Jakob Lorber: "Bischof Martin - Die Entwicklung einer Seele im Jenseits"

96. Kapitel: Jesu Wink zum vorsichtigen Handeln bei Unreifen. Alles hat seine Zeit. Chanchahs Liebe zu Jesus im Konflikt mit ihrer Liebe zum Lama.

   01] Rede Ich: »Redet nur nicht zu andeutend! Wir drei hier wissen es, was und wer wir sind. Aber diese alle sind nun noch viel zu schwach, unsere Wirklichkeit zu ertragen. Daher müßt ihr bei euch sehr behutsam sein, so ihr mit Mir redet. Versteht es, liebe Brüder, wir sind gleich! Ich habe euch das nun in der Stille gesagt, daß diese von allem nichts vernommen haben. So aber wir drei vor allen laut reden, sind wir alle gleich und sind eines: Versteht wohl, ihr wisset schon, warum!«
   02] Spricht Martin: »O Bruder, Du - Du - Du aller geliebtester Bruder, wir kapieren die Sache schon! Ich werde da so aufpassen wie die Katze auf eine Maus, daß ich mich ja nicht irgendwo verrede. Nur mußt Du schon noch ein bißchen Geduld mit mir haben, so mir manchmal etwas Dummes herausrutscht. Ich komme mir manchmal wohl schon recht weise vor. Aber wenn Du da bist, kommt mir meine Weisheit schon so dumm vor, daß ich mich selbst aus vollem Halse auslachen könnte. Aber mich freut es dennoch, daß ich es - freilich mit Deiner alleinigen Hilfe nur - so weit gebracht habe, wenigstens manchmal etwas Weises hervorzubringen.«
   03] Rede Ich: »Ganz gut, lieber Bruder Martin, bleibe du nur, wie du bist, denn gerade so bist du Mir am angenehmsten. Denn siehe, ein rechter Humor des Herzens darf auch in allen Himmeln nicht fehlen! Nun aber müssen wir schon unserer Chanchah wieder unsere Aufmerksamkeit widmen. Martin und Borem, hebt sie auf von Meinen Füßen, denn Ich darf sie mit Meinen Händen noch nicht berühren!«
   04] Die beiden tun behende, was Ich ihnen geboten. Chanchah steht noch ganz liebetrunken in unserer Mitte und kann sich kaum fassen, um ihre Gefühle in Worte umzugestalten.
   05] Martin spricht dabei: »Aber wie sie in dieser wahrsten Liebetrunkenheit schön ist! Wahrlich, sapprament, wenn eine solche auf der Erde zu sehen wäre, ich glaube, die Menschen würden geradeweg rasend ob des Anblicks solcher Fülle der weiblichen Reize!
   06] Über mich aber wundere ich mich nun sehr, daß ich eine so außerordentliche Schönheit zwar wohl mit dem größten Wohlgefallen, aber ohne alle sinnliche Begierde ansehen kann, was bei mir - wie Figura der Merkurianerin und der noch früheren Lämmerherde hinreichend bewiesen hat - ehedem nicht der Fall war.
   07] Es hat zwar die Berührung dieses weichsten und rundesten Armes mir überaus wohlgetan. Nichts aber habe ich dabei von einer sinnlichen Regung verspürt. Dafür kann ich nur, Du weißt es schon wem, über alle Maßen ewig danken und preisen ohne Ende!
   08] (Sich zu Chanchah wendend:) Wie ist dir nun, du allerholdeste Einwohnerin meines vom großen, heiligen, liebevollsten Lama für ewig mir gegebenen Hauses? O rede, rede wieder! Siehe, wir haben dich ja alle überaus sehr lieb und deine schönsten Worte erfreuen ungemein unser aller Herz!«
   09] Spricht Chanchah: »Ach, mir ist unendlich wohl! O ihr lieben himmlischen Freunde, ihr Diener Lamas, des Heiligen! Wem sollte es in eurer Mitte nicht endlos wohlgehen? Ist ja doch die Liebe des menschlichen Herzens höchstes Gut. So aber ein Herz Liebe gefunden, wie ich sie hier fand, was sollte da wohl noch übrig sein zu wünschen? Welch höhere Seligkeit als die, welche die Liebe gibt? O Freund, mir ist hier endlos wohl!
   10] Nicht wahr, ihr liebsten Freunde, ich werde euch doch wohl nimmer verlassen dürfen? Freilich fühle ich wohl, daß ich euer nicht wert bin, da ich noch eine Menge Makel an mir entdecke trotz dieses herrlichsten Kleides. Aber mein Herz liebt euch und - ich gestehe alles gerne - besonders dich, der du mir deinen Namen nicht sagen wolltest. Und ihr werdet ja dies Herz nicht verstoßen, darum es euch, und besonders dich Namenlosen, so unaussprechlich liebt!«
   11] Rede Ich: »O ewig nimmer wirst du von uns entfernt werden! Denn siehe, aller Himmel Grund ist die Liebe, und die Liebe ist auch der Himmel aller Himmel selbst. Wer diese, wie du, in solch großem Vollmaße hat, wie sollte der aus dem verbannt werden können, das da ist sein eigen Wesen? Solche Liebe aber, wie die deinige zu uns, tilgt auch alle Makel der Seele augenblicklich, daß sie dann so rein ist, als wäre sie soeben dem Hauche Lamas entsprossen!
   12] Daher kümmere dich fürder nimmer, ob du wohl hier wirst verbleiben dürfen. Denke, daß wir dich ewig als ein besonderes Zärtchen unserer Liebe behalten werden, wohin wir auch zeitweilig nach den zahllos verschiedenen Bedürfnissen dieses Reiches zögen. Ob wir gerade schon für ewig hier in diesem Hause verbleiben werden, das freilich wohl mußt du nicht als ausgemachte Sache betrachten. Denn in des großen Lama Reich gibt es wohl noch gar sehr viele Wohnungen! Aber wohin wir auch zögen, wirst du stets so wie jetzt unter uns sein!
   13] Denn siehe, wir lieben dich nun ja auch sehr, als wärest du das einzige Wesen in der ganzen Unendlichkeit, das mit allem Rechte auf unsere vollste Liebe den entschiedensten Anspruch machen kann. Da wir - und verstehst du, holdeste Chanchah, ganz besonders Ich! - dich so sehr lieben, wie möglich könnten wir dich dann von uns lassen? Du bist nun Mein Liebchen für ewig; das sei dir sicherer und gewisser denn dein eigen Leben!«
   14] Spricht Chanchah: »O Lama, Lama, wie heilig gut mußt Du sein, da Deine Diener schon so unendlich gut und lieb sind! Aber, ach, du lieber Freund, weißt du, wenn ich dich so recht betrachte, so - ach, es will doch nicht heraus! - ja, ach, so kommt es mir vor, als wenn der Lama unmöglich besser sein könnte, als du es bist! Es wird das vielleicht der einzige Fehler sein, den die Liebe hat, daß sie das, was sie einmal über alles liebt, auch für das Beste und Vollkommenste hält. So halte ich auch dich wenigstens für so gut wie den großen Lama Selbst! Lama wird der armen Chanchah wohl vergeben, wenn sie solches denkt und fühlt?! Denn ich kann ja nichts dafür, daß ich dich so unbegrenzt lieben muß!«
   15] Rede Ich: »O Chanchah, Lama hat dir schon längst alles vergeben, des sei völlig gewiß. Denn Lama liebt ja auch Seine Diener so unbegrenzt, daß es Ihm wohl Selbst die größte Freude und Seligkeit macht, wenn sich Seine Kinder, die Seine eigentlichen Diener sind, untereinander ganz ohne Maß und Ziel lieben. Daher fürchte dich ja nicht, als könntest du dich mit deiner Liebe zu Mir beim Lama versündigen. Dafür stehe ich dir mit allen Schätzen der Himmel gut!«


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