Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

131. Kapitel: Abstieg in ein Sonnental. Das Schauen der Geister. Bedingungen des schnellen oder langsamen Reisens im Geisterreich.

   01] Martin sieht nun wirklich den Weg, wie er sich in tausend Windungen über die weitgedehnten Bergrücken hinab in ein ungeheures Tal schlängelt, von dem er aber noch durchaus keine Gegenstände wahrnehmen kann.
   02] Denn auch Geister sehen das, von dem sie noch keine Kenntnis haben wie in einer großen Ferne. Sie nähern sich demselben in dem Maße und Verhältnisse, als ihre Weisheit über das vorliegende Objekt zunimmt. Also bedeutet auch das Hinabgehen vom hohen Berge ins tiefe breite Tal, in die volle Demut eingehen und durch diese in die größte Liebe, ohne welche kein Geist zur vollsten Lebenskraft gelangen kann«.
   03] Martin, wie auch die vielen andern Gäste, sehen nun schon ins Tal hinab; aber sie können noch nicht wahrnehmen, was sich in selbem befindet. Daher fragen viele ihre Anführer, was sie nun bald im Tale antreffen werden. Borem weiß es wohl, aber er weiß auch, was er zu sagen hat. Die Chinesen wenden sich an Mich, der Ich aber doch auch etwa wissen werde, was Ich ihnen zu antworten habe.
   04] Martin wendet sich darum an Johannes und spricht: »Liebster Freund, ich sehe wohl schon recht deutlich das Tal. Aber was nützt da das Schauen in ein so ferne entlegenes Tal, so man nicht erkennen kann, was alles sich etwa im selben befindet? O Bruder, da muß es noch sehr weit hin sein! Der Weg ist wohl nicht im geringsten beschwerlich - man wandelt sehr leicht, ja wir schweben mehr, als wir eigentlich mit den Füßen gehen. Aber dessenungeachtet will uns das Tal nicht näherrücken! Wie lange wohl werden wir noch brauchen, bis wir es werden erreicht haben?
   05] Spricht Johannes: »Freund, Geduld ist der Grundstein der Weisheit. Habe daher nur diesen Grundstein fest in deinem Herzen, so wirst du um vieles eher und leichter das vor uns ausgebreitete Sonnental erreichen!«
   06] Spricht Martin: »Freund und Bruder, an Geduld fehlt es mir nicht, wie es mir noch nie daran gefehlt hat. Aber ich weiß auch, daß einem jeglichen Geiste zwei bis drei Bewegungen möglich sind, nämlich eine natürliche, eine seelische und endlich auch noch eine rein geistige, so schnell wie ein Gedanke. Warum bedienen wir uns hier bloß nur der natürlichen, die da ist die langsamste? Wäre es denn nicht besser, so wir durch eine wenigstens etwas schnellere Bewegung früher zu unserem Zwecke gelangten?«
   07] Spricht Johannes: »Aber, lieber Bruder, jetzt sprichst du schon wieder bei weitem nicht so weise als ehedem! Was liegt denn daran, ob wir hier etwas geschwinder oder etwas langsamer ins Tal gelangen? Sind uns ja hier doch keine Lebensstunden wie auf der Erde vorgezählt! Was gehen uns ewig Lebende früher oder später zurückzulegende Zeitverhältnisse mehr an! Siehe, uns drängt ewig keine Zeit mehr: wo wir sind und wo vorzüglich der Herr ist, da sind wir auch zu Hause!
   08] Übrigens hängt hier im vollkommensten Geisterreiche die Schnelligkeit unserer Bewegung ja ohnehin nicht von unsern Füßen, sondern lediglich nur von der Vollkommenheit unserer Erkenntnisse ab. Wer eine schnellere Bewegung wünscht, befleißige sich zuerst der Geduld, aus dieser der Demut, aus welcher hervorgeht Liebe und Weisheit. Hat er die Weisheit im Vollmaße, wird er auch in allen Dingen die vollkommenste Erkenntnis haben; diese aber bedingt die Bewegung des Geistes!
   09] Weil aber die Sache hier sich unmöglich anders verhält, brauchst du auch gar nicht auf deine Füße zu sehen, ob sich diese schnell oder langsam bewegen. Schaue du bloß aufs Gemüt und auf die Erkenntnis, so wird die Bewegung sogleich schnell genug werden! Verstehst du das?«


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