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Kapitelinhalt jl.gso2.048. Kapitel:

   01] Ihr habt schon mehrere Säulen begriffen; nun verfüget euch denn auch in die Mitte auf diese Stelle hierher, da ich mich befinde, und greift da auch ein wenig nach aufwärts und sagt mir, was ihr da begriffen habt.
   02] Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder, wenn uns das Gefühl nicht täuscht, so begreifen wir Kugeln etwa von der Größe eines Menschenkopfes. Diese sind an zwei Querstäbe gesteckt und bilden sonach ein gleicharmiges horizontal hängendes Kreuz vom Boden gerade so weit entfernt, daß wir es mit unseren Händen noch ziemlich leicht erreichen können. Das ist aber auch schon alles, was wir hier zu entdecken vermögen.
   03] Bei der Umfassung der Säulen haben wir auch noch eine höher hinaufführende Treppe entdeckt, welche mit einem flachen Geländer umfaßt ist. Wie sich es aber über solch eine nicht sichtbare Treppe wird höher wandeln lassen, das mag wohl auf jeden Fall der nachfolgenden Erfahrung vorbehalten sein. In dem liegt nun gar alles; was wir entdeckt haben, und du, lieber Freund und Bruder, magst uns darüber eine Erklärung geben, wenn darüber überhaupt eine Erklärung möglich ist.
   04] Wenn es eigentlich auf uns ankäme, so wären wir bei weitem eher geneigt, uns von dieser zu durchsichtigen Galerie wieder um einige Stocke abwärts zu begeben als nur einige Staffeln in eine wahrscheinlich noch durchsichtigere Galerie höher zu gehen; aber, wie gesagt, es kommt hier allein auf dich an. Wir sind mit der Darstellung dieser höchst unsichtbaren Denkwürdigkeiten zu Ende, mache du nun daraus, was dir gut dünkt. Daß wir dir ein geneigtes Ohr leihen werden, dessen brauchen wir dich gar nicht im voraus zu versichern.
   05] Gut, meine lieben Freunde und Brüder; ihr habt die auf dieser zehnten Galerie merkwürdigen Gegenstände richtig beschrieben, abgerechnet einige schwache Witzfloskeln, die freilich nicht so ganz hierher taugen. Es ist zwar wohl der Witz auch ein Produkt der Weisheit; aber er steht als solches auf der alleruntersten Stufe derselben. Alle sogenannte Satirik ist fortwährend auf gewisse menschliche Schwachheiten berechnet und ist daher ein schlechter Fechtmeister; denn ein Held, welcher nur gegen Kinder zu Felde zieht und will vor diesen Schwächlingen seine Stärke zeigen, beim Anblicke eines wirklichen Helden aber Berge über sich ruft, verdient wahrlich diesen Namen nicht.
   06] Der Löwe ist kein Mückenfänger; der aber da Mücken fängt und sich mit dem Abwägen einer Schafwollocke abgibt, der hat sicher die Natur des Löwen nicht. Also ist auch die Satirik und andere ihr entstammende Witzeleien mit der eigentlichen Tiefsinnigkeit der Weisheit des Geistes spottwenig verwandt; man könnte sie sehr gut und am allerbezeichnendsten eine barste Schmarotzerpflanze am Baume der tiefen inneren Erkenntnis des Lebens nennen.
   07] Also, solches ist auch gut, daß ihr es euch merket; denn die Dinge, die wir vor uns haben, sind von zu ernster großartig erhabenster Art, als daß wir sie gewisserart mit eitlem Laubwerke von den Schmarotzerpflanzen versieren sollten. Wie groß und vielbedeutend aber diese Gegenstände sind, werdet ihr sogleich aus meiner folgenden Erörterung entnehmen; und so hört denn:
   08] Die Säulen dieses Rondells stellen die Lebenskräfte des Menschen dar. Zwölf Säulen habt ihr entdeckt. Wenn ihr das Gebiet der Leben äußernden Kräfte durchgeht, so werdet ihr mit leichter Mühe finden, daß dasselbe auch auf zwölf ähnlichen Trägern ruht.
   09] Wie lauten aber diese Träger, welche Namen haben sie? Wir wollen sie ganz kurz durchgehen; der erste Träger heißt: Du sollst allein an einen Gott glauben.
   10] Der zweite Träger: den Namen Gottes, der da heilig ist, überheilig, sollst du nimmer, weder durch Worte noch Gedanken, Begierden und Taten entheiligen.
   11] Der dritte Träger heißt: Unterlaß nie, die Ruhe des Herrn zu feiern, sondern gedenke an dieser in deinem Herzen Gottes, deines Herrn und Schöpfers! Denn in dieser Ruhe nur wird dich der Herr, dein Gott, ansehen und segnen dein Leben.
   12] Der vierte Träger heißt: Zolle allezeit Gehorsam, Liebe und Achtung denen, die dich durch die Kraft Gottes in ihnen gezeugt haben, so wirst du dadurch dir das Wohlgefallen Gottes erringen; und dieses wird sein ein mächtiger Grund aller Wohlfahrt deines Lebens!
   13] Der fünfte Träger heißt: Achte das Leben in allen deinen Brüdern, so wirst du den Wert des eigenen Lebens erkennen; tötest du aber einen aus deinen Brüdern, so hast du dadurch deinen eigenen Leben eine tödliche Wunde versetzt.
   14] Der sechste Träger lautet und heißt: Achte die zeugende Kraft in dir wie die aufnehmende im Weibe; denn siehe, Gott, dein Herr, hat dieses allmächtige Fünklein aus Seiner höchsten und tiefsten Liebe in dich gelegt. Mißbrauche daher nie diese heilige Kraft Gottes in dir und zerstreue sie nicht vergeblich; so wirst du ein allzeitiger Mehrer deines eigenen Lebens und des Lebens deiner gezeugten Kinder sein.
   15] Der siebente Träger lautet: Siehe, alles, was da ist, ist ein Eigentum des Herrn, deines Gottes und Schöpfers; was Er gemacht hat, hat Er für alle gemacht. So dein Bruder aber eine Frucht vom Baume genommen hat, so hat er sie aus der Hand Gottes genommen; und du sollst dir dann kein eigenmächtig Recht einräumen, ihm, dem Bruder nämlich, die einmal genommene Frucht auf was immer für eine Art wegzunehmen. Es ist besser, nichts zu nehmen und nichts zu haben, als etwas zu nehmen und zu haben, das zuvor schon ein anderer Bruder aus der Hand des Herrn zu eigen empfing: denn nur der Herr ist ein allein rechtmäßiger Austeiler Seiner Dinge. Wer daher sich die Rechte Gottes anmaßt, der ist ein Frevler an der göttlichen Erbarmung und versteinert sein Herz, auf daß es ja nicht mehr fähig werde zur Aufnahme des Lebens.
   16] Der achte Träger heißt: Gott ist die ewige Wahrheit. In Seiner Wahrheit sprach Er Sein ewiges Wort aus, und das Wort selbst ist die Wahrheit Gottes. Aus diesem Worte bist du Mensch hervorgegangen; daher sollst du diesem ewig heiligen Ursprunge getreu bleiben und selbst alle deine Worte allezeit demjenigen gleich treu und wahr stellen, aus dem du selbst hervorgegangen bist; wo nicht, so tötest du das Urwort in dir und somit dein eigenes Leben.
   17] Der neunte Träger lautet: Gott, der Herr, hat dir mannigfache Sinne und Kräfte verliehen. Diese sollst du im Zaume halten wie ein junges Bäumchen im Garten deines Lebens, damit es mächtig heranwachse zur riesigen Kraft und Stärke eines mächtigen Baumes. Wenn du aber solche deine Sinne, Triebe und Begierden nach allen Richtungen herumschießen lässest, so wird dein Lebensbaum nie zur vereinten Kraft erwachen, sondern entweder verdorren oder zu einem nichtigen Gebüsche und Gestrüppe werden, in dem sich wohl allerlei Geschmeiß aufhalten wird, aber die Vögel des Himmels nimmer ihre Wohnung nehmen werden.
   18] Der zehnte Träger heißt: Siehe das Weib nicht mit begierlichen Augen an, und das Weib deines Nachbars und deines Bruders betrachte in der Begierde deines Herzens als wäre es nicht da, so wird dadurch deinem Geiste ein freies Gedeihen werden. Und wirst du in der Kraft deines Geistes dich befinden, dann wird es dir ein Leichtes sein, die Kraft des Geistes in deinem Weibe dir wahrhaft zu vermählen, welches wird sein eine wahre Ehe vor Gott. Verbindest du dich aber mit deinem Weibe nur nach deiner Begierde, die noch unreif ist, so wirst du durch solchen Verband deinen Geist mit dem Geiste deines Weibes nur zusammenknebeln, wodurch dann aus zwei Geistern ein unbehilflicher Sklave wird, und wird da nicht können ein Geist dem andern die heilige Lebensfreiheit je verschaffen, sondern noch die ursprüngliche in der stets mächtigeren Umstrickung verlieren.
   19] Wie heißt denn der elfte Träger? - Also heißt er: Gott ist in Sich Selbst die ewige und allerreinste Liebe Selbst. Aus dieser unendlichen Liebe bist du Mensch hervorgegangen; also ein Werk der Liebe bist du. Daher sollst du auch Gott, deinen Schöpfer, der dich ganz und gar aus Seiner Liebe gebildet hat mit aller deiner Liebe ergreifen und Ihn lieben über alles! Tust du solches, so ergreifst du das ewige, unvergängliche Leben und lebst ewig in selbem. Tust du es nicht, da trennst du dich vom Leben, und das Los deiner Trennung ist der ewige Tod!
   20] Der zwölfte Träger endlich lautet: Siehe Mensch, wie du, so sind auch alle deine Brüder aus einer und derselben unendlichen Liebe Gottes hervorgegangen. Daher kannst du Gott nicht lieben über alles, wenn du deine Bruder nicht liebst, welche ebensogut wie du nichts anders als die allmächtige Liebe des Herrn wesenhaft sind. -
   21] Meine lieben Brüder und Freunde! Ich meine, unser Säulenrondell ist dadurch zur Genüge beleuchtet worden. - Ein unsichtbares Kreuz hängt in der Mitte desselben und ist aus so viel Kugeln quer zusammengestellt, als wie viel Säulen wir hier gezählt haben; ist aber nur durch das Gefühl, und nicht mit dem Lichte der Augen wahrzunehmen.
   22] Seht ihr hier das Geheimnis des Glaubens? - Nicht schauen könnt ihr, das ihr glaubet, obschon es ewig fest vor euren Augen steht.
   23] Befühlt zuvor die inneren Lebensträger in euch und geht dann in euer Inneres, da werdet ihr alle Lebenskräfte vereint in diesem heiligen Zeichen erschauen. Eine jede Lebenskraft ist eine Säule und eine Kugel am Zeichen, die Säule darstellend die Kraft, die Kugel die Vollendung des Lebens in jedem Zweige desselben.
   24] Das Kreuz, auf eurer Erde aufgestellt, ist in seiner Zusammenfassung ein Bild des Glaubens. In seinen Einzelheiten stellt es mit dem aufrechtstehenden Balken, der größer und länger ist denn der Querbalken, die Liebe zu Gott, und mit dem Querbalken die Liebe zum Nächsten dar. - Dieses horizontal hängende Kreuz hier aber bezeichnet die Weisheit, das Licht des Geistes in seiner Vollendung, und dessen Einzelteile die reine himmlische Liebe, welche gleich ist in Gott zu Gott wie zu dem Nächsten. Seht das ist schon tiefe Weisheit und liegt im großen Geheimnisse des Kreuzes wie in den Zwölfen, die der Herr erwählet hatte. - Ihr könnt dieses alles nun begreifen; wie aber? - Mit der Liebe!

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