Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

161. Kapitel: Martins leichter Sieg im Weisheitsdisput mit dem dumm-stolzen Sonnentempelältesten.

   01] Bei diesen Worten tritt auch schon der Älteste und Weiseste der dritten Höhe aus der großen Flur des Tempels in grauem Faltengewande, umgeben von Jünglingen und Jungfrauen. In der rechten Hand trägt er einen Stab gleich dem des Aaron und in der Linken eine Art Zauberband, auf dem verschiedene Zeichen mystischen Aussehens kleben. - Als er etwa fünf Schritte vor den drei Anführern steht, rollt er das Band vollends auf und legt selbes vor sich ausgestreckt auf den blausamtartigen Boden nieder. Darauf senkt er den Stab auf dieses Band nieder und spricht nach einer Weile:
   02] »Bei der unermeßlichen Kraft und Macht, die mir eigen ist durch meine unbegrenzte Weisheit, beschwöre ich euch als der erste und älteste Mensch dieser Welt, die ewig kein Ende hat und erhalten wird von mir,« -
   03] Spricht Martin darunter bei sich: »Oder was?! Der Kerl wird possierlich! Nur so fort in dieser Breite!«
   04] (Der Älteste:) »daß ihr mir der unendlichsten Wahrheit getreu kundgebt, was ihr hier wollt, und was euch hierher geführt hat! Der leiseste Schein einer Unwahrheit aus eurem Munde - und ihr alle werdet durch meine unbesiegbare Macht zerstäubt werden! Nun redet!«
   05] Spricht Martin: »Wir alle zugleich oder einer für alle? Das müssen Eure Weisheit schon näher bestimmen; denn gar so gescheit sind wir nicht wie Eure Hochweisheit! Bitte also um nähere Bestimmung! - (Bei sich:) Der ist just recht; denn seine Dummheit zieht auch zugleich einen starken Schleier über die Schönheit der Jungfrauen, und das ist auch recht! Nun bin ich mit Petrus, Johannes und allen wieder vollkommen ausgesöhnt!«
   06] Spricht der Weise: »Wenn einer spricht, da kann man noch nicht wissen, wie die andern gesinnt sind. Daher müssen alle zugleich und sehr laut reden!«
   07] Spricht Martin bei sich: »Ich bin doch im allgemeinen und besonders gegenüber diesen alten Himmelsfürsten sehr dumm, aber über die Dummheit dieses Weisen steht doch nichts mehr auf! Dem seine Weisheit will ich ganz allein so verarbeiten, daß er sich am Ende vor lauter Dummheit und Verlegenheit nimmer umdrehen soll können! Muß aber doch den Petrus fragen, was ich hier tun soll!« - Darauf wendet sich Martin zu Petrus in dieser Hinsicht.
   08] Und Petrus spricht: »Lieber Bruder, nun ist die Reihe an dir, und das mit der vollsten Freiheit und Wahrheit! Hier rede, wie dir die Zunge gewachsen ist!«
   09] Spricht darauf Martin zum Weisen: »Aber, du unbegrenzter Weiser, so deine Weisheit so ungeheuer ist, begreife ich ja gar nicht, wie du uns fragen kannst, was wir hier wollen, und was uns hierher geführt hat? Denn sieh, wir viel geringeren Weisen durchschauen sogar dich auf ein Haar und wissen schon ganz genau, was hinter deiner vermeinten höchsten Weisheit steckt! Und so meine ich, du wirst uns auch auf gleiche Weise durchschauen, so du im Ernste so ungeheuer weise bist! Was meinst du in dieser Hinsicht?«
   10] Spricht der Weise: »Ja, das kann ich wohl auch, wenn ich das große magische Band vor mir ausgebreitet habe und habe dabei den Doppelstab. Aber da ich für so geringe Gäste nur meine ordinärsten Behelfe mitgenommen habe, so muß ich wohl auch fragen, um von euch etwas zu erfahren, - und so müßt ihr nun reden!«
   11] Spricht Martin: »Ja, wenn so, wie wirst du denn hernach ersehen können, ob wir dir die Wahrheit oder die Unwahrheit sagten?«
   12] Spricht der Weise: »Um dem vorzubeugen, habe ich euch die große Drohung gemacht, die ich auch ausführen werde, so ihr die Unwahrheit reden würdet. Daher nur die ungeheucheltste Wahrheit, oder - sonst -
   13] Spricht Martin: »Ja, oder sonst - bist und bleibst du ein Esel!«
   14] Spricht der Weise: »Was ist das 'ein Esel'?«
   15] Spricht Martin: »Das ist bei uns ein ganz harmloses Wesen, ganz von deiner Farbe. Es hat sehr lange Ohren, aber dafür einen äußerst kurzen Verstand!«
   16] Spricht der Weise: »Was berechtigt dich, mich dafür zu halten?«
   17] Spricht Martin: »Erlauben Eure unendliche Weisheit mir eine kleine Pause, denn so eine wichtige Frage braucht Studium!«
   18] Spricht der Weise: »Was heißt ihr 'Studium'? Bei uns gibt es kein Ding, das da 'Studium' hieße!
   19] Spricht Martin: »Höre, du Weisester der Weisen, deine Weisheit muß eben nicht gar zu weit her sein, so du das nicht kennst, was zur Erlangung der Weisheit wenigstens im Anfange vonnöten ist! Ein Studium ist soviel wie ein fleißiges Nachdenken über die ersten Begriffe und Elemente, die der Weisheit notwendig vorangehen. Verstehst du nun, was ein Studium ist?«
   20] Spricht der Weise: »Nein, das verstehe ich nicht. Denn meine Weisheit ist zu groß und faßt solche Kleinigkeiten darum nicht, weil sie ihr zu klein, zu geringfügig sind. Daher erkläre dich großartiger, sonst kann ich dich nicht verstehen!«
   21] Spricht Martin: »Schau, schau, du bist nicht gar so dumm, als man glauben sollte, so man dich ansieht und dann erst hört! Also wegen der ungeheuren Größe deiner Weisheit kannst du solche Kleinigkeiten nicht fassen! Schau, schau, wie weise! - Aber so du schon ob deiner immensen Weisheit solche Kleinigkeiten nicht fassen kannst, da begreife ich wieder nicht, wie du ehedem den noch viel kleineren Begriff 'Esel' sogleich begriffen hast mit sehr kurzer Erläuterung?
   22] Spricht der Weise: »'Esel' ist ein Wesen - und 'Studium' nur ein Begriff. Ein Wesen aber faßt man allzeit leichter als einen puren Begriff. Also rede daher größer und für mich faßlicher!«
   23] Spricht Martin: »Freund, ich glaube, wir beide werden uns besonders in der Folge schwer oder wohl auch gar nicht verstehen. Denn du bist samt deiner Weisheit ein überaus dummes menschliches Wesen, bei dem aber auch nicht eine leiseste Spur irgendeiner Weisheit anzutreffen ist!
   24] Ich aber gebe dir einen Rat und sage dir: Trete du fein zurück und laß einen andern - aber ohne Zauberband und Hexenstab - für dich reden! Vielleicht wird er etwas Besseres zum Vorscheine bringen. Allenfalls wie die drei Töchter dieses Hauses, die uns zuerst entgegenkamen und recht viele weise Worte hervorbrachten, daß ich darob schließen mußte, ihr würdet noch gar ungeheuer weiser sein!
   25] Aber ich habe mich in dieser Erwartung sehr getäuscht. So einen blitzdummen Kerl, wie du einer bist, gibt es vielleicht auf deiner ganzen Welt nicht zum zweiten Male! Weißt du, wir beide sind nun miteinander schon fertig; daher trete zurück und laß einen andern für dich reden!«
   26] Spricht der Weise: »Das geht hier ewig nicht an. Denn so ich von der Höhe aller Höhen herabkomme zu diesen gemeinen Würmern, darf niemand reden denn allein ich als der Höchste, der Weiseste, der Mächtigste, der Ewige, der Unendliche!«
   27] Spricht Martin: »Oder was?! - Sapprament, du bist am Ende etwa gar das allerhöchste Gottwesen?«
   28] Spricht der Weise: »Das gerade nicht, aber nicht viel minder; nur ist Er um etwas älter als ich, indem ich Sein Sohn bin!«
   29] Spricht Martin: »Sonst nichts?! Oder vielleicht doch noch ein bißchen was hinzu! Weißt, so ein bißchen was wie eine Zuwaage!«
   30] Spricht der Weise: »Freilich wohl noch gar sehr viel hinzu; aber das wäre für dich zu unbegreiflich. Daher kann ich dir's nicht sagen, denn du bist ein Nichts gegen mich!«
   31] Spricht Martin: »Ja, ja, das glaube ich dir alles auf ein Haar! Oh, du bist wirklich was Großes, ja ungeheuer Großes in deiner Art! Du wirst deinesgleichen auf dieser Welt sicher nimmer finden! O du, du, du, -
   32] Spricht der Weise: »Ja, ich habe niemanden über mir. Wenn ich mit dem Stabe den Boden berühre, so erbebt die ganze Welt, und alle Wesen zittern vor Furcht, so ich mich ihnen nahe! Ich begreife aber durchaus nicht, wie du nicht zitterst und diese deine schwachen Begleiter auch nicht zittern vor mir, der ich euch doch ganz plötzlich verderben könnte?«
   33] Spricht Martin: »Was du jetzt nicht begreifst, das wirst du hoffentlich äußerst bald begreifen! Von mir aus wohl am wenigsten; aber es ist schon jemand gegenwärtig bei dieser Gesellschaft, der es dir sagen wird, warum wir vor dir durchaus nicht zittern und ewig nie zittern werden!
   34] Denn siehe, du bist durch einen argen Geist, der in der Gestalt eines Lichtengels einmal zu dir kam, weidlichst betrogen worden. Und hernach hast du auch diese ganze große Gemeinde betrogen, da du ihr Gesetze gabst, durch die sie tun kann, was sie will, und nimmer fehlen kann, - welche Gesetze so gut wie gar keine Gesetze sind!
   35] Ich weiß aber, daß du ehedem ein recht demütiger Weiser warst und bist deiner großen Gemeinde bestens vorgestanden. Als dich aber jener falsche Lichtgeist betört hatte und dir statt der alten, wahren göttlichen Weisheit deine gegenwärtige übergroße Dummheit gab, da bist du geworden, wie du nun bist, ein Wesen voll der größten Narrheit!«
   36] Spricht der Weise: »Du sprichst da etwas, das der Sache nach wohl wahr ist. Aber ob ich darum ein Narr bin, das muß sich erst zeigen, denn ich komme mir nicht also vor! Ich gebiete dir darum weiterzureden, aber nur stets groß!«
   37] Spricht Martin: »Sage mir, ob du dich wohl erinnern kannst, wie alt du bist? Bist du wohl immer gewesen, was du bist, oder war vor dir irgendein anderer in deinem Amte, vielleicht dein Vater? Warst du nicht etwa einmal jünger, etwa gar ein Knabe? Nur das sage mir, dann werde ich dir um vieles leichter deine Frage beantworten können!«
   38] Spricht der Weise: »Die erste Frage kann ich dir darum nicht beantworten, weil der große Zeitmesser zerstört ist schon seit geraumer Zeit. Ein einstmaliger großer Sturm hat die Schnur des großen Pendels abgerissen, und wir können sie nicht mehr ganz machen. Daher weiß weder ich noch jemand anderes, wie alt man hier ist.
   39] Ob ich immer war oder einmal einen Anfang genommen habe, so kann ich mich nur ganz dunkel erinnern, als wäre ich einmal geboren worden und wäre sonach auch nicht immer das gewesen, was ich nun bin. So kommt es mir auch vor, als hätte ich einmal einen Vater gehabt, der damals, als ich noch ein Knabe war, mein Amt bekleidete, aber freilich nicht mit meiner großen Weisheit! - Beantwortet sind deine Fragen, darum rede nun wieder du!«
   40] Spricht Martin: »Sieh, ich habe es ja gewußt, daß du kein Gott und kein Gottessohn, sondern ganz einfach ein sterblicher Mensch bist, wie es unsereiner war. Und das ist gut für dich und deine ganze Gemeinde; denn also kannst du und deine Gemeinde auch wieder gerettet werden! Wärst du aber in deiner starren Dummheit verharrt, hätte es euch nun im vollsten Ernste sehr schlecht ergehen können. Warum, das wird dir die nächste Folge zeigen. Willst du aber sehr glücklich sein, da wirf sogleich dein magisches Band von dir wie auch deinen Zauberstab, sonst läßt sich mit dir noch immer kein weises Wort sprechen!«
   41] Spricht der Weise: »Du verlangst zu viel von mir. Lege ich diese notwendigsten Behelfe meiner Kraft, Macht und Weisheit weg, so kann ich ja nichts mehr wirken! Wer wird mir gehorchen, so ich keine Macht habe, wer sich einem Kraftlosen vertrauen? Und wer wird mich hören, so ich keine Weisheit habe? Daher mußt du nicht Dinge von mir verlangen, die sich mit meiner höchsten Würde nicht vertragen!«
   42] Spricht Martin: »Freund, wir Erdbewohner haben ein allerhöchstes Wort von Gott Selbst, und das lautet also: 'Es gibt nichts, das ihr verlaßt in Meinem Namen, das ihr dann nicht hundertfach wieder gewinnt zur Zeit der Vergeltung!'
   43] Und siehe, so wird es auch mit dir der Fall sein! Was du tun und lassen wirst in unseres Herrn Namen, das wirst du tausendfach wieder erhalten in aller Wahrheit. Elendes wirst du lassen, und Edelstes wirst du dafür nehmen. Für Schein wirst du ein wahres Sein empfangen. Für Falsches wird dir Wahrheit, für Dummheit Weisheit, für Schwäche wahre Kraft, für Ohnmacht Macht! So wirst du alles in wahrster Fülle erhalten von Gott dem Herrn, was du hier lässest vom Übermaße deiner Nichtigkeit!
   44] Daher tue freiwillig gerne, was ich von dir verlange. Ich gebe mich dir zur Geisel, daß du mit mir machen kannst, was du willst, so ich dir hier nicht die vollste Wahrheit gesagt habe!«
   45] Spricht der Weise: »Gut, ich sehe schon, daß du im Ernste ein wahrhaftigster Geist bist und tue sonach, was du von mir verlangst. Dafür aber beantworte mir doch einmal die erste Frage, wer und woher ihr seid, damit ich euch dann in dies Haus führen kann!«


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