voriges Kapitel Jakob Lorber: 'Die natürliche Sonne' nächstes Kapitel

Kapitelinhalt 56. Kapitel: Blitzende Wälder. Der Blasenbaum.

   01] Auf den Gebirgen, welche in der Nachbarschaft bedeutender mineralischer Quellen oder wohl gar feuerspeiender Berge sich befinden, erwachsen oft in sehr kurzer Zeit ganze Wälder von den sogenannten blitzenden Bäumen. Diese Wälder aber haben natürlicherweise keinen Bestand; ihre Dauer erstreckt sich höchstens auf drei Jahre. Aber diese drei Jahre sind besonders den nachbarlichen Bewohnern sehr lästig, wenn auch eben nicht nachteilig; fürs erste, weil durch die Zeit des Daseins solcher Bäume eine solche Gegend ohne Lebensgefahr nicht zu passieren ist; fürs zweite aber, weil die sehr schwingungsfähige Luft dieses Planeten durch das unablässige Knallen von seiten dieser Bäume also angefüllt wird, daß da beinahe niemand in einiger Nähe eines solchen Waldes seines eigenen Mundes Laut vernehmen kann.
   02] Ihr werdet hier fragen: Sind diese Bäume denn wirklich vegetabilischer Art - Nein, das sind sie nicht, sondern sie sind, wie ihr in eurer Kunstsprache zu sagen pflegt, rein nur elektroplastisch. Wenn sich nämlich in der vorbesagten Gegend, entweder durch große mineralische Quellen oder durch feuerspeiende Berge, eine überschwenglich große Menge Elektrizität entwickelt, für deren Reichtum ihr auf eurer Erde keinen Begriff haben könnt, so zieht die in der Luft haftende Elektrizität die ihr verwandten mineralisch atomischen Teile aus dem Boden und aus der Luft zusammen; und durch diese Tätigkeit entstehen gar bald sichtbare Kügelchen und auch Häkchen, die sich aneinanderhängen und dann auf einen Teil des Erdbodens hinfallen, wohin sie am meisten angezogen werden. Durch solche elektrische Tätigkeit entstehen bald ganze Stämme über dem Erdboden mit mannigfaltig gestalteten, knorrigen Ästen versehen. Diese Äste saugen dann noch mehr Elektrizität an sich und lassen das Plus ihrer Fassungsfähigkeit bald wieder blitzend und knallend von sich.
   03] Solches dauert gewöhnlich so lange, bis sich ein [etwa in der Nähe befindlicher] Feuerspeier zur Ruhe gelegt hat, oder bis überhaupt der elektrische [Über-] Reichtum einer Gegend sich mit der allgemeinen Elektrizität ins Gleichgewicht gestellt hat. Ist solches geschehen, sodann braucht es nur eines mäßigen Luftzuges, und der ganze Wald wird gleich einer Staubwolke von seinem Territorium gehoben und über Ländereien hin verstreut. Und dieses ist dann auch das Ende eines solchen Waldes.
   04] Haben die Bewohner wohl auch einen Nutzen von solch einer Naturproduktion? - O ja, und das keinen geringen. Sie passen recht sorgfältig die Zeit ab, wann die Bäume eines solchen Waldes mehr und mehr anfangen, ihre Elektrizität zu verlieren. - Wann solches der Fall ist, dann nähern sie sich behutsam einem solchen Walde, nehmen Körbe mit sich und ziemlich lange, mit Spitzen versehene Stangen und auch auf langen Stielen befestigte Schaufeln. Mit den Stangen bestreichen sie vorerst einen solchen Baum und untersuchen, ob noch elektrische Tätigkeit in ihm vorhanden ist. Ist solche vorhanden, so wird ein solcher Baum mit dergleichen spitzigen Stangen so lange bestochen, bis dadurch alle Elektrizität von ihm entwichen ist. Ist solches der Fall, so fangen sie dann an, mit den Schaufeln die knorrigen Äste abzustechen und dann endlich den ganzen Baum in ihre Körbe zu fassen. Die Masse sieht dann ungefähr also aus wie eine Lava-Asche eurer Feuerspeier und ist unstreitig der allerbeste Dünger für ihre Felder. - Das ist sodann aber auch schon der ganze Gebrauch dieses Baumes.
   05] Ihr werdet hier sagen: Warum gibt es denn bei uns keine solchen Erscheinungen? - Ich aber sage euch: Fürs erste ist eure Erde bei weitem nicht so elektrizitätsreich wie der Planet Miron, und fürs zweite kennt ihr auch die Erscheinungen eures Erdbodens und ebenso auch die Wirkungen der Elektrizität noch viel zu wenig, als daß ihr ganz begründet sagen könntet: Warum kommen ähnliche Erscheinungen auf unserem Erdkörper nicht vor? - Verfüge sich nur jemand zum Beispiel in mittelafrikanische Gegenden, und so noch in manche Gegenden unter dem Äquator, und er wird gar bald auf die seltsamsten, chimärenartigen elektroplastischen Gegenstände stoßen. Aber dennoch ist ein Unterschied zwischen der Elektroplastik eurer Erde und der dieses Planeten. Denn was bei euch nur im kleinen Maßstabe geschieht, geschieht dort in riesenhaften Umrissen, so daß sich dieses Verhältnis also gestaltet wie etwa eins zu ein- bis zweitausend.
   06] Und so denn wären wir auch mit diesem merkwürdigen Baume fertig und wollen nun nur noch eines Gewächses erwähnen. Dieses Gewächs wird dort der Blasenbaum genannt. Dieser Baum wächst gewöhnlich in großer Gestalt an den Ufern der Seen, welche, wie ihr schon wißt, eben nicht von zu großer Ausdehnung sind. Die Gestalt dieses Baumes ist folgende: An einem bei dreißig Klafter hohen und bei drei Klafter im Durchschnitt habenden, ziemlich glattrindigen Stamme sind ungefähr drei, ein wenig nach aufwärts gehende, aber sonst geradgestreckte Astreihen befindlich; und zuoberst des Stammes schießen eine Menge solcher geraden Äste nach allen Richtungen hinaus. Am Ende eines jeden Astes ist eine Art Trichter gebildet, durch welchen eine Mündung durch den ganzen Ast, wie durch den ganzen Baum, sich kleinröhrig zieht. Dieser Baum ist ebenfalls mehr eine Schwammgattung als ein eigentlicher Baum, da er keine Wurzeln, sondern bloß einen stumpf-konischen (keilförmigen) Stiel im Erdreich hat.
   07] Es fragt sich jetzt: Warum wird denn dieser Baum der »Blasenbaum« genannt? - Seht, an den euch schon bekannten Mündungen der Äste schwitzt ein Saft klebriger Art durch die Röhren heraus, und das bis zu einer gewissen Zeit; alsdann versiegt der Saft im Innern dieses Schwammbaumes und löst sich in einer Art Luft auf, welche Auflösung auch hier durch die große Tätigkeit der reichhaltigen Elektrizität bewirkt wird. - Da in diesen Trichtermündungen der Äste sich der Saft angehäuft und mehr elastisch verdichtet hat, so kann er nicht aufgelöst werden, hindert aber dadurch der im Innern des Baumes entwickelten Luft den freien Austritt.
   08] Was geschieht dadurch für eine leicht begreifliche Erscheinung? - Keine andere, als welche ihr selbst schon oft als Kinder spielend mit dem Loder einer Seife gemacht habt. Nämlich: Die Luft tritt aus der Röhre hinter den elastisch klebrigen Saft in der trichterartigen Mündung des Astes, erhebt dann denselben und treibt ihn nicht selten zu einem mehrere Klafter im Durchmesser habenden Ballon auf. Wenn die Bewohner solches an dem Baume bemerken, so eilen sie mit starken Schnüren herbei, ziehen oder binden solch einen Ballon an der Mündung des Astes fest zusammen und schneiden ihn, zusammengebunden, vom Trichter ab. Und wenn die Masse dann vollkommen getrocknet ist und die gehörige elastische Intensität erreicht hat, lösen sie die Schnüre wieder und erhalten dadurch die schönsten und dauerhaftesten Beutel und Säcke, in denen sie alles aufbewahren können. Denn eine solche Blase ist in ihrem reifen Zustande noch viel haltbarer als eure Gummielastikum-Blasen und ist so zähe, daß sie selbst mit sehr scharfen Werkzeugen nicht leichtlich zerschnitten werden kann.
   09] Der Baum selbst aber wird dann ebenfalls nach Hause gebracht und wird allda als ein hauptsächliches Brennmaterial betrachtet; fürs erste, weil seine Masse in getrocknetem Zustande fast nur Harz ist; fürs zweite, weil sich bei der Verbrennung der Materie dieses Baumes ein sehr angenehmer Geruch entwickelt, den die Bewohner dieses Planeten überaus lieben; und fürs dritte, weil die Flamme von dieses Baumes Materie überaus schön helllichtgrün ist, und bei der Verbrennung sich zudem nur sehr wenig Rauch entwickelt.
   10] Dies wären sonach die seltensten Gewächse dieses Planeten, welche sonst wohl nirgends vorkommen. - Daher wollen wir uns nun der Kürze wegen für das nächste Mal auch sogleich zu dem noch wunderbareren Tierreich wenden.


voriges Kapitel Home  |   Zum Buch-Inh.-Verz. Buch-Inhaltsverzeichnis  |   Orig.-Werke Lorbers  |   nächstes Kapitel