Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

98. Kapitel: Jesu Worte über das Wesen und Wirken Lamas. Das Baumwunder. Eine Mahnung zur Vorsicht.

   01] Rede Ich: »O du Meine allerliebste Chatchau! Das kann Ich dir in aller Kürze sagen, und so höre! Siehe, da Ich den Lama so gut kenne, wie Er Sich Selbst kennt, so sage Ich dir: Was da das Hervorbringen und Schaffen betrifft, so ist das dem großen Lama wirklich etwas dir kaum begreiflich Leichtes. Denn Er braucht zu einer einmal gefaßten Idee nur aus Seinem Willen zu sagen: 'Es werde' und es ist dann schon alles da, was Er will! Ungefähr also - gib nun recht acht! -, als so Ich nun in Mir denke, daß hier vor uns ein schöner Baum stehe, mit den besten Früchten erfüllt! Oder stelle du dir so einen Baum vor, z. B. einen sehr schönen Feigenbaum. Hast du ihn schon?«
   02] Spricht Chanchah: »Ja, ja, ich denke mir nun einen, wie da einer stand in dem Garten meiner Eltern!«
   03] Rede Ich: »Nun gut, gib nun acht! Ich denke Mir nun auch denselben Baum und sage gleich dem Lama nun zu diesem gedachten Baume: 'Werde!' Sieh, der Feigenbaum steht nun schon vor uns samt ganz reifer, wohlgenießbarer Frucht!
   04] Siehe nun, wie leicht es Mir war, dir hier ein lebendiges Beispiel zu stellen, ebenso leicht ist es dem Lama, Eines wie Unendliche zu erschaffen. Aber nicht so leicht ist es dem Lama, die Menschen so zu gestalten, daß sie ebenso frei und vollkommen würden, wie Er Selbst es ist. Dazu gehört schon etwas mehr als die bloße Allmacht; aber wenn das auch schwerer ist, so ist dennoch dem Lama alles möglich!
   05] Nun, Meine allerliebste Chanchah, verstehst du nun Meine Erklärung? Diesen Feigenbaum aber schenke Ich dir für immer; er wird dir ewig nimmer verdorren, sondern wird dir stets die reichsten und besten Früchte tragen!«
   06] Chanchah ist ganz verblüfft, kann vor lauter Staunen kein Wort herausbringen und betrachtet bald Mich, bald wieder den Feigenbaum. Dies Wunder aber zieht auch sogleich alle Gäste herzu, so daß wir nicht not haben, uns zu ihnen zu bewegen; alle sind voll Staunens.
   07] Auch Bischof Martin betrachtet ganz überrascht den Baum und spricht: »O Bruder, wohl weiß ich, daß es Dir ein leichtes ist, einen solchen Baum hervorzubringen. Aber dennoch hat es mich ganz absonderlich überrascht, als Du ihn gar so plötzlich hier entstehen ließest!
   08] Ja, ich muß gestehen, es ist wohl eine sonderbar schöne Sache um so ein bißchen Allmacht. Aber was kann unsereiner dafür, daß er sie nicht hat und auch nicht haben kann, weil er noch viel zu dumm dazu ist! Im Grunde ist es aber auch gut, daß ein dummer Geist - wie z. B. der meinige - keine Allmacht besitzt. Denn besäße ich so etwas, da wäre es aus bei mir! Du, herrlichster Bruder, würdest Dich Selbst verwundern über die selten dümmsten Gebilde, mit denen ich bald einen ungeheuren Weltenraum anfüllen würde! O Herr, da gäbe es Karikaturen, die ihresgleichen suchten!
   09] Daher ist es vollkommen recht, daß der weiseste Lama solche Allmachtsfähigkeiten nur jenen erteilt, die der himmlischen Weisheit vollkommen mächtig sind, wie es bei Dir in überaus hohem Grade der Fall ist! Daß bei Dir aber demnach das Geben offenbar leichter sein muß als das Nehmen, wird etwa doch klarer sein als auf der Erde die hellste Mittagssonne? Denn mit dem Nehmen hätte es bei Dir - meinen Begriffen nach - ohnehin einen ganz absonderlichen Anstand, indem (ganz leise) ja ohnehin alles Dein ist!«
   10] Rede Ich: »Nicht so laut, Mein liebster Bruder Martin! Du kommst immer tiefer. Bedenke, daß da noch andere zugegen sind, die noch nicht auf deiner Stufe stehen! Anfangs hast du schon recht geredet; aber gegen das Ende wärst du bald zu weit gegangen, und das hätte dieser Gesellschaft auf eine geraume Weile schaden können! Daher nimm dich nur recht zusammen, sei klug wie eine Schlange, dabei aber sanft wie eine Taube! Nimm dir nur immer Borem zum Muster, der ist hier ganz an seinem Platze und beachtet genau die himmlische Klugheit. Tue du auch so, und wir werden mit diesen Gästen leicht vorwärtskommen!«
   11] Bischof Martin: »Oh, ich danke Dir für diesen guten Rat, ich werde ihn sicher genau befolgen! Aber da siehe nun die Chanchah an, wie sie Dich nun mit einer Aufmerksamkeit betrachtet, von der mir früher nichts Ähnliches vorgekommen ist!«
   12] Rede Ich: »Gut, gut ist das, lassen wir sie nur ihre Beobachtungen machen; sie führen ihren Geist näher zu Mir! Bald wird sie mit allerlei Fragen fertig sein, auf die wir ihr vollauf werden eine geraume Weile zu antworten haben. Sieh, ihr Mund macht schon einige Bewegungen. Daher frage du als Hausherr zuerst, wie sie mit dieser Erklärung zufrieden ist, das andere wird sich dann schon von selbst machen!«
   13] Bischof Martin befolgt sogleich Meinen Rat und spricht zur Chanchah, die noch immer vor Verwunderung ihren Mund nicht in die rechte Sprechverfassung bringen kann: »Holdeste Chanchah, sage uns doch einmal, wie du mit dieser Erklärung zufrieden bist, und ob du sie wohl in allen Teilen gut und klar verstanden hast! Du mußt dich ob dieses Wunders hier nicht gar so sehr erstaunen, denn hier sind derlei Erscheinungen eben nichts Seltenes. Mit der Weile wirst du dich daran schon mehr und mehr gewöhnen.
   14] Siehe, es ist mir im Anfang auch um kein Haar besser gegangen. Wenn du wüßtest, was erst mir während meines Hierseins alles für Wunderdinge begegnet sind, ich sage dir, du würdest dich gerade umkehren vor lauter Staunen!
   15] Weißt du, meine liebste Chanchah, das ist nur so ein kleines Hauswunderchen. Es dient dir bloß nur als eine beispielsweise Belehrung über deine früheren Fragen, die du an meinen Bruder gestellt hast. Habe aber nur Geduld, es wird mit der Weile noch endlos dicker werden!«
   16] Spricht Chanchah: »Ach, du lieber Freund, du hast hier leicht reden, so du an derlei Erscheinungen schon gewöhnt bist. Aber unsereins kommt beim ersten Anblick einer solch außerordentlichen Erscheinung außer aller Fassung - und muß es auch. Denn wo in der Welt hat man je so etwas gesehen?!
   17] Wenn du zu mir nicht gar so beschwichtigend geredet und mir in gewisser Hinsicht eine andere Uberzeugung beigebracht hättest, so hätte ich deinen Freund und Bruder, der sich nun mit meinen Landesbrüdern bespricht, so wahr ich lebe, für den Lama Selbst gehalten! Aber weil, wie du gesagt hast, derlei Wunder hier gerade nichts Seltenes sind, bin ich nun wieder etwas beruhigter und liebe diesen Bruder noch inniger als zuvor.
   18] Denn obschon er sonach nur dein Bruder ist, sieht er dennoch viel göttlicher aus als du und hat solches auch durch diese Kleinschöpfung bewiesen. Ich hatte wohl auch von dir sehr viel, aber ich zweifle sehr, ob du so eine Kleinschöpfung zuwege brächtest? Was meinst du darob?«
   19] Spricht Martin: »Ja - du - meine allerliebste Chanchah, weißt du, wenn es gerade sein müßte - wer weiß es, vielleicht doch auch!? Aber so ich mich etwa mit solch einem Wunderwerk gewisserart nur produzieren wollte etwa des Ruhmes wegen - da säße ich unfehlbar zwischen zwei Stühlen auf der Erde und müßte mich dann schämen wie ein erwachsener Bettpisser - vorausgesetzt, daß du weißt, was bei uns ein Bettpisser ist?«
   20] Spricht Chanchah: »O rede nur weiter, ich verstehe dich schon! Bei uns heißen derlei Naturschwächlinge 'Lagerfeuchter' (Tschimbunksha). Sie müssen tags darauf das angefeuchtete Lager den ganzen Tag auf einem öffentlichen Platze hüten, wobei sie sich auch gewöhnlich sehr stark schämen müssen. Du siehst nun, daß ich dich verstehe. Rede darum nur ungestört fort und sage mir alles, was du mir zu sagen hast!«
   20] Spricht Martin: »Hm, ja, hm, jaaaa! - was wollte ich denn so ganz eigentlich sagen? Ja richtig, ja, so ist es: es war die Rede wegen Wirkung eines Wunders! Richtig, ich habe den Faden schon wieder! Weißt du, allerholdeste Chanchah, so ganz eigentlich kann nur der große Lama Wunder wirken, wann und wie und wo Er will. Wir, Seine Diener, aber nur durch Seine Zulassung, so es nötig ist. So hat auch mein Bruder hier dies Wunderwerkchen gewirkt, weil es zu deiner Belehrung nötig war, ansonsten Er auch keines gewirkt hätte - was aber auch bei Lama Selbst der Fall ist. Auch Er wirkt vor unsern Augen fast nie ein Wunder, weil es da nicht nötig ist, wo wir ohnehin Seine leisesten Winke verstehen! - Verstehst du mich, liebste Chanchah?«


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