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Kapitelinhalt 219. Kapitel: Jesus über das wahre Wesen des Erzbischofs Migatzi. Zwiegespräch zwischen letzterem und Joseph. Blick in tiefste Priesternacht. Römische Geistesschlaf-Politik. (Am 16. Juli 1850)

Originaltext 1. Auflage 1898 durch Project True-blue Jakob Lorber

Text nach 2. Auflage 1929 Lorber-Verlag

01] Spricht Josef: „Ja, ja, ich erkenne ihn an seinem Gange, er ist es. O Herr, wie sieht der aus! Das ist ja eine wahre Schreckensgestalt! Ueber ein förmliches Todtengerippe hängt ein alter sogenannter Vespermantel, und auf einem Todtenschädel klappert eine Bischofsmütze voll Schmutzes und Unflathes; so trabt diese Schreckensgestalt langsamen und sichtlich überaus wankenden Schrittes auf uns zu. Nun, nun, da bin ich denn doch neugierig, was dieses Monstrum vor uns thun wird."

02] Sage Ich: „Es wird dir zu schaffen genug geben; aber nur mußt du dich über nichts ärgern; denn alle diese Wesen sind mehr oder weniger als Irrsinnige anzusehen."

03] Spr. Josef: „Aber was mich bei diesem Menschen wundert, ist, daß er auf der Welt gerade einer von den hellsten Köpfen, und mit mir mehr als alle andern Bischöfe meines irdischen Regierungsreiches - einverstanden war; mir haben die Erzbischöfe von Salzburg, Prag, Olmütz, Gran-Erlau, Agram, Triest, Venedig, Trient und Mailand beiweitem mehr Mucken gemacht, als mein Wiener; ja ich muß es offen gestehen, daß er mir in mancher Hinsicht bei meiner Purifikationsarbeit viele gute Dienste geleistet hat; und ich kann eben deßhalb schwer begreifen, wie dieser Mann in einen so jammervollen Zustand gerathen ist."

04] Sage Ich: "Mein lieber Bruder, dieser Erzb. M. war Einer, der es am meisten verstand, den Mantel nach dem Winde zu drehen, und sah sich die Prügel wohl an, und beurtheilte scharf, ob sie über's Knie zu brechen wären oder nicht; war ihm einer zu massiv und stark, so legte er ihn ja nicht an's Knie, sondern ließ ihn als ganzen vergolden, damit für's erste ja keine Seele merken solle, daß so ein gewaltiger Prügel auch zu der Zahl derjenigen gehörte, die ihm unter die Füße geworfen wurden; und zweitens, daß dann beim Anblicke solch eines gewaltigen vergoldeten Prügels jedermann nur eine neue Macht in seinen Händen ersehen und erkennen möchte; denn wer auf der Erde mit einem gewaltigen Kaiser Hand in Hand einhergehet, vor dem hat jedermann schon nahe eben so viel Respekt, als wie vor dem Kaiser selbst.

05] Unser Erzb. M. sah es recht gut ein, daß man unter deiner Regierung sich nur lächerlich machen würde, so man mit dem Papste, der damals sehr von Oesterreich abhing, und dir auch beispielloser Weise selbst persönlich noch einen für's zeitliche Wohl der Hierarchie wohlberechneten Besuch abstattete, zu sehr Hand in Hand ginge; daher schloß er sich lieber an dich an, und wurde geheim ein Gesetzgeber des Papstes! Denn er korrespondirte fleißig mit dem Stuhle, und sagte diesem, was er zu thun habe, um sich gegenüber deiner Macht und Erkenntniß aufrecht zu erhalten. Weil aber der Papst sich darnach richten mußte, so war das unseres Erzb. M. größter Triumpf, daß er alsogestaltig gewisserart ein Papst über den Papst war. Und er hatte seine größte Freude daran, daß endlich einmal einer in Rom tanzen mußte, wie ein Erzb. M. in Wien pfiff.

06] Sieh', das war der Grund, warum Wiens Erzb. M. mit dir hielt. Die Prügel, die du ihm legtest, wußte er sehr gut aufzuklauben, und sie allesamt zu vergolden; und machte sie dann zu lauter Szeptern, die ihm große Zinsen trugen, und eine große Macht und großes Ansehen verliehen. Aber so du meinen würdest, daß er auch innerlich also gesinnt gewesen sei, als wie er sich äußerlich zeigte, da wärest du in einer großen Irre; denn da war er mehr Papst als der Papst selbst, und beiweitem mehr ultra-montan als alle seine Kollegen. Ja, Ich sage dir, daß er dich insgeheim haßte mehr als den Tod; aber weil er durch dich gewisserart ein Gesetzgeber dem Papste geworden ist, so hielt er es mit dir, und unterstützte dich in deinen Unternehmungen. - Kennest du nun den Mann, der mit dir auf der Erde Hand in Hand ging?"

07] Spricht Jos.: „Ah, so stehen die Akzien! o du verschmitzter Kerl! nein, da hätte ich mir doch eher alles, als wie so was von diesem Manne eingebildet! Ja, ja, wer die sogenannte schwarze Politik erlernen, und darinnen ein Meister werden will, der gehe zu den schwarzen und scharlachrothen und zu allen den Purpurmäntlern, da findet er sie sicher in einem so hohen Grade ausgebildet, wie sie kaum im Kopfe des Satans zu Hause sein dürfte. - Nun warte, du Schwarzpolitiker, du sollst an mir einen sehr harten Knochen zum abnagen bekommen!"


08] Sage Ich: „Gebe aber ja wohl Acht darauf, daß er dir nicht um vieles härter wird, als wie du ihm! Denn Ich sage dir, daß dieß Einer ist, der sich mit allen Salben gesalbet hat, und es für jeden noch so durchleuchteten Geist wahrlich keine geringe Aufgabe ist, einen also gesalbten auf einen rechten Weg zu bringen. Fasse dich aber nun, er kommt uns schon sehr nahe; sogleich wird er deiner und auch unser ansichtig werden." - Jos. faßt sich;

09] der Erzb. M. wird nun seiner ansichtig, tritt rascher zu ihm hin, und sagt mit einer stark kreischenden Stimme: „Ich grüße dich, Bruder Josef! aber wie kommst denn du hieher in dieses elendste Loch?" - Sagt Jos.: „Um dich zu besuchen, Bruder." - Sagt der Erzb. M.: „Das ist sehr schön von dir; aber wenn du noch also ein Erzketzer bist, wie du es auf der Erde warst, da wirst du hier ganz verdammt übel aufgenommen werden."


10] Spr. Jos.: „Das macht einem Josef nichts; denn du weißt es ja, daß sich ein Josef überall eine gute Aufnahme zu verschaffen versteht. Du magst mir sagen, was du willst, und ich werde dir stets jene Antwort geben, die ich dem Patriarchen von Venedig gab, als er mir ein Gemälde zeigte, das da die merkwürdige Szene vorstellte, wo der Papst über den Nacken eines schwachgewordenen Kaisers auf sein Maulthier steigt, und den Kaiser mit dem stolzesten Gesichte verächtlich anblickt." - Fragt der Erzb. M.: „Und wie lautete diese Antwort?" - Sagt Jos.: „Tempi passati! - d. h. das sind vergangene Zeiten. Jetzt diskurirt man anders; und solch eine Antwort wirst auch du von mir erhalten, so du mir mit etwas kommen solltest, was mir nicht munden sollte; denn weißt du, ich habe dir gegenüber noch nicht aufgehört, ein Kaiser zu sein. Sage mir aber nun, wie es dir hier geht, und was du hier machst."

11] Spricht der Erzb. M.: „Eine dalkete Frage, wie's Unsereinem hier ginge, und was man mache. Sehe mein Gesicht an, das bis zu den Knochen herabgemagert ist, und dir muß die Antwort doch von selbst werden, meine Arbeit aber siehst du doch an meiner Kleidung. Mundus vult decipi, ergo decipiatur! (Die Welt will ja betrogen sein, also betrüge man sie!) das ist unser Geschäft von jeher gewest, und ist es daher auch noch jetzt. Die Menschheit will vom größten Wunder in ihr, das da ist die göttliche Vernunft, und der ihr gleich göttliche Verstand,- keinen Gebrauch machen; ein noch so dumm angestelltes Spektakel ist ihr lieber, sie will nicht denken, ist lange zu träge dazu; sie will einen durch Wunder hineingezauberten Glauben, damit sie dabei das mühsamere Denken entbehren kann. Also ist es ja klar, daß sie betrogen sein will; volenti autem non fit injuria, also sei sie denn auch betrogen! Lasse du Musiker, Maler, Dichter und Schauspieler bester Art in einem Saale spielen, malen, dichten und deklamiren, in einem andern Saale aber vom berühmten Magier Philadelfus Zaubereien aus dem Gebiete der ganz natürlichen Magie produziren; ich versichere dich, der Zauberer wird das allermeiste und größte Auditorium haben, während die wahren Verstandes- und Gemüthskünstler ihr Publikum sehr leicht werden überzählen können.


12] Jedes Stück des Magiers ist ein Trug, aber das macht dem dummen Menschen nichts, wenn er nur etwas Wunderähnliches angaffen kann, so geschieht es ihm schon leichter; wie ein Ochse tritt er die Großwunder Gottes leichtsinnigst mit seinen schmutzigsten Füßen, die machen auf ihn nahe gar keinen Eindruck; die Sonne, der Mond, die Sterne, die herrliche Erde mit ihren Wundern ohne Zahl und Maß, das ist dem ochsigen Menschen rein Pomade; aber in einen scheinbar leeren Becher eine Kugel hineinwerfen, und hernach à la Hokuspokus drei herauswerfen; das ist Wunder über Wunder. Und siehe, so war die Menschheit, so ist sie jetzt, und so wird sie sein, so lange auf der Erde Menschen existiren werden; daher ist der Grundsatz der Jesuiten das Beste, was je die menschliche Vernunft erfunden hat; denn er ist von der eigentlichsten Natur der Menschheit herausgenommen.


13] Die weisen Egipter haben eine der besten Religionen aufgestellt, weil sie rein auf Misterien und Zaubereien aller Art basiret war. Sie hielt sich aber deßhalb auch über zweitausend Jahre; als aber gewisse Volksfreunde unter dem Volke aufgestanden sind, und dasselbe über den Betrug ihrer heiligst gehaltenen Religion aufzuklären angefangen haben, da gab es dann nur zu bald auch eine Masse Feinde der Priester und ihrer Religion; die Tempel wurden zerstört, und die Priester häufig getödtet, oder im besten Falle aus dem Lande vertrieben; frage: Was aber hat das Volk dabei gewonnen? Nichts, als: Noth, Elend, Trostlosigkeit, Verzweiflung, und am Ende den totalen Verfall ihrer Nationalität und ihrer uralten nahe göttlichen Berühmtheit. Wäre es denn nicht besser, so diese unzeitigen Volksbeglücker mit ihrer Verstandesschärfe unter dem egiptischen Volke nie aufgestanden wären? Das Volk wäre bei seinen wunderreichen Festen in seiner Dummheit glücklich geblieben, und die Priesterschaft, die eigentlich allein weiß, daß der Mensch nichts ist, und auch ewig nichts zu erwarten hat, hätte dafür, daß sie die Sicherheit und das traurige Gefühl für sich allein in die Verwahrung nimmt, daß nach dem Tode jeden Menschen die ewige Vernichtung erwartet, aber dabei doch unermüdlich bestrebet ist, den Glauben an einen Gott, und an die Unsterblichkeit bei dem blinden Volke durch jedes taugliche Mittel aufrecht zu erhalten, und ihm dadurch eine recht hoffnungsreiche und fröhliche Existenz zu sichern, wohl ihre Einkünfte ungestört genießen können, indem sie von dem Volke denn doch die größte Last auf ihren höchst eigenen Nacken nimmt, und allein mit jedem Tage, und mit jeder Minute der ewigen Vernichtung entgegen sieht.

14] Lasset beim Volke die Einsicht lebendig und überzeugend aufkommen, daß es nach dem Tode kein Leben mehr giebt, und ihr werdet dann das Volk sogleich in alle erdenklichen Entartungen übergehen sehen; ja in einigen Augenblicken werden Viele aus dem Volke zu Tigern und Hyänen. Der Priesterstand nimmt das alles auf seine Haut; er allein sieht der ewigen Vernichtung muthig entgegen, weil er allein den großen Vortheil des Nichtseins vor dem Sein allerklarst einsieht; und sonach ist es wohl der größte Undank gegen diese größten Wohlthäter der Menschheit, so sie von gewissen Volksaufklärern entlarvt und als offenbare Betrüger dem Volke denunzirt werden. Sie sind es allerdings, aber nicht zum Nachtheile, sondern nur zum entschiedensten Wohle der Völker.

15] Warum sind die Chinesen, und hauptsächlich die Japanesen nahe die glücklichsten Völker der Erde? weil sie in ihrer Dummheit noch nie gestört worden sind, indem ihre weisen Regenten dafür eine Hauptsorge tragen, daß ihre Völker ja nie zu irgend einer Aufklärung gelangen; einige wenigen, die es wagten, diesen Völkern ein sogenanntes Lichtlein anzuzünden, wurden arg bedienet, und so haben sich denn doch nicht so leicht wieder Andere eingefunden, die es gewagt hätten, dem Volke ein Licht anzuzünden.

16] Du mein sonst überaus schätzbarer Freund hast aber als Regent selbst, statt mit der Priesterschaft ungestört Hand in Hand zu gehen, ihr eine Wunde geschlagen, die ihr schwerlich je eine Zeit wieder verheilen wird; was solle da ein wahrer Erzb. von dir urtheilen? ja, was die ganze vernünftigere Menschheit? Du nahmst ihr das eine, und gabst ihr nichts Besseres dafür.

17] Wenn ein Mensch in seiner Dummheit glücklich ist, warum ihn aufwecken, auf daß er unglücklich werde? Alle Menschen sind zum Tode ausgesetzte Delinquenten; wenn der Delinquent aber schläft, so ist er glücklich in seinem Traume; wird er aber wach, was dann? Sieh' da faßt der Todesgedanke ihn, und er ist sogleich unaussprechlich unglücklich. Sage, hat der dem Delinquenten eine Wohlthat erwiesen, der ihn aus dem Schlafe gerüttelt hat?

18] Nicht umsonst nennt sich die Kirche eine Mutter; denn sie ist den Völkern wirklich das, was die Mutter ihren Kindern ist; sie giebt den Völkern allerlei sanft zum Schlafen lockende Speisen und Getränke, auf daß sie der Welt gräßlichsten Jammer nie fühlen und schmecken sollen; denn wer fest an der Kirche hängt, und ihre Mittel gebraucht, der wird wahrlich den eigentlichen Todesschmerz nie empfinden; wehe aber jedem Volksaufklärer! Der Tod wird sich schrecklich rächen an ihm. Was bedünket dich nun? Wirst du mir da auch mit deinem thörichten tempi psssati kommen können?"

19] Sagt Jos. ganz kurz und lakonisch: „Freund! durch diese deine sehr gehaltlosen Worte hast du eigentlich nichts anderes gesagt als: daß eben die Priesterschaft sich stets in ihrer krassesten Ignoranz befindet, und diese ums theure Geld auch allen Völkern aufzubürden bemühet ist. Sieh, ich und Tausende, die so dachten wie ich, haben an der Unsterblichkeit unserer Seelen nie gezweifelt, obschon wir Gott Lob sehr aufgeklärt waren; aber unser Glaube war kein blinder, sondern ein hellstsehender. Wir empfanden aber, daß alle Menschen das einsehen könnten, so sie nicht von der blindesten Geistlichkeit davon abgehalten würden; und das, Freund, war der Grund zu unserem „tempi passati," und es freuet uns nun sehr, daß wir die „tempi passati," so viel als nur möglich war, an das klare Licht gestellt haben."

01] Spricht Joseph: "Ja,ja, ich erkenne ihn an seinem Gange,er ist es! O Herr, wie sieht der aus! Das ist ja eine wahre Schreckensgestalt! Über ein förmliches Totengerippe hängt ein alter sogenannter Vespermantel. Und auf einem Totenschädel klappert eine Bischofsmütze voll Schmutz und Unflat. So trabt diese Schreckensgestalt langsamen und sichtlich überaus wankenden Schrittes auf uns zu. - Nun, nun, da bin ich denn doch neugierig, was dieses Monstrum vor uns tun wird!"

02] Sage Ich: "Es wird dir genug zu schaffen geben! Nur aber mußt du dich über nichts ärgern! Denn alle diese Wesen sind mehr oder weniger als Irrsinnige anzusehen."

03] Spricht Joseph: "Aber was mich bei diesem Menschen wundert, ist, daß er auf der Welt gerade einer von den hellsten Köpfen und mit mir mehr als alle anderen Bischöfe meines irdischen Regierungsreiches einverstanden war. Mir haben die Erzbischöfe von Salzburg, Prag, Olmütz, Gran, Erlau, Agram, Triest, Venedig, Triest und Mailand bei weitem mehr Mucken gemacht als mein Wiener. Ja, ich muß es offen gestehen, daß er mir in mancher Hinsicht bei meiner Reinigungsarbeit viele gute Dienste geleistet hat. Und ich kann eben deshalb schwer begreifen, wie dieser Mann in einen so jammervollen Zustand geraten ist."

04] Sage Ich: "Mein lieber Bruder, dieser Erzbischof Migatzi war einer, der es am meisten verstand, den Mantel nach dem Winde zu drehen. Er sah sich die Prügel wohl an und beurteilte scharf, ob sie übers Knie zu brechen wären oder nicht. War ihm einer zu massiv und stark, so legte er ihn ja nicht aufs Knie, sondern ließ ihn als ganzen - vergolden, damit fürs erste ja keine Seele merken solle, daß so ein gewaltiger Prügel auch zu der Zahl derjenigen gehörte, die ihm unter die Füße geworfen wurden; und zweitens, damit dann beim Anblicke solch eines gewaltigen, vergoldeten Prügels jedermann nur eine neue Macht in seinen Händen ersehen und erkennen möchte. Denn wer auf der Erde mit einem gewaltigen Kaiser Hand in Hand einhergehet, vor dem hat jedermann schon beinahe ebensoviel Respekt wie vor dem Kaiser selbst.

05] Unser Erzbischof Migatzi sah es recht gut ein, daß man unter deiner Regierung sich nur lächerlich machen würde, so man mit dem Papste, der damals sehr von Österreich abhing und beispielloserweise dir auch selbst persönlich noch einen fürs zeitliche Wohl der Hierarchie wohlberechneten Besuch abstattete, zu sehr Hand in Hand ginge; daher schloß er sich lieber an dich an und wurde geheim ein Gesetzgeber des Papstes! Denn er korrespondierte fleißig mit dem Stuhle und sagte diesem, was er zu tun habe, um sich gegenüber deiner Macht und Erkenntnis aufrecht zu erhalten. Weil aber der Papst sich darnach richten mußte, so war das unseres Erzbischofs Migatzi größter Triumph, daß er also gewisserart ein Papst über dem Papst war. Und er hatte seine größte Freude daran, daß endlich einmal einer in Rom tanzen mußte, wie ein Erzbischos Migatzi in Wien pfiff.

06] Sieh, das war der Grund, warum Wiens Erzbischof Migatzi es mit dir hielt! Die Prügel, die du ihm legtest, wußte er sehr gut aufzuklauben und sie allesamt zu vergolden und machte sie dann zu lauter Zeptern, die ihm große Zinsen trugen und eine große Macht und großes Ansehen verliehen. Aber so du meinen würdest, daß er auch innerlich also gesinnt gewesen sei, wie er sich äußerlich zeigte, da wärest du in einer großen Irre. Denn da war er mehr Papst als der Papst selbst und bei weitem mehr ultramontan (römisch gesinnt) als alle seine Kollegen. Ja, Ich sage dir, daß er dich insgeheim haßte, mehr als den Tod. Aber weil er durch dich gewisserart ein Gesetzgeber dem Papste geworden ist, so hielt er es mit dir und unterstützte dich in deinen Unternehmungen. - Kennst du nun den Mann, der mit dir auf der Erde Hand in Hand ging?"

07] Spricht Joseph: "Ah, so stehen die Aktien!? O du verschmitzter Kerl! Nein, da hätte ich mir doch eher alles, als so etwas von diesem Manne eingebildet! Ja, ja, der die sogenannte schwarze Politik erlernen und darinnen ein Meister werden will, der gehe zu den Schwarzen und Scharlachroten und zu all den Purpurmäntlern - da findet er sie sicher in einem so hohen Grade ausgebildet, wie sie kaum im Kopfe des Satans zu Hause sein dürfte. - Nun, warte, du Schwarzpolitiker, du sollst an mir einen sehr harten Knochen zum Abnagen bekommen!"

08] Sage Ich: "Gebe aber ja wohl acht darauf, daß er dir nicht um vieles härter wird, als du ihm! Denn Ich sage dir, daß dies einer ist, der sich mit allen Salben gesalbt hat, und daß es für jeden noch so erleuchteten Geist wahrlich keine geringe Ausgabe ist, einen also Gesalbten aus einen rechten Weg zu bringen. Fasse dich aber nun, er kommt uns schon sehr nahe. Sogleich wird er deiner und auch unser ansichtig werden."

09] Joseph faßt sich. Der Erzbischos Migatzi wird nun seiner ansichtig, tritt rascher zu ihm hin und sagt mit einer stark kreischenden Stimme: "Ich grüße dich, Bruder Joseph! Aber wie kommst denn du hieher in dies elende Loch?!" - Sagt Joseph: "Um dich zu besuchen, Bruder!" - Sagt der Erzbischof Migatzi: "Das ist sehr schön von dir! Aber wenn du noch also ein Erzketzer bist, wie du es auf der Erde warst, da wirst du hier ganz verdammt übel aufgenommen werden!"

10] Spricht Joseph: "Das macht einem Joseph nichts! Denn du weißt es ja, daß sich ein Joseph überall eine gute Aufnahme zu verschaffen versteht. Du magst mir sagen, was du willst, und ich werde dir stets jene Antwort geben, die ich dem Patriarchen von Venedig gab, als er mir ein Gemälde zeigte, das da die merkwürdige Szene vorstellte, so der Papst über den Nacken eines schwachgewordenen Kaisers auf sein Maultier steigt und den Kaiser mit dem stolzesten Gesichte verächtlich anblickt." - Fragt der Erzbischof Migatzi: "Und wie lautete diese Antwort?" - Sagt Joseph: "»Tempi passati! - Das heißt: das sind vergangene Zeiten! Jetzt diskutiert man anders!« Und solch eine Antwort wirst auch du von mir erhalten, so du mir mit etwas kommen solltest, was mir nicht munden sollte. Denn weißt du, ich habe dir gegenüber noch nicht aufgehört, ein Kaiser zu sein. - Sage mir aber nun, wie es dir hier geht und was du hier machst".

11] Spricht der Erzbischof Migatzi: "Eine talkete (törichte) Frage, wie's unsereinem hier gehe und was man mache! - Siehe mein Gesicht an, das bis zu den Knochen herabgemagert ist, und dir muß die Antwort doch von selbst werden! Meine Arbeit aber siehst du doch an meiner Kleidung! Mundus vult decipi, ergo decipiartur! (Die Welt will betrogen sein, also betrüge man sie!) das ist unser Geschäft von jeher gewesen und ist es daher auch noch jetzt! Die Menschheit will vom größten Wunder in ihr, das da ist die göttliche Vernunst und der ihr gleichkommende göttliche Verstand, keinen Gebrauch machen. Ein noch so dumm angestelltes Spektakel ist ihr lieber, sie will nicht denken, ist lange zu träge dazu. Sie will einen durch Wunder hineingezauberten Glauben, damit sie dabei das mühsamere Denken entbehren kann. Also ist es ja klar, daß sie betrogen sein will. Volenti autem non fit injuria (Dem Selbstwollenden geschieht kein Unrecht). Also sei sie denn auch betrogen! Lasse du Musiker, Maler, Dichter und Schauspieler bester Art in einem Saale spielen, malen, dichten und deklamieren, in einem andern Saale aber vom berühmten Magier Philadelphus Zaubereien aus dem Gebiete der ganz natürlichen Magie produzieren - ich versichere dich, der Zauberer wird das allermeiste und größe Auditorium (Publikum, Zuhörerschaft) haben, während die wahren Verstandes- und Gemütskünstler ihr Publikum sehr leicht werden überzählen können.

12] Jedes Stück des Magiers ist ein Trug, aber das macht dem dummen Menschen nichts, wenn er nur etwas Wunderähnliches angaffen kann, so geschieht es ihm schon leichter. Wie ein Ochse tritt er die Großwunder Gottes leichtsinnig mit seinen schmutzigen Füßen. Die (wahren Werke Gottes) aber machen auf ihn nahe gar keinen Eindruck. Die Sonne, der Mond, die Sterne, die herrliche Erde mit ihren Wundern ohne Zahl und Maß, das ist dem ochsigen Menschen rein Pomade! Aber in einen scheinbar leeren Becher eine Kugel hineinwerfen und hernach a la Hokuspokus drei herausholen - das ist Wunder über Wunder! Und siehe, so war die Menschheit, so ist sie jetzt und so wird sie sein so lange auf der Erde Menschen existieren werden! Daher ist der Grundsatz der Jesuiten das Beste, was je die menschliche Vernunft erfunden hat; denn er ist aus der eigentlichsten Natur der Menschheit entnommen.

13] Die weisen Ägypter haben eine der besten Religionen aufgestellt, die rein auf Mysterien und Zaubereien aller Art begründet war. Sie hielt sich aber deshalb auch über zweitausend Jahre. Als aber gewisse Volkssfeunde unter dem Volke aufstanden und dasselbe über den Betrug ihrer heiligst gehaltenen Religion aufzuklären anfingen, da gab es dann nur zu bald auch eine Masse Feinde der Priester und ihrer Religion. Die Tempel wurden zerstört und die Priester häufig getötet oder im besten Falle aus dem Lande vertrieben. Frage: was aber hat das Volk dabei gewonnen? Nichts als Not, Elend, Trostlosigkeit, Verzweiflung und am Ende den völligen Verfall seiner Nationalität und seiner uralten, nahezu göttlichen Berühmtheit! - Wäre es denn nicht besser, so diese unzeitigen Volksbeglücker mit ihrer Verstandesschärfe unter dem ägyptischen Volke nie aufgestanden wären?! Das Volk wäre bei seinen wunderreichen Festen in seiner Dummheit glücklich geblieben. Und die Priesterschaft, die eigentlich allein weiß, das der Mensch nichts ist und auch ewig nichts zu erwarten hat, hätte dafür - daß sie die Sicherheit und das traurige Gefühl der jeden Menschen nach dem Tode erwartenden ewigen Vernichtung für sich allein in die Verwahrung nimmt, aber dabei doch unermüdlich bestrebt ist, bei dem blinden Volke den Glauben an einen Gott und an die unsterblichkeit durch jedes taugliche Mittel aufrecht zu erhalten und ihm dadurch eine recht hoffnungsreiche und fröhliche Existenz zu sichern - wohl ihre Einkünfte ungestört genießen können, da sie von dem Volke denn doch die größte Last aus ihren höchsteigenen Nacken nimmt und allein mit jedem Tage und mit jeder Minute der ewigen Vernichtung entgegensieht.

14] Lasset beim Volke die Einsicht lebendig und überzeugend aufkommen, daß es nach dem Tode kein Leben mehr gibt, und ihr werdet dann das Volk sogleich in alle erdenklichen Entartungen übergehen sehen! Ja, in wenigen Augenblicken werden viele aus dem Volke zu Tigern und Hyänen! - Der Priesterstand nimmt das alles auf seine Haut. Er allein sieht der ewigen Vernichtung mutig entgegen, weil er allein den großen Vorteil des Nichtseins vor dem Sein allerklarst einsieht. Und sonach ist es wohl der größte Undank gegen diese größten Wohltäter der Menschheit, so sie von gewissen Volksaufklärern entlarvt und als offenbare Betrüger dem Volke angeschuldigt werden. Sie sind es allerdings, aber nicht zum Nachteile, sondern nur zum entschiedensten Wohle der Völker!

15] Warum sind die Chinesen und hauptsächlich die Japanesen nahezu die glücklichsten Völker der Erde? Weil sie in ihrer Dummheit noch nie gestört worden sind, indem ihre weisen Regenten dafür eine Hauptsorge tragen, daß ihre Völker ja nie zu irgendeiner Aufklärung gelangen. Einige wenige, die es wagten, diesen Völkern ein sogenanntes Lichtlein anzuzünden, wurden arg bedient. Und so haben sich denn doch nicht so leicht wieder andere eingefunden, die es gewagt hätten, dem Volke ein Licht anzuzünden.

16] Du selbst, mein sonst überaus schätzbarer Freund, hast aber als Regent, statt mit der Priesterschaft ungestört Hand in Hand zu gehen, ihr eine Wunde geschlagen, die ihr schwerlich je eine Zeit wieder verheilen wird. Was soll da ein wahrer Erzbischof von dir urteilen?! Ja, was die ganze vernünftigere Menschheit?! - Du nahmst ihr das eine und gabst ihr nichts Besseres dafür!

17] Wenn ein Mensch in seiner Dummheit glücklich ist, warum ihn aufwecken, auf daß er unglücklich werde?! Alle Menschen sind zum Tode ausgesetzte Delinquenten (Übeltäter). Wenn der Delinquent aber schläft, so ist er glücklich in seinem Traume. Wird er aber wach, was dann? Sieh, da faßt ihn der Todesgedanke, und er ist sogleich unaussprechlich unglücklich! - Sage, hat der dem Delinquenten eine Wohltat erwiesen, der ihn aus dem Schlafe gerüttelt hat?

18] Nicht umsonst nennt sich die Kirche eine Mutter. Denn sie ist den Völkern wirklich das, was die Mutter ihren Kindern ist. Sie gibt den Völkern allerlei sanft zum Schlafe reizende Speisen und Getränke, auf daß sie der Welt gräßlichen Jammer nie fühlen und schmecken sollen. Und wer fest an der Kirche hängt und ihre Mittel gebraucht, der wird denn auch wahrlich den eigentlichen Todesschmerz nie empfinden. Wehe aber jedem Volksaufklärer! Der Tod wird sich schrecklich rächen an ihm! Was bedünket dich nun? Wirst du mir da auch mit deinem törichten »tempi passati!« kommen können?"

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