Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

142. Kapitel: Die Neugierde der 20 eitlen Nonnen. Ihre heilsame Demütigung durch die enthüllte Schönheit der drei Sonnentöchter.

   01] Als die zahlreiche Sonnenmenschengesellschaft sich eiligst verläuft, richten sich auch die drei Töchter wieder auf und sind noch um vieles schöner. Denn nun blickt gar hold schon Liebe aus ihren unbegreiflich schönen Augen. Ihre Rede wird so sanft und wohlklingend wie ein Cherubsgesang, denn sie reden nun von nichts als von der Liebe.
   02] Wir aber fangen auch wieder an, uns weiterzubewegen. Die vielen Weiber, die der Borem und der Chorel führen, und auch die Mönche an ihrer Seite beginnen nun auch sich hervorzudrängen, um die ungeheueren Schönheiten der Sonne zu besichtigen. Früher hatten sie vor lauter Verwunderung nicht Zeit gehabt, da ihnen zu viele und wunderbare Naturseltenheiten dieser Welt sozusagen in die Augen gefallen sind. Da sie nun aber ihre Augen mehr und mehr gesättigt haben und sie Borem eigens dazu aufmerksam macht, wollen sie nun auch sehen, ob und um wieviel die Sonnenweiber schöner wären denn sie.
   03] Martin merkt durch einen innern Wink von Mir sogleich, was diese im Sinne haben. Er weiß aber auch, wie sehr diese auf ihre einstige Schönheit sich viel zugute haltenden Nonnen von den drei mächtigsten Schönheiten der Sonne geschlagen würden. Daher sagt er zu den drei Töchtern:
   04] (Martin:) »Hört mich an, ihr schönsten Töchter! Seht, eine bedeutende Anzahl von Weibern meines Planeten fangen nun an, sich hervorzudrängen, um ihre gestaltliche Schönheit mit der euren zu vergleichen. Da ihr aber gegen sie zu unendlich schön seid, so daß eure Schönheit die ein wenig Eitlen auf längere Weile förmlich töten könnte, so verhüllt mit euren überreichen Haaren auf eine kurze Weile euer Gesicht. Enthüllt es erst nach und nach wieder, so ich euch dazu den Wink geben werde! O tut mir diesen Gefallen!«
   05] Sprechen die drei: »O du unsere Liebe nun! Sind wir gestaltlich denn wohl gar so schön? Sieh, hier in dieser Welt hat uns noch nie jemand das gesagt. Hier weiß man nichts von einer gestaltlichen Schönheit, sondern nur von einer gestaltlichen Ordnung und einer entsprechenden Weisheit aus ihr. Du warst wohl der erste, der unsere Gestalt zu rühmen begann, was wir aber mehr auf unsere Ordnung und Weisheit bezogen haben. Aber nun merken wir wohl, daß du hauptsächlich unsere Gestalt meinst! So aber im Ernste unsere Gestalt für dich, wie du sagst, so unnennbar schön ist, so sage uns, worin denn unsere so große Schönheit besteht!«
   06] Spricht Martin: »Zuerst erfüllt meinen Wunsch, dann werde ich euch das schon alles gelegentlich erläutern!«
   07] Sagen die drei: »Oh, so schiebe du selbst uns die Haare über das Gesicht. Denn du wirst am besten wissen, wie unser Gesicht verdeckt sein muß, um jenen, die nun zu uns hervorkommen, nicht gefährlich zu sein!«
   08] Martin läßt sich das nicht zweimal sagen und vollzieht sogleich das verlangte Werk. Als er gerade bei der dritten fertig ist, kommt schon Borem zu ihm und spricht:
   09] »Bruder, du hast deine Aufgabe bisher meisterlich gelöst! Freilich wohl hast du zwei Freunde bei dir, denen auf dieser wie auf zahllosen andern Welten alle Wege bekannt sind. Dessenungeachtet hast du förmlich Wunder geleistet. Doch nun mußt du mit diesen nun deinen drei Töchtern gegen die vordringenden Nonnen sehr achtsam sein, sonst wirst du ein wahres Mordsspektakel erschauen!
   10] Das Gesicht darfst du sie vorderhand schon gar nicht sehen lassen, außer auf dringendes Verlangen. Kannst du sie aber sonst abfertigen, wird es um so besser sein. Wie unsere Nonnen diese drei von Angesicht erschauen werden, da werden sie wie vom Blitz getroffen zu Boden stürzen und sich aus Gram und großer Beschämung förmlich selbst zu zerreißen anfangen. Daher sei du nun möglichst behutsam, sonst gibt es hier eine tüchtige Wäsche ab.«
   11] Martin wird darob bedeutend verlegen und spricht: »Also wieder eine verzweifelte Geschichte in Aussicht! Nein, diese Nonnen haben mir noch allzeit am meisten zu schaffen gemacht, und hier im Himmel geben die dummen Greteln auch noch keine Ruhe! Ich hätte gute Lust, ihnen diese drei ganz entblößt in ihrer größten Schönheit vorzustellen. Sie sollen nur anrennen, was immer kreuzmöglich ist, und gedemütigt werden über einen Sklaven! Vielleicht wird's nachher besser mit ihnen!«
   12] Spricht Petrus: »Ja, hast recht, Bruder, gar zu zart muß man mit jenen nicht umgehen, die sich in ihrem eitlen gestaltlichen Wesen mehr als recht zu gefallen bemüht sind. Es ist wohl recht, anfangs gelindere Mittel anzuwenden, um solche eitlen weltlichen Überreste von der Seele zu entfernen. So aber die gelinden Mittel nicht hinreichen, dann aber nur geschwind die gröbsten Bürsten her. Bruder Borem, hast wohl recht, wie du es meinst; aber Martin hat auch recht! Daher lassen wir ihm hier das Handeln ganz frei über!«
   13] Johannes bestätigt solches auch und sagt noch zu Borem: »Du hast ganz recht, und Martin hat auch recht. Denn siehe, in der Sonne gibt es ewig keine Nacht, und der Nordpol leuchtet gleich wie der Südpol. Gehe daher nur zurück und führe deine fromme Herde vor; sie soll hier bestens gekämmt und geschoren werden!«
   14] Borem geht und bringt mit Chorel zwanzig der Eitelsten, die sich für ganz besonders schön dünken. Sie umringen sogleich den Martin samt Petrus, Borem und Chorel und sagen zu Martin: »Nun, wo sind denn die gar so unendlichen Schönheiten der Sonne, von denen uns in deinem Hause gesagt wurde, daß wir gegen sie gar nichts wären? Zeige sie uns und überzeuge uns von der Wahrheit deiner Aussage!«
   15] Spricht Martin: »Nur her mit euch, ihr eitlen Seelen! Soll euch sogleich geholfen sein! Seht, da stehen schon drei! Wie gefallen sie euch?«
   16] Sprechen die Nonnen: »Wir sehen nichts denn Haare und blaue Faltenkleider, dergleichen auch wir haben; aber wir wollen das offene Gesicht, die Brust und die Arme sehen!«
   17] Spricht Martin: »So ihr sterben wollt vor Gram und Scham, soll euch euer Verlangen sogleich gewährt werden! Sagt nun - ja oder nein!«
   18] Die Nonnen stutzen über die letzte Aufforderung Martins und fragen einander, was sie tun sollen; aber keine weiß der andern einen rechten Bescheid zu geben. Eine wendet sich an Chorel und fragt ihn um Rat in dieser Sache. Aber Chorel zuckt ebenfalls die Achseln und sagt nach einer nachdenklichen Weile:
   19] »Ja, meine geliebten Schwestern, hier ist ein guter Rat wahrlich sehr teuer! Sagt ihr ja, da seht zu, wie es euch nach den sehr bestimmten Worten Martins ergehen wird. Sagt ihr aber nein, so wird euch eure unbegrenzte Neugierde nahezu zugrunderichten. Ihr seht, wie schwer euch hier zu raten ist. Eines wäre freilich wohl das Beste, aber das werdet ihr euch kaum zu tun getrauen?«
   20] Sagen die Nonnen: »Wir wollen alles tun, so es etwas Rechtes ist. O sage es uns und rate uns!«
   21] Spricht Chorel: »Nun denn, so hört: Hinter uns gehen Chinesen, und hinter diesen zieht der Herr inmitten der beiden Ihn hoch über alles Liebenden! An Ihn wendet euch; Er wird euch die allerbeste Auskunft geben können, was ihr hier zu beachten und zu tun habt! Werdet ihr Seiner Verheißung folgen, da werdet ihr auch sicher mit der heilsten Haut darauskommen. Im Gegenteile aber müßt ihr's euch dann selbst zuschreiben, wenn es euch so oder so übel ergehen dürfte. Denn das sehe ich hier schon ein, daß hier mit nichts zu spaßen ist! Das ist mein Rat; ihr aber könnt tun, was ihr nur immer wollt!«
   22] Als die Nonnen solches vernehmen, sagen sie: »Freund, das wissen wir schon lange! Aber das heißt hier nichts anderes, als vom Regen in die Traufe gehen. Da fürchten wir denn doch die drei um tausend Male weniger als den Herrn! Denn was sind diese alle gegen den Herrn? Der Herr ist der Herr; diese alle aber sind dennoch gleich wie wir nur Seine Geschöpfe. Ob überschön oder überhäßlich, das ist vor dem Herrn ein und dasselbe. Daher glauben wir, es wird besser sein, wir besehen doch diese drei Schönheiten der Sonne, als so wir zum Herrn gingen und dadurch zeigten, daß wir uns vor Ihm weniger fürchten als vor diesen drei Geschöpfen!«
   23] Spricht Chorel: »Gut, gut; so ihr euch selbst besser denn ich raten könnt, so tut, was ihr wollt! Aber für einen künftigen ähnlichen Fall erspart euch die Mühe, mir mit einer Frage zu kommen!«
   24] Auf diese Äußerung treten die Nonnen wieder vor Martin hin und sagen: »Geschehe, was da wolle, wir wollen diese drei ganz in ihrer Schönheit sehen!«
   25] Spricht Martin: »Gut, gut, kommt nur her und macht eure Augen recht weit auf; es wird euch eure dumme Eitelkeit bald vergehen!« Hier wendet er sich zu den dreien und spricht: »Nun, meine geliebtesten Töchter, tut aus dem Gesichte eure Haare und laßt es diese Eitlen sehen!«
   26] Sprechen die drei: »So es ihnen aber schadete, da blieben wir lieber verhüllt, denn durch uns soll niemand zu Schaden kommen!«
   27] Spricht Martin: »Meine herrlichsten, geliebtesten Töchter, das ist nun gleich. Dem, der etwas festweg selbst will - ob Gutes oder Schlechtes -, geschieht kein Unrecht! Diese aber wollen euch durchaus sehen, trotzdem sie gewarnt wurden zu mehreren Malen durch mich wie durch noch einen anderen Bruder. Darum sollen sie euch auch sehen und dabei toll werden und nahezu zugrunde gehen. Und so enthüllt euch denn und zeigt euch diesen eitlen Törinnen!«
   28] Auf diese Worte sagen die drei: »O du erhabener Freund, wahrlich, du bist ein großer Weiser; denn deine Rede baust du auf festestem Grunde! Daher wollen wir denn sogleich tun, was du uns geboten hast. Mag die Wirkung ausfallen, wie sie immer wolle, so enthüllen wir uns denn!«
   29] Mit diesem Worte schieben alle drei zugleich ihr Haar auf die Seite. Ihrer zu großen Schönheit strahlendster Glanz hat bei den eitlen Nonnen ungefähr eine ähnliche Wirkung, als wenn eine jede von zehn Blitzen zugleich wäre getroffen worden. Alle stürzen wie über einen Haufen zuammen, und nur einige von ihnen schreien mit dumpfer Stimme:
   30] »Wehe uns Häßlichsten, wir sind verloren! Krokodile, Kröten und noch anderes häßlichstes Geschmeiß ist um vieles schöner gegen uns, als wir gegen diese! O Herr, mache uns alle blind! Denn es ist besser, ewig blind zu sein, als nur einmal noch einer solchen zu ungeheuren Schönheit ansichtig zu werden!«


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