Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

157. Kapitel: Chanchahs ernste Bedenken angesichts der Pracht der Sonnenpaläste. Von der liebeflammenden Pracht des Herzens. Allerlei Widersprüche.

   01] Reden die drei: »O liebe Schwestern, wenn euch schon diese äußere Einfachheit so sehr entzückt, was werdet ihr denn dann sagen, so ihr das Innere unserer Wohnung betreten und besehen werdet? Denn wir verwenden nur auf das Innere unserer Wohnhäuser alle unsere Sorge und Aufmerksamkeit. Wir glauben dem großen Urgeiste eben dadurch die größte Ehre zu erweisen, daß wir die uns verliehenen Talente tatsächlich in allem verwenden, was uns für unseren Geist würdig erscheint.
   02] Wir meinen, daß da jede große Pracht, wenn sie zur Ehre des höchsten Geistes von uns verständigen Wesen zustande gebracht wird, eben darin ihre volle Rechtfertigung findet. Denn hat uns der große Geist einen solchen Sinn eingehaucht, der unserem Geiste als Gesetz gilt, wie sollen wir dann Niedriges schaffen anstatt des Erhabenen? Hieße das nicht unseren Geist anders gestalten wollen, als ihn der Schöpfer eingerichtet hat! Daher stoßt euch nicht an der Pracht unserer Häuser, denn wir errichten sie nicht aus Eitelkeit, sondern rein nur nach dem weisen Bedürfnisse unseres Geistes!
   03] Spricht die Chanchah: »Also auch hier wie auf der Erde bei den sogenannten Jesuiten, von denen ich einst eine Schülerin war, das 'Omnia ad majorem dei gloriam'?! Sollen denn diese argen Mönche auch hierher den Weg gefunden haben?
   04] So ein Haus wäre freilich noch um vieles besser denn ein Kaiserreich meines Vaterlandes auf der Erde. O ihr prachtvollsten Armen, da beseht den Herrn: Sein Gewand wird es euch sagen, welche Pracht Ihm zunächst am Herzen liegt! Daraus werdet ihr leicht entnehmen, ob und wie Ihm solch eine Außenpracht genehm ist. Ja, die liebeflammende Pracht des Herzens, die wohl ist Ihm über alles angenehm, alles andere aber ist vor Ihm ein Greuel!
   05] Wäre es nicht also, da wäre Er schon oft bei euch gewesen, so wie Er auf meinem Planeten gar oft eben zu den Ärmsten und Unansehnlichsten kommt, sie als liebevollster Vater Selbst zieht zu Seinen Kindern und ihnen alle Fülle Seiner Gnade schenkt! Aber zu den Großen und Ansehnlichen, die auch in prachtvollen Palästen wohnen, kommt Er wohl nie und lehrt sie nicht und erzieht sie auch nicht zu Seinen Kindern!«
   06] Sagen die drei: »Du, liebe Schwester, wirst wohl recht haben. Aber wie bist denn du dem Herrn - falls Er wirklich den Geist des Allerhöchsten in Sich birgt - so angenehm geworden, während du doch, wie wir es durch unsere innerste Weisheit erschauen, auch von keinem gar zu ärmlichen Hause deines Planeten abstammst?«
   07] Spricht die Chanchah: »Darum aber ward mir auf meinem Planeten solche Gnade auch nie zuteil! Daß ich aber nun Ihm so nahe bin, daran ist meine Liebe zu Ihm schuld. Denn ich liebte Ihn mit aller Glut meines Lebens, schon ehe ich Ihn kannte und wußte, daß auch Geschöpfe den heiligsten Schöpfer lieben dürfen! Und seht, diese Liebe und nicht die Pracht meines irdischen Wohnhauses hat mich zu Ihm gebracht!«
   08] Sprechen die drei: »Aber wir sind nun doch auch bei Ihm, obschon unser Haus überaus prachtvoll ist. Wie kommt denn hernach das, falls Er wirklich das ist, als was du Ihn durch deine Reden darstellst?«
   09] Spricht Chanchah: »Liebe Schwestern, äußerlich scheinbar wohl freilich! Aber diese Nähe ist keine wahre und wirkliche Nähe, was ihr bald nur zu klar einsehen werdet, so Er Seinen Mund vor euren Weisen auftun wird! - Nun aber sind wir bereits auch schon vor der Flur eures Hauses. Martin macht schon Halt und kehrt zu uns zurück, um sich Rat zu holen. Stellen wir nun unsere Reden ein und geben auf alles acht, was da vor sich gehen wird!«


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