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Kapitelinhalt 7. Kapitel: Ehrfurchtvolles Gedenken an Jesus ruft wiederholt starkes Blitzen hervor. Schreck und freudige Verwunderung Roberts.

   01] Spricht Robert weiter: "Das sogenannte Vaterunser ist unter allen Gebetsformeln wohl die beste! Denn also hat der weise Lehrer Jesus seine Schüler beten gelehrt. Leider ist dies Gebet noch nie ganz verstanden worden, da man es meistens blind für alle Fälle und Bedürfnisse vorbrachte, während es doch nur eine rein weltliche, engst zusammengefaßte Aufzählung der Hauptbedürfnisse jedes Menschen ist, die sich der Mensch oft vorsagen solle, um über sich und seine Bedürfnisse stets im klaren zu sein. Aber die Römischen legen in diese Gebetsformel statt der Wahrheit nur eine gewisse läppische, agatho-dämonisch-magische (weißmagische) Kraft und gebrauchen sie als eine geistig-sympathetische Universalmedizin gegen alle Übel, auch wider die Krankheiten der Tiere! Und das ist mir denn doch unmöglich! - Das Vaterunser ist an und für sich sicher ein sehr würdevolles Gebet; aber freilich nur im rechten Sinne und nur als das, was es ist; aber in der Art, wie es die Römlinge und auch Protestanten gebrauchen, der barste Unsinn! Ja, ja, der barste Unsinn!
   02] "O du guter Lehrer und Meister Jesus! Wenn dein Los etwa auch dem meinen gleicht, so wirst du in solch einem Bestande nach deiner schnödesten Hinrichtung wohl auch schon sicher hübsch oft bereut haben, den argen Menschen so viel Gutes getan zu haben?! - Beinahe 2014 Jahre in solcher Nacht! - O Edelster! - das muß sehr hart sein!"
   03] Als unser Mann den Namen Jesus so recht teilnehmend und sehr ehrend ausspricht, da fährt ein starker Blitz vom Aufgange bis zum Niedergange, worüber unser Freiheitsapostel sehr erschrickt, zugleich aber doch auch eine große Freude empfindet, da er dadurch die Überzeugung überkommen hat, daß er nicht blind ist.
   04] Zugleich aber fängt er auch an, nachzudenken, was denn etwa doch die Ursache dieses sehr hellen Blitzes war? Er denkt nun hin und her und auf und ab. Er geht alle ihm bekannten Gründe zur Erweckung der Elektrizität durch. Aber er findet hier nichts zur genügenden Erklärung dieser ersten Lichterscheinung in diesem, für ihn noch immer unbegreiflichen Zustande. - "Denn", denkt er bei sich, "zur Erweckung der Elektrizität müssen die notwendigen natürlichen Bedingungen vorhanden sein, als da sind: die mit Sauerstoff gefüllte atmosphärische Luft - und in ihr negativ elektrische Körper, entweder flüssige oder auch harte. Hier im Reiche des reinsten und absolutesten Nichts aber kann doch sowohl vom einen wie vom andern nicht die Rede sein. Denn wo nichts ist, da ist vollkommen nichts, da der Begriff ,nichts' logisch richtig jedes wesentliche Sein gänzlich ausschließt!
   05] "Freilich befinde ich mich, als ein sich selbst nur zu klar bewußtes Wesen, in der Mitte dieses Nichts und bin somit ein bestimmtes Etwas im Nichts. Aber das hebt das mich Umfassende Nichts nicht auf, nichts zu sein. Denn ,Nichts' und ,Etwas' können sehr gut nebeneinander gedacht werden und somit auch bestehen!?
   06] "Aber jetzt geht mir ein neues Gedankenlicht auf! - Ja, ja, so ist es! O du herrliche, echtdeutsche Philosophie, du unversiegbarer Born der wahren Weisheit! Du bringst jedem das rechte Licht, der dich, wie ich, mit aller Glut und Liebe ergreift und dich in allen noch so sonderbaren Lebenszuständen als einzigen und verläßlichsten Ratgeber und Wegweiser benützt! Schau, wie geschwind habe ich nun mit deiner Hilfe diesen gordischen Knoten gelöst! Wo im Reiche des Nichts ein individuelles Sein sich vorfindet, da können sich ja irgend in selbem Nichts noch eine Menge anderer, entweder gleich oder anders gearteter Sein vorfinden! Und so können außer diesem meinem Sein sich noch eine Menge allerartiger Wesenheiten (hier) befinden, die zur Erweckung der Elektrizität tauglich sind, ohne das eigentlich uns alle umfassende Nichts nur im geringsten zu beeinträchtigen. Bravo, so ist's gut! Und ich weiß es nun, daß es außer mir in dieser Nacht des Nichts doch noch irgendwie geartete und gestaltete, wesenhafte Nachbarn gibt. Ich bin somit durchaus nicht gar so ganz allein hier, wie ich es mir eine leider jetzt schon sehr geraume Zeit vorgestellt habe! O das ist gut, das ist sehr gut!
   07] "Oh, wenn ich mich nur schon früher so recht ernstlich der deutschen Philosophie in die Arme geworfen hätte, da stünde ich sicher schon aus einem ganz andern Boden, als wie ich nun stehe. Aber ich Dummkopf verlor mich am Ende in eine kleinlich läppische Gebetskritik und in ein leeres und nutzloses Bedauern des großen, weisen und edelsten Völkerlehrers Jesus und ver - -!"
   08] Hier blitzt es wieder und diesmal noch stärker als zuvor. Unser Mann ist nahe außer sich vor Schreck und Verwunderung und kann sich gar nicht fassen über dieses für ihn unbegreiflich intensive, aber freilich nur kurz dauernde Licht. Es kam ihm dabei auch vor, als so er in einer weiten Entfernung bestimmte Umrisse von allerlei ihm bekannten Gegenständen gesehen hätte. Aber ihre Beleuchtung dauerte zu kurz, als daß er sie genau ausnehmen und näher hätte bestimmen können.
   09] Nach einer langen, stummen Ruhe konnte er erst wieder seine Gedanken wahrnehmen und selbe auch nach und nach tiefer zu fassen anfangen. Sein erster, wieder etwas geordneter Gedanke war folgender: "Aha, aha, nun weiß ich's erst, woran ich bin! Dieses Blitzen deutet aus ein starkes Gewitter, das sich nun in der Nacht über Wien hermachen wird! Ich erwache nun nach und nach aus meiner, durch die Todesangst erregten, großen Betäubung, kehre nun wieder ganz sachte ins Leben zurück. Wahrscheinlich hilft diese, vom elektrischen Fluidum sehr schwangere Luft mir dazu, und ich werde unter Blitz,- Donner und Hagel wieder ins Leben zurückkehren!? Donnern höre ich zwar noch nicht; aber das Wetter kann auch noch sehr weit von hier stehen. Es hat wohl sehr stark geblitzt, und der Donner könnte jetzt wohl schon, wenn auch sehr dumpf, da sein!
   10] "Aber kann es denn nicht sein, daß ich auch taub bin?! - Meine Gedanken vernehme ich freilich wie Worte; aber das ist noch kein Beweis, daß ich darum im Vollgebrauche meiner Gehörsorgane bin! Vielleicht komme ich bei dieser Gelegenheit auch zu meinem Gehöre wieder?! - Freilich, das sonderbare Gefühl des mich umgebenden Nichts kann ich mir auf dem natürlichen Wege noch durchaus nicht erklären. Aber was liegt da daran?! Ich bin einmal da und habe nun zweimal blitzen gesehen, - Beweis, daß ich nicht blind bin! Wer weiß, ob das nicht alles die Wirkung des drohenden, schwersten Gewitters ist?! Daher lasse ich das Wetter einmal loskrachen und vorüberziehen; da wird es sich dann schon zeigen, ob ich noch so verbleiben werde, wie ich jetzt bestellt bin!
   11] "Freilich dauert dieser Stand schon hübsch lange. Nach meinem Gefühle könnten es auch schon bei 100 Jahre sein; aber das wird eine bloße Gefühlstäuschung sein!? Ja, ja, bloß eine Gefühlstäuschung! Denn, wenn man in einer gewissen Betäubung - besonders in solch einer wesenlosen - dahinschmachtet, da muß ja aus einer Minute ein Jahr werden! Ja, ja, so wird es sein! - Ja, so ist es auch! - Wenn es nur bald wieder blitzete und nachher aber auch ein wenig donnerte! Aber die Blitze lassen sich Zeit!?" - -


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