voriges Kapitel Jakob Lorber: 'Die natürliche Sonne' nächstes Kapitel

Kapitelinhalt 54. Kapitel: Wunderbarer Pflanzenwuchs auf dem Planeten Miron (Neptun).Veränderlichkeit der Lebensformen.

   01] Was da den Boden dieses Planeten betrifft, so ist er im Durchschnitt mehr eben als gebirgig. Die Ebenen werden gewöhnlich von Bächen, Flüssen und Strömen durchfurcht, wobei dann die Ströme sich durch irgendeine Gebirgsschlucht unter großem Toben und Brausen in das Meer ergießen. Stehende Gewässer, wie Seen, findet man nirgends von einiger Bedeutung; die größten darunter dürften kaum einige Stunden im Umfange haben.
   02] Aber desto mehr gibt es sowohl an der nördlichen als auch an der südlichen Gebirgsbegrenzung Vulkane und somit auch häufig siedendheiße Quellen, ja manchmal sogar ganz heiße Bäche, wodurch in diesem Lande auch um einen bedeutenden Teil die Wärmetemperatur erhöht wird. Denn fürs erste wird die Luft, welche diese Ebenen und Täler durchströmt, erwärmt, und so kann da von irgendeinem kalten Winde nicht leichtlich die Rede sein; fürs zweite wird aber dadurch auch das Land, oder vielmehr das Erdreich, schon von innen aus erwärmt und somit, wie gesagt, in der Temperatur erhöht, wodurch es dann aber auch sehr fruchtbar wird und allenthalben die merkwürdigsten Früchte hervorbringt.
   03] Was da die Vulkane an und für sich betrifft, so ist bezüglich ihres Feuers zu bemerken, daß dessen Flamme, wie auch die Glut, nicht also wie bei euch auf der Erde eine schmutzig-rötliche Färbung in sich birgt, sondern eine lichtgrüne, welche fürs erste viel heller ist als die rote, und fürs zweite als Erwärmung eben auch wohltätiger wirkt als die rote Farbe des Strahles.
   04] So erblicken die Bewohner dieses Planeten auch die Sonne selbst in einem grünlichweißen Licht. Der Grund davon liegt in der weitgedehnten atmosphärischen Luftregion wie auch in deren besonderen Reinheit. Aus eben dem Grunde erscheinen auch entfernte Landteile nicht also blau wie bei euch, sondern grün; die Ursache liegt ebenfalls im Lichte und zumeist, wie schon gesagt, in der atmosphärischen Luft. Dafür aber sind die Blätter der Bäume, der Gesträuche, der Pflanzen, wie auch das Gras blau; und es ist somit gerade umgekehrt der Fall, als es auf eurer Erde zu sein pflegt. Wir haben zwar auch schon im Saturn die blaue Farbe vorherrschend gefunden; aber sie ist allda noch bei weitem nicht so intensiv und lebhaft wie hier.
   05] Hier dürfte mancher fragen: Wie ist wohl solches möglich? - Solches ist ganz leicht möglich und kann von jenen, welche tiefere Kenntnisse hinsichtlich der Farbenbrechung des Lichtes haben, gar leicht begriffen werden. Die grüne Farbe des Lichtes ist die intensivste und daher auch die kräftigste; weshalb sie auch auf den der Sonne näher liegenden Erdkörpern fast die ganze Pflanzenwelt durchdringt und aus derselben in den Blättern und jüngeren Zweigen widerstrahlt. Alle anderen Farben sind demnach auch weniger intensiv und können daher nur zartere Gegenstände durchdringen. - Die blaue Farbe aber ist die am wenigsten intensive, weshalb von ihr auch am wenigsten verzehrt wird und die Luft mit ihr stets angefüllt sein kann; aus welchem Grunde auf eurem Erdkörper entfernt liegende Gegenstände auch allzeit blau gefärbt erscheinen.
   06] Aber auf unserem Planeten Miron ist es wegen seiner großen Entfernung, wie auch wegen seines großen Luftreichtums, der ganz entgegengesetzte Fall. - Die grüne Farbe des Lichtes hat bei dieser weiten Entfernung des leuchtenden Körpers, als da ist die Sonne, notwendigerweise an der Intensität verloren; denn ihr könnt es annehmen, daß auf den ganzen Planeten Miron nicht so viele Sonnenstrahlen fallen wie auf das alleinige Afrika eurer Erde. Wenn nun diese wenigen Sonnenstrahlen auf die weitgedehnte Oberfläche der Mironluftregion fallen, so werden sie, als die wohltätigsten, alsbald von ihr aufgezehrt. Nur der blaue Strahl, als viel weniger belebend, wird durch die reine Luft [hindurch] gelassen und fällt auf das Pflanzenreich, - aus welchem Grunde dann auch, wie schon bemerkt wurde, die Pflanzen mit Ausnahme der Blüten zuallermeist in der schönsten blauen Färbung erscheinen. Jedoch dergleichen weitere mathematische Erörterungen sind für unsern Zweck nicht notwendig; auch ist in dem bereits kurz Erwähnten für jeden denkenden Geist schon ohnehin überaus viel gesagt. Daher wollen wir uns sogleich zur eigentlichen vegetativen Welt dieses Planeten wenden!
   07] Was die vegetative Welt dieses Planeten betrifft, so ist sie für eure Begriffe im wahren Sinne genommen etwas außerordentlich Wunderbares.
   08] So wächst zum Beispiel ein Fruchtbaum bis zu einer bestimmten Größe und Höhe von etwa hundert Klaftern mit der größten Üppigkeit fort, und das bis zu einem Alter von etwa zwanzig bis dreißig Mironjahren, - wobei nicht zu vergessen ist, daß ein Mironjahr beinahe dreizehn eurer Monate lang und kein Sonnenjahr, sondern nur ein Mondjahr ist. Hat ein solcher Baum seine höchste Vollendung erreicht, alsdann geht mit dem Baume von einem Tage bis zum andern eine plötzliche Umwandlung vor sich. Entweder verschwindet er plötzlich aus dem Dasein, und an seiner Stelle entdeckt der Forscher eine Menge ganz neuer Insekten; oder der Baum wirft seine Äste ab, die sich von ihm also losmachen wie etwa bei euren Bäumen die Blätter im Herbst, und dieser Stamm treibt nun ganz andere Äste und bringt mit der Zeit auch eine ganz andere Frucht zum Vorschein. - Wird der Baum zu Insekten, so leben diese eine Zeitlang, aber nur an der Stelle, da der Baum stand; dann aber sterben sie ab, und aus ihrem leicht verweslichen Moder entwickelt sich in kurzer Zeit eine neue Pflanzengattung, welche aber mit dem vorherigen Baum durchaus keine Verwandtschaft hat. - Ihr müßt auch nicht annehmen, daß da bei einer solchen Verwandlung zu jeder Zeit dieselben Insekten zum Vorschein kommen. Solches hängt dort vielmehr von der verschiedenartigen Stellung der Monde ab; und daher kann ein solcher zugrunde gegangener Baum zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten entweder in verschiedene [Arten von] Insekten übergehen, aus denen dann auch wieder verschiedene neue Pflanzen entstehen können, - oder der Baum kann nach Abwurf der Äste nach ebensolchen Umständen in verschiedene andere Baumgattungen übergehen.
   09] Wie es aber mit einem oder dem andern Baum der Fall ist, so ist es auch mit den kleineren Pflanzen derselbe Fall.
   10] Das Gesetz solcher Übergänge erstreckt sich auch auf das Tierreich bis zu den vierfüßigen, größeren und größten Landtieren. Das Reich der Amphibien, das Reich der sämtlichen Insekten, wie auch das Reich der sämtlichen Vögel ist dem Gesetze solcher Übergänge unterworfen. Aber nicht etwa auf die Weise wie auf eurer Erde das Reich der Raupen und der Insekten; denn bei euch wird aus derselben Raupe auch immer derselbe Schmetterling und aus demselben Wurm dasselbe Insekt. Allein auf unserem Planeten Miron geschieht das alles nach Umstand der Sache und der Zeit; daher kann dort niemand bestimmen, was hier oder dort zum Vorschein kommen wird.
   11] Aus diesem Grunde verlegen sich die Bewohner dieses Planeten auch durchaus nicht viel auf die Naturwissenschaft, besonders was die Pflanzenwelt und die untere Tierwelt betrifft. Wohl aber stellen sie ihre Beobachtungen in dem Punkte an, wo die Natur konsistent zu werden anfängt.
   12] So geschieht es [auf dem Miron] auch zu öfteren Malen, daß da ein oder der andere Vogel, Schmetterling oder ein anderes fliegendes Insekt, seine Eier legt, und aus diesen Eiern, welche gewöhnlich in das warme Erdreich gelegt werden, kommt statt ähnlichen oder anderen Tieren eine neue Pflanzenwelt zum Vorschein, welche eine Zeitlang besteht, dann aber wieder gänzlich ausstirbt. Aus dem Moder dieser ausgestorbenen Pflanzen, wie auch nicht selten aus ihren Samenkörnern, entstehen anstatt der ähnlichen Pflanzen wieder neue Tiere; manchmal kann man sogar in den bedeutend großen und ziemlich festen Samenschalen oder Hülsen, wenn man diese eröffnet, schon ein ziemlich wohlausgebildetes Tierchen finden, welches entweder so gestaltet ist, daß es eine Ähnlichkeit mit einem schon irgendwann gesehenen Tier hat oder ein ganz neues, noch nie gesehenes ist.
   13] Es dürfte vielleicht einer oder der andere sagen: Desgleichen finden ja auch wir auf unserer Erde; denn wem sollte es nicht bekannt sein, daß fast eine jede Frucht- und Kerngattung nicht selten ihr Gewürm in sich trägt, und daß die Gallusäpfel, Buchblattkörner, die Knopper des Eichbaumes, die rauhe Knorre des Rosenstrauches und dergleichen mehr nichts anderes sind als ganz eigentümliche Pflanzeneier, in denen ein lebendiger Wurm ausgeboren wird. - Ich sage aber: Solches ist zwar richtig, allein es liegt ein großer Unterschied zwischen einer fortwährend gleichartigen Erscheinung und einer stets veränderten.
   14] Aus diesem Grunde kann dieser Planet denn auch wohl mit allem Recht Miron (Welt der Wunder) heißen, indem seine vegetative wie auch zum großen Teile animalische Gestaltung so außerordentlich veränderlich ist, daß da eine ausgestorbene Pflanze, ein ausgestorbener Baum oder eine ausgestorbene Tiergattung nicht wieder als vollkommen dieselbe zum Vorschein kommt. - Inwieweit aber dieser Planet noch [ferner] seinem seltenen Namen entspricht, wird die Folge noch ins größere Licht stellen.


voriges Kapitel Home  |   Zum Buch-Inh.-Verz. Buch-Inhaltsverzeichnis  |   Orig.-Werke Lorbers  |   nächstes Kapitel