Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

134. Kapitel: Antwort des Johannes auf Chorels Frage, ob die seligen Bewohner der Himmel die Erde und ihre zukünftige Geschichte betrachten können.

   01] Während aber nun Martin sich mit seinen Gedanken beschäftigt, tritt Chorel zu Johannes und Petrus und spricht: »O ihr lieben Freunde des Herrn, ihr alten eingeweihtesten Brüder und Genossen der göttlichen Weisheit und Liebe, vergebt mir, so auch ich mich unterfange, euch mit einer Frage zu belästigen! Ich habe darüber wohl auch schon Borem befragt. Aber er gab mir stets eine ausweichende Antwort und ich konnte nicht fassen, was er zu mir redete. Daher wende ich mich nun an euch und hoffe, bei euch mehr Tiefe und Klarheit als bei Borem zu finden.«
   02] Spricht Johannes: »Bruder, du brauchst uns gar nicht zu fragen, was du nun wissen und vollends einsehen möchtest. Solches ist uns schon lange überaus klar vor Augen gestellt, daher sollst du auch sogleich eine gute Antwort erhalten.
   03] Du möchtest wohl wissen, ob die seligen Bewohner der Himmel wohl auch je wieder die Erde, wie sie ist, werden beschauen und ihre fernere Geschichte betrachten können. Denn gar oft hast du auf der Erde dich selbst gefragt:
   4] Werde ich nach Abstreifung des Fleisches wohl diese wunderschöne Erde mit ihren Flüssen, Seen, Meeren, Bergen, Tälern und all ihren andern tausend wunderbaren Herrlichkeiten sehen können? Werde ich erfahren all die neuen Erscheinungen im Gebiete der Geschichte des Werdens und Vergehens? Werde ich etwa gar irgendeinen wirksamen Einfluß dabei nehmen können?'
   05] Ich aber antworte dir darauf: Bruder, alles steht den Seligen des Herrn zu Gebote! Wir sind ja alle des Herrn, und die Erde ist Sein. Alles, was darauf ist und darinnen, ist Sein Eigentum. So wir aber Seine Kinder sind, wird uns der Vater, der uns so Großes gibt, wohl etwas Kleinstes vorenthalten? Er, der uns Meere Seiner Liebe und Gnade zu trinken gibt, wird uns Tautropfen verweigern?
   06] Siehe, du wandelst nun auf der wirklichen, leibhaftigen Sonne und schaust ihre Herrlichkeit und wirst zu den größten erst gelangen. Kannst du aber diese sehen, um wieviel mehr wirst du jene der kleinern Erde beschauen können! Ich meine, so jemand einmal eine Fürstenwohnung innehat, in der ihm alle Freiheit, alle Bequemlichkeit, alle Lust und Freude zuteil werden muß, wie und wann er sie nur immer haben will: wird er daneben noch die geringste Begierde haben, auch in einer Verbrecherwohnung, in einem Kerker voll Pestilenz und Tod ein Plätzchen zu haben; oder wenigstens jenen Gegenstand lustig beobachten wollen, der dem Tode entsprossen ist? Oder möchtest du nun wohl zur Erde steigen und verlassen diese Sonne?«
   07] Spricht Chorel: »O Bruder, mitnichten! Ehe ich nun diese überhimmlischen Gefilde verlassen möchte und die heiligste Gesellschaft des Herrn, der so endlos gut, lieb, mild und sanft ist, eher gäbe ich eine ganze Trillion Erden für ewig auf! Ich bin schon damit zufrieden, daß ich die Erde besehen könnte, so ich sie nur immer wollte. Um die wirkliche Benützung dieser Fähigkeit werde ich mich weiterhin wenig mehr kümmern. Ich danke dir, liebster Bruder, aber aus vollem Herzen, daß du mich darob so herrlich aufgeklärt hast; der Herr vergelte dir solche Güte!«
   08] Spricht Johannes: »Bruder, aller Dank, alles Lob, aller Preis und alle Ehre gebührt dem Herrn ganz allein! Gehe nun wieder zu Borem denn ich muß nun Martin wieder in den Zügel nehmen, da wir nun sogleich das Tal erreichen werden und seine schönen Bewohner.«


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