten sogleich wieder ins Gemach und allda in die dritte, schon offenstehende Türe. Uns auf dem Balkone dieser Türe befindend, ersehen wir eine ganz natürlich erleuchtete Welt, ganz nahe beim dritten Aussichtsbalkone. Es kann von ihr natürlich (wie früher bei der Sonne) nur ein kleiner Landstrich auf einmal übersehen werden. - Robert fragt sogleich, was denn das so ganz eigentlich für eine Welt sei, ob vielleicht noch ein dunklerer Teil der Sonnenwelt?

21] Sage Ich: "O nein! Das ist der Erde Mond. Siehe dessen düsteres Land und dort in einiger Ferne eine kleine Gruppe zwerghafter menschlicher Wesen! Es sind das die eigentlichen Einwohner der von der Erde stets abgewandten (Mond)-Seite. Ihre größte Lust sind ihre Weibchen, die sie aus purer Liebe und Zärtlichkeit zumeist auf ihren Schultern umhertragen. Über ihnen, einige Klafter hoch, sehet ihr ganz muntere Geister umherschweben. Das sind die Seelen verstorbener Mondmenschlein! Ihre Freude ist, ihren noch sterblichen Brüdern Gutes zu tun und sie vor mannigfachen Gefahren zu schützen. Hauptsächlich richten sie ihr Augenmerk darauf, daß die sehr materiellen Geister, welche die der Erde stets zugewandte kahle Seite des Mondes sehr kastenmäßig bewohnen, nicht zu den Bewohnern der vegetativen (d.h. naturmäßig belebteren, von der Erde abgekehrten) Seite des Mondes gelangen können, wo sie diesen bedeutende Gefahren in ihr Haus, das in einer unterirdischen Höhle besteht, bringen würden.

22] Für jetzt wisset ihr genug von der Einrichtung dieses kleinen Weltkörpers! In der Folge und auf den Wegen der euch zukommenden Beschäftigungen werdet ihr das alles durch und durch kennenlernen; daher wollen wir uns nun auch nicht länger mit der Besichtigung dieser kleinen Welt abgeben, sondern uns sogleich in die erste Türe an der abendlichen (West-)Wand begeben und von dort wieder eine neue Betrachtung der Außenwelt machen."

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