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Kapitelinhalt 52. Kapitel: Weiteres über die Religion der Bewohner des sechsten Gürtelpaares.

   01] Ferner besteht vom Tempel aus eine Regel, vermöge welcher alle Seitenstraßen sich mit der Hauptstraße vereinen müssen. Auch muß von jeglichem Wohnhause eine gute, fahrbare Straße sowohl zum Tempel als auch zur Hauptstraße bewerkstelligt sein, und jede Straße muß gerade sein.
   02] Muß eine Straße irgend bergauf gehen, so darf sie deswegen keine Windungen machen, um zur höher gelegenen Hauptstraße zu gelangen, sondern muß ebenfalls über Hügel und Gräben errichtet sein und sachte steigen, so lange, bis sie die Hauptstraße erreicht. Sind bei dieser Gelegenheit bedeutende Geländeschwierigkeiten vorhanden, so muß solches dem Tempel angezeigt werden. Und sobald werden dann vom Tempel aus die Nachbarn berufen, um einem oder dem andern Hause das Werk vollenden zu helfen; und solches tun sie dann auch alsogleich ohne Widerrede. - Ist aber irgendein Wohnhaus höher gelegen als die Hauptstraße, so darf der Weg nicht etwa sich winkelrecht mit der Hauptstraße verbinden, sondern muß eine solche Wendung nehmen, daß er sich wenigstens in einem Winkel von fünfundvierzig Grad mit der Straße verbindet.
   03] Auch darf kein Seitenweg sich entgegengesetzt [der Westost-Richtung] mit der Straße verbinden, etwa vom Aufgang der Sterne her, sondern allzeit vom Niedergange her, damit da niemand von seiner Wohnung zur Hauptstraße sich gegen den Niedergang, sondern (jedermann) gegen den Aufgang bewegen muß.
   04] Ferner besteht wieder eine Regel, derzufolge niemand über den hohen Gebirgswall steigen darf, weil jenseits in dem fünften Gürtel, bald nach einer kleinen Abdachung, die endlos tiefen Steilen folgen, über die niemand weiter einen Fuß ohne die alleraugenscheinlichste Lebensgefahr zu setzen vermag. Denn die Bewohner dieses sechsten Gürtels können recht wohl von dem höchsten Ringsgebirgswalle in den fünften Gürtel schauen, ersehen aber allda nichts als ein endlos großes Meer. Von den Ländern des fünften Gürtels aber können sie vermöge der zu großen Entfernung nichts entdecken.
   05] Daher sind sie auch der Meinung, daß mit diesen Gebirgshöhen die Welt aufhört, und dann ewige Gewässer anfangen. Von ihrer eigenen Welt aber haben sie die Vorstellung, als sei sie ein Ring, der zwar um und um über die großen Gewässer hervorragt, aber innerlich hohl und von den großen Gewässern allein nur ausgefüllt sein. - Dieses ist also die Volksidee. - Die ersten Weisen des Tempels aber wissen, da sie auch mit den Geistern in Verbindung stehen, gar wohl, welch eine Bewandtnis es mit ihrer Welt hat, aber sie teilen solches dem Volke nicht mit; denn sie sagen: Wüßte unser Volk, daß die Welt, die wir bewohnen, noch bei weitem größer ist als der Teil, den wir bewohnen, - so würde es unter dem großen Gebirgswall einen Tunnel graben, durch denselben riesige Fahrzeuge an das jenseitige Meer setzen und das Land anderer Völker besteigen. Solches ist aber nicht der göttliche Wille. Also soll das Volk auch bei seiner unschuldigen Idee von seiner Welt verbleiben und da allzeit bereit sein, zur Ehre des großen, allmächtigen Gottes zu dienen.
   06] Das wäre demnach wieder eine Regel. - Ferner besteht noch eine Regel darin, daß alle Straßenhäuser beständig mit einem reichlichen Quantum von Eßwaren versehen sein müssen, um damit die reisenden Gäste bewirten zu können. Aus diesem Grunde aber hat dann auch jedes Wohnhaus die Verpflichtung über sich, die in seinem Bezirke vorkommenden Straßenhäuser damit zu versehen. - Sind hier und da manche Wohnhäuser der Hauptstraße zu ferne gelegen, so müssen sie ihren Teil bis zu den Nachbarn befördern, welche dann denselben an die Straßenhäuser ablierfern. - Das wäre somit alles Wesentliche, was den äußeren, werktätigen Teil ihrer Religion ausmacht.
   07] Worin besteht denn dann der geistige Teil? - Der geistige Teil besteht in ganz einfachen Grundlehren über Gott, die jedermann wissen und somit auch in dem werktätigen Teile seiner Religion treulichst befolgen muß. - Wie lauten denn demnach diese Grundsätze?- Diese Grundsätze lauten also, wie da folgt:
   08] Gott ist ein alleiniges Wesen und hat kein Wesen mehr außer Sich, das da wäre wie Er. - Er ist daher allein über alles mächtig, über alles erhaben, über alles heilig und voll der allerhöchsten Ehre. Sein Geschäft ist die Freiheit seines Willens. Und Seine Weisheit ist die Beachtung Seiner eigenen, ewigen Ordnung. Er ist der Schöpfer aller Dinge. Alles was Er macht, macht er aus seinem Willen; die Elemente sind Seine Gedanken, und sein Wille formt sie zu Wesen. Er bedarf keiner Materie wenn er eine Welt baut, sondern die Materie sind Seine Gedanken, und Sein Wille ist der Baumeister nach der ewigen Ordnung in Ihm. Wir können Gott vorerst nicht anders erkennen als in Seinen Werken, welche uns Seine große Macht und Seine große Ehre verkündigen. Darum können wir Gott auch nicht anders ehren, als so wir Seine Natur nachahmen und aus der von Ihm gegebenen Materie Werke nach der Freiheit unserer Erkenntnis zu Seiner Ehre errichten. Gott bedarf zwar unserer Werke nicht; denn Größeres erschafft Er in einem Augenblick, als wir mit all unserer Kraft in vielen Jahrtausenden. Dennoch aber bauen wir Werke, so groß und erhaben wir sie nur können, um dadurch Ihm werktätig darzutun, daß wir von Seiner ewig unendlichen Ehre unserem ganzen Wesen nach durchdrungen sind. Wenn wir auch noch so Großes errichtet haben, und haben darob von Gott kein Lob empfangen, so soll uns aber das dennoch nicht abhalten, noch immer Größeres zu tun. Denn wie sollten auch all unsere noch so großen Werke eines göttlichen Lobes sich erfreuen können, da sie alle zusammengenommen nichts vor Seinen Augen sind!? - Wenn aber Gott auch schon nicht auf unsere Werke sieht, so sieht Er aber doch auf unsern Willen und auf unsere Ausharrung zu Seiner Ehre. Und so werden wir von Ihm nicht zufolge unserer Werke, sondern nur zufolge der Beharrlichkeit unseres Willens gesegnet.
   09] Da wir aber wissen, wonach sich Gottes Wohlgefallen richtet, so richten wir uns auch danach, daß wir uns allzeit dieses Wohlgefallens würdig machen können. - Um sich aber Gott wohlgefällig zu machen, muß ein jeder folgende Haupttugenden in sich unerläßlich beachten:
   10] Erstens: Weil Gott der Allerhöchste ist, müssen wir die Allerniedrigsten sein. - Zweitens : Weil Gott allein nur allmächtig ist, so müssen wir allzeit unsere Ohnmacht vor Ihm bekennen. - Drittens: Weil Gott voll der höchsten Ehre ist, so müssen wir allzeit voll der tiefsten Demut sein. - Viertens: Weil Gott über alles heilig ist, so müssen sich allzeit unsere Knie vor Seinem Namen beugen. - Fünftens: Da Gott allein nur alle Dinge angehören, so dürfen wir sie uns nie zueignen und müssen Ihm allzeit dankbar sein für jede Gabe, und wäre sie nur ein einziger Wassertropfen; denn auch einen Wassertropfen vermag der Mensch nicht zu erschaffen. - Sechstens: Da in Gott allein alle Kraft und Macht ist, so soll ein jeder wissen, daß auch seine Kraft aus Gott ist, und daher auch niemand ohne Gott etwas zu tun vermag; wem aber Gott Seine Kraft verleiht, der vermag alles. Gott aber wird niemandem eine erbetene Kraft vorenthalten, wenn er dieselbe nur zu Seiner Ehre verwenden will. - Siebtens: Die größte Ehre, die wir aber Gott bezeugen können, besteht darin, daß wir uns gegenseitig lieben und achten und aus dieser Liebe und Achtung dann auch in Seinem Heiligtume es wagen, in aller Demut unseres Herzens Ihn Selbst zu lieben.
   11] Seht, in dem besteht nun das ganze geistige Wesen der Religion der Bewohner dieses Gürtels; aber ja nicht etwa allein in Worten, sondern allzeit vollkommen ernstlich in der Tat. - Daher es aber auch für alle Bewohner dieses Gürtels die größte Seligkeit ist, den Tempel zu besuchen und allda Gott die Ehre ihres Herzens geben zu können.
   12] Und somit wären wir auch mit diesem Gürtel vollends fertig und wollen uns daher fürs nächste Mal auf den siebenten und letzten Gürtel der Sonne begeben. - Daß übrigens auf dem sechsten südlichen Gürtel sich alles genauso verhält wie auf dem nördlichen, ist ohnehin schon bei Gelegenheiten erwähnt worden.


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