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Kapitelinhalt jl.gso2.034. Kapitel:

   01] Seht, da sind wir schon in der Galerie des ersten Stockwerkes. Ihr seht wieder Säulenrondells statt einzelner großer Säulen aufgestellt, und in der Mitte dieses Säulenrondells seht ihr hier wie Altäre aufgerichtet, welche demjenigen Altare eben nicht unähnlich sind, den wir auf der Wanderung hierher in der Allee zuerst angetroffen haben. Die innere Rundung des Säulenkreises ist abermals, wie ihr seht, allenthalben mit einer unaussprechlich prachtvollen Treppe versehen.
   02] Wozu denn aber diese Altäre in der Mitte dieses Säulenrondells? Einesteils dienen sie zur offenen Zierde eines solchen Säulenrondells, andernteils aber bezeichnen sie den ersten Grad der Erkenntnis Gottes, während die Säulenrondells zu ebener Erde ganz leer sind und das Menschliche im gänzlichen Naturzustande bezeichnen.
   03] Aber beseht die Pracht dieser Säulen; die sind nicht mehr glatt, sondern gewunden. In der Höhlung der Windung ist eine Verzierung von herrlichstem Laubwerke, und der Bauch der Windung ist besetzt mit den allerwunderherrlichsten, selbstleuchtenden Edelsteinen, welche wie Halbkugeln hineingefügt sind. Die Farbe der Säulen selbst ist bläulich-grün, das Laubwerk ist wie flammendes Gold, der Boden des Rondells ist wie ein überaus stark funkelnder Rubin, und die Treppe ist hier von weiß flammenden Silber angefertigt.
   04] Seht aber den Boden der Galerie. Dieser ist aus allerfeinstem Hyazinthe, das prachtvolle Geländer nach außen hinaus von Porphyr, und die innere Wand des Hauptgebäudes besteht aus Onyx, welcher ist ein gar herrlicher Edelstein. Das bogenartige Gewölbe zwischen den Säulen und der kontinuierlichen Wand aber besteht aus dem allerschönsten Opal, in welchem allerlei farbige, selbstleuchtende Steine in wunderbarer Ordnung eingelegt sind.
   05] Und da seht hin, zwischen einem jeden Säulenrondell ist in die feste Wand des Hauptgebäudes ein hohes und breites Tor angebracht. Dieses Tor hat, wie ihr bemerken könnt, zwei Flügel, welche an einer in der Mitte des Tores angebrachten viereckigen Säule eingehängt sind und sich somit nicht in der Mitte, sondern zu beiden Seiten öffnen. Die viereckige Säule ist ein flammendes Diamantstück, und die Torflügel bestehen aus flammendem Golde, welches noch herrlicher ist als das durchsichtige; dergleichen freilich wohl auf der Erde nicht vorkommt.
   06] Ein durchsichtiges Gold könnte auf der Erde wohl erzeugt werden; wie aber? Durch Verglasung; denn ihr wißt, daß alle Metalle, wenn sie den höchsten Hitzegrad ausgestanden haben, gewisserart in eben diesen Hitzegrad verbrennen. Nach dem Verbrennen bleibt aber nichts als wie eine Art Schlacke übrig. Wenn nun diese Schlacke wieder zermalmt wird und gemengt mit einem dieselbe auflösenden Salze, so kommt sie in Fluß, und wenn sie dann abgekühlt wird, so ist diese durch das Salz und natürlicherweise durch große Hitze flüssig gewordene Masse zum durchsichtigen Glase geworden. Wenn also aus der freilich auf dem Erdkörper sehr teuer zu stehen kommenden Goldschlacke auf oben gezeigte Weise ein Glas verfertiget würde, so würde solch ein Glas von gelb-rötlicher Farbe das allerfeinste durchsichtige Gold geben.
   07] Aber ein flammendes Gold auf der Erde darzustellen, wäre wohl die reinste Unmöglichkeit. Nicht einmal auf den Planetarsonnen geht solches an, sondern allein nur auf den Zentralsonnen, wo das Licht in für euch unmeßbarster Intensität zu Hause ist. Allda ist demnach jeder durchsichtige Körper der beständigen Durchflammung fähig, weil er das in sich aufgenommene Licht zufolge des ihn umgebenden Lichtes nimmer verzehren kann. Und so geschieht durch solch einen beständigen Konflikt zwischen Licht und Licht ein solches Flammen, welches den Anschein hat, als wäre die Materie im fortwährend brennenden Zustande. Rührt man aber solch eine Materie an, so ist sie vollkommen fest und nicht im geringsten irgend erhitzt, sondern gerade im Gegenteile, je flammender etwas ist, desto kühler ist es.
   08] Es steht eben darum in einer nicht geringen Entsprechung mit denjenigen Menschen auf eurer Erde, die nach außen hin sehr feurig sind und über alles eifern; rührt man aber ihr Herz an, so erstaunt man über die Kälte desselben! So könnt ihr Menschen antreffen, die sich für die Unterstützung der Armen aus lauter Feuereifer die Zunge wund reden können; wenn ihnen aber heimlich ein Armer begegnet, da sind sie kälter als das tausendjährige Eis eines Gletschers, welches der gewöhnliche Sonnenstrahl nicht zu schmelzen vermag, wohl aber hie und da in kleinen Portionen ein wohlgenährter Blitz.
   09] Also sieht es auch zu allermeist mit den berühmten Kanzelpredigern aus. Sie zünden mit ihrem übermäßigen Feuer eine Hölle an, in welcher es kein auch dem allermächtigsten Feuer verwandtes Wesen nur eine Sekunde lang aushalten könnte; fragt ihr sie hernach, was ihr Herz zu einem so außerordentlich hohen höllischen Hitzegrade sagt, so wird euch die Antwort werden: Ich befinde mich recht wohl dabei. Ein guter Braten und ein nicht zu kleines Glas Wein auf so eine hitzige Predigt bringt bei ihm alles wieder ins Gleichgewicht.
   10] Das wäre demnach eine Entsprechung unseres flammenden Goldes; aber diese ist eben nicht die empfehlenswerte. Es gibt jedoch auch eine anempfehlenswerte, d.i. eine geistig gute, und diese lautet also:
   11] Menschen, die voll Liebe sind in ihrem Herzen, gegen diese ist auch die Liebe des Herrn mächtig wirkend. Dadurch geschieht ein Konflikt zwischen Liebe und Liebe; und diese Liebe wirkt dann wohltätig nach außen. Sie erleuchtet und erwärmt, was sie umgibt; aber in sich selbst bleibt sie kühl. Warum denn? Weil sie keine Eigenliebe ist. Solches bezeigt auch das flammende Gold. - Nun wüßten wir diese Entsprechung; und so können wir die Torflügel schon ein wenig in Augenschein nehmen.
   12] Da seht nur her, welche Erhabenheiten plastisch in diese Torflügel eingearbeitet sind! Sieht die Sache nicht beinahe aus wie eine Bilderschrift, welche aus der Mitte der Masse, aus welcher die Flügel angefertigt sind, in den wunderbarsten Farben durchstrahlet? Und da seht durch eine glatte Fläche des Torflügels in das Innere des Gebäudes! Ihr fahret zurück; was alles habt ihr denn gesehen? Ich lese es schon an euren Gesichtern; ihr habt Menschen entdeckt, und das von nie geahnter Schönheit!  Ja, ja, so ist es.
   13] Diesen Menschen dürfen wir uns für jetzt noch nicht nahen, wir müssen zuvor von der stets steigenden Pracht dieses Gebäudes gehörig abgestumpft werden, sonst könnten wir samt und sämtlich einen kleinen Schaden an unserer geistigen Gesundheit erleiden. Denn so vollkommen ist nie ein Geist selbst des höchsten Himmels, daß er unvorbereitetermaßen alle Schönheit der Schöpfung des Herrn anschauen könnte, ohne dabei eine zeitweise Beschädigung zu überkommen.
   14] Damit wir aber hier nicht zu sehr angefochten werden, so begeben wir uns nur ganz hurtig in ein solches Säulenrondell und über die Treppe in das zweite Stockwerk, oder nach der Zahl der Galerie gewisserart in das dritte, allda uns wieder ganz andere Dinge erwarten.
   15] Ich merke zwar noch einen zweifelhaften Punkt in euch, und dieser besteht wieder in einem euch unverständlichen Zahlenverhältnisse, und zwar darin, daß wir alle aus der Entfernung her dieses ganze Hauptgebäude aus zwölf Stockwerken bestehend erschauten, in dieser Nähe aber nur aus zehn. - Lassen wir die Sachen nur gut sein, wenn wir uns im zehnten Stockwerke befinden werden, so wird sich die Sache schon aufklären. Für jetzt aber gehen wir nur in unser zweites Stockwerk oder in die dritte Galerie.

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